| # taz.de -- Arbeitssoziologin über Gorillas-Streiks: „Solidarität ist etwas… | |
| > Beim Lieferdienst Gorillas treten Beschäftigte in wilde Streiks. Ein | |
| > Gespräch über die Chancen und Risiken des Arbeitskampfes in der | |
| > Gig-Economy. | |
| Bild: Streik aus Solidarität mit entlassenem Kollegen: Fahrer:innen von Gorill… | |
| taz: Frau Mayer-Ahuja, der Lebensmittellieferant Gorillas wurde im Mai 2020 | |
| gegründet und im März 2021 auf 1 Milliarde Euro bewertet. Wie erklären Sie | |
| sich das? | |
| Nicole Mayer-Ahuja: Wegen der Pandemie wurden viele Beschäftigte ins | |
| Homeoffice geschickt, viele Menschen wollten wegen der Infektionsgefahr | |
| selbst nicht mehr einkaufen. So haben Lieferdienste enorm an Bedeutung | |
| gewonnen. | |
| Gorillas verspricht, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Hat uns | |
| [1][diese Dienstleistung wirklich gefehlt]? | |
| Es gibt eine jahrzehntelange Entwicklung, die das Leben immer kürzer | |
| taktet. Veränderungen der Arbeitswelt haben einen großen Anteil daran. Die | |
| Arbeitsverdichtung ist sehr hoch geworden, bis zu einem Grad, der es | |
| unmöglich macht, sich noch zu erholen, also etwas anderes zu tun. Laut | |
| [2][DGB-Index „Gute Arbeit“] haben 2017 über 40 Prozent der Beschäftigten | |
| angegeben, dass sie abends zu kaputt seien, um sich um Privates zu kümmern. | |
| Wenn die Bedingungen so sind, muss man auch im selben Takt die Reproduktion | |
| sichern. Die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild spricht von einer | |
| zunehmenden Rationalisierung des Privatbereichs. Ich glaube, dass das | |
| Versprechen von Gorillas, in zehn Minuten zu liefern, auch deshalb für | |
| viele attraktiv ist. | |
| Sind diese Lebensmittellieferanten jetzt also auch systemrelevant? | |
| Sie waren in der Diskussion über Systemrelevanz nicht so präsent. Aber die | |
| praktische Erfahrung lehrt, dass Beschäftigte bei Lieferdiensten oder der | |
| Paketzustellung zu denen gehört haben, die den Laden am Laufen gehalten | |
| haben. Noch in der Krise von 2008 hätte man argumentiert, systemrelevant | |
| sei der Kern des Wirtschaftssystems, die Branchen, wo Mehrwert geschaffen | |
| und Profit erzeugt wird. Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass | |
| kapitalistisches Wirtschaften Voraussetzungen hat: die Reproduktion von | |
| Arbeitskraft. | |
| Wie sind die Arbeitsbedingungen bei solchen Lieferdiensten? | |
| Es gibt Lieferdienste, die Arbeitsverträge abschließen, und andere, die mit | |
| Alleinselbstständigen arbeiten. Bei vielen Essenslieferdiensten und | |
| Paketzustellern ist Letzteres gang und gäbe. Hier gibt es keine soziale | |
| Sicherung. Bei Lieferdiensten mit Arbeitsverträgen gibt es oft sehr kurze | |
| Befristungen. Die Beschäftigten von Gorillas kritisieren die sechsmonatige | |
| Probezeit und die auf ein Jahr befristeten Verträge danach. Auch die Löhne | |
| sind nicht besonders hoch, wir bewegen uns da im Mindestlohnbereich. Oft | |
| sind es Minijobs, wodurch man nicht sozialversichert ist, keine | |
| Rentenansprüche erwirbt und auch bei Arbeitslosigkeit nicht abgesichert | |
| ist. Übrigens hat man da auch keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Die | |
| meisten, die hier arbeiten, machen das nicht langfristig. Das liegt auch an | |
| den Arbeitsbedingungen. | |
| Wer arbeitet unter diesen Bedingungen? | |
| Die Lieferdienste gehören zu dem Teil des Arbeitsmarkts, zu dem man relativ | |
| leicht Zugang findet, wenn man keine Qualifikation hat oder diese in | |
| Deutschland nicht anerkannt wird. Das ist zum Beispiel auch bei | |
| Logistikzentren von Amazon so, wo im großen Stile Geflüchtete rekrutiert | |
| werden. Wenn die Arbeit so organisiert ist, dass sie wenig Kooperation und | |
| Kommunikation erfordert und man sie technisch gut überwachen kann, haben | |
| Migrant:innen mit wenig Sprachkenntnissen gute Chancen. Und ich denke, | |
| [3][es ist kein Zufall, dass gerade bei Gorillas] mit einem hohen Anteil | |
| migrantischer Beschäftigter ein wilder Streik ausbricht. Das ist eine alte | |
| Erfahrung in der Bundesrepublik. In den 70er-Jahren sind gerade | |
| migrantische Belegschaften in wilde Streiks getreten. Das lag daran, dass | |
| viele Menschen aus Ländern kamen, wo eine ganz andere Tradition von | |
| Arbeitskampf vorherrschte, weil es zum Beispiel keine Alternative zu | |
| konfrontativeren Formen des Konflikts gab. Solche Arbeitskämpfe können | |
| durchaus gewalttätig werden, wenn es keine institutionellen Wege der | |
| Verständigung gibt oder die Verhandlungswege blockiert sind. | |
| Wie haben Sie den Streik der Gorillas-Beschäftigten wahrgenommen? | |
| Aus Perspektive der klassischen Forschung zu Arbeitskämpfen ist es | |
| erstaunlich, dass sich Beschäftigte hier überhaupt organisieren: Es sind | |
| kurzfristige Jobs, es gibt eine junge und migrantische Belegschaft, kaum | |
| Gewerkschaftsmitglieder, keine Betriebsräte. Und es gibt eine | |
| Start-up-Ideologie, die den Beschäftigten vormacht: flache Hierarchien, | |
| gemeinsames Ziel, wir sind eine Familie. In der Aufbauphase sind Start-ups | |
| klein. Man braucht enormen Einsatz, um diese Phase unter wirtschaftlich | |
| schwierigen Bedingungen zu bewältigen. Das schafft ein bestimmtes Gefühl | |
| von Zusammengehörigkeit. Und dieses Gefühl wird von Unternehmensleitungen | |
| systematisch instrumentalisiert. Hinzu kommt, dass der Arbeitsprozess | |
| extrem vereinzelt: Man fährt alleine auf seinem Rad und wird über eine App | |
| gelotst. | |
| Warum wurde dennoch gestreikt? | |
| Weil die Smartphones mit den Apps auch ein verbindendes Mittel sind. Und | |
| weil die Vereinzelung nicht so weit geht, wie wir denken. Auch bei | |
| Lieferdiensten trifft man sich. Es gibt Punkte, an denen man Lieferungen in | |
| Empfang nimmt. Bei Gorillas spielt das eine große Rolle, weil die mit ihrem | |
| Anspruch der schnellen Lieferung ein relativ enges Netz von Lieferzentren | |
| brauchen und dort viele Beschäftigte gleichzeitig Lebensmittel abholen. | |
| [4][Klassischerweise beginnt die Organisierung], wenn Kolleg:innen | |
| miteinander reden und feststellen: Wir haben ein gemeinsames Problem und | |
| deshalb gemeinsame Interessen. Auch die Ausnahmebedingungen der letzten | |
| Zeit haben Arbeitskämpfe wahrscheinlicher gemacht. | |
| Was sind das für Ausnahmebedingungen? | |
| Die Organisierung bei Gorillas hat in den kalten, von der Pandemie | |
| geprägten Wintertagen angefangen, als Beschäftigte rausgeschickt wurden bei | |
| Schnee und Eis und höherer Unfallgefahr. Da hat sich der Gegensatz | |
| zugespitzt zwischen denen, die zu Hause bleiben, und jenen, die auf der | |
| Straße ihre Knochen hinhalten müssen. | |
| Machen digitale Kommunikation und autonome Selbstorganisierung von | |
| Beschäftigten in der Plattformökonomie Gewerkschaften überflüssig? | |
| Ich glaube, Solidarität ist immer etwas Gelebtes. Arbeitskämpfe sind bei | |
| Gorillas überhaupt nur möglich, weil es den persönlichen Kontakt am | |
| Verteilzentrum gibt. Arbeitskampf hat immer da gut funktioniert, wo | |
| Menschen im Arbeitsprozess zusammengekommen sind und die Erfahrung machen | |
| konnten, dass sie gemeinsame Lebens- und Arbeitsbedingungen haben und sich | |
| daraus gemeinsame Probleme entwickeln. Ich weiß nicht, wie man das per | |
| Mausklick ersetzen soll. Man muss gucken, in welchem Verhältnis offensivere | |
| Aktionen und institutionelle Verhandlungswege zueinander stehen. Klar wird | |
| man deutschen Gewerkschaften teilweise wünschen, dass sie stärker auf | |
| Mobilisierung und Aktivität von unten setzen. Aber die Art von Arbeitskampf | |
| wie bei Gorillas ist auch eine Antwort darauf, dass es dort bisher keine | |
| anderen Strukturen gibt. Mit Blick auf frühere Arbeitskämpfe bei | |
| Lieferdiensten oder im Start-up-Bereich befürchte ich, dass dieser eine | |
| relativ kurzfristige Angelegenheit bleiben könnte. | |
| Wilde Streiks sind wirkungsvoll, aber es fehlt Verstetigung? | |
| Das Netzwerk der Beschäftigten wächst, aber es gibt auch eine hohe | |
| Fluktuationsrate. Kolleg:innen fangen an, sich zu organisieren, ein | |
| halbes Jahr später sind sie weg und arbeiten woanders. Deshalb wäre die | |
| Gründung eines Betriebsrats wichtig, damit es eine Struktur gibt, die den | |
| Konflikt dauerhaft führen kann, die Kontakt zu einer Gewerkschaft hält und | |
| praktische Unterstützung wie Streikgeld sicherstellen kann, was es bei | |
| Gorillas ja nicht gab. Wenn es nicht beim spontanen Aufflammen von | |
| Konflikten bleiben soll, ist eine dauerhafte Interessenvertretung | |
| notwendig. | |
| Und wird sich der Arbeitskampf der Gorillas-Belegschaft verstetigen? | |
| Ich wünsche ihr, dass es gelingt. Die Bedingungen sind günstig, da es ein | |
| stark wachsendes Unternehmen ist, das neue Beschäftigte braucht. Deshalb | |
| sind die Verhandlungsbedingungen ganz gut, um bestimmte Standards zu | |
| etablieren. Aber die Pandemie hat viele Menschen auch in eine Notsituation | |
| gebracht, in der sie jeden Job annehmen müssen. Das gilt besonders für | |
| migrantische Beschäftige, deren Aufenthaltsstatus vom Job abhängt. Solche | |
| Lieferdienste werden deshalb wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, | |
| neue Beschäftigte zu finden, die zu schlechten Bedingungen arbeiten. Das | |
| kann die Organisierung hintertreiben. | |
| 6 Jul 2021 | |
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| ## AUTOREN | |
| Volkan Ağar | |
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