# taz.de -- Soziologische Wahlforschung: Wie schwarz werden die grünen Milieus? | |
> Während die Ampel regierte, hat die CDU in einigen traditionell | |
> progressiven Wählermilieus Boden gutgemacht. Verlierer sind vor allem: | |
> die Grünen. | |
Bild: Der CDU gelingt es auch im Milieu der Grünen Wähler für sich zu gewinn… | |
Berlin taz | Kurz vor der Wahl starren alle auf die Umfragen, die wie | |
einbetoniert erscheinen. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, die | |
Stimmung im Land zu erspüren: die „Sinus-Milieus“ vom gleichnamigen | |
Institut in Heidelberg. | |
Hier werden Menschen nach Grundwerten, Lebensstil und sozialer Lage in | |
Gruppen zusammengefasst. Als die Ampel im November scheiterte, stellten die | |
Forschenden Erstaunliches fest: Gerade in den Milieus, die Veränderung | |
gutheißen, überholte die CDU teilweise die Grünen. | |
„Die CDU konnte sich in dieser Phase als demokratische Alternative | |
positionieren – erstmals auch in progressiven Milieus“, sagt Tim Gensheimer | |
vom Sinus-Institut. Zwar versprechen sich diese Wähler von den | |
Christdemokraten keine progressiven Inhalte. Doch hätten die ständigen | |
Streitereien der Ampelparteien bei vielen ihrer Anhänger das Vertrauen in | |
deren Problemlösungskompetenz erodieren lassen, sagt Gensheimer. Wer in | |
diesen Milieus weniger ideologisch gebunden sei, verspreche sich von der | |
CDU zudem konkretere Lösungen gegen die Wirtschaftskrise. | |
Mittlerweile ist dort die Zustimmung zu den Grünen wieder stärker geworden. | |
Die zur CDU ist zwar etwas zurückgegangen, sie liegt aber noch immer höher | |
als bei der letzten Bundestagswahl. Dass die gemeinsamen Abstimmungen von | |
Union und AfD im Bundestag daran bis zu Wahl noch etwas ändern, dafür | |
sprechen die Umfragen bisher jedenfalls nicht. | |
## Auch unter Gutverdienenden verlieren die Grünen | |
Ein genauerer Blick auf einzelne progressiv-moderne Milieus zeigt am | |
Beispiel der Beliebtheit der Kanzlerkandidaten, wo die Ursachen für diese | |
Entwicklung liegen. Zufrieden können die Grünen im Milieu der | |
„Postmateriellen“ sein. Diese Menschen sind offen für Modernisierung und | |
stehen selbst ökonomisch gut da. Robert Habeck führt dort mit 66 Prozent, | |
wie das Sinus-Institut kürzlich ermittelt hat. [1][Olaf Scholz erreicht | |
noch 44 Prozent], Friedrich Merz hingegen gerade einmal 25 Prozent. | |
Auch unter „Neo-Ökologischen“ waren linke Parteien immer stark. Diese | |
Wähler sind sensibel für sozial-ökologische Fragen und befürworten die | |
gesellschaftliche Transformation. „Gleichzeitig sorgen sie sich zunehmend | |
um steigende Preise im Alltag oder die schwächelnde Wirtschaft“, erklärt | |
Tim Gensheimer. Was auffällt: Keiner der Kandidaten erreicht in diesem | |
Milieu eine Mehrheit. Habeck und Scholz liegen zwar vorne, kommen aber nur | |
jeweils auf 45 Prozent. | |
Dramatischer ist es bei den „Expeditiven“. Die Menschen in diesem Milieu | |
suchen, noch mehr als die „Postmateriellen“, nach größtmöglicher | |
Veränderung und besitzen dazu auch genügend ökonomische Ressourcen [wen | |
überrascht’s; [2][d. säzzer]]. Lagen die Grünen in diesem Milieu bei der | |
letzten Wahl noch vor allen anderen Parteien, sind Habeck und Merz nun fast | |
gleichauf an erster Stelle. Dieses Milieu scheint sich damit von einem | |
überwiegend grünen in ein mehrheitlich schwarz-grünes verwandelt zu haben. | |
Viele von den „Expeditiven“ bemängelten, dass die Politik zukünftige | |
Herausforderungen nicht ausreichend im Blick habe, sagt Gensheimer: „Sie | |
zeigen Pragmatismus und vermeiden ideologische Festlegungen.“ Deswegen gebe | |
es dort auch viele Wechselwähler. „Wenn die Partei, die man vorher gewählt | |
hat, aktuell kein gutes Angebot macht“, erklärt der Sozialforscher, „dann | |
wählt man eben nun eine andere Partei, und seit einigen Monaten sind dies | |
verstärkt CDU und CSU.“ So zuverlässig progressiv wie im „postmateriellen… | |
Milieu wählt man hier keineswegs. | |
## Die Linkspartei profitiert | |
Die Milieus der „Neo-Ökologischen“ und der „Expeditiven“ legten große… | |
auf Weltoffenheit, Diversität und Toleranz, sagt Tim Gensheimer. In Teilen | |
dieser Milieus könne die CDU aber „mit der ihr zugeschriebenen | |
Zukunftskompetenz, Wirtschaftsorientierung und ihrem Pragmatismus punkten“. | |
Selbst wenn also die Empörung über das Manöver von Union und AfD am Ende | |
doch noch Wähler zu SPD und Grünen zurückbringt: Die Bewegungen in diesen | |
Wählergruppen zeigen, wie schwer es für die beiden Parteien aktuell ist, | |
[3][ihre Milieus zusammenzuhalten]. So wenden sich die einen der Union zu, | |
andere wiederum sind enttäuscht, weil ihnen Robert Habecks Forderungen nach | |
einer restriktiveren Migrationspolitik zu weit gehen. Hiervon scheint | |
aktuell die Linkspartei zu profitieren, [4][deren Umfragewerte steigen]. | |
Das linke Lager als Ganzes stärkt das aber nicht. | |
20 Feb 2025 | |
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## AUTOREN | |
Michael Freckmann | |
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