| # taz.de -- Leiter der JVA Tegel über den Knast: „Tegel hatte sehr dunkle Ze… | |
| > Im Herbst wird die Männerhaftanstalt in Berlin-Tegel 125 Jahre alt. Ihr | |
| > Leiter Martin Riemer fühlt sich strikt Recht und Gesetz verpflichtet. | |
| Bild: Martin Riemer an seinem Arbeitsplatz: die Justizvollzugsanstalt Berlin-Te… | |
| wochentaz: Herr Riemer, seit 10 Jahren leiten Sie die Männerhaftanstalt | |
| Berlin-Tegel, die rund 700 Insassen hat. Glauben Sie noch an das Gute im | |
| Menschen? | |
| Martin Riemer: Manche werden im Justizvollzug zum Zyniker, aber das würden | |
| sie wahrscheinlich auch anderswo. Um dauerhaft in einem Gefängnis arbeiten | |
| zu können, muss man ein positives Menschenbild haben. Ich glaube, das habe | |
| ich mir bewahrt. | |
| Haben Sie sich in dieser Zeit überhaupt nicht verändert? | |
| Ich bin in der Beurteilung von Menschen zurückhaltender geworden. Ich | |
| versuche mir immer einen zweiten und dritten Eindruck zu verschaffen. Eine | |
| Mischung aus Empathie und Misstrauen kommt da zum Tragen. | |
| Wie nahbar sind Sie für die Gefangenen als Anstaltsleiter? | |
| Die Gefangenen sprechen mich an, diejenigen, die länger da sind, kenne ich | |
| meistens auch. Ich gehe aber nicht hin und begrüße jeden. Dazu gibt es zu | |
| viele und das ist auch nicht meine Rolle. Und ich bin auch nicht so häufig | |
| in der Anstalt unterwegs, wie ich es mir wünschen würde. | |
| Wie definieren Sie Ihre Rolle? | |
| Meine Aufgabe ist, das System zu prägen, durch Regeln, aber auch durch das | |
| persönliche Vorgeben und Vorleben einer bestimmten Haltung. Von wenigen | |
| Ausnahmen abgesehen ist es nicht meine Aufgabe, Einzelfallentscheidungen zu | |
| treffen, bezogen darauf, den Gefangenen etwas zu genehmigen oder zu | |
| verbieten. Ich vertraue vor allem darauf, dass ich starke, gute | |
| Führungskräfte in allen Bereichen habe, die sich zu 100 Prozent | |
| interessieren und einsetzen. | |
| Bestimmte Haltung, was heißt das? | |
| Ganz strikt Recht und Gesetz verpflichtet. Der Behandlung und dem | |
| Resozialisierungsziel verpflichtet. An einem humanen Menschenbild | |
| orientiert auf die Gefangenen zugehend, aber auch die Konfrontation nicht | |
| scheuend. | |
| Haben Sie ein Beispiel? | |
| Wenn wir einem Gefangenen eine Lockerung nicht gewähren wollen, weil wir | |
| sie nicht für vertretbar halten, schöpfen wir den Rechtsweg nötigenfalls | |
| durch alle Instanzen aus. Ich zeige auch fast täglich Strafgefangene an, | |
| wegen Bedrohung von Mitarbeitern, Verleumdung und Sachbeschädigung, das | |
| reicht hin bis zu sexueller Belästigung und Körperverletzung. Wir haben zum | |
| Beispiel kürzlich einen Strafgefangenen angezeigt, der einer Mitarbeiterin | |
| aufs Gesäß gehauen hat. | |
| Sind Sie da strikter als Ihre Vorgänger? | |
| Mein Anspruch ist, dass das hier kein rechtsfreier Raum ist. | |
| Es gibt Leute, die zeichnen von Ihnen das Bild, ein sehr bürokratischer | |
| Mensch zu sein, einer, der Tegel aus dem Elfenbeinturm regiert. | |
| Das ist ein sehr grob geschnittenes Bild. Ich trete gegenüber den | |
| Gefangenen und auch meinen Kolleginnen und Kollegen eher zurückhaltend auf, | |
| das ist richtig. Ich duze hier ausnahmslos niemanden und bin auch kein | |
| Schulterklopfer, keiner, der in den Arm nimmt. Das entspräche auch nicht | |
| meinem Naturell. Ich halte mich aber für kommunikativ und aufgeschlossen. | |
| Ihr persönliches Dienstjubiläum fällt mit dem [1][125. Geburtstag der JVA | |
| Tegel] zusammen. Im Oktober 1898 wurde die Haftanstalt eröffnet. Ist eine | |
| Feier geplant? | |
| Der Geburtstag von Tegel ist kein Anlass zum Feiern. Wir werden einen | |
| Rückblick auf die Geschichte werfen und einen Ausblick auf die Zukunft | |
| geben. Tegel hatte sehr dunkle Zeiten. Schon in der Kaiserzeit sind hier | |
| politisch Unliebsame inhaftiert worden. Auch in der Weimarer Republik | |
| wurden hier Menschen allein für ihre politische Haltung eingesperrt. | |
| Prominentester Gefangener dürfte wohl der spätere Friedensnobelpreisträger | |
| Carl von Ossietzky gewesen sein. Die dunkelste Geschichte hatte Tegel aber | |
| in der nationalsozialistischen Zeit. | |
| Wie wirkte sich das aus? | |
| Im Haus III waren Untersuchungsgefangene des Volksgerichtshofs inhaftiert. | |
| In den 40er Jahren waren hier viele Widerständler des politischen, | |
| kirchlichen, militärischen und auch gewerkschaftlichen Widerstandes | |
| inhaftiert. Viele wurden dann [2][in Plötzensee] oder Brandenburg-Görden | |
| hingerichtet. Zu den bekanntesten Gefangenen des Nazi-Regimes gehörten | |
| Helmuth James von Moltke, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp und Bernhard | |
| Lichtenberg. Wir wissen auch, dass Häftlinge im Anschluss an ihre Strafhaft | |
| in Konzentrationslager deportiert worden sind. | |
| Wo rangiert Tegel unter den deutschen Gefängnissen? | |
| Wenn man die Geschichte zurückverfolgt, war Tegel sehr lange das mit | |
| Abstand größte Gefängnis in Preußen und auch in Deutschland. So lag die | |
| Belegungsfähigkeit 1914 bei 1.628, die tatsächliche Belegung noch höher. | |
| Die höchste Belegung in den letzten Jahrzehnten hatten wir im Juni 2006 mit | |
| fast genau 1.800 Gefangenen. Gefängnisstadt oder Gefängnisfabrik sind | |
| Begriffe, die man noch in den 80ern und 90ern liest. Seit 2013, als die JVA | |
| Heidering in Betrieb ging, hat sich das glücklicherweise geändert. Aktuell | |
| sind wir bei weniger als 700 Gefangenen. Damit spielen wir noch in der | |
| vorderen Tabellenhälfte der ersten Liga mit, aber wir sind nicht mehr | |
| Bayern München. | |
| Einige der 1898 in panoptischer Bauweise errichteten Backsteinhäuser stehen | |
| heute noch. Die Teilanstalt II wird nach wie vor als Zellenhaus genutzt. | |
| Wie muss man sich die Haftbedingungen dort vorstellen? | |
| 2013, als ich Anstaltsleiter geworden bin, gab es für alle der damals 380 | |
| Gefangenen der Teilanstalt II noch eine große Sammeldusche. Wir konnten | |
| dann für jeweils 30 Insassen Stationsduschen einbauen. Seither kann man | |
| dort alleine, ohne Gewalt und Verletzung der Intimsphäre, duschen. | |
| Unverändert ist aber, dass die Teilanstalt II sehr kleine, 7,8 Quadratmeter | |
| große Hafträume hat. Gerade noch so groß, dass sie von der Rechtsprechung | |
| bislang noch für vertretbar erachtet werden. Aber es gibt keine | |
| abgetrennten Sanitärbereiche. Die Gefangenen essen und schlafen mit dem | |
| Kopf neben dem Klo. Dazu kommt: Der Bau erschwert wegen der | |
| Unübersichtlichkeit den Kampf gegen die Subkultur. | |
| Warum wurde an diesen Zuständen nichts geändert? | |
| Weil der vorletzte Justizsenator [3][den bereits fertig geplanten Neubau | |
| gestoppt] hat. Der aktuelle Berliner Senat hat die Neubaupläne | |
| erfreulicherweise wieder aufgegriffen, aber bis 2027 werden die | |
| Inhaftierten und auch das Personal weiter mit den schwierigen Bedingungen | |
| klarkommen müssen. | |
| Können Sie sich vorstellen, auf 7,8 Quadratmetern zu leben und auf Schritt | |
| und Tritt reglementiert zu sein? | |
| Ich habe nur eine abstrakte Vorstellung davon. Wenn die Tür hinter mir | |
| zugeschlossen würde, wüsste ich, dass sie nach einigen Minuten wieder | |
| aufgemacht würde. Die größte Belastung für mich wäre vermutlich der Druck | |
| der Subkultur. | |
| Ein Klima der Angst soll unter den Gefangenen in manchen Haftbereichen | |
| existieren. Was tun Sie dagegen? | |
| Offizialdelikte, Körperverletzung oder noch schwerwiegendere Straftaten | |
| werden von uns selbstverständlich sofort angezeigt, wenn wir davon hören. | |
| Wenn ich mal eine Szene schildern darf: Zwei Gefangene und ein | |
| Justizbediensteter sitzen in einem Büroraum im Gespräch. Ein Mitgefangener | |
| reißt die Tür auf, stürmt wortlos rein und schlägt einem der am Tisch | |
| sitzenden Gefangenen mit voller Wucht in den Nacken. Das ist kein Fall für | |
| eine rein pädagogische Aufarbeitung, wie Sie sich vorstellen können. | |
| Gibt es unter den Tegeler Gefangenen eine Hierarchie? | |
| Na klar. | |
| Wer führt die an? | |
| Die, die in kriminellen Milieus draußen auch ganz oben wären. Die, die Geld | |
| haben, Macht und Einfluss, und die auch ein bisschen pfiffiger sind als die | |
| anderen und weniger Skrupel haben. | |
| Weshalb sitzen die bei Ihnen ein? | |
| Gewaltdelikte und alles, was Geld bringt, ohne arbeiten zu müssen. Das sind | |
| die, die in der organisierten Kriminalität unterwegs und auch mit Muskeln | |
| bepackt sind. Das heißt, die, die auch draußen entsprechend martialisch | |
| auftreten, Leute einschüchtern. | |
| Wie viele dieser Männer haben Sie in Tegel? | |
| Die zähle ich nicht. Das ist eine nicht allzu große, aber sehr relevante | |
| Gruppe. Wir versuchen die Mitgefangenen, die unter Druck gesetzt werden, | |
| damit sie Gefälligkeiten verrichten, zu schützen. Aber das Personal kann | |
| nicht überall sein. Subkultur funktioniert häufig sehr subtil, und der | |
| Einfluss krimineller Milieus reicht weit über die Mauern der Anstalt | |
| hinaus. Ein Gefangener, der ständig Angst hat, von Mitgefangenen | |
| misshandelt zu werden, ist für uns nicht so leicht erreichbar. | |
| Gibt es stabilisierende Faktoren? | |
| Tegel ist geprägt als Langstrafergefängnis. Es gibt sehr hafterfahrene | |
| Männer, die teilweise auch andere Gefängnisse kennen. Ihr Anspruch ist, | |
| hier nicht jeden Tag Probleme zu haben, nicht ständig im Alarmfall | |
| Einschränkungen zu erleiden. Die wollen ihren Knast, wie man so schön sagt, | |
| in Ruhe abmachen. Die versuchen an der einen oder anderen Stelle auch zu | |
| stabilisieren. Etwa, wenn es Mitgefangenen nicht gut geht, sie | |
| gesundheitliche Probleme haben oder jemand vielleicht Suizidgedanken | |
| äußert. Dann kommen die auch zum Personal und sagen: „Gehen Sie da doch mal | |
| gucken“. | |
| Trotzdem haben sich in Tegel in diesem Jahr bereits vier Insassen das Leben | |
| genommen. Was geht Ihnen da durch den Kopf? | |
| Dass es uns nicht gelungen ist zu erkennen, in was für einer seelischen | |
| Notlage sich diese Männer befunden haben. Für alle, Gefangene wie Personal, | |
| ist ein Suizid ein schreckliches Ereignis. Jeder Fall, auch der Versuch, | |
| wird intensiv nachbereitet. | |
| Haben die Strafanzeigen wegen Gewalt in der Anstalt zugenommen? | |
| Das Austesten bis an die Grenze der Beleidigung und Bedrohung hat nach | |
| meiner Wahrnehmung zugenommen. Aber Gewalt gegen Personal hat im | |
| langjährigen Vergleich abgenommen. | |
| Dass Gewalttaten abnehmen, ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. | |
| Die gefühlte Sicherheit der Bevölkerung stimmt mit der | |
| Kriminalitätsstatistik nicht immer überein. In Berlin haben wir rund 2.000 | |
| Gefangene weniger als noch vor 15 Jahren. Obwohl wir mehr Einwohner haben | |
| und auch bestimmt nicht weniger soziale Not. In der Pandemie haben sich | |
| bestimmte Kriminalitätsphänomene verschoben. Das merkt man im Justizvollzug | |
| und erst recht in Tegel. Bei uns ist die Auslese der Auslese der Auslese | |
| inhaftiert. | |
| Gefängnisse zu reformieren ist schwierig. Woran liegt das? | |
| Die Verbesserung von Haftbedingungen ist nichts, wofür Politik, wenn sie | |
| sich der Wiederwahl stellt, breiten Applaus bekommt. Es gibt positive | |
| Veränderungen, aber Neuerungen brauchen Zeit. Das heute existierende System | |
| Strafvollzug ist das Ergebnis von langen Entwicklungen. Diese kann man gut | |
| über die 125 Jahre der Geschichte Tegels beobachten. Und sehr häufig ist | |
| der Anstoß zu Veränderungen nicht von der Politik ausgegangen, sondern | |
| unter dem Druck von Rechtsprechung. | |
| Das hätten wir gern genauer erklärt. | |
| Wir hätten 1977 kein Strafvollzugsgesetz bekommen. Das hat das | |
| Bundesverfassungsgericht gefordert. Die [4][Reform der | |
| Sicherungsverwahrung] geht auf eine Entscheidung des Europäischen | |
| Gerichtshof für Menschenrechte aus 2009 und des Bundesverfassungsgericht | |
| aus 2011 zurück. Immer dann, wenn die Politik von den Gerichten die Pistole | |
| auf die Brust gesetzt bekommen hat, hat sich etwas bewegt. Im Sinne von: | |
| „Das dürft ihr nicht mehr. Ihr habt eine Übergangsfrist von zwei, drei | |
| Jahren, das zu ändern.“ Auch jüngst, in der Frage der Entlohnung der | |
| Gefangenen, ist das so. | |
| Keine 2 Euro beträgt der durchschnittliche Stundenlohn eines Gefangenen. | |
| Ein Verstoß gegen das Resozialisierungsgebot, [5][hat das | |
| Bundesverfassungsgericht nun befunden]. Zwei Gefangene aus Bayern und | |
| Nordrhein-Westfalen [6][hatten Verfassungsbeschwerde erhoben]. | |
| Der Druck der Rechtsprechung hilft. Das war immer so. Dann sind | |
| Justizpolitiker in der Lage, Geld einzuspielen und das Parlament und die | |
| Öffentlichkeit zu überzeugen. | |
| Was halten Sie von der Meinung, Gefängnisse gehörten abgeschafft, weil die | |
| Insassen kaputter rauskommen, als sie reingekommen sind? | |
| Wenn ich ein Abolitionist wäre, könnte ich kein Gefängnis leiten. Es gibt | |
| viele Dinge, die man anders und besser machen könnte. Ich glaube, dass eine | |
| Gesellschaft Strafe, insbesondere Freiheitsstrafe, immer nur als Ultima | |
| Ratio einsetzen sollte. Aber ich habe hier in Tegel auch Männer, bei denen | |
| ich sicher bin, dass es richtig ist, die Gesellschaft vor ihnen zu | |
| schützen. Und genau zu prüfen, ob sie sich während ihrer Strafe oder | |
| Sicherungsverwahrung so entwickelt haben, dass man eine Entlassung | |
| verantworten kann. | |
| Wie groß ist der Anteil, bei denen Sie das für ausgeschlossen halten? | |
| Es gibt eine kleine Gruppe von Gefangenen, die trotz aller Versuche nicht | |
| erreichbar sind und die wirklich eine große Gefahr für die Gesellschaft | |
| darstellen. Männer, die schwerste Taten begangen haben. Die Meinung von | |
| Vollzugsexperten ist da einhellig, egal ob man mit sehr fortschrittlichen | |
| oder sehr konservativen Menschen spricht. | |
| Wie nah lassen Sie solche Taten an sich heran? | |
| Es gibt Dinge in den Akten, bei denen jeder empathische Mensch Abscheu | |
| empfindet, es einen schüttelt. Ich habe das Privileg, derartiges nur lesen | |
| zu müssen. Im Unterschied zu den Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die | |
| in Tegel seit vielen Jahren täglich Gewalt- oder Sexualstraftäter in der | |
| Einzeltherapie haben. | |
| Gesetzt den Fall, Sie könnten in Ihrer Haftanstalt etwas Grundlegendes | |
| verändern, was wäre das? | |
| Um die Verhältnisse stärker dem Leben draußen anzupassen, könnte ich mir | |
| vorstellen, dass sich die Gefangenen selbst mit Lebensmitteln versorgen und | |
| auch selbst kochen. Dass sie nur noch in Ausnahmefällen von uns versorgt | |
| werden. In der Sicherungsverwahrung praktizieren wir das schon seit vielen | |
| Jahren. Die Gefangenen haben ein Budget zur Verfügung, davon können sie | |
| einkaufen. | |
| Was ist das Problem? | |
| Man müsste eine Kücheninfrastruktur schaffen. In einigen Bereichen ginge | |
| das, aber da merke ich eine gewisse Zögerlichkeit bei denen, die darüber zu | |
| entscheiden haben, welche Baumaßnahmen realisiert werden. | |
| War es immer Ihr Ziel, Gefängnisdirektor zu werden? | |
| Dass ich hier gelandet bin, war reiner Zufall. Genauso, dass ich Jurist | |
| geworden bin. Ich habe da keine familiäre Vorprägung. Ich stamme aus einer | |
| Familie von Lehrern, Beamten, sozusagen guten Staatsdienern. Auch Pfarrer | |
| gab es im familiären Umfeld, also protestantisches Milieu. | |
| Haben Sie als junger Mensch auch mal über die Stränge geschlagen? | |
| Natürlich. | |
| Und auch mal straffällig geworden? | |
| Nein. Seit Beginn der Strafmündigkeit mit 14 ist es mir immer gelungen, | |
| mich soweit zu steuern, dass es nicht zum Äußersten gekommen ist. | |
| Sind Sie denn schon mal selbst Opfer einer Straftat geworden? | |
| Das schon, aber nie Opfer einer relevanten Gewalttat. Meine | |
| Kreditkartendaten sind mal gehackt worden. Meine Bank hat mich auf | |
| merkwürdige Abbuchungen aus Malta aufmerksam gemacht, obwohl ich nicht in | |
| Malta war. Mein Autoradio ist mal geklaut worden. | |
| In Ihrer Amtszeit gab es einen Ausbruch. 2018 war der und erinnerte [7][an | |
| den Thriller „Flucht von Alcatraz“]. Ein Gefangener hatte eine Puppe | |
| gebastelt und in sein Bett gelegt. Er selbst versteckte sich unter einem | |
| Lebensmitteltransporter und gelangte so ins Freie. Ginge das heute auch | |
| noch? | |
| Wir haben das damals sehr gründlich aufgearbeitet. Eine Puppe aus | |
| Kleidungsstücken kann man natürlich immer noch bauen, aber die Variante, | |
| unter dem LKW rauszufahren, halten wir für ausgeschlossen. | |
| Was macht Sie so sicher? | |
| Wir haben zwei Tore. Jedes Fahrzeug, das die Anstalt verlässt, wird dort an | |
| einen Herzschlagdetektor angeschlossen. Selbst wenn da nur eine Maus drin | |
| ist, die einen Herzschlag hat – der Detektor schlägt aus. | |
| Das heißt, Sie schlafen ruhig? | |
| Ich schlafe auch sonst ruhig. | |
| Auch keine Albträume, ob der Last der Verantwortung? | |
| In einer Institution, die auf Zwang ausgelegt ist, in der so viele | |
| Straftäter wegen nicht geringer Delikte inhaftiert sind, kann immer etwas | |
| passieren. Da ist der Drang nach Freiheit, die fehlende Regelorientierung. | |
| Es kann aber auch sein, dass jemand einfach Feuer legt in seiner | |
| psychischen Verfasstheit. Aber man muss auch abschalten können. Im | |
| Gefängnis zu arbeiten ist nichts für ängstliche Menschen. Und ein Gefängnis | |
| zu leiten noch weniger. | |
| 18 Sep 2023 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Die-JVA-Tegel-wird-125-Jahre-alt/!5919414 | |
| [2] /Hinrichtung-wegen-Mordes-in-Berlin/!5923691 | |
| [3] /Justizvollzugsanstalt-Tegel/!5631879 | |
| [4] /Sicherungsverwahrung/!5956413 | |
| [5] /Urteil-zu-Gefangenenverguetung/!5938951 | |
| [6] /Urteil-zu-Gefangenenverguetung/!5938770 | |
| [7] /Berliner-Strafvollzug/!5481294 | |
| ## AUTOREN | |
| Plutonia Plarre | |
| ## TAGS | |
| Schwerpunkt Stadtland | |
| wochentaz | |
| Lesestück Interview | |
| JVA | |
| Strafvollzug | |
| Berlin-Tegel | |
| Knast | |
| GNS | |
| Therapie | |
| Strafvollzug | |
| Gefängnis | |
| Berlin-Tegel | |
| Justiz | |
| Gefängnis | |
| wochentaz | |
| Strafvollzug | |
| Schwerpunkt Stadtland | |
| Häftlinge | |
| Geschichte Berlins | |
| wochentaz | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Ausstellung JVA Tegel: Farben, die mit Schatten tanzen | |
| Ein Projekt mit Strafgefangenen aus dem offenen Vollzug der JVA Tegel | |
| stellt im Kunstquartier Bethanien aus. Die Teilnehmenden verwandeln | |
| Biografien voller Traumata und Träume in Kunst | |
| Jurist über Strafvollzug in Berlin: „Das Ganze nannte sich Wohnklo“ | |
| Die JVA Tegel bekommt eine neue Teilanstalt. Der Vorsitzende des Berliner | |
| Vollzugsbeirats, Olaf Heischel, hatte für die Schließung des | |
| Vorgängerhauses gesorgt. | |
| Offener Vollzug für Sicherungsverwahrte: Nicht drinnen, nicht draußen | |
| Seit drei Jahren gibt es in Tegel das in Deutschland einmalige Projekt. | |
| Doch bislang sind nur wenige Männer dort untergebracht, die Hürden sind | |
| hoch. | |
| Probleme in Berliner Haftanstalt: Zu wenig Platz im Knast | |
| In der JVA Tegel wurden Legionellen-Keime im Wasser entdeckt. Das Problem | |
| verweist auf strukturelle Missstände: Überbelegung und Sanierungsstau. | |
| Unabhängige Gefangenenzeitung: Elegant und bissig | |
| Der „Lichtblick“ ist zurück. Spätestens Weihnachten dürften die Gefangen… | |
| das erste Heft der neuen Redaktion erhalten. Digital ist es schon jetzt | |
| abrufbar. | |
| Justizvollzugsanstalten Berlin: Kein Platz im Knast | |
| Die JVA Moabit ist schon lange überbelegt. Grund ist ein unerklärlicher | |
| Zuwachs an Untersuchungshäftlingen. Daran ändert auch die | |
| Weihnachtsamnestie nichts. | |
| Landleben versus Großstadtdasein: „Da wird zu wenig differenziert“ | |
| Lisa Maschke forscht zu den Potenzialen ländlicher Räume für die | |
| sozial-ökologische Transformation. Ein Gespräch über kritische | |
| Landforschung. | |
| 125 Jahre JVA Tegel: Gefangene verdienen Respekt | |
| Veranstaltung anlässlich des 125-jährigen Bestehens der | |
| Justizvollzugsanstalt Tegel mit ausgewählten Gästen. Nicht alle Reden waren | |
| von Relevanz. | |
| Rikschafahrer über das Oktoberfest: „München wird zum Sündenpfuhl“ | |
| Alexander Gutsfeld fährt seit 10 Jahren Rikscha auf dem Oktoberfest. Er | |
| macht darüber einen Podcast. Ein Gespräch übers Saufen und die Geldabzocke. | |
| Theater mit Gefangenen: Ein Stück weit in die Welt kommen | |
| In Berlin macht das Projekt „aufBruch“ mit Häftlingen Theater. Was bedeutet | |
| es den Gefangenen? Was motiviert sie? In der JVA Tegel spielen sie Brechts | |
| „Arturo Ui“. | |
| Die JVA Tegel wird 125 Jahre alt: Wie eine „Stadt in der Stadt“ | |
| Vom Königlichen Strafgefängnis bis zur Justizvollzugsanstalt. In Tegel wird | |
| seit 125 Jahren wechselhafte Gefängnisgeschichte geschrieben. | |
| Knastzeitung aus Berlin-Tegel: taz hinter Gittern | |
| Der „Lichtblick“, Deutschlands einzige unzensierte Gefangenenzeitung, | |
| bekommt eine neue Redaktion. Die taz Panter Stiftung hilft beim Aufbau. |