# taz.de -- Neue Altkleider-Verordnung der EU: Gut fürs Gewissen, mehr nicht | |
> Europa darf sich nicht das Image als Profi-Müllsortierer auf die Fahne | |
> schreiben. Denn der Müll wird am Ende doch nur anderswo hin verschoben. | |
Bild: Ab jetzt sollen auch kaputte Stoffstücke in die Tonne | |
Nicht mehr nur die guten Kleidungsstücke sollen in die Altkleidercontainer, | |
sondern von jetzt an bitte alle. Die EU will einen nachhaltigeren Umgang | |
mit alten Klamotten und Textilabfällen, ein erster Schritt ist eine | |
Verordnung, die ab dem 1. Januar in Kraft getreten ist. Seither sollen alle | |
Textilstücke, Kleidung, Bettwäsche oder Handtücher, nun auch egal, ob | |
zerfleddert, zerlöchert oder in Fetzen hängend, in die Altkleidercontainer | |
gegeben werden. Nur bei starker Verschmutzung gelte das nicht. Mit der | |
Verordnung sollen Gemeinden und Entsorger in die Pflicht genommen werden, | |
Angebote für eine getrennte Versorgung zu schaffen. Die Hoffnung: Wenn die | |
Textilien nur besser getrennt würden, [1][könnte dies eine bessere | |
Kreislaufwirtschaft] ermöglichen. | |
Erst mal ein guter Gedanke, mehr Stoffe und Materialien in einen Zyklus zu | |
bringen. Denn der Sieg der [2][Fast-Fashion]-Industrie hat dazu geführt, | |
dass Textilien en masse in die Welt geblasen werden, sie ist eine echte | |
Klima- und Umweltschleuder: Laut EU produziert die Textilindustrie mehr | |
Treibhausgasemissionen als internationale Flüge und Schifffahrt zusammen. | |
Zudem benötigen die vielen Mengen an Kleidung viele Liter Wasser, | |
Landflächen und weitere Rohstoffe. 2024 kommen auf die Kleidung eines*r | |
EU-Bürgers*in durchschnittlich neun Kubikmeter Wasser (75 volle Badewannen) | |
sowie 400 Quadratmeter Land und 391 Kilo Rohstoffe. Mehr Nachhaltigkeit | |
wäre dringend angesagt. | |
Aber bisher fehlt es eben gar nicht an Alttextilien im Umlauf, die recycelt | |
werden könnten. Es gibt schon jetzt viel Zeug, das in Altkleider-Containern | |
landet oder bei Rückgabe-Kampagnen großer Modehäuser. Der Großteil kommt | |
aber nicht etwa bei Bedürftigen hierzulande an oder auf | |
Second-Hand-Märkten, sondern in afrikanischen und asiatischen Ländern. Und | |
nur ein Teil der alten Kleidung wird direkt in Europa [3][entsorgt oder | |
tatsächlich recycelt], zum Beispiel zu Füllmaterial von Autositzen oder | |
Malervlies. | |
## Deutschland ist Altkleider-Export-Vizemeister | |
Deutschland war 2021 –neuere Zahlen gibt es noch nicht – der zweitgrößte | |
Exporteur von Altkleidern weltweit, und auch Europa exportiert laut einem | |
Bericht der Europäischen Umweltagentur von 2023 mittlerweile dreimal so | |
viel gebrauchte Kleidung wie noch vor 20 Jahren. 2019 gelangten fast 1,7 | |
Millionen Tonnen aus der EU in andere Länder. Sie landen dann etwa in | |
Kantamanto, dem [4][weltgrößten Altkleidermarkt], gelegen in der | |
ghanaischen Hauptstadt Accra. | |
Dort soll Kleidung verkauft und weitergetragen werden, damit verdienen | |
viele Händler*innen ihr Geld. Doch [5][The Or Foundation], eine lokale | |
gemeinnützige Organisation, kommt zu dem Ergebnis, dass mit der neuen | |
Verordnung 40 Prozent der Kleidungsstücke, die in Kantamanto ankommen, für | |
die Tonne sind. | |
Im besten Fall nehmen dann Müllsammler jene heruntergekommenen Kleider | |
direkt mit, teilweise werden sie aber auch vor Ort verbrannt. Im noch | |
schlechteren Fall werden sie in inoffiziellen Deponien abgeladen und | |
vermüllen die Strände, gelangen in Meer und Flüsse und gefährden die | |
Gewässersicherheit. | |
## Überproduktion ist das Problem | |
Dieses Müllproblem müssen Deutschland und die EU in Angriff nehmen! Denn | |
man muss das Problem doch von dort betrachten, wo es virulent ist – | |
niemandem hilft es, wenn wir in der EU und Deutschland mehr Textilien | |
sammeln, sie aber am Ende mehr Schaden anrichten als Nutzen haben. Die | |
Menschen in den Ländern, die sich bisher schon um die Endlagerstätten von | |
Alttextilien kümmern und bereits Projekte zur Wiederverwertung anstoßen, | |
müssen einbezogen werden. | |
Wir trennen Müll fürs gute Gewissen, aber fast nur dafür. Selbst die EU | |
weiß laut Europäischer Umweltagentur nur wenig über den Verbleib der aus | |
der EU exportierten, gebrauchten Textilien. Deutschland und Europa dürfen | |
sich nicht ständig das Image als Profi-Müllsortierer auf die Fahne | |
schreiben, wenn der Müll am Ende doch nur anderswo hin verschoben wird. | |
Einen wirklichen Unterschied würde die EU-Politik dann machen, wenn sie | |
ernsthaft dem Problem der Überproduktion begegnet und diese begrenzt. | |
Anmerkung der Redaktion: Am späten Mittwochabend gab es einen Großbrand am | |
Kantamanto-Markt in Accra, dieser ereignete sich aber erst nach Verfassen | |
dieses Textes. | |
4 Jan 2025 | |
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## AUTOREN | |
Adefunmi Olanigan | |
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