| # taz.de -- Politologin über Frauen und Klimawandel: „Keineswegs geschlechts… | |
| > Frauen tragen statistisch gesehen weniger zur Klimakrise bei als Männer. | |
| > Von den Folgen sind sie aber teilweise stärker betroffen. | |
| Bild: Eine Frau kocht auf einem Boot während des Hochwassers in Bangladesch 20… | |
| taz: Frau Hummel, steckt das Patriarchat auch im [1][Klimawandel]? | |
| Diana Hummel: Unsere Forschung hat gezeigt, dass der Klimawandel keineswegs | |
| geschlechtsneutral ist. Sicherlich sind alle Menschen vom Klimawandel | |
| betroffen und auch von den Maßnahmen, die ihn bekämpfen sollen. Aber in | |
| beiden Facetten wirken sich auch Geschlechterverhältnisse aus. | |
| Männer haben zum Beispiel statistisch gesehen einen höheren CO2-Fußabdruck | |
| als Frauen. Liegt das an individuellen Entscheidungen? | |
| Nur teilweise, wie bei der Ernährung. Männer essen statistisch gesehen mehr | |
| Fleisch. Aber oft geht es um strukturelle Fragen, um geschlechtsspezifische | |
| Rollenzuschreibungen und um Machtgefälle. | |
| Zum Beispiel bei der Mobilität: Frauen übernehmen immer noch einen Großteil | |
| der Care-Arbeit, das zeigt sich auch in ihrem Mobilitätsverhalten. Sie | |
| erledigen den Einkauf, begleiten Kinder zur Kita oder Kranke zum Arzt. | |
| Dabei geht es oft um kürzere, wenn auch vielzählige Strecken, für die es | |
| sich anbieten kann, zu Fuß zu gehen, das Rad zu nehmen oder die eine | |
| Station Bus zu fahren. Frauen fahren weniger Auto als Männer. | |
| In Deutschland sind nur 34,2 Prozent der Autos auf Frauen zugelassen. | |
| Männer haben im Schnitt auch größere Autos, nutzen sie häufiger und für | |
| weitere Strecken. Ihr Mobilitätsverhalten orientiert sich stärker an der | |
| Erwerbsarbeit. Das gleicht sich allerdings langsam an – Frauen im mittleren | |
| Alter fahren häufiger Auto als früher, junge Männer dafür weniger. | |
| In vielen Bereichen gibt es aber eben noch deutliche Unterschiede. Zum | |
| Beispiel in der Erwerbsökonomie, etwa beim Gender Pay Gap, also | |
| geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden. Auch sind Rentnerinnen und | |
| Alleinerziehende überdurchschnittlich von prekären Einkommensverhältnissen | |
| betroffen. | |
| Einkommen ist ja [2][der beste Indikator für den CO2-Fußabdruck]: Wer viel | |
| Geld hat, lebt durch Reisen und eine große Wohnfläche meist CO2-intensiv, | |
| selbst wenn Wissen und politische Einstellung dagegensprechen. Arme | |
| Menschen können sich das schlicht nicht leisten. | |
| Und zu denen gehören Frauen häufiger. Diese strukturellen Unterschiede und | |
| sozio-ökonomischen Ungleichheiten spielen auch bei der Betroffenheit vom | |
| Klimawandel eine Rolle. | |
| Frauen sind [3][stärker betroffen] als Männer? | |
| Es gibt sehr interessante Studien zu Hitzewellen, die ja in Deutschland mit | |
| dem Klimawandel ziemlich sicher zunehmen werden. Die zeigen, dass die | |
| Sterberate bei solchen Ereignissen bei Frauen höher liegt als bei Männern. | |
| Da wird als Grund oft pauschal genannt, dass Frauen eine größere | |
| Lebenserwartung haben. | |
| Also einfach durch ihr hohes Alter anfälliger sind? | |
| Weil der Anteil von Frauen in den höheren Altersgruppen dadurch größer ist. | |
| Aber die Forschung zeigt, dass es nicht so einfach ist und soziale Faktoren | |
| hinzukommen, etwa die ungleiche Zuschreibung von Verantwortung im Bereich | |
| der Care-Arbeit. | |
| Eine Studie aus den USA hat zum Beispiel ergeben, dass dort Männer bei | |
| Hitzewellen viel häufiger ins Krankenhaus eingewiesen wurden als Frauen. | |
| Das deutet darauf hin, dass sie eine bessere Versorgung durch Angehörige | |
| erfahren und dass für Frauen im Alter oder Krankheitsfall diese | |
| Unterstützung häufig nicht gesichert ist. | |
| Schließt sich da der Kreis? In heterosexuellen Partnerschaften rufen die | |
| sorgeerfahrenen Frauen für die Männer eher den Krankenwagen als | |
| andersherum? | |
| Ganz genau. Deshalb ist es wichtig, dass Hitzeaktionspläne auch soziale | |
| Faktoren berücksichtigen wie die häusliche Situation der Menschen. | |
| Ist das ein weltweites Phänomen? | |
| Durchaus. Um ein weiteres konkretes Beispiel zu nennen: In einem unserer | |
| Projekte untersuchen wir Genderaspekte von Flutereignissen in Bangladesch. | |
| Dort zeigt sich, dass Frauen und Mädchen seltener schwimmen lernen. Oder | |
| sie tragen durch kulturelle Faktoren Kleidung, die ihre Mobilität | |
| einschränkt. Hinzu kommen Normen, nach denen Frauen teilweise das Haus | |
| nicht ohne männliche Begleitung verlassen dürfen. | |
| Das alles macht die Flucht vor Fluten schwieriger. | |
| Zu beachten ist – und dies gilt sowohl für den Globalen Norden als auch den | |
| Globalen Süden – dass Frauen und Männer keine homogenen Gruppen sind. Neben | |
| Geschlecht sind auch weitere Faktoren sozialer Ungleichheit zu betrachten, | |
| wie Alter, Einkommen oder die körperliche Verfasstheit. | |
| In der Präambel des Paris-Abkommens steht, dass Klimaschutz Gender-Aspekte | |
| berücksichtigen sollte. | |
| Das war ein großer Erfolg, denn es ist völkerrechtlich verbindlich. Auf | |
| internationaler Ebene war das Thema relativ früh präsent, die | |
| Klimarahmenkonvention hat es 2001 zum ersten Mal aufgegriffen. Mittlerweile | |
| gibt es einen Gender-Aktionsplan, der die Beteiligung von Frauen in | |
| klimapolitischen Entscheidungsprozessen adressiert, aber auch die | |
| gendersensible Umsetzung von Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel. | |
| Und in Deutschland? | |
| Im Umweltbundesamt, das uns schon mit einem Forschungsprojekt zu dem Thema | |
| beauftragt hat, und bei Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) gibt es | |
| ein Bewusstsein und Interesse am Thema Geschlechtergerechtigkeit. Dass | |
| Klimapolitik auch soziale Ziele und damit Gleichstellung berücksichtigen | |
| muss, wird mehr und mehr anerkannt. | |
| Aber die Praxis lässt zu wünschen übrig? | |
| Im [4][Klimaschutzgesetz] zum Beispiel hätte das Thema vorkommen müssen, um | |
| eine stärkere Verbindlichkeit zu schaffen. Unsere Forschung zeigt, dass | |
| ganz neue Lösungsansätze zutage treten, wenn man die Zusammenhänge von | |
| Gender und Klima berücksichtigt. Die Problemsicht wird differenzierter. Das | |
| ermöglicht, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Damit kann Klimapolitik | |
| nicht nur gerechter, sondern auch wirksamer werden. | |
| 8 Mar 2021 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262 | |
| [2] https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentative-erhebung-von-p… | |
| [3] /Studie-zur-Erderwaermung/!5660937 | |
| [4] /Bundesregierung-in-der-Kritik/!5631517 | |
| ## AUTOREN | |
| Susanne Schwarz | |
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