| # taz.de -- Wahlkampf in Berlin-Kreuzberg: Die drei Linken vom Kotti | |
| > Canan Bayram ist die Favoritin in Berlin-Kreuzberg. Die Grünen haben in | |
| > ihrer Hochburg aber mit starker Konkurrenz zu kämpfen. | |
| Bild: Was Kreuzberg bewegt: bezahlbarer Wohnraum | |
| Anfang Juli, zweieinhalb Monate vor der Bundestagswahl, beginnt im | |
| alternativsten Wahlkreis der Republik der Wahlkampf ohne die Grünen. Wo ist | |
| Canan Bayram? In ein paar Minuten soll in einem backsteinroten | |
| Familienzentrum das Politiker-Speeddating losgehen – Wähler treffen und | |
| interviewen ihre Kandidaten. Die Themen: Wohnungsnot und Kinder, die sich | |
| kein Fahrrad leisten können. Doch um kurz nach drei ist die grüne | |
| Kandidatin noch nicht da. | |
| In dem Café des Familienzentrums hat sich eine Handvoll Frauen um Tische | |
| verteilt, die man gut abwischen kann. Fast alle haben ihre Kinder an der | |
| Hand. Sie wohnen im Kiez, kommen aus der Türkei, dem Libanon, engagieren | |
| sich als Stadtteilmütter in der benachbarten Schule. Nicht alle dürfen | |
| wählen. Fragen haben sie trotzdem. | |
| Ihnen gegenüber sitzt Cansel Kiziltepe, die Kandidatin der SPD. Klein und | |
| im roten Blazer. Sie kennt viele der Frauen persönlich. Hier ist sie nicht | |
| Frau Kiziltepe, sondern Cansel. Cansel aus Kreuzberg. Die benachbarte | |
| Schule: Dort hat sie Abitur gemacht. Die Stadtteilmütter: ein Projekt, das | |
| sie seit Langem begleitet. | |
| Sie schüttelt Hände, verteilt Küsschen, fragt nach der Familie. Pascal | |
| Meiser, Kandidat der Linken, kommt etwas später. Die Leiterin des | |
| Familienzentrums verhaspelt sich, als sie ihn vorstellt. Aus Meiser wird | |
| Meier. Aber Kiziltepe, das sitzt. Canan Bayram kommt nicht mehr. | |
| ## Das einzige Direktmandat der Grünen steht auf dem Spiel | |
| Später wird sich herausstellen: Sie saß im Innenausschuss im Berliner | |
| Abgeordnetenhaus zum Fall Anis Amri, dem Terroristen vom Breitscheidplatz. | |
| Bayram wird in den kommenden Wochen öfter Wahlkampfveranstaltungen absagen, | |
| weil sie Termine im Abgeordnetenhaus hat. Bayram, die pflichtbewusste | |
| Anwältin, steigt später in den Wahlkampf ein als ihre Kontrahenten. | |
| Als Kiziltepe längst ein Hashtag etabliert hat, [1][#Kiezregiert], ist die | |
| Kampagne für Bayram noch nicht richtig losgegangen. Im Juli erzählen | |
| Parteifreunde von den Grünen, dass ihre Kandidatin an Wahlständen im | |
| bürgerlichen Teil von Kreuzberg noch weitgehend unbekannt sei, und geben | |
| zu: In den Medien ist sie auch nicht wirklich präsent. | |
| Dabei hat Bayram viel zu verspielen. Das erste und einzige Direktmandat der | |
| Grünen und [2][das Erbe des bekanntesten Direktkandidaten Deutschlands, | |
| Hans-Christian Ströbele]. Im Dezember letzten Jahres hatte der 78-Jährige | |
| erklärt, nach 19 Jahren im Bundestag nicht wieder anzutreten. Viermal | |
| hintereinander hatte er das Mandat gewonnen. | |
| Die Fußstapfen, oder besser: die Fahrradspur, die er hinterlässt, ist tief. | |
| Das macht den Kampf um das Direktmandat für den Wahlkreis 83, | |
| Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost, in diesem trägen Wahlsommer | |
| zu einem der spannendsten im ganzen Land. Nirgendwo sonst kämpfen gleich | |
| drei linke Kandidaten mit guten Chancen um ein Mandat. Eine Prognose sieht | |
| die SPD im Bezirk bei etwa 20 Prozent, die Linke bei 24 und die Grünen bei | |
| 25 Prozent. | |
| ## Schimpfen auf die Mietpreisbremse | |
| Die erste Runde Speeddating beginnt, die Kandidaten verteilen sich an die | |
| Tische. Pascal Meiser, Pferdeschwanz und Kapuzenpullover, verteilt seine | |
| Broschüren. Rot. Mit der Überschrift: Bewerbung. Vier Frauen wollen von ihm | |
| wissen, wie die Linke zum Thema Wohnungsnot steht. Eine erzählt, dass sie | |
| keine Wohnung für ihre Familie findet. „Ich wohne auch in Kreuzberg, kenne | |
| das Problem also“, sagt Meiser und schimpft auf die Mietpreisbremse, die | |
| nicht funktioniert. Zustimmendes Nicken bei seinen Zuhörerinnen. Er rät: | |
| „Gehen Sie wählen, wenn sich was verändern soll.“ | |
| Gong, die nächste Runde. Kiziltepe rückt auf Meisers Platz und sitzt nun | |
| vor den vier Frauen. „Mein Name ist Programm“, beginnt sie. Kiziltepe heißt | |
| auf Türkisch roter Berg. Sie erzählt von ihren zwei Kindern, von ihrer Zeit | |
| an der benachbarten Schule und dass Bildung ihre Chance zum Aufstieg war. | |
| „Mein Vater hat uns jeden Tag zu dieser Schule gebracht“, eine der ersten | |
| Ganztagsschulen in Berlin. „Das war unsere Rettung.“ | |
| Kiziltepes Eltern sind Gastarbeiter der ersten Generation. Sie sei immer | |
| mit dem Gefühl aufgewachsen: Morgen geht es zurück in die Türkei. Ihre | |
| Eltern wohnen noch immer in Kreuzberg. Viele ihrer Freunde von damals haben | |
| das Abitur nicht geschafft, sind stecken geblieben auf dem Weg nach oben. | |
| Kiziltepe nicht. Das macht sie für die Frauen hier interessant. Sie ist | |
| Vorbild, Kiziltepe weiß das. Ihr Wahlkampf basiert auf ihrer Geschichte. | |
| Das Kind aus dem Kiez, das es nach ganz oben geschafft hat. Eine gute | |
| Geschichte. | |
| Wenn Berlin die Spielwiese für die privilegierte Jugend der Welt geworden | |
| ist, dann ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Miniatur-Wunderland | |
| der deutschen Linken. Hier leben Altlinke und Neulinke und Exlinke, Linke | |
| aus dem Osten und dem Westen. Es gibt türkische und kurdische Linke, genau | |
| so wie Grüne, Kommunisten, Antifas. SPD, Grüne und Linke bekamen 2013 hier | |
| über 70 Prozent der Stimmen. | |
| ## Wo Kreuzberg kein Szenebezirk, sondern noch Grenzstadt ist | |
| Auf kleinstem Raum lässt sich beobachten, wie sich die gesellschaftliche | |
| Linke in Deutschland verändert – und was das für die drei großen Parteien | |
| mit irgendwie linkem Anspruch bedeutet: Cansel Kiziltepe kämpft darum, jene | |
| Wähler zurückzugewinnen, die ihre Partei erst an die Grünen und dann an die | |
| Linken verloren hat. Wenn sie scheitert, bleibt die SPD auf ewig die | |
| 20-Prozent-Partei. Sie sagt: „Kreuzberg soll wieder rot werden.“ | |
| Pascal Meiser kämpft in dem Bezirk um die Stimmen der vielen Berliner, die | |
| nicht Meiser oder Meier heißen. Wenn er scheitert, bleibt seine Partei eine | |
| für den Osten. Er sagt: „Das Mandat wäre ein riesiger Erfolg.“ Canan Bayr… | |
| muss beweisen, dass es auch linke Grüne noch schaffen, Wahlen zu gewinnen. | |
| Wenn sie scheitert, bleibt ihrer Partei nur das Modell Kretschmann. Sie | |
| sagt: „Klar, ich muss die retten.“ | |
| Sechs Wochen nach dem Speeddating sitzt die selbsternannte Retterin der | |
| Grünen in einem kleinen Versammlungsraum in der Otto-Suhr-Siedlung am Rande | |
| Kreuzbergs und spricht über Wärmedämmung. Hier ist Kreuzberg kein | |
| Szenebezirk, sondern immer noch Grenzstadt. Das Viertel ist der ärmste Kiez | |
| der Stadt, 70 Prozent der Kinder leben von Hartz IV. Hier zeigt sich das | |
| drängende Thema des Wahlkampfs: die hohen Mieten. Einst gab es hier | |
| sozialen Wohnungsbau am Mauerstreifen, dann wurden die Wohnungen unter | |
| Rot-Rot privatisiert. Sie liegen im Herzen Berlins, in Laufweite zur | |
| Friedrichstraße. Investoren würden sagen: Toplage. | |
| Etwa 20 Bewohner der Siedlung sind in den kleinen Versammlungsraum | |
| gekommen. Sie treffen sich regelmäßig, seit ihr Vermieter, der | |
| Immobilienriese Deutsche Wohnen, Sanierungen und Mieterhöhungen angekündigt | |
| hat. Hier sitzt das alte, weiße Kreuzberg. Die Frauen tragen geföhnte | |
| Frisuren, die Männer Karohemden und Schirmmützen auf roten Köpfen. Es geht | |
| um Wasserschäden und Mietminderungen. Keine Revolution, aber echte Politik. | |
| Die Mieter reden wild durcheinander, sagen „Ach, halt die Klappe“ | |
| zueinander. Die Protokollantin schüttelt den Kopf und resigniert. | |
| ## Stiller Wahlkampf im Stuhlkreis | |
| Bayram sitzt am Rand und hört lange still zu, bis sie angesprochen wird. | |
| Ihre Augen sind so wach, als gebe es nichts Schöneres, als am Montagabend | |
| nach einem langen Tag noch eine Mieterversammlung zu besuchen und über | |
| Schimmel zu reden. Bayram beantwortet Fragen zum Mietrecht, sie sagt, dass | |
| es wichtig sei, sich zu wehren, und bietet ihre juristische Hilfe beim | |
| Verfassen eines Briefs an. | |
| Die Mieter nicken. Das ist der Wahlkampf, der Bayram liegt. Eher leise als | |
| laut. Nicht auf dem Podium, sondern im Stuhlkreis. Konkret etwas machen, | |
| nicht reden. Das ist ihre Stärke, das ist auch ihr Nachteil. Denn Bayram | |
| nutzt die Gelegenheit nicht, um nach der Mieterversammlung noch Flyer zu | |
| verteilen. „Das ist nicht meine Art“, sagt sie später. Nur das grüne | |
| T-Shirt unter ihrem Blazer verrät, zu welcher Partei sie gehört. | |
| Seit elf Jahren sitzt sie im Abgeordnetenhaus. Bayram ist | |
| Friedrichshainerin, dort wird sie von Passanten auf der Straße umarmt. In | |
| Kreuzberg ist sie weniger bekannt. Bayram, 1966 geboren, kam mit sechs | |
| Jahren aus Anatolien ins Rheinland. Erst als Anwältin kam sie aus Bonn nach | |
| Berlin. „Trotzdem halten mich alle für eine Kreuzberger Türkin“, sagt sie. | |
| Im März hatten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg sie als Kandidatin | |
| nominiert. [3][Die „neue Ströbelin“, schrieb die taz.] | |
| Bayram ist nicht die Erste, die als Nachfolgerin im Gespräch war. Schon vor | |
| vier Jahren wollte Ströbele aufhören und fragte in seiner Partei, wer sich | |
| vorstellen könne, ihm nachzufolgen. Doch andere Grüne schlugen das Angebot | |
| aus. Während für die Linke oder die SPD das Direktmandat eine Überraschung | |
| wäre, hat Bayram viel zu verlieren. Angst vor dem Erbe habe sie trotzdem | |
| nicht, sagt Bayram. „Es ist eine Ehre, nach Ströbele anzutreten.“ Wie | |
| Ströbele steht sie innerhalb der Partei weit links. Zu weit für einige. | |
| ## Wie geht Erfolg? Die Partei klein-, seine Person großmachen | |
| Erst distanzierte sich die Parteiführung von einem Plakat Bayrams mit dem | |
| alten Hausbesetzerspruch „Die Häuser denen, die drin wohnen“. Dann wurde | |
| öffentlich, dass Realo-Grüne in einem internen Diskussionsforum davon | |
| abrieten, die eigene Kandidatin zu wählen. Die Begründung: Ein Direktmandat | |
| für Bayram würde bei einem schlechten Zweitstimmenergebnis für die Grünen | |
| dafür sorgen, dass Renate Künast nicht über die Landesliste in den | |
| Bundestag einziehen kann. | |
| An Bayrams Wahlkampfstand im Betonschatten des Kottbusser Tors regen sich | |
| die jungen Wahlkämpfer auf: „Vollkommen bescheuert“ sei der Aufruf der | |
| Realos. Ein gutes Ergebnis für Bayram sei auch gut für die Zweitstimmen und | |
| damit für Künast. Bayram tut, als würde sie der Gegenwind aus der eigenen | |
| Partei nicht stören. Die Mail habe sie gar nicht gelesen, sagt sie, und | |
| Renate Künast, „deren Mann ich sehr schätze, einer der besten | |
| Strafverteidiger in Berlin“, sei die Geschichte sicher genauso peinlich. | |
| Nicht nur Teile der Partei distanzieren sich von der Kandidatin. Auch die | |
| Kandidatin bemüht sich um Abstand zur Partei. Das Parteilogo der Grünen | |
| sucht man lange auf den Wahlbroschüren und Flyern, die das Team von Canan | |
| Bayram im Stadtteil verteilt. Statt einer Sonnenblume sieht man einen | |
| stachligen Igel, das Symbol der Grünen im Bezirk. | |
| Bayram betont, dass sie nicht über die Landesliste abgesichert ist. Die | |
| Botschaft: Wer Bayram wählt, wählt nicht die Grünen. Schon Ströbele hat so | |
| Wahlkampf gemacht. Vielleicht ist das die größte Nähe Bayrams zu ihrem | |
| inhaltlichen Gegenpol bei den Grünen, zu Winfried Kretschmann. Für seinen | |
| Erfolg machte auch er die Partei klein und seine Person groß. | |
| ## Die Krux mit den Privilegien | |
| Wer in diesem Wahlkampf Sonnenblumen sucht, findet sie in Kreuzberg nicht | |
| bei den Grünen, sondern bei der Linken. Anfang September steht Pascal | |
| Meiser im Abendlicht auf der Kottbusser Brücke. Den Kapuzenpullover von | |
| seinem Wahlplakat hat er abgelegt, er trägt ein gebügeltes weißes Hemd. | |
| Seine Genossen vom Arbeitskreis Rote Beete haben hinter ihm auf einen | |
| Grünstreifen, der vorher als Pissoir für Junkies herhalten musste, | |
| Sonnenblumen gepflanzt. | |
| Meiser verteilt Blumensamen an Passanten, mittelerfolgreich. Die einen | |
| Passanten nehmen ihre iPhone-Stöpsel nicht aus den Ohren, andere schütteln | |
| mit dem Kopf und sagen: „Darf nicht wählen.“ Der Ausländeranteil liegt hi… | |
| bei über 30 Prozent, und jene Kreuzberger Türken, die einen deutschen Pass | |
| haben, wählen vielleicht lieber eine Bayram oder eine Kiziltepe. | |
| Selbst die CDU und die FDP haben Kandidaten mit Migrationshintergrund | |
| aufgestellt. Es gibt Kreuzberger, die sagen: Die Linke würde ich wählen, | |
| aber nicht diesen „weißen Dude“. Glaubt Meiser selbst, dass er dadurch | |
| einen Nachteil hat? Er zögert, dann findet er seine Antwort nicht | |
| zitierfähig. Verständlich: Wer will schon darüber jammern, Privilegien zu | |
| haben. | |
| Meiser, 1975 geboren, stammt aus dem Saarland und lebt seit Ende der 90er | |
| in Kreuzberg. Er machte schnell in Gewerkschaft und Partei Karriere und | |
| leitet heute die Kampagnenabteilung der Linken. Von den drei linken | |
| Kandidaten in Kreuzberg ist er der größte Wahlkampfprofi. Für die letzten | |
| Wochen vor der Wahl wurde er freigestellt, um sich auf das Direktmandat zu | |
| konzentrieren. Und trotzdem: Am Wahlkampfstand auf der Kottbusser Brücke | |
| fragen Leute: „Ich kenn dich nicht, warum soll ich dich wählen?“ Einer | |
| sagt: „Dich würde ich ja wählen, aber das mit der Stasi.“ | |
| ## In ihrer Hochburg viele Anhänger verloren | |
| Für die Linke wäre der Gewinn des Direktmandats ein großer Sieg: Es wäre | |
| das erste in einem Bezirk, der auch im Westen liegt. Und ein Symbol dafür, | |
| dass die Linke den Grünen die Rolle als Partei der urbanen Mittelschicht | |
| abnehmen könnte. Auch wenn man dafür ein paar Sonnenblumen braucht. „Seit | |
| ein paar Wochen merken wir: Es könnte ja wirklich klappen“, sagt Meiser und | |
| verweist auf eine Prognose für den Wahlkreis, die einen Zweikampf von | |
| Bayram und Meiser voraussagt. Er glaubt, dass es am Ende um wenige 100 | |
| Stimmen gehen wird. | |
| Umso verwunderlicher ist es, dass die Linke keinen bekannteren Kandidaten | |
| aufgestellt hat. Das Gerücht: Der Soziologe und Gentrifizierungsexperte | |
| Andrej Holm soll als Direktkandidat der Partei im Gespräch gewesen sein. | |
| Holm bestätigt das auf Nachfrage der taz. Er sei vor einem Jahr gefragt | |
| worden, noch bevor er Staatssekretär in Berlin wurde. Holm entschied sich | |
| dagegen, weil er glaubte, in der Berliner Landespolitik mehr bewegen zu | |
| können. Meiser sagt dennoch: „Ich habe die Unterstützung meiner gesamten | |
| Partei. Und das ist bei uns nicht selbstverständlich.“ | |
| Begleitet man die drei Direktkandidaten durch den Wahlkampf, wird deutlich, | |
| dass sich die deutsche Linke verändert hat. Die Grünen haben in ihrer | |
| einstigen Hochburg viele Anhänger verloren. Am Stand der Grünen hört Bayram | |
| immer wieder: Früher standet ihr noch für etwas. Die einen kritisieren die | |
| Religiösität von Parteichefin Katrin Göring-Eckardt, andere die | |
| Wirtschaftsnähe von Cem Özdemir. Man könnte auch sagen: Die Enkel der 68er | |
| wählen nicht mehr die Grünen, sondern die Linke. | |
| Die war nach Zweitstimmen bereits 2013 stärkste Partei im Bezirk. Die | |
| Grünen verloren über sechs Prozentpunkte, Ströbele konnte sein Direktmandat | |
| aber halten, weil er genug Wähler anderer Parteien überzeugen konnte. | |
| Bayram muss das Gleiche gelingen. Hoffnung darf sich auch die SPD machen, | |
| sie gewann 2013 dazu und wurde hinter der Linken stärkste Kraft im Bezirk. | |
| ## Vom Kuschelkurs zum Kampfmodus | |
| Auffällig ist bei aller Konkurrenz, dass sich die drei Kandidaten | |
| inhaltlich nicht besonders unterscheiden. Alle drei stehen innerhalb ihrer | |
| Parteien links und wollen sich für bezahlbare Mieten einsetzen. Nur: Meiser | |
| ist mit seinen Positionen auf Parteilinie, Bayram und Kiziltepe sind eher | |
| Außenseiterinnen. | |
| Spricht man die drei auf Unterschiede an, gibt Kiziltepe zu, dass da mehr | |
| Verbindendes als Trennendes sei – und viele ihrer SPD-Genossen sie fragten, | |
| warum sie nicht bei der Linken sei. Das soll sich jetzt ändern. Sie sei | |
| bisher zu kuschelig mit ihren Konkurrenten gewesen, sagt sie. „Ich bin | |
| jetzt im Kampfmodus.“ Kiziltepe will sich abgrenzen. Sie will zeigen: | |
| Bayram und Meiser sind die Neuen, sie dagegen ist schon immer Kreuzberg. | |
| Es ist Mittwochnachmittag, noch drei Wochen bis zur Bundestagswahl, als die | |
| Kandidaten in einer Schulaula aufeinandertreffen. Etwa 100 Schüler schauen | |
| zu den Kandidaten hoch, die auf der Bühne Platz genommen haben. Viele der | |
| Mädchen im Publikum tragen Kopftuch, viele Jungs gehen offenbar gern ins | |
| Fitnessstudio. | |
| Ein einziger junger Mann mit blonden Haaren sitzt in der Aula, doch der | |
| entpuppt sich später als Mitarbeiter des CDU-Kandidaten, der auch auf der | |
| Bühne sitzt. „Tschuldigung“, flüstert ein Schüler im Publikum, „geht es | |
| hier um den Bürgermeister von Kreuzberg?“ Das ist, betrachtet man Ströbeles | |
| Außenwirkung in den letzten Jahren, nicht ganz falsch. | |
| ## Eine absolute Mehrheit ist gar nicht immer wünschenswert | |
| Nico aus der zwölften Klasse moderiert die Veranstaltung. Er ist gerade 18 | |
| geworden, für ihn ist es die erste Bundestagswahl. Zu Beginn sollen sich | |
| die Kandidaten mit drei Attributen vorstellen. Meiser fängt an, er beugt | |
| sich zum Mikro und sagt: „Ich bin extrem ungeduldig, wohne am Kotti und bin | |
| Fußballer.“ Die Schüler klatschen laut. Dann ist Bayram dran, sie sagt: | |
| „Ich bin Mutter, Politikerin und Anwältin.“ Die Schüler klatschen höflic… | |
| Dann kommt Kiziltepe, sie sagt: „Ich bin Mutter, Ökonomin – und habe hier | |
| an der Schule mein Abitur gemacht.“ Einige Schüler jubeln. | |
| Auf dem Podium zeigen die drei aussichtsreichen Kandidaten in den nächsten | |
| eineinhalb Stunden in kondensierter Form, was sie unterscheidet. Pascal | |
| Meiser will mit einfach verständlichen, linken Forderungen überzeugen. | |
| Canan Bayram, die Kümmererin, will den Bewohnern bei ihren Problemen im | |
| Alltag, mit Rassismus und der Miete helfen. Und Cansel Kiziltepe setzt auf | |
| ihre Biografie, die sozialdemokratische Erzählung vom Aufstieg durch | |
| Bildung: Ich bin eine von euch. | |
| Die Schüler fragen, was die Kandidaten tun würden, wenn ihre Partei die | |
| absolute Mehrheit im Parlament hätte. Meiser verspricht, Millionären ihr | |
| Geld wegzunehmen und keine Waffen mehr zu exportieren, und bekommt dafür | |
| Applaus. Kiziltepe spricht über die lokalen Initiativen im Kiez, ohne | |
| klarzumachen, was das mit der absoluten Mehrheit zu tun hat. Und Bayram | |
| erklärt den Schülern, dass eine absolute Mehrheit für eine Partei gar nicht | |
| wünschenswert sei. Das mag demokratietheoretisch sympathisch sein, verfängt | |
| aber im Publikum nicht. | |
| Bayram wird stark, als es um die doppelte Staatsbürgerschaft geht. Da | |
| erzählt sie, wie sie mit sechs Jahren aus Anatolien nach Deutschland kam | |
| und dass es zwar auf Deutsch Vaterland heiße, auf Türkisch aber anavatan, | |
| Mutterland: „Und warum sollte man nicht einen Vater und eine Mutter haben?“ | |
| „Çüş“, murmeln viele Schüler anerkennend. | |
| ## Gar nicht zu wählen, ist auch eine Option | |
| Meiser spricht von den drei Kandidaten am mitreißendsten, Bayram ist | |
| zurückhaltend, klingt oft wie die Juristin, die sie ist. Als der | |
| CDU-Kandidat auf Sozialisten losgeht, die keine Ahnung von Wirtschaft | |
| hätten, legt Bayram ihrem Konkurrenten Meiser die Hand auf die Schulter. | |
| Auf die Frage, welchen der Kandidaten sie wählen würden, wenn sie nicht | |
| selbst zur Wahl stünden, sagt Kiziltepe, sie würde Meiser wählen. Nur | |
| Bayram sagt: „Man kann ja auch nicht wählen.“ Ganz so entspannt, wie sie im | |
| Wahlkampf rüberkommen möchte, ist sie nicht. | |
| Nach dem Ende der Podiumsdiskussion ist Kiziltepe gleich weg. Bayram gibt | |
| einem Lehrer Feedback zur Veranstaltung, dann wendet sie sich einem | |
| Parteifreund zu. Nur Meiser wird von Schülern umringt, die ihn fragen, wo | |
| sie denn mitmachen könnten. Nico, der Moderator, der in diesem Jahr zum | |
| ersten Mal wählen darf, will Meiser wählen. „Obwohl er die einzige | |
| Kartoffel ist.“ Dann fahren sowohl Bayram als auch Meiser mit dem Fahrrad | |
| davon. Ströbele würde sich freuen. | |
| 19 Sep 2017 | |
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