| # taz.de -- Juli Zeh über Nachbarn, die AfD wählen: „Ich bin nicht der Held… | |
| > Viel wird geredet über die, die für die AfD stimmen, Schriftstellerin | |
| > Juli Zeh lebt mit ihnen im Dorf. Ein Gespräch über Rechtspopulisten, | |
| > Talkshows und durchtanzte Nächte. | |
| Bild: „Ich hätte es gemütlicher, wenn ich mich nicht einmischen würde“: … | |
| Der Weg ins Havelland führt durch Wälder, über Alleen und an Seen vorbei. | |
| Auf einem großen Feld zur Linken stehen Kraniche, rechts ziehen Wildgänse | |
| vorüber. In einem Dorf hat [1][Juli Zeh] ein altes Häuschen zu ihrem Büro | |
| umgebaut. Abgemacht war, dass wir für die genaue Adresse anrufen, wenn wir | |
| in der Nähe sind. Aber wir kriegen kein Netz. Klappt dann doch. Erst kommt | |
| der Hund um die Ecke, dann sie selbst. | |
| taz: Schön hier. Aber haben Sie in letzter Zeit mal überlegt wegzuziehen? | |
| Juli Zeh: Bis jetzt nicht. Aber im idyllischen Sinn ist es gar nicht so | |
| schön, oder? | |
| taz: Nein? Die vielen Seen, das Schilf, die Vögel … | |
| Zeh: Es ist nicht lieblich, eher karg. Aber ich mag’s. Es lässt einen sehr | |
| in Ruhe, sowohl die Landschaft als auch die Leute. | |
| taz: Bei der Bundestagswahl im Februar haben 54 Prozent der Leute im Dorf | |
| AfD gewählt. | |
| Zeh: Ja, da sind wir Spitzenreiter der negativen Art. | |
| taz: War das ein Schock für Sie? | |
| Zeh: Das hielt sich in Grenzen. Es ist ja keine neue Entwicklung, die | |
| Zustimmung für die AfD wird Jahr für Jahr mehr. | |
| taz: Ist es krass zu wissen, dass so viele Ihrer Nachbarn [2][für die AfD] | |
| stimmen? | |
| Zeh: Was genau ist daran krass? | |
| taz: Dass Sie umgeben sind von Leuten, die eine mindestens in Teilen | |
| verfassungsfeindliche Partei gut finden. | |
| Zeh: Die Menschen hier finden vor allem die anderen Parteien schlecht. Ich | |
| glaube, wir haben momentan niemanden im Dorf, der mit seinen Meinungen | |
| außerhalb der Verfassung stünde. | |
| taz: Sind Sie da sicher? | |
| Zeh: Ich würde es wahrscheinlich mitkriegen. Anders, als immer mal wieder | |
| berichtet wird, ist der durchschnittliche AfD-Wähler glücklicherweise ja | |
| kein Rechtsradikaler. Die überwiegende Mehrheit ist nicht der Meinung, man | |
| müsste alle Ausländer remigrieren oder noch Schlimmeres. Es gab vor Jahren | |
| mal jemanden im Dorf, der offen rassistisch war. Der hat aber Widerstand | |
| bekommen, wenn er sich auf Partys schlecht benommen hat. | |
| taz: Sie werden auf Partys eingeladen? Anderswo werden Neue oft viele Jahre | |
| nicht einbezogen. | |
| Zeh: Hier ist das nicht so. Das liegt sicher auch an der Historie der | |
| Region. Sie wurde im letzten Jahrhundert von der Geschichte so krass | |
| durchgeknetet, es gibt kaum Leute, die hier geboren sind. Man ist eher froh | |
| über Zugezogene, lange hieß es ja, die Dörfer würden sterben. Wir wurden | |
| wirklich mit sehr offenen Armen aufgenommen, obwohl wir speziell sind, | |
| Wessis, noch dazu Künstler. | |
| taz: Dann treten Sie auch noch in Talkshows auf und erklären | |
| [3][Brandenburg]. | |
| Zeh: Das finden die Leute eher gut. Ich kenne viele Landwirte, das sind | |
| fast die einzigen Arbeitgeber hier. Die gehen Stück für Stück pleite. | |
| Grauenvoll, dann verlieren 40 Leute ihren Job, da hängen Familien dran. | |
| Wenn ich davon im Fernsehen erzähle, bringe ich eine gewisse Sichtbarkeit. | |
| Es wäre natürlich cooler, wenn man die Betroffenen mal direkt fragen würde. | |
| Das ist ja ihr Gefühl, dass in Bezug auf sie eine totale Entfremdung | |
| herrscht, ein Nichtwissen. | |
| taz: Wären Sie nicht weiß, würden Sie dann anders über Ihre Nachbarn reden? | |
| Zeh: Ich glaube nicht, aber das kann ich natürlich nicht beschwören. Da | |
| müssen Sie die Menschen mit Migrationshintergrund fragen, die hier auf den | |
| Dörfern leben. Mein Eindruck ist, dass das ganz gut funktioniert. Gewiss | |
| sagen manche Nachbarn Sachen wie: „Den Ausländern wird alles in den Arsch | |
| geschoben, und wir machen drei Jobs und können die Raten für das | |
| Einfamilienhaus nicht bezahlen.“ Solche Aussagen gibt es. Aber es ist immer | |
| noch ein Riesenunterschied, ob man politisch so redet oder ob man eine | |
| Person ablehnt, die einem gegenübersteht. | |
| taz: Aus Worten können Taten werden. | |
| Zeh: Wird oft gesagt, stimmt aber Gott sei Dank in der Regel nicht. | |
| Jedenfalls beobachte ich das hier nicht. | |
| taz: Fühlen Sie sich hier zu Hause? | |
| Zeh: Ja klar, wir sind ja bald seit 20 Jahren hier. Und wir haben uns | |
| wirklich schnell sehr wohl gefühlt. Ich war enorm froh, Menschen | |
| kennenzulernen, mit denen ich sonst niemals Kontakt gehabt hätte. | |
| taz: Leute, die nicht so sind wie man selbst. | |
| Zeh: Genau. Dieses etwas abgenutzte [4][Reden von Bubbles und Blasen] | |
| stimmt ja. Es gibt immer weniger Kontakt zwischen den gesellschaftlichen | |
| Schichten. Das sind geschlossene Communitys. Ich finde es sehr bereichernd, | |
| wenn ich die Möglichkeit habe, da reinzuschauen und Menschen wirklich | |
| kennenzulernen. | |
| taz: Ab und an brauchen Sie doch die Stadt. [5][In einem Arte-Porträt] | |
| haben Sie gesagt, dass Sie regelmäßig nach Berlin fahren und die Nacht | |
| durchtanzen. Wirklich? | |
| Zeh: Ja, ich tanze die Nacht durch und miste morgens den Pferdestall aus. | |
| taz: Alle paar Monate? | |
| Zeh: Nein, schon so einmal die Woche. Sonst wäre es ja nicht der Rede wert. | |
| taz: Warum wählen denn so viele im Dorf AfD? | |
| Zeh: Die Leute sind einfach extrem unzufrieden. Sie haben nicht das | |
| geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien, weil es an allen Ecken | |
| und Enden an der simplen Grundversorgung fehlt: Bildung, Mobilität, | |
| Gesundheit, Pflege, bezahlbarer Wohnraum. Mir hat eine Frau erzählt, dass | |
| ihrer Tochter ein Schulplatz zugewiesen wurde, den sie kaum erreichen | |
| konnte. Es gibt ja nicht wirklich öffentlichen Nahverkehr bei uns. Das | |
| Mädchen musste x-mal umsteigen. Die Mutter wollte nicht, dass ihr Kind | |
| alleine bei Kälte und Dunkelheit am Bahnhof steht. Also hat sie es immer | |
| gefahren. Deswegen kam die Mutter jeden Tag zu spät zur Arbeit. Nach zwei | |
| Wochen wurde ihr gekündigt. Ein halbes Jahr später haben sie doch noch | |
| einen Schulplatz etwas näher zum Wohnort bekommen, Gott sei Dank. Aber der | |
| Job der Mutter war weg. Dass Menschen, die so etwas erleben, AfD wählen, | |
| wundert mich nicht. | |
| taz: Denkt diese Mutter wirklich, dass die AfD für mehr Schulplätze sorgen | |
| würde? | |
| Zeh: Nein. Die meisten, mit denen ich spreche, glauben gar nicht, dass die | |
| AfD Lösungen parat hätte. | |
| taz: Aber? | |
| Zeh: Die AfD ist anschlussfähig mit dem, was sie so rumplärrt, mit ihrer | |
| Elitenfeindlichkeit und Verachtung für Politiker. Ich würde sagen, dass die | |
| Elitenverachtung von fast allen hier geteilt wird, selbst von Menschen, die | |
| nicht AfD wählen. Auch von Leuten mit Abi und Studium. Man kann daraus aber | |
| nicht ableiten, dass alle gegen die Demokratie sind. Es gibt auf | |
| rechtsextremer und linksextremer Seite Leute, die ernsthaft glauben, dass | |
| Demokratie nicht die richtige Staatsform ist. Aber das ist nicht die | |
| Mehrheit, das sind wenige. | |
| taz: Moment mal. Die AfD-Wähler hier im Dorf erwarten nichts mehr von der | |
| liberaldemokratischen Regierung, aber die Demokratie an sich finden sie | |
| gut? | |
| Zeh: Ja, selbstverständlich. Das sind doch zwei vollkommen unterschiedliche | |
| Dinge. Die Leute, die AfD wählen, die wollen ja zum Teil sogar mehr | |
| Demokratie. Die wollen mehr Plebiszite, mehr Einfluss des Volkes. Die sind | |
| der Meinung, dass ein großer Teil der Bevölkerung ihre Auffassung teilt, | |
| zum Beispiel bei der Kritik an Zuwanderung, und dass die sogenannten Eliten | |
| in Wahrheit undemokratische Institutionen sind. Aus dieser Sicht haben die | |
| Eliten die Pressefreiheit eingeschränkt und einen homogenen medialen | |
| Diskurs geschaffen. Die Eliten treffen angeblich Entscheidungen, die nicht | |
| vom Volk getragen sind. Sie machen eine Top-down-Politik im Land, obwohl | |
| sie demokratisch gewählt sind. | |
| taz: Frau Zeh! Die wollen nicht mehr Demokratie, die tragen auf der Fiktion | |
| einer Volksmehrheit minderheiten- und migrationsfeindliche Positionen mit. | |
| Zeh: Frau Lang-Lendorff und Herr Unfried! Demokratie ist nicht, wenn | |
| Menschen Dinge wählen, die man selbst gut und richtig findet! Sonst müssten | |
| Sie die Schweiz als eine untergegangene Demokratie betrachten, weil es dort | |
| erfolgreiche Plebiszite gegen den Bau von Minaretten gibt. Man muss | |
| unterscheiden können zwischen eigenen politischen Überzeugungen und | |
| Demokratie. Im Extremfall setzt unsere Verfassung auch demokratisch | |
| legitimierten Entscheidungen Grenzen, aber man kann nicht alles als | |
| undemokratisch bezeichnen, was einem nicht gefällt. Der durchschnittliche | |
| AfD-Wähler will nicht das Parlament abschaffen. Er hegt vielmehr ein tiefes | |
| Misstrauen gegen alle Entscheidungsträger in den Hauptstädten. Natürlich | |
| ist das Misstrauen in dieser Form aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt. | |
| Aber wenn man irgendetwas verstehen will, muss man es zur Kenntnis nehmen. | |
| taz: Seit dem Frühjahr haben wir eine neue Bundesregierung. Wie wird die | |
| bewertet? | |
| Zeh: Das interessiert schon gar keinen mehr, würde ich sagen. Ich will den | |
| Defätismus nicht größer reden, als er eh schon ist. Aber dieses Wegdriften | |
| ist schon dramatisch. Dadurch werden die Leute verführbar und manipulierbar | |
| durch Extremisten. | |
| taz: Mit Wegdriften meinen Sie die Systemferne? | |
| Zeh: Nennen wir es mal so. Wenn man jahrzehntelange in der Diktatur gelebt | |
| hat, ist das Misstrauen gegenüber staatlichen Instanzen sowieso noch mal | |
| größer, und es wird auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. | |
| Für mich als Westlerin ist es normal zu sagen: Ich bin zu Hause in dieser | |
| Staatsform, ich traue den gewählten Vertretern auch dann, wenn sie nicht | |
| meine Favoriten sind. Sich so stark mit dem Staat zu identifizieren, kann | |
| aber für jemanden, der aus der DDR kommt, ganz merkwürdig sein. In | |
| Diktaturen lernen die Menschen: Man wurschtelt unter dem Radar, grenzt sich | |
| von Politik ab und setzt nicht so große Hoffnungen in sie. | |
| taz: Bei urbanen Schnöseln wird schon darüber gesprochen, in welches Land | |
| man gehen könnte, wenn die AfD regiert. Das käme für Sie nicht in Frage? | |
| Zeh: Weggehen wegen der AfD? Ich würde fliehen, wenn man mich politisch so | |
| verfolgt, dass ich Angst haben muss um mein Leben und meine Familie. Ich | |
| bin nicht der Heldinnen-Typ. Aber das ist nicht die Situation, vor der wir | |
| stehen. In unserer Geschichte gab es das ja, nicht nur die Flucht [6][aus | |
| dem Dritten Reich], sondern auch aus der [7][DDR]. Heute leben hier Syrer, | |
| die im Schlauchboot über das Mittelmeer fliehen mussten. Und wir sitzen da, | |
| beim Rotwein, und sagen: „Ach Gott, ich halt’s nicht mehr aus.“ Also, das | |
| ist ganz schön wohlfeil. | |
| taz: Was halten Sie selbst von der [8][Merz-Regierung]? | |
| Zeh: Ich bin kein Fan von Friedrich Merz. | |
| taz: Fanden Sie hilfreich, was er über die [9][„Probleme im Stadtbild“] | |
| gesagt hat? | |
| Zeh: Nein. Ich will ihm nichts unterstellen, aber häufig genug werden | |
| solche Debatten ja nicht geführt, um tatsächlich Probleme zu benennen und | |
| Dinge zu verbessern. Es geht nur darum, eine Form von Alarm zu machen, in | |
| der Hoffnung, man könnte Leute vom rechten Rand zur CDU zurückholen. Das | |
| halte ich für absolut kontraproduktiv und das Dümmste, was man machen kann. | |
| Funktioniert einfach nicht. | |
| taz: Dass die Leute wegdriften, liegt Ihrer Meinung nach vor allem am | |
| Politikversagen, richtig? | |
| Zeh: Die ganze Regierungsphase Merkel hat das Land bei der Daseinsvorsorge | |
| nicht vorangebracht. In der Zeit ist ein riesiger Rückstau entstanden, was | |
| Reformen angeht. Bildung, bezahlbares Wohnen, Mobilität, | |
| Gesundheitsversorgung. Ich zeige da auch auf meine Partei, die SPD, weil | |
| die vor allem für Menschen zuständig ist, die sich keine Privatschulen und | |
| keine private Krankenkasse leisten können. Abgesehen davon hat der Erfolg | |
| von Rechtspopulisten natürlich auch was zu tun mit dem Hin- und | |
| Herschwingen des Pendels zwischen Progression und Reaktion. Schließlich | |
| gibt es die Entwicklung nicht nur bei uns, sondern in der ganzen westlichen | |
| Hemisphäre. | |
| taz: Wenn das Pendel nun zurückschwingt, was kann man da tun? | |
| Zeh: Standhaft bleiben. Kein Geld mit Alarmismus verdienen, das geht jetzt | |
| auch in Ihre Richtung. Wenn man sagt, die Apokalypse droht, wer hat dann | |
| noch Zeit für Demokratie und Liberalismus? Dann befördert man den Erfolg | |
| der Rechtspopulisten. Das gilt für jeden, der wegen einer erfolgreichen | |
| Schlagzeile so tut, als stünden wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des | |
| Landes oder vor dem Dritten Weltkrieg. | |
| taz: Wenn der Rechtspopulismus derart an Zuspruch gewinnt, müssen wir dann | |
| unsere Demokratie nicht schützen? | |
| Zeh: Ja, gerne, und wie? Mit einem AfD-Verbotsverfahren oder der | |
| Brandmauer, meinen Sie? Gute Frage. Ich weiß nicht, ob die AfD heute | |
| [10][ohne Brandmauer] besser oder schlechter dastünde. | |
| taz: Sie sind dagegen? | |
| Zeh: Ich bin kein Fan davon, ich bin halt auch Juristin. Man sollte nicht | |
| die eigenen Regeln und Grundsätze über Bord werfen, um einen politischen | |
| Gegner zu bekämpfen. Ich kann einfach nicht glauben, dass das funktioniert. | |
| Man begeht quasi Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Die Brandmauer hat zum | |
| Teil auch diesen Effekt. | |
| taz: Sie hält die AfD von der Macht fern. | |
| Zeh: Scheint mir nicht so, die Prozente der AfD steigen ja immer weiter. | |
| Abgesehen davon bewegt man sich ja selbst oft in der Grauzone des | |
| Verfassungsrechts, indem man versucht, die AfD auf diese Weise zu | |
| bekämpfen. Zum Beispiel, wenn AfD-Mitglieder kategorisch vom Staatsdienst | |
| ausgeschlossen werden sollen und Ähnliches. | |
| taz: Wenn eine Partei gesichert rechtsextremistisch ist, dann muss die | |
| Demokratie sich schützen. | |
| Zeh: Das kann man so sagen, und alle Nicht-AfD-Wähler werden zustimmen. | |
| Aber was soll das denn konkret heißen? Der Versuch, mit der Brandmauer die | |
| AfD kleinzuhalten, hat in den letzten zehn Jahren nichts gebracht. Im | |
| Brandenburgischen Landtag gibt es schon jetzt keine Zwei-Drittel-Mehrheit | |
| mehr ohne die AfD. Um beispielsweise einen Verfassungsrichter zu wählen, | |
| braucht man aber zwei Drittel des Landtags. Wählen wir dann halt keine | |
| Verfassungsrichter mehr? | |
| taz: Sie waren vehement gegen ein [11][AfD-Verbot]. Sind Sie es immer noch? | |
| Zeh: Ich bin doch nicht prinzipiell gegen ein AfD-Verbot. Ich sag’s noch | |
| mal: Ich bin Juristin. Wenn ein Parteiverbotsverfahren Aussicht auf Erfolg | |
| hat, kann und muss man es anstrengen. Wenn nicht, wird es der AfD nutzen. | |
| Wenn Sie einen halbwegs cleveren AfD-Funktionär fragen, was auf seinem | |
| Wunschzettel für 2026 steht, dann sagt der wahrscheinlich: Ich wünsche mir | |
| ein Parteiverbotsverfahren. Allein der Versuch, sie zu verbieten, würde der | |
| AfD krass nutzen. | |
| taz: Wir haben eine Situation, in der fast alles dem Rechtspopulismus | |
| nützt. | |
| Zeh: Außer guter Politik und gutem Journalismus vielleicht. | |
| taz: Dafür muss man möglicherweise die systemischen Grundlagen für | |
| erfolgreiche Politik überarbeiten. | |
| Zeh: Momentan sehen wir einen Teufelskreis. Je stärker die AfD wird, desto | |
| zufälliger werden die Koalitionen, desto dysfunktionaler läuft es ab und | |
| desto leichter kann die AfD sagen: Hahaha, die kriegen es wieder nicht hin. | |
| Das heißt, die Mitglieder einer noch so schwierigen Koalition müssten ihr | |
| Profilierungsstreben beiseite lassen und gemeinsam sagen: Bildung, | |
| Krankenhäuser, Transport, billiges Wohnen, das werden wir jetzt vier Jahre | |
| lang machen. | |
| taz: Das hätte doch Ihr [12][Parteigenosse Olaf Scholz] tun können. | |
| Zeh: Hätte er müssen. Das ist, wenn überhaupt, der einzige Hebel, wie man | |
| den Rechtspopulisten beikommen kann – durch Politik, die wirklich konkrete | |
| Probleme adressiert. Und dadurch das Misstrauen auflöst. | |
| taz: Wir haben auch noch so kleine Probleme wie die Erderwärmung, die | |
| Amerikaner, die Russen, die Chinesen. Regieren ist nicht mehr so einfach | |
| wie zu den goldenen Zeiten der Volksparteien. | |
| Zeh: Ich glaube nicht, dass es jemals einfach oder irgendwie golden war. | |
| Die Verklärung der Vergangenheit ist eine weitere Ursache für | |
| Zukunftsangst, sie verstärkt das Misstrauen gegenüber den demokratischen | |
| Institutionen. Damit sollte man vorsichtig sein. | |
| taz: Auch in den Städten gibt es Probleme mit Wohnraum oder Schulplätzen, | |
| und trotzdem wählen die Menschen nicht AfD. Die Probleme auf Rente, Miete, | |
| Schule und Gesundheit zu reduzieren, ist zu einfach. | |
| Zeh: Die Probleme in den Städten betreffen ebenfalls die Peripherie, | |
| Stadtrandlagen, wo eher Benachteiligte wohnen. Wenn man den | |
| gesellschaftlichen Frieden wahren will, muss man verstehen, dass es | |
| berechtigte Interessen gibt, die in einer Demokratie von den Wählern | |
| ausgedrückt werden. Wählen und Demokratie ist nicht in erster Linie eine | |
| moralische Angelegenheit, so gerne wir auch von Werten sprechen. Es ist ein | |
| System zur Herstellung von Interessenausgleich und damit von | |
| gesellschaftlichem Zusammenhalt. Wenn man es so weit kommen lässt, dass das | |
| Land wirklich gespalten ist, wie in den USA, dann kriegt man halt | |
| irgendwann gar nichts mehr auf die Kette. Keine Verteidigung, keine | |
| Wirtschaft, keine Klimapolitik, gar nichts. | |
| taz: Sie mischen regelmäßig in der öffentlichen Debatte mit. In dem | |
| Arte-Porträt sagten Sie: „Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, dass | |
| ich das mache.“ Warum? | |
| Zeh: Ich kriege das gespiegelt, und das treibt mich immer wieder an. Ich | |
| hätte es gemütlicher, wenn ich mich nicht einmischen würde. So schön ist | |
| das nicht, sich dauernd ankacken zu lassen. | |
| taz: Bekommen Sie viele Shitstorms? | |
| Zeh: Schon manchmal. | |
| taz: Sie haben früh die Corona-Politik kritisiert, Sie haben zusammen mit | |
| Sahra Wagenknecht Waffenlieferungen an die überfallene Ukraine kritisiert. | |
| Wo kommt der Antrieb her, gegen die linksliberale Mehrheitsmeinung zu | |
| sprechen? | |
| Zeh: Der Antrieb ist simpel: Das Thema muss mir wichtig sein und die | |
| kritische Position zu wenig vertreten. Meinungspluralismus ist das | |
| Gesundheitselixier der Demokratie. Daran mitzuwirken, ist aus meiner Sicht | |
| gerade eine Aufgabe von freiberuflichen Intellektuellen. Wenn medial so ein | |
| komisches Schweigen herrscht, dann denke ich immer: Hier stimmt was nicht. | |
| Jetzt muss ich was sagen. | |
| taz: Ist Ihnen immer klar, für welche Rolle Sie für Talkshows gecastet | |
| werden? | |
| Zeh: Ich denke schon. Es gab eine Phase, in der ich viele Einladungen | |
| abgelehnt habe, weil ich als Punchingball kommen sollte. Etwa zur Ukraine, | |
| wenn da vier Leute sitzen, die der Meinung sind, wir müssen das | |
| durchkämpfen, wir besiegen Russland militärisch. Und dann braucht man noch | |
| eine Person, die was dagegen sagt, damit die anderen sich daran abarbeiten | |
| können. Bei so was mache ich nicht mit. Aber in letzter Zeit werde ich | |
| wieder für eine Rolle eingeladen, mit der ich mich gut identifizieren kann. | |
| taz: Welche? | |
| Zeh: Als jemand, der nicht fest in einem Lager verortet ist. | |
| taz: Naja, Sie sagen immer „meine Partei“, wenn Sie von der SPD sprechen. | |
| Zeh: Weil ich da Mitglied bin. Aber ich bin keine Politikerin, ich muss | |
| nicht für eine Institution sprechen. Ich kann sagen, was ich will, ganz | |
| egal, was gerade die Parteilinie ist. Man kann mich ja nicht stoppen. | |
| taz: Mal erwogen, zum BSW zu wechseln? | |
| Zeh: Nein. | |
| taz: Teilweise spricht Sahra Wagenknecht ähnliche Dinge aus wie Sie. | |
| Zeh: Ich bin Sozialdemokratin. Das ist für mich nicht nur eine politische | |
| Idee, sondern eine Weltsicht. Und wenn die Realität nicht so ist, muss man | |
| nicht gleich austreten. Man kann auch versuchen, für etwas einzutreten. | |
| 27 Dec 2025 | |
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