# taz.de -- B.L.O.-Ateliers in Berlin-Lichtenberg: Als würde die Arbeit gleich… | |
> Zwei Jahre bleiben den B.L.O. Ateliers in Lichtenberg, um alle Gebäude zu | |
> sanieren. Ob der Kulturstandort bestehen kann, entscheidet die Deutsche | |
> Bahn. | |
Bild: Unterbrochene Kreativität: Bis Ende der Sanierung dürfen die Künstler:… | |
Auf dem Dach des „Hexenhauses“, wie eines der B.L.O.-Gebäude genannt wird, | |
krähen Raben, durch die offene Tür sind Bohrmaschinen und ein | |
Baustellenradio zu hören. In der Ferne ertönt das Geräusch einer S-Bahn, | |
die gerade ihre Türen schließt. Trotzdem ist es auf dem Gelände in diesen | |
Tagen ruhiger als sonst. Was fehlt, sind die Menschen. | |
[1][B.L.O.] steht für das ehemalige Bahnbetriebswerk | |
Berlin-Lichtenberg-Ost. Bis 1994 waren dort bis zu 300 Mitarbeitende der | |
Deutschen Bahn beschäftigt. Nach Jahren der Verwahrlosung entdeckten | |
Kunstschaffende das Gelände 2004 für sich. Mittlerweile arbeiten in den | |
rund 60 [2][B.L.O. Ateliers und Werkstätten] etwa 100 Menschen. Es gibt | |
eine Polsterwerkstatt, Tonstudios, eine Bogenwerkstatt, | |
Maler:innenateliers, eine Metallwerkstatt, Dunkelkammern und vieles mehr. | |
„Es ist einer der größten bedrohten ursprünglichen Orte der freien | |
Kulturszene“, sagt Christa Fülbier. Sie ist Mitglied des Vorstands des | |
Trägervereins Lockkunst e.V., der das Gelände verwaltet. | |
Immer wieder gab es [3][Probleme mit der Vermieterin, der Deutschen Bahn]. | |
Am 31. Juli 2024 lief der Mietvertrag mal wieder aus. Bereits im April | |
desselben Jahres verhängte die Bahn eine Nutzungsuntersagung für alle | |
Gebäude aufgrund umfangreicher Mängel wie fehlender Brandschutztüren und | |
maroder Elektrik. Nach langen Verhandlungen inklusive politischen Drucks | |
wurde der Vertrag im Dezember 2024 schließlich bis Mai 2027 verlängert. | |
Allerdings nur für das Grundstück. Und unter einer Bedingung: Alle Gebäude | |
müssen elektrosaniert werden. „Hätten wir diese Investition nicht zugesagt, | |
dann wären wir weg. Dann wär’ das Gelände geschlossen worden, wir hätten | |
keine Chance gehabt, hier legal zu bleiben“, sagt Fülbier. 180.000 Euro | |
soll der Spaß kosten. Das Geld dafür kommt aus Rücklagen der B.L.O (80.000 | |
Euro) und einer Förderung der Berliner Lottos-Stiftung (100.000 Euro). | |
Bevor und während der Sanierung dürfen die Künstler:innen ihre | |
Arbeitsplätze nicht betreten. Einige von ihnen kommen stattdessen für | |
Bauarbeiten her. Auf dem Hof vor den Ateliers stehen haufenweise Kisten mit | |
schwarzen, grauen, orangefarbenen und blauen Kabeln, teils noch aus | |
DDR-Zeiten. Gemeinsam mit Profis arbeiten sich die Kunstschaffenden von | |
Gebäude zu Gebäude. | |
Als erstes fertig wurde die Kantine, die heute als Veranstaltungsraum | |
genutzt wird. Sie ist das Herzstück des selbstverwalteten Kulturstandortes. | |
Nun gibt es dort neue Brandschutztüren und Elektrik, die den Flur in rotes | |
Schummerlicht taucht. Zwar wird die Aufnahme in den Mietvertrag noch | |
geprüft, mit einer Sondergenehmigung konnte aber Mitte Juli schon die | |
Wiedereröffnung der Kantine gefeiert werden. „Es war total schön zu sehen, | |
dass sich so viele Leute gefreut haben, wieder auf dem Gelände zu sein“, | |
sagt die Projektkoordinatorin Lula Valletta. | |
Das Gelände wirkt, als würden alle gerade nur kurz Pause machen. So als | |
würde das Gewusel gleich zurückkommen, als würde die Arbeit gleich | |
weitergehen. Jedes Atelier steckt voller Details und jedes Gebäude erzählt | |
eine Geschichte. Da ist etwa die Villa Separatista, ein ehemaliges | |
Übernachtungsgebäude für Lokführer und Heizer, in dem heute Tonstudios, | |
Ateliers und Tanzstudios beheimatet sind. Oder die einstige | |
Starkstrommeisterei, in der heute eine Dunkelkammer und ein Nähatelier | |
angesiedelt sind. Oder die Drehscheibe, von der früher Lokomotiven und | |
Waggons verteilt wurden und auf der heute Konzerte, Lesungen oder Partys | |
stattfinden. „Es gab sogar mal ein Radrennen“, erzählt Alexander Dammeyer. | |
Auch er ist Teil des Vorstandes und Besitzer eines eigenen Ateliers für | |
Eisen- und Feuerarbeiten. Die aktuelle Situation bedeutet für ihn einen | |
massiven wirtschaftlichen Einbruch. In Berlin gebe es immer weniger | |
geförderte Ateliers und Arbeitsräume für Künstler:innen, insbesondere | |
bezahlbare, sagt er. Und was, wenn es die Bahn mit dem „letztmaligen | |
Aufschub“ des Vertrages wirklich ernst meint? „Wir stehen in gewisser Weise | |
mit dem Rücken zur Wand. Die Raumkrise betrifft nicht nur den | |
Wohnungsmarkt, sondern auch Arbeitsräume“, sagt Dammeyer. | |
Christa Fülbier spricht von einem Existenzkampf. „Unsere Reserven sind | |
jetzt weg“, sagt sie und wirkt, als würde sie nicht nur das Geld meinen. | |
Zwar hat die lokale Politik schon ausreichend Druck gemacht, die Bahn ist | |
allerdings ein Bundesunternehmen. „Der Verkehrsminister müsste halt mal | |
vorbeikommen“, sagt Fülbier und lacht. „Ja, weil der letzten Endes | |
weisungsberechtigt der DB gegenüber ist.“ Hiermit also ein Aufruf: Lieber | |
Patrick Schnieder, bitte statten Sie dem B.L.O. Gelände mal einen Besuch | |
ab! Es gibt aber noch einen anderen Hoffnungsschimmer: Im Juni wurden die | |
[4][„Regelungen zur Freistellung eines Grundstückes vom Bahnbetriebszweck“] | |
im Bundestag gelockert, was die Argumentation für den Erhalt der B.L.O. | |
Ateliers stärken dürfte. | |
Aber eins nach dem anderen. Bis September sollen alle Sanierungsarbeiten | |
abgeschlossen und die Nutzungsuntersagung der DB aufgehoben sein. Am ersten | |
Septemberwochenende wird dann beim Wiedereröffnungs-Festival BLO3000 | |
gefeiert. Freitag und Samstag werden die Werkstätten wieder für alle | |
geöffnet, es gibt Workshops und Livemusik. | |
Aufgeben ist für die Kunstschaffenden in den B.L.O. Ateliers keine Option. | |
Sie geben alles – bis auf den letzten Cent, bis zur letzten Sekunde. | |
„Verloren ist erst, wenn der Bagger kommt“, sagt Christa Fülbier. | |
20 Aug 2025 | |
## LINKS | |
[1] /Kreativhaus-in-Berlin-Lichtenberg/!6022560 | |
[2] https://www.blo-ateliers.de/ | |
[3] /BLO-Ateliers-in-Lichtenberg-vor-dem-Aus/!6006042 | |
[4] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw26-de-eisenbahngesetz-… | |
## AUTOREN | |
Lea Knies | |
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