| # taz.de -- NS-Pläne zur Umgestaltung Berlins: Die ungebaute Stadt | |
| > Krieg und Kapitulation verhinderten den Bau von Albert Speers | |
| > Reichshauptstadt Germania, doch die Wunden im Stadtbild blieben. Eine | |
| > Spurensuche. | |
| Bild: Nur ein Gebäude im Alsenviertel übersteht Abriss und Fliegerbomben: die… | |
| Soll man diese Geschichte des Größenwahns und was von ihm blieb vom Ende | |
| her erzählen? Von der Befreiung durch die Rote Armee am 23. April 1945? | |
| Die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des Lagers 75/76 in | |
| Berlin-Schöneweide haben den Tag herbeigesehnt, erzählt Susanne Müller. | |
| „Sie saßen im Luftschutzkeller und hofften, dass sie nicht getroffen | |
| werden. Gleichzeitig wussten sie, dass jede Bombe das Ende des Krieges | |
| näher bringt.“ | |
| Als es dann so weit war, war das Leid der Männer und Frauen aus der | |
| Ukraine, aus Polen, Russland oder Italien nicht zu Ende. Müller erzählt von | |
| Ugo Brilli, einem italienischen Zwangsarbeiter aus der Toskana. Der | |
| berichtete, wie er auf der Suche nach Essbarem in den Kellern der | |
| umgebenden Mietskasernen von einem Bewohner bedroht wurde. „Wenn wir die | |
| Sachen nicht dagelassen hätten“, schrieb Brilli in seinen Erinnerungen, | |
| „ich denke, er hätte uns kaltgemacht“. | |
| Susanne Müller führt an diesem kalten Novembermorgen eine Seminargruppe des | |
| Vereins [1][Berliner Unterwelten] über das Gelände des ehemaligen Lagers, | |
| in dem sich heute das [2][Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit] befindet. | |
| „Die Insassen durften sich nach der Befreiung frei bewegen“, sagt Müller. | |
| „Doch der Weg nach Warschau oder Italien war weit.“ | |
| Weniger weit war der Weg für [3][Hans Freese]. Der in Oldenburg geborene | |
| Architekt hatte das Lager am Britzer Weg/Ecke Köllnische Straße Anfang 1943 | |
| bauen lassen. In den 13 Baracken sollten 2.160 Zwangsarbeiter untergebracht | |
| werden, um in den nahe gelegenen Fabriken an der Spree in der | |
| Rüstungsproduktion zu arbeiten. Auftraggeber war der Generalbauinspektor | |
| (GBI) für die Reichshauptstadt Berlin, die Behörde von Albert Speer. | |
| Statt die „Große Halle“ zu bauen, den größten Kuppelbau der Welt für | |
| 180.000 Hitlergrüße, hatte der Architekt des „Führers“ vier Jahre nach | |
| Kriegsbeginn ein Zwangsarbeiterlager in Auftrag gegeben. Es war nicht das | |
| erste. Im „Konzentrationslager der Reichshauptstadt“ wurde in Sachsenhausen | |
| bei Oranienburg schon 1939 eine Großziegelei eröffnet. | |
| Doch der Zweck der Lager hatte sich geändert. In Schöneweide mussten die | |
| Zwangsarbeiter wegen der Lage an der Front die Rüstungsproduktion | |
| hochfahren. Im „Klinkerwerk Oranienburg“ sollten sie das erforderliche | |
| Baumaterial für die Umgestaltung Berlins bereitstellen. | |
| Denn Speer hatte vor dem Krieg keinen geringeren Auftrag als den, in Berlin | |
| das alte Rom und Babylon zu übertrumpfen – als „Reichshauptstadt Germania�… | |
| „Die Vollendung“, hatte Adolf Hitler nach dem Sieg über Frankreich 1940 in | |
| einem Führerbefehl verkündet, „erwarte ich bis zum Jahre 1950.“ | |
| Wer diese Geschichte des Größenwahns vom Ende her denkt, von der Befreiung | |
| der Zwangsarbeiter in Schöneweide und der deutschen Kapitulation am 8. Mai | |
| 1945, atmet womöglich tief durch und spürt Erleichterung. Berlin wurde im | |
| Krieg zwar in weiten Teilen zerstört, doch „Germania“ war ihm erspart | |
| geblieben. | |
| Der Zeithorizont von Hitler und Speer aber war ein anderer. Ihr Ende ging | |
| über den Krieg hinaus. Zwar wurden die Planungen für die Umgestaltung | |
| Berlins nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad gestoppt. Doch | |
| Speers Behörde war 1943 nicht aufgelöst worden. Sie gaben nun Bunker und | |
| Zwangsarbeiterlager in Auftrag. Darüber hinaus wurde 1944 beim | |
| Generalbauinspektor der „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter | |
| Städte“ eingerichtet. | |
| Auch Hans Freese, der Architekt des Lagers 75/76 in Schöneweide, gehörte | |
| diesem Arbeitsstab an. Wie 50 andere Architekten des GBI hatte Albert Speer | |
| Freese auf die „Gottbegnadeten“-Liste gesetzt und somit dem Zugriff der | |
| Wehrmacht entzogen. | |
| „Germania“ war trotz des Krieges nicht aufgehoben, sondern nur | |
| aufgeschoben. Für die Zeit nach dem Endsieg. | |
| ## Planungen für die Reichshauptstadt | |
| Vielleicht sollte man diese Geschichte mit einer Adresse beginnen. | |
| [4][Pariser Platz 4] lautet sie, heute befindet sich dort der Neubau der | |
| Akademie der Künste. Das 1857 von Eduard Knoblauch erbaute „Palais Arnim“ | |
| war im Krieg zerbombt worden. | |
| 1937 hatte der Pariser Platz 4 einen neuen Mieter bekommen. Mit seinen | |
| Planern zog Albert Speer, als Generalbauinspektor Person und Behörde in | |
| einem, ins klassizistische Palais und machte sich an die Arbeit. Der | |
| Berliner Oberbürgermeister war bald schon von seinen Zuständigkeiten | |
| entbunden worden. Albert Speer hatte freie Hand. | |
| Der in Mannheim geborene Speer war damals erst 31 Jahre alt. Nach dem Tod | |
| des bisherigen NS-Chefarchitekten Paul Ludwig Troost im Januar 1934 war | |
| Hitler auf ihn aufmerksam geworden. Im selben Jahr bekam Speer den Auftrag | |
| für den Bau der Neuen Reichskanzlei. Seinen Durchbruch feierte er dann mit | |
| den monumentalen Bauten, die er 1934/35 für die Reichsparteitage der NSDAP | |
| in Nürnberg errichtete. Die Belohnung: Am 30. Januar 1937, vier Jahre nach | |
| der Machtübernahme, ernannte Hitler seinen Lieblingsarchitekten zum | |
| Generalbauinspektor, fortan nur dem „Führer“ unterstellt. | |
| Um zu verstehen, was Speers Aufgabe war, besucht die Seminargruppe der | |
| Berliner Unterwelten [5][die Ausstellung Mythos Germania], die sich hinter | |
| einer Stahltür in einem Zwischengeschoss des U-Bahnhofs Gesundbrunnen | |
| befindet. Im Zentrum der Ausstellung steht ein Modell der Nord-Süd-Achse, | |
| das für [6][Oliver Hirschbiegels Film] „Der Untergang“ 2004 gebaut wurde. | |
| Erweitert wurde es dann für [7][Heinrich Breloers Dokudrama] „Speer und Er“ | |
| aus dem Jahr 2005. „Inzwischen gehört das Modell den Unterwelten“, sagt der | |
| Architekt Michael Richter, der das Seminar mit dem Titel „Reichshauptstadt | |
| Germania. Der geplante Umbau Berlins im Nationalsozialismus“ leitet. | |
| Richter geht um das Modell herum und zeigt auf die markanten Bauten, die | |
| Speer für den 7 Kilometer langen Hauptteil der Nord-Süd-Achse geplant | |
| hatte: Den 400 Meter breiten Südbahnhof als größten Bahnhof der Welt. Den | |
| 117 Meter hohen Triumphbogen, viermal so groß wie sein Vorbild, der Arc de | |
| Triomphe in Paris. Den Führerpalast mit einem Empfangssaal, der achtmal so | |
| groß wie der im Weißen Haus gewesen wäre. Und natürlich die Große Halle mit | |
| einer Höhe von über 300 Metern, in die der Petersdom in Rom 17-mal | |
| hineingepasst hätte. | |
| „Nach dem Krieg wurde lange darüber diskutiert, ob die Große Halle in | |
| diesen Dimensionen überhaupt hätte gebaut werden können“, sagt Michael | |
| Richter. „Das war so eine Scheindiskussion, die von der Ungeheuerlichkeit | |
| der Planung wegführte. Im Sinne von: Wäre schon alles nicht so gekommen.“ | |
| Doch Speer war es ernst. Die technischen Planungen hatte ein Konsortium | |
| übernommen, in dem sich das Who’s Who der Bauindustrie ein Stelldichein | |
| gab. Weite Teile des Alsenviertels, Berlins nobles Botschafterviertel im | |
| Spreebogen, wurden für den Bau der Halle abgerissen, zeitgleich wurde damit | |
| begonnen, die Spree umzuleiten. Noch in tausend Jahren, prophezeite Hitler, | |
| werde die Große Halle stehen. | |
| Stattdessen steht dort heute das Bundeskanzleramt. Es ist der Versuch, die | |
| Lücke, die mit dem Abbruch des Alsenviertels für die Welthauptstadt | |
| Germania gerissen wurde, mit einem demokratischen „Band des Bundes“ neu zu | |
| besetzen. Manche haben dem Architekten Axel Schultes deshalb vorgeworfen, | |
| in die Fußstapfen Speers zu treten. Michael Richter hält das für Unsinn. | |
| Wie viele der nicht gebauten Entwürfe ist die Große Halle ein Bauwerk, das | |
| auch ohne Realisierung fortlebt als Bild einer Diktatur, die selbst vor der | |
| Zerstörung der eigenen Hauptstadt nicht zurückschreckt. Wie die Halle | |
| wurden auch der Triumphbogen, der Führerpalast und der Südbahnhof nicht | |
| realisiert. So wie auch ein Verwaltungsgebäude, das Hans Freese, der | |
| Architekt des Schöneweider Zwangsarbeiterlagers, für die Nord-Süd-Achse | |
| entworfen hatte. Der Entwurf liegt heute im Architekturmuseum der TU | |
| Berlin. Denn Freese, Mitglied im Stab für den Wiederaufbau der Städte, war | |
| nach dem Krieg erster Rektor der TU geworden. | |
| Überhaupt gibt es nur wenige Zeugnisse von den Planungen des | |
| Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt: Die Kandelaber an der | |
| Ost-West-Achse gehören dazu oder das heutige [8][Ernst-Reuter-Haus]. Andere | |
| Bauten wie der Rohbau des Hauses des Fremdenverkehrs am geplanten „Runden | |
| Platz“ wurden nach dem Krieg abgerissen. Heute steht dort die | |
| Staatsbibliothek. Das Berliner Olympiastadion von Werner March, der | |
| Flughafen Tempelhof und das [9][Reichsluftfahrtministerium von Ernst | |
| Sagebiel], in dem heute das Finanzministerium untergebracht ist, wurden | |
| bereits vor den Planungen des Generalbauinspektors fertiggestellt. | |
| Germania scheiterte also, bevor es gebaut wurde. Ist das eine gute | |
| Nachricht? Oder verbirgt sich hinter dem bis heute anhaltenden Aufatmen | |
| auch der Wunsch nach Entlastung von diesem so schweren Erbe? | |
| Denn ganz so stimmt das natürlich nicht mit dem Nicht-gebaut-worden-Sein. | |
| Zwar blieb Germania tatsächlich ein ebenso erschreckendes wie | |
| beeindruckendes Bild. Das Fundament war aber vielerorts bereits gelegt. Und | |
| die Wunden, die damals geschlagen wurden, sind bis heute zu sehen. Nicht | |
| nur im ehemaligen Alsenviertel, sondern auch im großbürgerlichen | |
| Tiergartenviertel, das für die Planungen am „Runden Platz“ abgeräumt wurd… | |
| Am besten erzählt man die Geschichte von Germania also am Beispiel der | |
| Zerstörungen und Leerstellen, die es – noch vor seiner Realisierung – | |
| hinterließ. Als Suche nach den Spuren in einer Archäologie des Größenwahns. | |
| „Die Spuren und Zeugnisse von Germania existieren weniger im Vorhandensein | |
| als vielmehr in dem, was fehlt“, sagt dazu Architekt und Seminarleiter | |
| Michael Richter und nennt zerstörte Stadtviertel, aber auch die | |
| systematische Vertreibung und Deportation von Jüdinnen und Juden. | |
| „Noch vor den Novemberpogromen“, sagt Susanne Willems, „verknüpft Albert | |
| Speer seine Neugestaltungspläne mit eigenen Maßnahmen gegen die Berliner | |
| Juden“. | |
| ## Juden müssen Abrissmietern Platz machen | |
| Die Geschichte, die die Historikerin Willems im Seminarraum der Berliner | |
| Unterwelten nahe der einstigen Mauer in der Bernauer Straße erzählt, ist | |
| eine Parabel dafür, wie der Rassenwahn der Nazis Hand in Hand geht mit der | |
| bürokratisch-kriminellen Energie in den Schreibstuben der Täter am Pariser | |
| Platz 4. Albert Speer braucht nämlich Wohnraum – viel Wohnraum. Für die | |
| Bewohner der Abrisshäuser im Tiergartenviertel und im Alsenviertel. Und für | |
| all die anderen Betroffenen seiner Germania-Planung. Alleine 18.236 | |
| Wohnungen sollen für die 7 Kilometer lange Nord-Süd-Achse abgetragen | |
| werden, insgesamt sind es 53.624 Wohnungen. | |
| Bis 1938 setzte Albert Speer auf Neubau – und auf Umsetzung der von Abriss | |
| betroffenen Mieter. Alleine in der sogenannten Südstadt südlich des | |
| geplanten Südbahnhofs sollte Wohnraum für 210.000 Menschen entstehen. In | |
| der Oststadt am östlichen Ende der Ost-West-Achse waren sogar Wohnungen für | |
| 445.000 Menschen geplant. Doch die Vorbereitungen auf den Krieg machten die | |
| Neubaupläne zunichte, da nutzte Speer auch das „Klinkerwerk Oranienburg“ | |
| nichts. | |
| „Um den Einstieg in den Umbau zu erzwingen“, sagt Susanne Willems, „streb… | |
| Speer an, sich Ersatzwohnungen aus dem Bestand an bewohnten Wohnungen zu | |
| verschaffen“. Gemeint ist, was in den Registern des Generalbauinspektors | |
| fortan unter „Judenwohnungen“ firmierte. | |
| Der Plan: Jüdische Berliner sollen aus ihren „Großwohnungen“ ausziehen und | |
| in „Kleinwohnungen“ gepfercht werden. Doch der Plan läuft schleppend an und | |
| nimmt erst Fahrt auf, als in Folge des Novemberpogroms 1938 Tausende Juden | |
| aus Berlin fliehen. Doch Speer ist ungeduldig, macht Tempo. „Das Gesetz | |
| über Mietverhältnisse mit Juden von April 1939 gestattet es der Behörde | |
| Speers, in Berlin den gesamten von Juden gemieteten oder vermieteten | |
| Wohnraum zu erfassen“, berichtet Susanne Willems. Begehrte Wohnanlagen | |
| weist der GBI ab Mai 1939 als „judenreine Gebiete“ aus. | |
| Dennoch leben bei Kriegsbeginn von den einst 160.000 Berliner Jüdinnen und | |
| Juden noch 74.000 in der Stadt. [10][In ihrem Buch] „Der entsiedelte Jude“ | |
| hat Susanne Willems nachgewiesen, wie Albert Speer und seine Behörde von | |
| nun an mit der Gestapo Hand in Hand arbeiteten – und damit die Deportation | |
| von 50.500 Juden ermöglichten, die ab Oktober 1941 zunächst in die | |
| osteuropäischen Ghettos und später dann in die Vernichtungslager führte. | |
| Denn Speer hat die Listen und stellt sie der Gestapo zur Verfügung. „Er | |
| profitiert vom Abtransport der jüdischen Berliner in Lager und Ghettos, da | |
| weiterer Wohnraum frei wird“, betont Willems. | |
| ## Tote müssen der Welthauptstadt weichen | |
| „Das Berlin, das sich bis in die frühen 30er Jahre entwickelt hat, sollte | |
| zerstört werden“, sagt der Historiker Wolfgang Schäche, der einer der | |
| ersten war, der zu Speers Germania forschte und 1998 mit dem Landesarchiv | |
| Berlin die Ausstellung „Von Berlin nach Germania“ zusammentrug. „Das war | |
| das liberale Berlin, das war das demokratische Berlin, das war das jüdische | |
| Berlin. Auf den Trümmern dieses Berlins solle die Welthauptstadt Germania | |
| entstehen.“ | |
| Germania ist zwar nicht entstanden, aber die Trümmer waren da. Nur sind sie | |
| inzwischen nicht mehr so leicht zu sehen. Wie markiert man die erzwungene | |
| Umsiedlung von Juden in sogenannte Schachtelwohnungen, in denen sich | |
| mehrere Familien wie Schachteln nebeneinander stapeln? Wer denkt am | |
| Berliner Kurfürstendamm daran, dass hier ein „judenreines Gebiet“ entstehen | |
| sollte? Ist das [11][Mahnmal Gleis 17], das am Bahnhof Grunewald an die | |
| Deportationen der Berliner Juden ab Oktober 1941 erinnert, auch ein | |
| Erinnerungsort für die von Speer „entsiedelten Juden“? | |
| Einfacher ist die Spurensuche dort, wo die Leerstellen bis heute sichtbar | |
| sind. Zum Beispiel auf dem St.-Matthäus-Kirchhof an der Schöneberger | |
| Großgörschenstraße. | |
| Der Matthäus-Kirchhof ist heute eine ganz besondere Grabstätte, das sehen | |
| auch diejenigen im Seminar der Unterwelten sofort, die nicht aus Berlin | |
| kommen. Das Grab von Rio Reiser kann es als Kultstätte längst mit dem von | |
| Jim Morrison auf dem Pariser Père Lachaise aufnehmen. Gleich hinter dem | |
| Eingang hat ein Verein das erste Friedhofscafé in Deutschland eröffnet. | |
| Was die meisten Besucher nicht wissen: 120 Erbgräber mussten 1938 und 1939 | |
| den Planungen für die Nord-Süd-Achse weichen, darunter das Mausoleum der | |
| Familie Langenscheidt. Dieses befand sich im nördlichen Drittel des | |
| Friedhofs, der vom GBI entwidmet wurde. „25. Räumungsbereich“ hieß das | |
| Areal im bürokratischen Sprech der Speer-Behörde. Er umfasste neben dem | |
| Friedhofsareal auch Mietshäuser in der Großgörschenstraße, der | |
| Hochkirchstraße und der Katzlerstraße. Hier sollte das | |
| Reichsversicherungsamt gebaut werden. | |
| Um die Gräber umbetten zu können, musste der Waldfriedhof in Stahnsdorf | |
| Platz zur Verfügung stellen. Zur Alten Potsdamer Landstraße hin entstand | |
| dort die sogenannte Alte Umbettung, zu der auch das Mausoleum der | |
| Langenscheidts gehörte, das auseinandergebaut, mit der Bahn abtransportiert | |
| und in Stahnsdorf wieder zusammengesetzt wurde. Zur „Neuen Umbettung“ auf | |
| dem Südteil des Stahnsdorfer Friedhofs gehörten die Wahlgrabstätten und | |
| Reihengräber. So hat Germania also Spuren auch in Brandenburg hinterlassen. | |
| Nicht nur lebende Menschen mussten den Umbauplänen für die Reichshauptstadt | |
| also Platz machen, sondern auch Tote. Weil die sich nicht wehren konnten, | |
| kamen die Pläne zur Umbettung von Gräbern schneller voran als die Umsetzung | |
| von Mieterinnen und Mietern. Insgesamt wurden 18.000 Särge und Urnen | |
| umgebettet, berichtet der Historiker Dirk Reimann, der im Rahmen eines | |
| Forschungsprojektes der Stiftung Historische Friedhöfe 2001 auch die | |
| Geschichte des alten Matthäus-Kirchhofs in Berlin-Schöneberg untersuchte. | |
| Von Protesten gegen die Umbettungen ist nichts bekannt. Das hatte womöglich | |
| auch damit zu tun, dass die öffentliche Hand alle anfallenden Kosten | |
| übernahm. Für Michael Richter war die Umbettung einerseits heikel, weil | |
| sich die Nazis scheuten, auf völligen Konfrontationskurs zur Kirche zu | |
| gehen. Allerdings gehörte zur Ideologie des Nationalsozialismus auch ein | |
| ausgeprägter Totenkult. | |
| Diesen symbolisierte in der Nord-Süd-Achse vor allem der monumentale | |
| Triumphbogen, den Speer nach einer Skizze von Hitler aus dem Jahre 1925 | |
| entwarf. Er sollte den deutschen Toten des Ersten Weltkriegs gewidmet | |
| werden und die Namen aller Gefallenen als Inschrift tragen. So wäre ein | |
| Bogen geschlagen worden, von der „Schande von Versailles“, die es ohne den | |
| „Dolchstoß der Vaterlandsverräter“ nicht gegeben hätte, bis zur | |
| Auferstehung Deutschlands als „Tausendjähriges Reich“ – in Gestalt seiner | |
| Welthauptstadt Germania. | |
| Wer auf dem Aussichtsturm in der General-Pape-Straße steht, kann in seiner | |
| Fantasie den Verlauf der geplanten Nord-Süd-Achse mit dem heutigen | |
| Stadtbild abgleichen. Ganz einfach ist das nicht, denn der Südbahnhof | |
| sollte nicht unmittelbar dort entstehen, wo sich heute der Bahnhof Südkreuz | |
| befindet, sondern ein Stück weiter östlich. | |
| Auch deshalb ist der Aussichtspunkt eine gute Orientierung im Raum. Denn | |
| unmittelbar daneben sollte nach dem „Endsieg“ der Triumphbogen stehen. Um | |
| zu untersuchen, ob der Baugrund der Last der vier Pfeiler standgehalten | |
| hätte, ließ der GBI ein Bauwerk errichten, das bis heute als einzige | |
| Hinterlassenschaft der Planungen für die Nord-Süd-Achse gilt. | |
| „[12][Schwerbelastungskörper]“ nennt Michael Richter den 14 Meter hohen und | |
| kreisrunden Baukörper aus Beton, der mehr als 12.000 Tonnen wiegt. Mit dem | |
| Bezirk Tempelhof-Schöneberg haben ihn die Unterwelten zu einem | |
| Informationsort gemacht, der an authentischer Stelle daran erinnert, was | |
| die Nord-Süd-Achse für das Stadtbild Berlins bedeutet hätte. | |
| Denn Speers Planung hätte die vorhandene Stadt nicht nur dort zerstört, wo | |
| sie ihr im Wege war. Sie hätte sich dort, wo sie bleiben durfte, auch über | |
| sie erhoben. An einem Modellfoto ist im Ausstellungsgelände des | |
| Schwerbelastungskörpers nämlich zu sehen, wie die Nord-Südachse nördlich | |
| des Südbahnhofs aus dem umliegenden Quartieren emporgewachsen ist. „Sie | |
| wäre so hoch gewesen wie der Schwerbelastungskörper“, sagt Richter den | |
| erstaunten Seminarteilnehmern. „Der Blick vom Ausgang aus dem Südbahnhof | |
| sollte durch den Triumphbogen die Große Halle zeigen, ohne dass diese durch | |
| den Bogen abgeschnitten worden wäre“, sagt Richter. „Dafür das Anheben des | |
| Bauplatzes um den Bogen.“ | |
| Der Schwerbelastungskörper hat den Krieg überstanden und auch die | |
| Nachkriegszeit, in der vieles, was an Hitlers und Speers Germania erinnert | |
| hätte, abgeräumt wurde. Geschleift wurde nicht nur der Rohbau des Hauses | |
| des Fremdenverkehrs am Großen Platz, sondern auch die Neue Reichskanzlei, | |
| mit der Speers Karriere als Hitlers Architekt begonnen hatte. | |
| War das was? | |
| ## Der lange Weg zur Aufarbeitung | |
| Germania war lange Zeit versunken wie ein Atlantis einer untergegangenen | |
| Epoche. Erst als im Landesarchiv Akten aus der Plankammer des | |
| Generalbauinspektors gefunden wurden, begann – mit der Ausstellung 1998 – | |
| die Aufarbeitung. | |
| Albert Speer, in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt, war da längst ein | |
| freier Mann, seine Memoiren waren Bestseller geworden. Wenn schon Speer | |
| nichts von Auschwitz gewusst haben will, wie er behauptete, durften es | |
| Millionen Deutsche dann nicht auch? | |
| Und seine Architekten? Machten in der Bundesrepublik oder in der DDR | |
| Karriere. Hans Freese, der Architekt des Zwangsarbeiterlagers in | |
| Schöneweide, wurde nicht nur Rektor der TU Berlin. Er beteiligte sich auch | |
| an Wettbewerben für den Wiederaufbau von Städten wie Potsdam, Oranienburg, | |
| Cottbus und Eichwalde. 1955 gewann er den Wettbewerb für den Neubau des | |
| Auswärtigen Amtes in Bonn. | |
| 25 Dec 2025 | |
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| [12] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerbelastungsk%C3%B6rper | |
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