| # taz.de -- Klage gegen Rundfunkbeitrag: Die Vielfalt, die sie meinen | |
| > Sind ARD und ZDF ausgewogen? Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts | |
| > wird eine Klagewelle auslösen. Und am Ende vielleicht das Vertrauen | |
| > bestärken. | |
| Bild: Ein freies Land: Teilnehmer einer Kundgebung vor dem Bundesverwaltungsger… | |
| Ein Ende kann ein Anfang sein. Wenn ein Bundesgericht in letzter Instanz | |
| entscheidet, ist meist ein langer Rechtsstreit zu Ende. | |
| Nicht so [1][beim Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) zum | |
| Rundfunkbeitrag von letzter Woche]. Dieses Urteil ist ein Anfang, es wird | |
| eine neue Prozesswelle auslösen. | |
| Geklagt hatte eine Frau aus Bayern, die den Rundfunkbeitrag nicht zahlen | |
| will, weil ARD und ZDF [2][angeblich unausgewogen] berichten. Was in vielen | |
| Medienberichten fehlte: Die Frau ist Teil einer Bewegung, die den | |
| öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) auf breiter Front kritisiert und | |
| angreift. Er berichte einseitig über Impfschäden, Russlands Krieg in der | |
| Ukraine und die Gefahren des Islam. | |
| Bisher ließen die Gerichte solche Klagen einfach abblitzen. Einzelne | |
| Bürger:innen hätten kein Recht auf inhaltliche Kontrolle des Rundfunks. | |
| Anders nun das Bundesverwaltungsgericht: Niemand muss Rundfunkbeitrag | |
| bezahlen, wenn der ÖRR über längere Zeit seinen Programmauftrag „gröblich… | |
| verletzt. Letztlich könne aber nur das Bundesverfassungsgericht | |
| entscheiden, ob der Rundfunkbeitrag verfassungswidrig ist oder nicht. | |
| ## Nicht künstlich verbaut | |
| Es ist gut, dass das Bundesverwaltungsgericht diesen Ausgewogenheitsklagen | |
| damit einen Raum eröffnet. Im Rechtsstaat darf der Weg zu Gerichten nicht | |
| künstlich verbaut werden. | |
| Aber es kann auch nicht sein, dass Verwaltungsgerichte über die Zukunft von | |
| ARD und ZDF entscheiden. Deshalb ist es richtig, dass letztlich das | |
| Bundesverfassungsgericht urteilt, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk | |
| mangels Geld sterben muss. Schließlich lebt der ÖRR, der im Grundgesetz | |
| nicht erwähnt wird, davon, dass ihm Karlsruhe eine zentrale Funktion für | |
| die Demokratie zugesprochen und umfassende Regeln gegeben hat. | |
| Es wird also bald neue Klagen bei allen 51 deutschen Verwaltungsgerichten | |
| geben, von Greifswald bis Sigmaringen – mit dem Ziel, dass sie den Fall dem | |
| Bundesverfassungsgericht vorlegen. | |
| Ein Selbstläufer wird das allerdings nicht. Schon in der ersten Runde sind | |
| die Hürden hoch. Eine Klage muss vor Gericht nur behandelt werden, wenn sie | |
| wissenschaftlich darlegt, dass der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk – | |
| also alle Fernseh- und Hörfunk-Programme und alle Internet-Angebote | |
| zusammen – über mindestens zwei Jahre seine Pflicht zu Ausgewogenheit und | |
| Vielfalt massiv verletzt habe. | |
| Ein derartiges Gutachten ist extrem aufwendig und dementsprechend teuer. | |
| Aber es wird konservative Kreise geben, die das finanzieren. Ob sie Erfolg | |
| haben, ist eine andere Frage. BVerwG-Richter Ingo Kraft sagte bei der | |
| Urteilsverkündung, es sei „überaus zweifelhaft“, dass das, was die Kläger | |
| bisher vorgebracht haben, für eine Karlsruhe-Vorlage ausreicht. | |
| Werden ARD und ZDF nun in die Defensive gedrängt, weil sie sich landauf, | |
| landab gegen den Vorwurf der Unausgewogenheit verteidigen müssen? Nicht | |
| unbedingt. Der ÖRR könnte auch die Chance ergreifen, sich selbstbewusst zu | |
| präsentieren, als faktenstarke Informationsbasis, die aber zur Orientierung | |
| auch linken, liberalen und rechten Haltungsjournalismus anbietet. Diese | |
| Marketing-Bühne sollte er sich nicht entgehen lassen. | |
| Zudem können die Gerichte in solchen Prozessen auch klarstellen, dass | |
| Ausgewogenheit keine Gleichbehandlung zwischen faktenbasierten Recherchen | |
| und esoterischen Verschwörungstheorien verlangt. Über Impfrisiken kann man | |
| kontrovers diskutieren, aber wer von Hunderttausenden vertuschten Impftoten | |
| raunt, hat keinen Anspruch, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als | |
| ernstzunehmender Teil der Meinungs-Vielfalt dargestellt zu werden. | |
| Ähnliches gilt für verfassungsfeindliche Positionen. Natürlich ist | |
| [3][Machtkritik] eine wesentliche Aufgabe des Journalismus. Aber wer | |
| Deutschland als Diktatur darstellt und die etablierten Politiker alle ins | |
| Gefängnis stecken will, muss in ARD und ZDF nicht als legitimer Teil des | |
| gesellschaftlichen Diskurses präsentiert werden. | |
| Die Ausgewogenheit von ARD und ZDF ist keine rein quantitative Frage. Auf | |
| qualitative Mindeststandards können die Gerichte nicht verzichten. | |
| 20 Oct 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Wer-ARD-und-ZDF-fuer-einseitig-haelt-kann-nun-gegen-den-Rundfunkbeitrag-kl… | |
| [2] /Zukunftsrat-ueber-Oeffentlich-Rechtliche/!5984409 | |
| [3] /Kritik-am-OeRR/!6111433 | |
| ## AUTOREN | |
| Christian Rath | |
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