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# taz.de -- Zolldrohung gegen Russland: Der Rubel rollt nicht mehr
> Russlands hochsubventionierter Kriegswirtschaft geht es schlecht,
> besonders wegen sinkender Gas- und Ölexporte. Neue US-Zölle treffen sie
> zusätzlich.
Bild: Badevergnügen in der Nähe von St. Petersburg. Im Hintergrund: Erdöl-Ta…
Für Russland kommt es [1][im Angriffskrieg auf die Ukraine] dieser Tage
besonders dick: Nach Angriffen der Ukraine auf russische Ölraffinerien
stieg der Benzinpreis an Moskauer Tankstellen am Dienstag rasant. Dann war
da vor wenigen Tagen der Tsunami, der nach dem größten Erdbeben bei den
russischen Pazifikinseln Kurilen seit 70 Jahren 120 Tonnen Lachs und
Millionen Jakobsmuscheln aus einer Fischverarbeitungsanlage ins Meer
gespült hatte. Und inzwischen rutschen sogar die besonders vom
Kreml-Kriegsregime verwöhnten Rüstungsbetriebe in die Pleite.
Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow warnt bereits davor, sein Land stehe
„am Rande einer Rezession“. German Gref, Chef der noch immer größten Bank
Osteuropas, der russischen Sber, spricht sogar von einem „perfekten Sturm“,
der sich über der Wirtschaft zwischen Petersburg und Pazifik zusammenbraue.
Das Haushaltsdefizit, dessen Höhe das Finanzministerium bereits im März
ausgeweitet hatte auf umgerechnet 41 Milliarden Euro, hat bereits im ersten
Halbjahr über 90 Prozent dieser Marke erreicht.
Ein Hauptgrund: der deutliche Fall der Öl- und Gasexporte. Sie machen etwa
ein Drittel der russischen Haushaltseinnahmen aus. Russlands
Ölexporteinnahmen schätzt die Kyiv School of Economics auf nur noch 141
Milliarden Dollar im laufenden Jahr nach laut der Internationalen
Energieagentur 192 Milliarden für Rohöl- und Ölproduktausfuhren 2024.
Ob Kremlchef Wladimir Putin überhaupt noch mit Geld in dieser Höhe rechnen
kann, hängt vor allem von US-Präsident Donald Trump ab. Der bisher Putin
freundlich gesinnte Chef im Weißen Haus droht: „Wenn der Ölpreis um weitere
10 Dollar pro Barrel fällt, wird Putin keine andere Wahl haben [als den
Krieg zu stoppen]. Die Wirtschaft befindet sich bereits in einer
schwierigen Lage“, sagte Trump am Dienstag in einem CNBC-Interview. Er will
nach seinen Angaben in den nächsten Tagen Russland mit ernsthaften
Sanktionen treffen, um ein Ende des russischen Überfalls auf die Ukraine zu
erzwingen.
## Russisches Öl und Gas fließt weiter nach Ungarn
Die Drohungen aus Washington seien „nicht hinnehmbar“, moserte Putins
Sprecher Dmitri Peskow nach Trumps Ankündigung, Indien mit noch höheren als
den bisher schon verhängten 25-prozentigen Strafzöllen zu überziehen, die
ab Freitag greifen sollen. Tatsächlich unterschrieb Trump dann am
Mittwochnachmittag ein Dekret, für viele indische Produkte die Einfuhrzölle
auf 50 Prozent zu verdoppeln. Diese Regelung soll in drei Wochen in Kraft
treten.
[2][Indien bezieht mit etwa 1,75 Millionen Barrel täglich etwa 51 Prozent
der russischen Erdölausfuhren.] Auch China und die Türkei kaufen weiter
Treibstoff in großem Stil von Russland – und einige EU-Staaten auch: 209
der 883 Milliarden Dollar, die Russland seit der Vollinvasion in der
Ukraine 2022 durch Ausfuhren erlöste, kamen nach Berechnungen des Centre
for Research on Energy and Clean Air aus EU-Ländern. Russisches Öl und Gas
fließt weiter nach Ungarn und in die Slowakei, andere Länder kaufen
verflüssigtes Erdgas (LNG) oder noch immer Gas aus russischen Pipelines gen
Türkei.
## Exportverbote für Diesel und Benzin
Die jüngsten ukrainischen Drohnenangriffe auf zwei russische Raffinerien
führten derweil dazu, dass am Dienstag die Moskauer Behörden Exportverbote
für Diesel und Benzin verhängten. Das dortige Finanzministerium rechnet
wegen der deutlich geringeren Einnahmen aus Öl- und Gas-Verkäufen mit einer
Verdreifachung des Haushaltsdefizits und einem Abschmelzen des einst mit
Gold und chinesischen Yuan durch hohe Überschüsse aus der Öl- und
Gasförderung prall gefüllten Nationalen Wohlfahrtsfonds. Fast zwei Drittel
der bei Kriegsbeginn angesparten Milliarden sind inzwischen weg.
Die Ebbe in der Kreml-Kasse macht das bisher erfolgreiche Abmildern
westlicher Sanktionen immer schwerer. Flaute herrscht nicht nur beim
„schwarzen Gold“. Auch andere Sektoren stehen unter Druck und könnten
weitere drastische Verluste bei den Energieausfuhren nicht ausgleichen:
Wegen der erheblichen Ernteausfälle aufgrund zweijähriger Dürre im
Weizen-Hauptanbaugebiet rechnet das Institut für Agrarmarktstudien in
Moskau statt der Rekordernte von 2023 mit etwa 154 Millionen Tonnen
Getreide nur noch mit 130 Millionen Tonnen in diesem Jahr.
Die landwirtschaftlich bedeutsamen Gebiete Russlands erwärmen sich wegen
der Klimakrise sieben Mal so schnell wie der Rest der Welt. Der größte
Weizenexporteur der Welt leidet zudem unter der größten Kartoffel- und
Gemüsekrise seit Jahrzehnten: Die Preise haben sich in den vergangenen
Monaten verdreifacht. Wegen anhaltender Missernten ruft der Agrarverband
Russinnen und Russen auf ihre „Datschas“: Baut Obst und Gemüse besser
selbst an.
Nun kommt zum Problem mit Indien auch noch Ärger mit dem Verbündeten China:
Die russische Normierungsbehörde hat gerade den Import chinesischer LKW
gestoppt und sogar tausende schon in Russland zum Verkauf stehende Laster
aus dem Verkehr gezogen. Offizielle Begründung: Probleme mit den Bremsen
und Verstoß gegen Abgasnormen. Die nationale Normungsorganisation
Rosstandard „hat aber trotz Bedenken wegen der Bremssysteme chinesischer
Marken kein vollständiges Fahrverbot für schon verkaufte Lkws verhängt“,
bemerkt das Warschauer Zentrum für Oststudien.
## Russische Lkw-Hersteller haben Kurzarbeit angeordnet
Der wahre Grund dürfte also darin liegen, dass die russischen
Lkw-Hersteller Kamaz und GAZ gerade Kurzarbeit angeordnet haben – nach
Absatzeinbrüchen von 60 Prozent, trotz der Lieferungen von Lastern an die
Front. Auch der Absatz von in Russland produzierten Pkws ist seit
Jahresbeginn weiter um ein Viertel gesunken, nach einem doppelt so großen
Einbruch schon im Vorjahr. Sechs von zehn in Russland verkaufte Neuwagen
kommen aus China, bei Lkw beträgt dieser Marktanteil 65 Prozent.
Selbst der militärisch-industrielle Sektor zeigt Anzeichen einer
Stagnation. In der Leninstraße 431 in Michail Gorbatschows Heimat Stawropol
klagt der Elektronikfirmenchef Pawel Bondarenko über „staatlich festgelegte
Preise weit unter den Produktionskosten“, die das Verteidigungsministerium
erzwinge. Dadurch seien sein Werk Optron-Stawropol in den Konkurs und die
Mitarbeiter des einzigen russischen Herstellers von Siliziumdioden für
Suchoi-Kampfjets zu Kündigungen gezwungen worden.
Die Rüstungsindustrie hat nicht nur Milliardensubventionen verschlungen.
6,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gibt Russland offiziell für Militär
und Bewaffnung aus, mehr als doppelt so viel, wie Deutschland aktuell
plant. Durch rasante Lohnerhöhungen in den Rüstungsschmieden werden massiv
Arbeitskräfte aus anderen Branchen abgezogen in einem Land, das nur 2,3
Prozent Arbeitslosigkeit hat. Und in dem die vielen Gefallenen, ins Ausland
Geflüchteten und durch das grassierende Coronavirus in den Schützengräbern
Erkrankten das Arbeitskräftepotenzial noch dezimieren.
„Diese Rezession ist kein Fehler – sie ist die logische Folge von Russlands
Militarisierung der Wirtschaft“, meint Elina Ribakova vom Peterson
Institute for International Economics über die aktuelle Wirtschaftslage.
Zentralbankchefin Elvira Nabiullina fordert inzwischen „ein neues
Wachstumsmodell“.
## Putins Kriegskapitalismus
Putins dekretierter Kriegskapitalismus hat zu schweren ökonomischen
Verwerfungen geführt. 4,1 Prozent Wirtschaftswachstum konnten seine
Finanzjongleure um Zentralbankerin Elwira Nabiullina in den beiden Jahren
nach dem Überfall auf das Nachbarland generieren. Das Institute for
International Finance rechnet jetzt nur noch mit 0,8 Prozent.
„Das war nie nachhaltiges Wachstum, sondern Überhitzung, die als Erholung
verkauft wurde“, bilanziert Benjamin Hilgenstock von der Kyiv School of
Ecnomomics die bisherigen Bemühungen. Russland leidet unter einer Inflation
von 9,4 Prozent. Die Zentralbank bekommt sie trotz eines Leitzinses von 18
Prozent kaum in den Griff, würgt aber Investitionen der Wirtschaft
außerhalb des mit staatlich subventionierten Krediten versorgten
Rüstungssektors ab.
Nun komme der Versuch, eine Kriegswirtschaft unter Bedingungen globaler
Isolation und mit zunehmend knapperen Ressourcen zu erhalten, analysiert
die Brüsseler Denkfabrik Bruegel in einer aktuellen Studie zu Russlands
Wirtschaft: „Russland führt nicht nur Krieg – es versucht, ihn mit immer
weniger Spielraum zu finanzieren“, so Co-Autorin Ribakova.
Im Russland Putins, der in 20 seiner 25 Jahre als Staatschef Kriege geführt
hat, können inzwischen die seit dem Überfall auf die Ukraine betriebene
Finanz- und Geldkosmetik eine tiefgreifend nötige Transformation nicht mehr
ersetzen. Nur dadurch entstehe nachhaltiges Wachstum, sagt Hilgenstock. So
wie es derzeit laufe, „bricht Russland nicht zusammen – aber es zermürbt
sich selbst“. Wie lange es weitergehe, sagt der Analyst, „hängt von
Ölpreisen, Sanktionen und Geopolitik ab, die eine Kurskorrektur erzwingen
könnten“ – und damit also stark vom US-Präsidenten Trump.
6 Aug 2025
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## AUTOREN
Mathias Brüggmann
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