| # taz.de -- Flucht im Zweiten Weltkrieg: Die Grenze und der Tod | |
| > Am 8. Mai jährt sich der Tag der Befreiung zum 77. Mal. Erinnern ist | |
| > Gedenken – die taz hat die tragische Flucht eines Ehepaares | |
| > rekonstruiert. | |
| Die Nacht bleibt trocken, das Thermometer bewegt sich um den Gefrierpunkt. | |
| Drei Tage nach Vollmond ist die Dunkelheit am Weihnachtsabend 1942 nicht | |
| ganz so undurchdringlich, als das Ehepaar Grüneberg den Personenzug an dem | |
| kleinen Bahnhof Grenzacher Horn an der deutsch-schweizerischen Grenze | |
| verlässt. Auf den Fahrkarten, die Alex und Friederike, genannt Frieda, | |
| gelöst haben, steht ein anderes Reiseziel als dieser Provinzbahnhof, denn | |
| das hätte sie verdächtig gemacht. | |
| In der Schweiz meldet die Neue Zürcher Zeitung für die Weihnachtstage | |
| Pulverschnee und laufende Lifte in Graubünden. Die Schweiz, dieses | |
| neutrale Land, ist auch das Ziel von Alex und Frieda Grüneberg. Aber nicht | |
| zum Skifahren. Das Ehepaar, das eigentlich in Berlin lebt, ist auf der | |
| Flucht vor den Nazis. Als Juden gelten sie im Großdeutschen Reich als | |
| vogelfrei. Eine Auswanderung ist schon im vorigen Jahr verboten worden, | |
| zugleich begannen die Deportationen von Jüdinnen und Juden in den deutsch | |
| besetzten Osten, nach Lodz, Riga oder Minsk. In den Tod. | |
| Alex und Frieda Grüneberg sind nicht mehr die Jüngsten. Der Ehemann zählt | |
| 71 Jahre, seine Frau ist 60 Jahre alt. Schwer bepackt mit Koffern und | |
| Taschen machen sie sich auf den Weg. Es geht entlang der viergleisigen | |
| Bahnlinie ein Stück der Strecke zurück, die sie am Vormittag schon einmal | |
| genommen haben. Ihr Zug war auf seinem Weg entlang des Rheins kurz im | |
| Transit in der Schweiz gewesen. Aber da durfte er nicht anhalten. Fenster | |
| und Türen mussten geschlossen bleiben. Vielleicht wachten SS-Männer über | |
| die Passagiere. | |
| All das erfährt man aus historischen Zeugnissen wie Briefen, | |
| Zeitungsartikeln, Protokollen. Fluchtgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg | |
| sind schwer zu rekonstruieren. Das Material zu einem Fall liegt selten an | |
| einem zentralen Ort und die Zeugen der Zeit sind inzwischen fast alle | |
| verstorben. Die taz hat mehrere Archive besucht und Hunderte Schriftstücke | |
| gesichtet. Dabei fand sich auch ein lange gesuchter Brief. | |
| Auch eine Landkarte von 1939 befindet sich unter dem Material. Auf ihr | |
| lässt sich der Grenzverlauf zwischen dem damaligen Deutschen Reich und der | |
| Schweiz nachvollziehen. In der Region um Basel macht die Grenze | |
| ungewöhnliche Verrenkungen. Östlich der Stadt markiert der Rhein den | |
| Grenzverlauf. Dann springt die Linie plötzlich über den Fluss, macht einen | |
| Bogen, bis sie südwestlich abbiegend wieder den Rhein erreicht. | |
| Weil in Deutschland aus der Gefangenschaft geflohene Zwangsarbeiter, | |
| Kriegsgefangene und Juden diese seltsame Beule zur Flucht vor dem | |
| Naziregime entdeckt haben, muss der Reichsarbeitsdienst im Frühsommer 1942 | |
| den Abschnitt mit Stacheldraht absperren, bis zu acht Meter breit und drei | |
| Meter hoch. | |
| Nur an zwei Stellen fehlt diese Sperre: an einem in der Schweiz gelegenen | |
| Waldstück, genannt „Eiserne Hand“. Und an dem Gelände der Eisenbahnlinie … | |
| Grenzacher Horn. Schließlich müssen die Züge weiterhin freie Durchfahrt | |
| haben. Doch nur etwa einhundert Meter von dieser Bahnlinie entfernt | |
| befindet sich, direkt am Rhein, eine Zollstation. Und deren Beamte gehen | |
| unregelmäßig auf Streife. | |
| Das Ehepaar Grüneberg kommt auf seinem Weg durch die Nacht gut voran. Züge | |
| dürften um diese Uhrzeit kaum mehr unterwegs gewesen sein. Die Gegend ist | |
| unbebaut und kein Zöllner lässt sich blicken. Gegen 22.10 Uhr, so geht es | |
| aus einem Schweizer Protokoll hervor, passieren sie auf dem Bahndamm den | |
| deutsch-schweizerischen Grenzstein. Sie sind in Sicherheit. Aber dann | |
| entdeckt Frieda, dass sie unterwegs eine Tasche verloren hat. Es ist die | |
| mit dem verborgenen Bargeld und den Ausweisen. Sie läuft etwa zehn Schritte | |
| zurück, um diese Tasche aufzuklauben, obwohl ihr Mann sie noch darum | |
| bittet, dies nicht zu tun. Da tritt ihr in der Dunkelheit der deutsche | |
| Zollbeamte Karl Wolowski entgegen. Und hält Friederike Grüneberg fest. | |
| Achtzig Jahre später, an einem sonnigen Frühlingstag Ende März 2022, läuft | |
| Horst Hallmann, Jahrgang 1935, mit dem taz-Reporter denselben Weg wie | |
| damals die Grünebergs. Der schmale Mann wächst als Kind eines Zöllners am | |
| Grenzacher Horn auf, doch der Vater ist 1942 längst zur Wehrmacht | |
| eingezogen. Die Mutter, Horst und sein Bruder leben in einer Wohnung des | |
| Zolls, nur wenige Schritte von der Grenze entfernt. Wie die anderen | |
| Familien auch, pflanzt man einen Gemüsegarten hinter dem Haus. | |
| Die Grenze war hier nur durch einen einfachen Zaun ohne Stacheldraht | |
| markiert, erinnert sich Hallmann. Die Grenzstation war geschlossen, die | |
| Straße durch Panzersperren blockiert. Ja, er habe die Fluchten damals | |
| mitbekommen: „Aber ich habe selbst nichts gesehen. Man hat nicht darüber | |
| geredet.“ Der Bahnhof Grenzacher Horn, wo die Grünebergs damals | |
| ausgestiegen sind, ist seit über 40 Jahren außer Betrieb. Nur ein | |
| Bahnwärterhäuschen erinnert noch an die ehemalige Station. Es liegen auch | |
| nur noch zwei Gleise hier, nicht mehr vier. | |
| Entlang der Bahnlinie ist rechts ein schmuckes Neubauviertel entstanden, | |
| dahinter, am Rande eines Friedhofs, liegt schon die Schweiz. Ein | |
| Trampelpfad biegt links zu den Gleisen ab. Dort steht ein historischer | |
| Stein mit der Nummer 149. Er markiert den Ort, wo die Grenze einen | |
| 90-Grad-Winkel einschlägt und quer über die Bahnlinie verläuft. Hier müssen | |
| Alex und Frieda Grüneberg damals die rettende Schweiz erreicht haben. Hier | |
| wartete der Zollbeamte Karl Wolowski, als Frieda ihre Tasche aufheben | |
| wollte. | |
| Auf der anderen Seite der Gleise liegen ein aufgegebener Tennisplatz und | |
| verwilderte Gärten, durch Maschendrahtzäune nur mäßig abgesperrt. Hier | |
| befanden sich die Gemüsebeete von Hallmanns Familie. Und hier, ganz nahe an | |
| den Gleisen und der Grenze, lag auch das Hühnerhaus von Xaver Beck. Horst | |
| Hallmann kann sich noch gut an den Zollsekretär erinnern: „Etwa 1,75 Meter | |
| groß, ein ganz normaler Bürger.“ Vor dem Mehrfamilienhaus der Zöllner | |
| bleibt Hallmann stehen und weist auf einige Fenster hin: „Die Wohnung da, | |
| da lebte der Beck.“ Was Hallmann damals nicht wusste: Dieser Xaver Beck | |
| zählte zu den Fluchthelfern von Alex und Frieda Grüneberg. | |
| Beck war nicht der einzige, der dem Ehepaar zur Flucht durch das | |
| Schlupfloch verhalf. Ein sich von Berlin über das baden-württembergische | |
| Weil am Rhein bis zum Grenzacher Horn erstreckendes Netzwerk war daran | |
| beteiligt, insgesamt mindestens sechs Personen. Drei von ihnen leben 1942 | |
| wie die Grünebergs in Berlin: Margit Pieper-Stückelberger, eine | |
| Schweizerin, verheiratet mit dem Deutschen Kurt Pieper, und ihre Bekannte | |
| Else Kluck, eine Arzthelferin, die Berliner Juden mit Lebensmitteln | |
| versorgt. | |
| Auch in dem Freundeskreis der Eheleute Pieper sind viele Juden. Irgendwann | |
| drängt Else Kluck das Paar, Verfolgten bei der Flucht in die Schweiz zu | |
| helfen, und sie willigen ein. Pieper-Stückelberger erinnert sich an ihre | |
| Freundin Adelheid Suger in Weil am Rhein, die ein Glied in der Kette der | |
| Fluchthelfer sein könnte. Bald darauf besucht Suger das Ehepaar Pieper in | |
| der Reichshauptstadt. Auch sie stimmt zu, Jüdinnen und Juden aus dem Reich | |
| in die Schweiz zu schleusen. | |
| ## Frieda verliert die Tasche mit Bargeld und Ausweisen | |
| Zurückgekehrt nach Weil weiht Adelheid Suger ihre Nachbarin Luzia Schaub | |
| ein. Diese wiederum kontaktiert ihren Vetter: den NSDAP-Propagandaleiter | |
| von Grenzach und Zollsekretär Xaver Beck. Der Mann mit dem Hühnerhaus an | |
| der Grenze, der genau weiß, wann und wo sich die Grenzpatrouillen | |
| aufmachen. Warum ausgerechnet ein kleiner NSDAP-Funktionär sich der | |
| Helferkette anschließt, lässt sich nicht genau rekonstruieren. | |
| Bereits am 23. November 1942 erreichen mit ihrer Hilfe eine Jüdin und ihre | |
| Tochter ohne Zwischenfälle die Schweiz. Weitere folgen. Zu Weihnachten soll | |
| das Ehepaar Grüneberg gerettet werden. | |
| In ihren Lebenserinnerungen schreibt Margit Pieper-Stückelberger über diese | |
| Zeit und ihre Furcht, bei der Gestapo, der sie ohnehin schon als verdächtig | |
| gilt, aufzufliegen. „Heller Tag und dunkle Nacht“ ist der Titel des | |
| Schriftstücks. Es sind eng beschriebene maschinenschriftliche Blätter, | |
| gebunden in einem blauen Pappordner. Sie berichtet, wie sie von ihrer | |
| Bekannten Else Kluck immer wieder bedrängt wird. Sie „flehte, nur noch | |
| einem älteren Ehepaar zu helfen, gewiss zum letzten Mal, sie hätte alles | |
| schon eingeleitet“. Irgendwann lässt Kluck von dem Ehepaar ab und findet | |
| eine andere Lösung. „Wir fühlten uns befreit und atmeten auf.“ | |
| Wer waren die flüchtenden Frieda und Alex Grüneberg? Frieda wird 1882 als | |
| Friederike Nassau in Essen geboren. Ihre Familie ist offenbar im | |
| Bekleidungsgewerbe engagiert, zumindest betreibt ein Bruder von Frieda eine | |
| Agentur für Damenkonfektion. 1904 heiratet sie Alex Grüneberg, so steht es | |
| in der Heiratsurkunde im Stadtarchiv Essen. Die 21-Jährige ist dem Dokument | |
| zufolge „ohne Beruf“, was den damaligen Gepflogenheiten entspricht. | |
| Das Paar bekommt erst eine Tochter und später einen Sohn. Die Familie lebt | |
| in Köln. Dort betreibt der 1871 in Westfalen geborene Alex Grüneberg | |
| zusammen mit einem Kompagnon unter dem Namen „Löwenstein und Grüneberg“ | |
| ebenfalls ein angesehenes Geschäft für Damenkonfektion. Alex Grüneberg, so | |
| erinnerte sich eine frühere Angestellte, sei ein ruhig auftretender Mann | |
| gewesen. | |
| 1929 gibt Alex Grüneberg seine selbstständige Existenz auf. Das Haus für | |
| Damenkonfektion wird vermietet und der 58-Jährige übernimmt den Posten des | |
| Zentraleinkäufers bei einem Textilkonzern. Grüneberg erhält ein für die | |
| damaligen Verhältnisse sehr hohes Gehalt, 45.000 Mark im Jahr plus Spesen. | |
| Noch im gleichen Jahr zieht das Paar nach Berlin. | |
| Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt der unaufhaltsame | |
| Abstieg der Familie. Schon Ende 1933 wird Grüneberg aus seiner Stellung | |
| gedrängt, die Firma bald darauf „arisiert“. Zweimal müssen Alex und Frieda | |
| in Berlin die Wohnung wechseln, und das nicht zu ihrem Vorteil. | |
| Aus einer herrschaftlichen Sechszimmerwohnung mit Konzertflügel, | |
| Mahagonischlafzimmer und Gemälden von Liebermann und Lesser Ury verkleinern | |
| sie sich auf Dreieinhalbzimmer. Um 1941 wird das Paar gezwungen, dort einen | |
| jüdischen Untermieter aufzunehmen. Die von den Nazis erhobene | |
| „Judenvermögensabgabe“ frisst Teile ihrer Ersparnisse auf. | |
| Alex trägt nun den Zwangsnamen „Israel“, Frieda die Bezeichnung „Sara“. | |
| Beide müssen den „Judenstern“ tragen, wenn sie ihre Wohnung verlassen. Ihre | |
| Lebensmittelkarten sind mit einem großen „J“ gestempelt und für viele War… | |
| ungültig, ihr verbliebenes Vermögen wird eingefroren. Ihrer Tochter gelingt | |
| noch 1938 die Auswanderung nach Palästina. Der Sohn kann sich kurz vor | |
| Kriegsbeginn 1939 nach England absetzen. | |
| Alex und Frieda bleiben. In den Jahren darauf formiert sich der Kreis der | |
| Berliner Fluchthelfer. Im Zentrum steht die Zahnarztpraxis von Hans Levy, | |
| der als „Zahnbehandler“ nur noch Juden und Ausländer empfangen darf. Die | |
| Grünebergs sind Patienten bei Levy und mit ihm befreundet. Über ihn lernen | |
| sie den jüdischen Facharzt Dr. Bruno Peiser kennen, der ebenfalls Patient | |
| von Levy ist. Durch seine Ehe mit einer „Arierin“ ist dieser halbwegs vor | |
| Deportationen geschützt. Zu Levys Freundeskreis gehört außerdem das | |
| deutsch-schweizerische Ehepaar Pieper-Stückelberger. Und in seiner Praxis | |
| arbeitet die 46-jährige Arzthelferin Else Kluck. | |
| Im August 1942 begeht der Zahnarzt Hans Levy aus Verzweiflung Suizid. Alle | |
| seine Auswanderungspläne haben sich zerschlagen, und seine fast 75-jährige | |
| Mutter ist soeben deportiert worden. Bald darauf bittet sein Patient und | |
| Freund, der Facharzt Peiser, die Zahnarzthelferin Else Kluck darum, die | |
| Flucht der Grünebergs zu organisieren. Kluck wiederum wendet sich an das | |
| Ehepaar Pieper woraufhin dieses ihre Freundin Adelheid Suger in Weil am | |
| Rhein kontaktiert. Offenbar gelingt es Kluck, in Berlin gefälschte | |
| Postausweise für die Grünebergs zu besorgen. | |
| Am 16. Dezember 1942, so schreibt es Alex Grüneberg nach dem Krieg, fahren | |
| Frieda und er mit dem Zug von Berlin zu Adelheid Suger nach Weil am Rhein. | |
| Das ist gefährlich, denn Reisen mit der Eisenbahn sind Jüdinnen und Juden | |
| streng verboten. Den „Judenstern“, dieses Abzeichen der Ausgrenzung und | |
| Verfolgung, werden die beiden mit Sicherheit abgenommen haben. | |
| Für fünf Tage kommt das Ehepaar bei Adelheid Suger unter. Die ebenfalls | |
| involvierte Nachbarin Luzia Schaub stattet das Ehepaar mit einer | |
| Kartenskizze zum Grenzverlauf aus, auch ihr Vetter an der Grenze, der | |
| Zollsekretär Xaver Beck, dürfte eingeweiht gewesen sein. | |
| Am 24. Dezember besteigen die Grünebergs in Weil einen Zug. Er bringt sie | |
| zunächst nach Säckingen. Ein Ort, der etwa 30 Kilometer vom Grenzacher Horn | |
| entfernt liegt, dem Bahnhof an dem das Ehepaar die deutsch-schweizerische | |
| Grenze übertreten will. So hoffen sie, kein Aufsehen zu erregen. Von | |
| Säckingen aus geht es auf der gleichen Bahnstrecke etappenweise wieder | |
| zurück zum Grenzacher Horn. | |
| Was waren das für mutige Menschen, die damals den vom Tode Bedrohten zur | |
| Flucht verhalfen? Warum nahmen sie das Risiko auf sich? Fragen, die auch | |
| Siegfried Schätzle umtreiben. Der pensionierte Ingenieur hat einen | |
| besonderen Grund dafür: Luzia Schaub, die Nachbarin von Adelheid Suger in | |
| Weil am Rhein, geboren 1903, war seine Großtante. | |
| Schätzle hat seine Großtante noch gekannt. „Sie hat einen ans Herz | |
| gedrückt“, erinnert er sich. Aber über ihre Fluchthilfe hat Luzia Schaub | |
| niemals gesprochen. Wie es halt so war in den 1960er Jahren, als man die | |
| Vergangenheit ruhen lassen wollte. Als Schätzle vor ein paar Jahren von | |
| ihren gefährlichen Rettungsaktionen erfuhr, ist er ins Staatsarchiv nach | |
| Freiburg gefahren und hat dort in die Akten geschaut. | |
| Luzia, eigentlich Luitgard, war mit einem Lokomotivführer verheiratet, der | |
| erst 1942 nach Weil am Rhein versetzt worden war. Deshalb bezweifelt | |
| Schätzle, dass sie über allzu große Ortskenntnisse verfügte. Auch kann sie | |
| ihre Nachbarin Adelheid Suger erst seit wenigen Monaten gekannt haben. Eine | |
| Tante von Luzia Schaub allerdings hatte als Hausangestellte bei Berliner | |
| Juden gearbeitet. Rührte daher ihre Unterstützung? „Luzia war immer | |
| hilfsbereit. Sie hat nie schlecht über andere Menschen gesprochen“, | |
| erinnert sich Schätzle. Aber er sagt auch: „Ich kenne ihre Motive nicht.“ | |
| Es gibt Hinweise, dass sich zumindest ein Teil der Helfer ab Januar 1943 | |
| ihre Schleusungen teuer bezahlen ließ. Die Rede ist von 6.000 Mark für | |
| jeden Flüchtenden. Es ist wahrscheinlich, dass Xaver Beck, der | |
| Zollsektretär und Vetter von Luzia Schaub, Geld nahm, denn nach dem Krieg | |
| fand man bei ihm 15.000 Mark. Ob dies auch für Luzia Schaub selbst gilt, | |
| ist ungewiss. | |
| Ihre Rettungsaktionen sind dennoch über jeden Zweifel erhaben. Am 24. | |
| Januar 1948 schreibt eine der in die Schweiz Entkommenen an Eides statt: | |
| „Am 12. September 1943 flüchtete ich illegal in die Schweiz, weil ich durch | |
| die Gestapo bedroht war. Zu meiner Flucht verhalfen mir Frau Luzia Schaub, | |
| wohnhaft in Weil am Rhein und der Zollbeamte Xaver Beck, wohnhaft in | |
| Grenzach-Horn. Ich möchte besonders erwähnen, dass diese Tat aus rein | |
| menschlichen Gefühlen geschah.“ | |
| Die Zeugin führt sieben weitere Personen auf, die sich dank der Hilfe der | |
| beiden retten konnten – Berliner Jüdinnen und Juden, so wie die Grünebergs. | |
| Die Berliner Gedenkstätte Stille Helden kommt auf insgesamt 15 Menschen, | |
| die dank Adelheid Suger, Luzia Schaub und Xaver Beck in die Schweiz | |
| entkommen konnten. | |
| Aber was geschah mit Frieda Grüneberg, nachdem sie an Heiligabend 1942 von | |
| dem Zollbeamten Karl Wolowski festgenommen worden war? | |
| Einen Tag nach dem missglückten Grenzübertritt, am 25. Dezember 1942, gibt | |
| Wolowski zu Protokoll, Friederike Grüneberg habe ihn angefleht, sie zu | |
| ihrem Mann zu lassen, der sich wenige Meter entfernt auf Schweizer Gebiet | |
| befand. Und weiter: „Als ich ihre Bitte ablehnte, hörte ich ebenfalls von | |
| Schweizer Seite her eine männliche Stimme, die mir zurief, Herr | |
| Wachtmeister, lassen Sie doch um Gottes Willen meine Frau zu mir.“ Wolowski | |
| reagiert nicht auf diese Bitten. Gemeinsam mit einem Kollegen bringt er | |
| Frieda Grüneberg zur Zollstation. | |
| Die deutsche Akte deckt sich mit einem Papier der Schweizer Polizei vom | |
| selben Tag. Unter „Betrifft: jüdischer Flüchtling“ heißt es in dem | |
| Protokoll, das die illegale Einreise von Alex Grüneberg vermeldet: „Als | |
| sich die Frau auf Schweizerboden befand, bemerkte sie den Verlust der | |
| Tasche und kehrte wieder um, um die verlorene Tasche auf deutschem Boden zu | |
| holen. Als sie auf deutschen Boden zurücktrat, wurde sie von deutschen | |
| Beamten angehalten.“ | |
| Friederike Grüneberg wird auf der Zollstation körperlich durchsucht und | |
| anschließend scharf vernommen. Man findet bei ihr geringe Mengen an | |
| Devisen, verschiedene, offenbar gefälschte Ausweispapiere, darunter | |
| Postausweise, und eine zerrissene Kartenskizze. | |
| Dem Vernehmungsprotokoll zufolge gibt Grüneberg an, mit dem Zug von Berlin | |
| nach Freiburg und dann abschnittsweise weiter Richtung Weil gefahren zu | |
| sein. Die Orte der Unterkünfte und ihre Gastgeber seien ihr nicht bekannt | |
| gewesen, ebenso wenig wie die Adressen. Protokollant Wolowski notiert am | |
| Schluss: „Frau Grüneberg hat die Unterschrift des Protokolls verweigert mit | |
| der Begründung, sie lasse sich lieber totschießen.“ | |
| Um 2.30 Uhr am Morgen des 25. Dezembers 1942 ist die Vernehmung beendet. | |
| Grüneberg wird in eine Zelle gesperrt. | |
| Die Leibesvisitation, so erinnert sich der damals siebenjährige Horst | |
| Hallmann aus der Zöllnerfamilie am Grenzacher Horn, sei von einer Putzfrau | |
| durchgeführt worden, die damals ihre Nachbarin gewesen sei. Das Zimmer, in | |
| das Friederike Grüneberg anschließend eingesperrt wurde, sei keine | |
| Arrestzelle gewesen, sondern ein Umkleideraum. | |
| Noch in derselben Nacht begeht Frieda Grüneberg in der Haft Suizid. Im | |
| deutschen Polizeibericht heißt es: „Am 25. Dezember 1942, um 5 Uhr, wurde | |
| die verheiratete Jüdin Friederike Sara Grüneberg, geb. Nassau, im | |
| Untersuchungsraum des Zollamtes Grenzacher-Horn erhängt aufgefunden.“ Sie | |
| habe dazu zusammengeknüpfte Taschentücher verwendet. Ein hinzugezogener | |
| Arzt habe den Tod bestätigt. | |
| In Entschädigungsakten aus den 1950er Jahren findet sich Ende April 2020 | |
| Grünebergs Abschiedsbrief. Darin schreibt Frieda: „Ich konnte dieses | |
| schmachvolle Leben nicht mehr ertragen und habe vorgezogen, ein | |
| freiwilliges Ende zu bereiten. Ich hatte nur den einen Wunsch meinen Mann | |
| u. Kinder wieder zu sehen. Das ist mir versagt worden. Mein letzter Wunsch | |
| ist darum meinen Mann in Kenntnis zu setzen. Flüchtlingslager in der | |
| Schweiz.“ | |
| Gut drei Jahre später, im Januar 1946, erklärt der Witwer Alex Grüneberg | |
| gegenüber den französischen Besatzungsbehörden in Deutschland, dass sich im | |
| Boden der verlorenen Tasche rund 8.000 Mark befunden hätten. Dieses Geld | |
| bleibt verschwunden. Man kann nur spekulieren, dass es der Zollbeamte Karl | |
| Wolowski eingesteckt hat. | |
| Am Morgen des 26. Dezember 1942 klingelt es an der Wohnungstür des Ehepaars | |
| Pieper in Berlin. Es ist Adelheid Suger, die Helferin aus Weil am Rhein. | |
| Sie ist die Nacht durchgefahren, um die Nachricht über die missglückte | |
| Flucht zu überbringen. In Margit Piepers Aufzeichnungen ist die Begegnung | |
| mit Suger beschrieben: „‚Was um Himmels Willen ist geschehen?‘, fragte ich | |
| stockend. Wir befürchteten, alles sei entdeckt. Sie sank zunächst auf einen | |
| Stuhl, und als sie sich etwas erholt hatte, erzählte sie: ‚Es ist etwas | |
| Furchtbares geschehen mit dem alten Paar und ich komme, Sie zu warnen, weil | |
| ich Ihnen nicht alles schreiben konnte.‘“ | |
| Piepers Erinnerungen über Sugers anschließenden Bericht decken sich bis auf | |
| wenige Details mit dem, was in den deutschen Polizeiakten und in einem | |
| späteren Bericht des entkommenen Ehemanns Alex Grüneberg steht. | |
| Die Furcht vor einer Entdeckung des Helferkreises durch die Gestapo ist | |
| begründet. Aber es geschieht nichts. Frieda Grüneberg hat in den letzten | |
| Stunden ihres Lebens dichtgehalten. Dem Ehepaar Pieper gelingt es im | |
| folgenden Jahr, legal und ohne Vorkommnisse in die Schweiz zu reisen. Sie | |
| kommen nicht mehr nach Nazi-Deutschland zurück. | |
| Einige Monate später, am 20. März 1943, lässt der Oberfinanzpräsident die | |
| Berliner Wohnung von den Grünebergs räumen. Die Möbel werden auf einen Wert | |
| von 245 Mark geschätzt und versteigert, ihr gesamtes Vermögen vom Deutschen | |
| Reich eingezogen. Der Oberfinanzpräsident übernimmt die ausstehenden | |
| Mietzahlungen und begleicht die Restschulden des Ehepaars in Höhe von 23,04 | |
| Mark für Strom. Die Gestapo stellt fest, dass Alex Grüneberg „flüchtig“ | |
| sei. | |
| Die Flucht von Frieda jedoch ist gescheitert. Aber nicht wegen einer Tasche | |
| mit 8.000 Mark. Sondern aufgrund der Entscheidung der Nazis, alle Jüdinnen | |
| und Juden im Deutschen Reich bürokratisch geregelt und registriert in | |
| Osteuropa zu ermorden. Hätte Frieda Grüneberg sich nicht selbst getötet, so | |
| wäre sie mit Sicherheit aus der Haft direkt in ein deutsches | |
| Vernichtungslager verbracht worden. Es existieren genügend Beispiele dafür, | |
| dass dies bei anderen gescheiterten Fluchtversuchen so geschehen ist. | |
| Nach dem Tod von Frieda Grüneberg bleiben die Helfer dank ihres Schweigens | |
| über den Helferkreis zunächst unbehelligt. Erst knapp anderthalb Jahre | |
| später, im Sommer 1944, schnappt die Gestapo doch noch zu. Ein Flüchtender | |
| ist festgenommen worden und sagt aus. Am 7. Juli werden Luzia Schaub und | |
| ihr Ehemann festgenommen, drei Tage später trifft es Adelheid Suger und | |
| Xaver Beck. Die Verhaftungswelle betrifft auch zwei Berliner | |
| Kontaktpersonen. | |
| Im Herbst 1944 zieht der Volksgerichtshof das Verfahren an sich. Ermittelt | |
| wird wegen „Feindbegünstigung“. Darauf steht die Todesstrafe. Die | |
| Beschuldigten aus Baden warten verstreut in drei Gefängnissen auf den | |
| Beginn ihres Prozesses, der sie das Leben kosten kann. | |
| Doch dazu kommt es nicht mehr. Mit der Besetzung Deutschlands ist auch die | |
| Haft der Retter beendet. Für sie ist es wortwörtlich eine Befreiung. Alex | |
| Grüneberg wandert 1945 zu seinem Sohn ins englische Leeds aus. Er stirbt | |
| 1947. Es beginnen zähe Verhandlungen zwischen den Kindern der Grünebergs | |
| und deutschen Behörden um eine Entschädigung. Bis diese abgeschlossen | |
| werden können, vergehen fast 20 Jahre. | |
| Auch das Gedenken an die Flucht der Grünebergs hat erst nach Jahrzehnten | |
| wirklich Form angenommen. Etwa drei Kilometer vom Grenzstein Nummer 149 | |
| entfernt, dort wo an Weihnachten 1942 die Flucht von Frieda Grüneberg | |
| scheiterte, befindet sich ein Friedhof. Dort steht auf einer Anhöhe an | |
| einer kleinen Mauer ein Stein ohne Grab, der lange Rätsel aufgab. | |
| Der Rentner Siegfried Schätzle wohnt heute nur ein paar Straßen weiter. Er | |
| war es, dem dieser Stein bei den Recherchen über seine Großtante Luzia | |
| Schaub als erstem auffiel. Dabei muss er hier schon länger stehen, | |
| vermutlich seit den 1950er Jahren. Doch Unterlagen darüber, wer ihn in | |
| welchem Auftrag gesetzt hat, sind nicht mehr aufzufinden. Was Schätzle | |
| allerdings findet, ist ein in Grenzach ausgestellter Totenschein auf | |
| Friederike Grüneberg. | |
| Der nahezu schmucklose Stein trägt die Inschrift „Unserer lieben Mutter | |
| Frieda Grünberg 1880–1942“. Dem Text nach müssen ihre Kinder die | |
| Auftraggeber gewesen sein. Jedoch weist die Inschrift Fehler auf, denn die | |
| Verstorbene wurde 1882 geboren und im Nachnamen fehlt ein „e“. Allerdings | |
| taucht dieser Fehler schon in den Entschädigungsunterlagen auf. Das | |
| wiederum könnte damit zusammenhängen, dass der nach England ausgewanderte | |
| Sohn seinen Nachnamen tatsächlich in „Gruenberg“ geändert hatte. | |
| Jahrzehntelang hat kein Hinweis die Besucher des Friedhofs über den | |
| Gedenkstein für Frieda Grüneberg aufgeklärt. Jetzt ist es anders. Denn nach | |
| Schätzles Recherchen hat der Verein für Heimatgeschichte der Gemeinde eine | |
| kleine Tafel neben dem Stein aufgestellt. Auf ihr steht, was in der | |
| Weihnacht von 1942 am Grenzacher Horn geschah. | |
| Nein, das war keine Tragödie. Es war der willentlich durch einen | |
| Terrorstaat provozierte Tod einer Frau, die keinen Ausweg mehr wusste. Und | |
| diese Ausweglosigkeit war das Ergebnis streng bewachter und geschlossener | |
| Grenzen. | |
| Bei dem Spaziergang im Frühjahr 2022 entlang der Bahnlinie sind wir ein | |
| paar Mal über die grüne Grenze in die Schweiz gelaufen. Kontrollen gab es | |
| nicht. An der Zollstation „Grenzacher Horn“ fahren die Auto- und Radfahrer | |
| durch. Es ist nicht so, dass sie durchgewunken werden. Es ist überhaupt | |
| niemand da, der winken könnte. | |
| 8 May 2022 | |
| ## AUTOREN | |
| Klaus Hillenbrand | |
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