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# taz.de -- Internationaler Tag der Menstruation: Das Blut der Unterdrückung
> Weltweit ist die Monatsblutung ein Tabu. Zum Aktionstag sprechen fünf
> Frauen, die sich wehren.
Bild: Für viele ein unerreichbares Luxusgut: Hygienebinden
Hat eine Frau Blutfluss und ist solches Blut an ihrem Körper, soll sie
sieben Tage lang in der Unreinheit ihrer Regel verbleiben. Wer sie berührt,
ist unrein bis zum Abend. Alles, worauf sie sich in diesem Zustand legt,
ist unrein; alles, worauf sie sich setzt, ist unrein.“ So steht es in der
Bibel, Levitikus 15, Vers 19.
Der unreine Blutfluss, um den es geht, ist die weibliche Menstruation. Im
Judentum war die menstruierende Frau lange von allen rituellen Handlungen
ausgeschlossen, im Christentum galt die Menstruation Mönchen als Strafe für
Evas Sündenfall. Ausgenommen davon war nur die Mutter Gottes: Die nämlich,
so Theologen, habe unbefleckt empfangen und ohnehin nie menstruiert.
Mit den magischen Kräften und Unreinheiten der Menstruation beschäftigten
sich jahrtausendelang vor allem Männer. Aristoteles sah in ihr einen Beweis
für die weibliche Minderwertigkeit: Frauen seien nicht wie Männer imstande,
Blut in Sperma zu verwandeln und müssten es deshalb monatlich ausscheiden.
Plinius der Ältere beschrieb, dass in der Nähe menstruierender Frauen der
Wein verderbe, Bienen stürben und Saatgut unfruchtbar würde. Und Paracelsus
stilisierte die Blutung gar zur Bedrohung der Menschheit: „Es gibt kein
Gift in der Welt, das schädlicher ist als das menstruum.“
Um Gift ging es überhaupt lange: 1520 beschrieb Paracelsus die Existenz des
„Menotoxin“. Die Auffassung, dieses finde sich in Blut und Schweiß
menstruierender Frauen und lasse etwa Blumen welken, wurde noch bis weit
ins 20. Jahrhundert diskutiert.
Um die Bedürfnisse von Frauen allerdings geht es noch nicht allzu lange.
Zwar kennen schon nahezu alle alten Kulturen Hilfsmittel, um das Blut
aufzusaugen, darunter Binden aus Bast, Gras oder Leinen. In Deutschland kam
1894 die erste kommerzielle Wegwerfbinde auf den Markt, 1947 wurde der
erste Tampon für den hiesigen Markt patentiert: der o.b. („ohne Binde“).
Doch [1][etwa in der Werbung] war die Flüssigkeit, die die Saugfähigkeit
von Tampons und Binden beweisen soll, lange unverfänglich blau. „Sauber und
diskret“ sollte die Menstruation vor allem sein.
Global ranken sich noch immer [2][viele Mythen] um sie. Zwar feiern einige
Kulturen das erstmalige Auftreten der Menstruation, die [3][sogenannte
Menarche], als Fest, das auch mit einem positiven Zugang zum weiblichen
Körper zu tun haben kann. Weit häufiger jedoch haben Frauen damit zu tun,
zu informieren und das Stigma abzubauen, das für potentiell die Hälfte der
Menschheit mit ihrer Blutung verknüpft ist.
Zum Teil wird das Problem dadurch verstärkt, dass es keine geeigneten
Produkte gibt, um die Blutung aufzufangen, oder diese nicht bezahlbar sind,
weshalb Mädchen und Frauen auch weiterhin nicht zur Schule gehen oder an
anderen Bereichen des sozialen Lebens teilnehmen können. Auch der Zugang zu
ausreichend sauberem Wasser, etwa in schulischen Einrichtungen, ist längst
nicht überall gewährleistet. Und schließlich haben viele Familien im
vergangenen Jahr ihr Einkommen durch die Pandemie verloren, so dass sie
sich Hygieneprodukte kaum noch leisten können.
Zum [4][Weltmenstruationstag], der 2014 von Frauenrechtsinitiativen ins
Leben gerufen wurde, warnt die Hilfsorganisation Care davor, dass die Zahl
der aktuell etwa 500 Millionen Mädchen und Frauen, die während ihrer
Menstruation ohne Hygieneprodukte auskommen müssen, weiter zu steigen
droht. In Äthiopien, Uganda, Niger und Kenia etwa seien bis zu 70 Prozent
der Frauen und Mädchen gezwungen, [5][ohne ausreichend sauberes Wasser],
Hygieneprodukte oder medizinische Versorgung zurechtzukommen.
Care fordert die internationale Gemeinschaft auf, Menstruationshygiene in
alle humanitären Hilfspläne aufzunehmen, genügend finanzielle Mittel dafür
bereitzustellen und die politische Teilhabe von Frauen an diesen
Entscheidungen zu gewährleisten.
Doch nicht nur Hilfsorganisationen machen auf diese Probleme aufmerksam.
Diese fünf Frauen haben ihren täglichen Kampf dem Thema gewidmet.
Unerschrocken gegen die „Arschbacken“ in Uganda
Ausgerechnet die Debatte um die Monatsblutung brachte Stella Nyanzi,
Ugandas führende Feministin, ins Gefängnis. Es war kurz nach den Wahlen
2016. Präsident Yoweri Museveni hatte im Wahlkampf [6][kostenlose Binden an
Schulen] versprochen und damit bei Frauen viele Stimmen geholt. Denn ein
Großteil der Mädchen in Uganda bleibt während ihrer Monatsperiode
regelmäßig der Schule fern. Viele Familien können sich die Binden nicht
leisten, und in den meisten Schultoiletten gibt es kein fließendes Wasser,
um sich zu waschen. Indem sie auf sich aufpassen, vermasseln sich viele
Mädchen den Abschluss.
Nach der gewonnenen Wahl fiel die kostenlose Binde still und heimlich vom
Tisch. Zwar hatte der Präsident seine Frau Janet zur Bildungsministerin
ernannt und damit Hoffnungen geweckt, dass er sein Wahlkampfversprechen
ernst gemeint haben könnte. Doch als Ministerin musste „Mama Janet“, wie
sie landauf, landab genannt wird, feststellen: Es mangelt an Geld im
Staatshaushalt, um Binden anschaffen zu können.
Dies brachte Stella Nyanzi, promovierte Akademikerin für Genderstudien und
Sexualwissenschaft an Ostafrikas renommiertester Universität Makerere in
Ugandas Hauptstadt Kampala, auf die Palme. „Wir haben jetzt jede Menge
Vaginas im Parlament sitzen, aber sie müssen auch beweisen, dass sie ein
Gehirn haben“, schimpfte sie damals gegenüber der taz. Janet Museveni sei
nur Bildungsministerin geworden, „weil sie mit dem Präsidenten ins Bett
geht.“ Auf Facebook bezeichnete sie das Präsidentenehepaar als „ein Paar
Arschbacken“.
Das wurde ihr zum Verhängnis. Denn für den 76-jährigen Präsidenten, seit
1986 an der Macht, war dies eine klare Majestätsbeleidigung. Von
Unbekannten wurde sie aus ihrem Haus entführt und später wegen
„Cyber-Belästigung“ und Unruhestiftung angeklagt. Sie habe gegen das Gesetz
über Computermissbrauch verstoßen, so die Vorwürfe des Staatsanwalts.
Monatelang [7][saß Nyanzi im Jahr 2017 im Gefängnis], litt dort unter
anderem an Malaria. Aufgrund ihrer schlechten körperlichen Verfassung wurde
sie schließlich auf Kaution freigelassen.
Vier Jahre später verhandelt jetzt Ugandas Verfassungsgericht über den Fall
Stella Nyanzi. Kurz [8][nach den Wahlen im Januar dieses Jahres] war sie
mit ihrer Familie ins Nachbarland Kenia geflohen. Doch seit Mai ist sie
zurück und wirft nun den Verfassungsrichtern vor, das Regime würde ein aus
der Kolonialzeit stammendes Gesetz über Geisteskrankheiten nutzen, um
Oppositionelle wie sie mundtot zu machen. Kampfeslustig sitzt die Mutter
von drei Kindern im Gerichtssaal. Und auch für Präsident Museveni hat sie
eine neue Provokation parat. „Komm nicht in meinem Mund“, heißt ihre
gedruckte Gedichtsammlung, die Mitte Juni erscheinen soll.
Derweil sind Binden in Uganda ein Politikum geblieben. In einer
Crowdfunding-Kampagne über soziale Netzwerke hatte Stella Nyanzi, bevor sie
inhaftiert wurde, umgerechnet fast 2.000 Euro eingesammelt. Das Geld
spendete sie Nichtregierungsorganisationen, die Schülerinnen beibringen,
sich selbst wiederverwendbare Stoffbinden zu nähen. Gereicht hat das nur
für eine Handvoll Schulen. Aber seitdem führen immer mehr Schulen in Uganda
auf Eigeninitiative Nähkurse für Mädchen ein, um Binden herzustellen.
Nyanzis Idee hat sich verselbstständigt.
Simone Schlindwein
In Kolumbien bekommt Schneewittchens Kleid rote Flecken
Carolina Ramírez und ihre Kolleginnen vom [9][Projekt „Princesas
Menstruantes“] haben eine Mission: „Für uns ist das Wichtigste, uns
komplett von der traditionellen Lesart der Menstruation zu lösen, die rein
auf Reproduktion beruht“, sagt Carolina Ramírez. „Wir sind überzeugt, dass
dies die vielfache Unterdrückung von Mädchen und Frauen begünstigt hat.“
Carolina Ramírez (39) ist Psychologin und Menstruationserzieherin. Zwölf
Jahre lang hatte sie im Umland von Medellín in Kolumbien mit Frauen
gearbeitet, von denen viele sexuelle Gewalt erlebt hatten. Immer wieder
ging es um Menstruation – und wie man darüber mit den Töchtern spricht.
In der 9. Klasse, wenn in Kolumbiens Schulen Sexualkunde auf dem Lehrplan
steht, wird Menstruation im besten Fall unter Fortpflanzungsaspekten
behandelt. „Menstruieren ist aber nicht nur dazu da, um schwanger zu
werden“, sagt Ramírez. „Die Hormone sind gut für das Wohlbefinden der Fra…
die Menstruation reinigt die Gebärmutter von Krankheitserregern.“
So entstand die Idee, das Thema Menstruation liebevoller und lustiger für
Mädchen aufzubereiten – und im Jahr 2016 das Buch „El vestido de
Blancanieves se ha teñido de rojo“ (Das Kleid von Schneewittchen hat sich
rot gefärbt). Darin merkt Schneewittchen durch eine Blumenpracht, die
plötzlich in ihr wächst und als roter Honig aus ihr heraus läuft, was für
sie wichtig ist im Leben. Ein Prinz kommt nicht vor.
Das Buch gilt als erstes Kinderbuch in Lateinamerika zum Thema überhaupt.
Seitdem hat Carolina Ramírez vier weitere Menstruationsmärchen geschrieben.
Sie will mit alten Denkmustern aufräumen, welche die Menstruation nutzen,
um Frauen von Orten oder Ämtern fernzuhalten.
Ihr Team hat in den Randgebieten von Medellín Mädchen befragt. Dabei
stellte sich heraus: Der häufigste Grund, weshalb sie in der Schule fehlen,
waren nicht fehlende Hygieneprodukte – sondern die Angst vor Flecken. „Und
diese Angst lässt sich nur mit Bildung nehmen“, sagt Carolina Ramírez. Eine
weitere Erkenntnis: „Die Schule ist kein sicherer Ort zum Menstruieren. Es
gibt keine Fürsorge, keine Begleitung, keine Binden, oft nicht einmal
Wasser, Klopapier oder Türen, die richtig schließen.“ Viel zu oft lassen
Lehrer*innen die Mädchen nicht auf die Toilette gehen und sagen:
„Kontrolliere deinen Körper.“
Das 2015 gegründete Projekt „Princesas Menstruantes“ bietet
Lehrmaterialien, Workshops für Mädchen und Erwachsene sowie eine
Weiterbildung zur Menstruationserzieherin. Die „Escuela de Niñas poderosas“
(Schule der mächtigen Mädchen) soll Mädchen im Alter von acht bis zwölf
Jahren helfen, ihre Pubertät zu einer positiven Erfahrung zu machen und
ihre Autonomie fördern. Das reicht von Menstruations- und Sexualkunde über
Selbstfürsorge bis hin zu weiblichen Vorbildern und einer politischen
Geschichte der Frauen. „Wir reden darüber, wie sie sich um sich selbst
kümmern und ein Unterstützungsnetz aufbauen und eine Vertrauensperson
finden, mit der sie reden können, wenn ihnen etwas passiert“, sagt Ramírez.
Bis 2020 haben Carolina Ramírez und ihre Kolleginnen mehr als 12.000
Mädchen, Jugendliche und Frauen in Lateinamerika geschult.
„Menstruationsbildung darf kein Privileg sein“, sagt Carolina Ramírez. „…
Mädchen, die völlig vom Staat alleingelassen leben, brauchen uns am
dringendsten. Wenn uns eine Schule anruft und sagt: Wir haben da 50
Mädchen, aber kein Geld – dann versuchen wir, es irgendwie aufzutreiben,
und nehmen uns drei Tage frei.“
Katharina Wojczenko, Bogotá
Für sichere Gesprächsräume im Libanon
Line Tabet Masri ist 35 Jahre und hat zwei kleine Töchter. Doch erst als
sie mit 30 ihre Tochter bekam und sich ihre Menstruation dadurch verändert
hat, hat sie angefangen, mit Freundinnen darüber zu sprechen. Nun sitzt sie
in ihrer großzügigen Wohnung in Beirut im 16. Stock mit Blick auf die Berge
und spricht passioniert über die Periode. „Die Würde einer Frau darf nicht
abhängig sein vom Einkommen oder ihrer Herkunft“, sagt sie bestimmt.
Der Schein des großen Wohnzimmers trügt. Masri hat ihre Ersparnisse
verloren, weil [10][Libanons Währung aufgrund der Finanzkrise] 80 Prozent
ihres Wertes verloren hat. Zehn von den günstigsten Binden kosten heute
umgerechnet 4 Euro, eine kleine Packung Tampons fast 25 Euro.
Mit dem Währungsverfall begann Masri, Hilfspakete zu packen. „Dabei ist mir
aufgefallen, dass wir Zahnpasta oder Desinfektionsmittel spenden, aber
keine Binden.“ Eine sehr männliche Sicht. Deshalb initiierte die 35-Jährige
gemeinsam mit ihrer Freundin Rana Haddad im Mai 2020 das Projekt „Dawrati“
(„Meine Periode“). Sie arbeitet mit einem Bindenhersteller zusammen, hat
Spendenboxen in Apotheken aufgestellt und nimmt auch Einzelspenden an der
Haustür an. Alles ehrenamtlich.
Durch diese Arbeit hat sie gemerkt, wie privilegiert ihr Umgang mit der
Menstruation bisher war. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter mit ihr in den
Supermarkt ging und sie sich verschiedene Binden aussuchte. „Dass ich
verschiedene Modelle kaufen und ausprobieren konnte – das ist ein
Privileg.“
In der Schule hatten sie bereits über das reproduktive System gesprochen.
Doch in konservativen Haushalten und bei der älteren Generation sei
Menstruation ein Tabuthema. „Der Verkäufer in kleineren Läden packt dir die
Binden in eine schwarze Tüte, damit niemand sieht, was darin ist.“
Entsprechend schwer sei das Gespräch. Selbstgenähte Binden funktionieren
nicht, wenn sie zum Trocknen auf eine Leine gehängt werden müssen und die
Nachbarschaft sie sieht. Und: „Ich kann nicht einfach Freiwillige schicken,
die dann mit Frauen über ihre Periode sprechen. Für so etwas braucht es
einen Safe Space, Freund*innen und Komfort.“ Dafür hätten die Frauen im
Libanon gerade keinen Kopf. Sie kämpfen mit Kinderbetreuung, Haushalt, Job
und der Frage, wie sie im nächsten Monat das Essen bezahlen sollen.
Auf lange Sicht möchte Masri mit „Dawrati“ Gespräche für Frauen
organisieren, damit sie in geschütztem Raum miteinander sprechen können.
Sie plant auch, [11][Periodenunterwäsche] im Libanon zu produzieren. Doch
das Material muss importiert werden und ist teuer. „Es gab einen Aufruhr,
als die Regierung beschloss, Rasierer zu subventionieren, aber nicht
Periodenartikel. Sie sagten daraufhin, sie würden das Material für die
Herstellung absorbierender Unterwäsche subventionieren – aber bis heute
haben sie mir nicht geantwortet.“
Eines hat Tabet schon geschafft: Sie hat bei vielen Männern das Tabu um die
Monatsblutung gebrochen. „Manche Männer rufen mich an, wenn sie im
Supermarkt stehen und fragen, welche Marke oder Bindenform sie kaufen
sollen.“ Ab und an helfen auch ihre beiden Töchter, Menstruations-Kits zu
packen. „Sie wissen noch nicht, was die Periode ist, aber sie sollen
lernen, dass Frauengesundheit nicht nur die körperliche, sondern auch die
mentale Gesundheit betrifft.“
Julia Neumann, Beirut
Mit der „Menstrupedia“ gegen Unkenntnis in Indien
Es war harte Arbeit, aber für Aditi Gupta und ihren Mann Tuhin Paul hat es
sich gelohnt. Vor neun Jahren entwickelten sie mit Crowdfunding den
[12][indischen Aufklärungscomic Menstrupedia], der mit Halbwissen um
Menstruation aufräumt.
Als junges Mädchen hatte Gupta Mythen über die monatliche Blutung gehört
und unter dem Stigma gelitten, in dieser Zeit unrein zu sein. Sie nutzte
Stoffreste, da sie sich aus Scham nicht traute, Binden zu kaufen.
[13][Besuche in Hindu-Tempeln waren während der Menstruation] nicht
erlaubt. Bis heute sieht man Schilder mit Warnhinweisen, die Frauen einmal
im Monat den Eintritt verbieten.
„Das beeinträchtigte mein Selbstbewusstsein und meine Ausbildung“, sagt
Gupta. Erst viele Jahre später wurde ihr klar, dass sie, wie Millionen von
Mädchen, die jährlich in Indien in die Pubertät kommen, eine Tortur ohne
Grund durchmachte: „Weil Menstruation ein Tabu ist, [14][fehlen Toiletten].
Über Regelschmerzen sprechen wir gar nicht. Das Leiden wird als weibliche
Tugend gesehen“, so die 36-jährige Mutter.
In Guptas Wahlheimat Gujarat dürfen Frauen während der Menstruation
teilweise nicht kochen. „Ursprünglich sollte das den Frauen eine Pause von
der Hausarbeit verschaffen. Es hat jedoch dazu geführt, dass Frauen als
'unrein’ dargestellt werden“, sagt sie.
Ihre Zielgruppe sind nicht nur die Mädchen ab neun Jahren, die sie mit
sensibler Sprache und Zeichnungen über Körperbewusstsein und
Menstruationsgesundheit aufklärt. „Das kollektive Wissen über die
Menstruation muss sich ändern“, sagt sie. In der Vorbereitung für ihren
Comic war Gupta bei vielen Familien, um über Menstruation zu sprechen. Sie
wurde damals 'schamlos’ genannt. Widerstand erfuhr sie in der städtischen
Mittelschicht mehr als in Dörfern.
Heute sieht Gupta große Veränderungen. In Filmen, Social Media und Comedy
ist die Monatsblutung kein Tabu mehr. Doch ihr begegnet immer wieder
verblüffender Aberglaube: Frauen dürften während ihrer Tage nicht mit
geöffnetem Haaren im Dunklen vor die Türe treten, auch Corona-Impfungen
während der Monatsblutung seien nicht gut. Meist zielen solche
Falschinformationen darauf ab, Frauen in ihrer Freiheit einzuschränken,
sagt Gupta.
Die erste Auflage des 88-seitigen Hefts erschien auf Englisch, bald folgten
Indiens einheimische Sprachen Hindi, Bengali, Telugu und mittlerweile knapp
20 weitere Sprachen, zuletzt Simbabwes wichtigste Landessprache Shona. Die
Charaktere passte Zeichner Paul für das afrikanische Publikum an.
Gupta hat mit „Menstrupedia“ bisher über 50.000 Mädchen und Frauen
aufgeklärt. In Indien wurden die Hefte in Kooperation mit Organisationen
wie dem UN-Kinderhilfswerk Unicef an 10.000 Schulen verteilt. Die
Covid-19-Pandemie hat diese Arbeit vor Ort entschleunigt, da Schulen
geschlossen wurden. Gupta, die sich kürzlich von einer Corona-Infektion
erholte, setzt in dieser Zeit auf Workshops mit Pädagogen, Eltern und
Kindern.
Zwei weitere Pläne hat sie in diesem Jahr noch. „Wir haben festgestellt,
dass ältere Mädchen Jüngere aufklären“, sagt Gupta. So arbeitet sie an
einer Smartphone-App für die Großen. Szenen aus dem Comic wurden vertont
und lassen sich [15][auf Youtube als Videos] finden. Und ihr Mann Paul hat
sich mit Jungs auseinandergesetzt, die in die Pubertät kommen. Der nächste
Aufklärungscomic ist also schon druckreif.
Natalie Mayroth, Mumbai
Kenias Frauen und Mädchen offene Gespräche ermöglichen
„Weltweit ist Kenia ein Beispiel dafür, wie man mit Menstruation umgehen
soll in ein Entwicklungsland. Aber es bleibt noch vieles zu wünschen
übrig“, sagt Roisa Kerry bei einer Tasse Dawa, ein kenianisches Getränk aus
heißem Wasser, Honig, Ingwer und Zitrone. Das sei eine leckere Medizin
gegen Corona, sagt die 31-Jährige mit einem Augenzwinkern.
Kerry ist Heilprakterin und setzt sich mit ihrer NGO „Live Healthy
Initiatives“ für vieles ein, was mit Gesundheit zu tun hat. „Menstruation
braucht einen multisektoralen Ansatz. Es geht nicht nur um Zugang zu
Binden. Es geht auch um Hygiene, also [16][Vorhandensein von sauberem
Wasser], privaten und guten Sanitäranlagen und Information.“
Kenia war 2004 eines der ersten Länder der Welt, das die Mehrwertsteuer auf
Binden strich, um sie für die Ärmsten bezahlbarer zu machen. Staatliche
Schulen bekommen von den Behörden Binden, die sie [17][umsonst an
bedürftige Schülerinnen verteilen sollen]. Auch hat die Regierung ein
Regelwerk für wiederverwendbare Binden geschaffen, da es in Kenia diverse,
aber nicht genügend Projekte von NGOs, Kirchen und anderen Organisationen
dafür gibt.
Ein Paket Wegwerfbinden kostet in Kenia immerhin umgerechnet knapp einen
Euro. „Das ist viel Geld für eine Familie, die von einem Euro pro Tag leben
muss“, erklärt Kerry. „In so einer Situation sind Binden weniger wichtig
als Nahrung.“ Und obwohl Schulen kostenlose Binden verteilen, haben
Schülerinnen nicht immer Zugang dazu, weil manche Lehrkräfte sie für ein
Nebeneinkommen verkaufen oder an Familienmitglieder verschenken. Kerry hat
eine Alternative: „Die Lösung ist ein Bindenspender. Die Mädchen bekommen
von den Behörden jeden Monat einen Token, womit sie sich die Binden aus dem
Spender holen können. Diese Behörden müssen dann auch die Automaten
füllen.“
Die Covid-19-Pandemie hat das Dilemma vergrößert. Kenias Schulen waren
beinahe ein Jahr lang geschlossen, was für viele Mädchen ein Jahr ohne
Binden bedeutete.
Kerry bildet Freiwillige aus, die in Schulen und Jugendvereinen
Informationen über Menstruation weitergeben – nicht nur an Mädchen, sondern
auch an Jungen. „Es geht immer besser mit der Erläuterung. Dabei helfen
auch die Sozialen Medien“, meint Kerry und zeigt ihre
Aufklärungsmaterialen.
Wie schnell die Zeiten sich ändern, zeigt Kerrys eigene Erfahrung als
junges Mädchen. „Ich sprach nie mit meiner Mutter über die Periode. Wenn
ich sie bekam, kaufte ich Watte, weil die anderen Mädchen in der Schule das
auch so machten. Meine Schwester, die vier Jahre jünger ist, hörte ich
eines Tages meine Mutter um Geld fragen, um Binden zu kaufen. Ich war
damals entsetzt, dass man über so etwas sprechen konnte.“
Ilona Eveleens, Nairobi
28 May 2021
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[9] https://www.princesasmenstruantes.com/
[10] /Wirtschaftskrise-im-Libanon/!5700059
[11] /Start-up-fuer-Periodenslips/!5605139
[12] https://www.menstrupedia.com/
[13] /Nach-Gerichtsurteil-in-Indien/!5544141
[14] /Zum-internationalen-Welttoilettentag/!5725602
[15] https://www.youtube.com/watch?v=J_lKNPSve-k
[16] /Trinkwassermangel-in-Kenia/!5713749
[17] /Aktion-an-Kenias-oeffentlichen-Schulen/!5425763
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Julia Neumann
Natalie Mayroth
Ilona Eveleens
Katharina Wojczenko
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Patricia Hecht
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