| # taz.de -- Autor über Faschismus und Klimakrise: „Diese Familie steht für … | |
| > In Tommy Wieringas Roman „Nirwana“ geht es um die Verschränkung von | |
| > Nationalsozialismus und fossiler Energie – am Beispiel einer realen | |
| > Familie. | |
| Bild: War bis 2015 nach dem NS-Verbrecher Pieter Schelte benannt: das weltweit … | |
| taz: Herr Wieringa, in Ihrem Roman geht es um die Zerstörung der Welt. Sie | |
| ziehen einen roten Faden von den NS-Verbrechen zu fossilen Brennstoffen. | |
| Wie hängen die miteinander zusammen? | |
| Tommy Wieringa: Dem Nationalsozialismus ging es um die Eroberung der Welt, | |
| der Rohstoffe, des menschlichen Geistes. Der [1][Nationalsozialismus war | |
| eine Eroberungsideologie]. Die Eroberung und Ausbeutung der Welt sind | |
| seitdem unaufhörlich weitergegangen, in den vergangenen Jahrzehnten unter | |
| dem Banner des neoliberalen Kapitalismus. Dieser lässt zwar Raum für den | |
| Einzelnen, fügt der Welt jedoch irreparable Schäden zu. | |
| taz: Die Familie, über die Sie geschrieben haben, existiert tatsächlich. | |
| Wieringa: Die Familie, die ich erforscht habe, gehört zu den reichsten der | |
| Niederlande. Der Großvater Pieter Schelte war 1942 an der Eroberung der | |
| kaukasischen Ölquellen beteiligt. Nach dem Krieg verschwand er nach | |
| Venezuela, um für Shell Öl zu fördern. Und 1963 revolutionierte er dann | |
| [2][die Offshore-Industrie der Nordsee]. Das sind drei [3][zentrale | |
| Verbrennungsmomente des letzten Jahrhunderts] und er war jedes Mal direkt | |
| beteiligt. Seine Söhne haben dann das größte Schiff der Welt gebaut und | |
| damit unter anderem die Nord-Stream-Pipeline gelegt. Diese Familie steht | |
| stellvertretend für die Verbrennungskrisen der Welt. | |
| taz: [4][Pieter Schelte war ein SS-Untersturmführer]. Im Nachhinein hat er | |
| sich aus seiner Mitschuld am Nationalsozialismus herausgeredet. In | |
| Deutschland sind solche Biografien allgegenwärtig. Wie ist das in den | |
| Niederlanden? | |
| Wieringa: Die Niederlande mussten viel an ihrer Vergangenheitsbewältigung | |
| arbeiten. Es gab sehr lange den Mythos, dass viele Menschen im Widerstand | |
| organisiert waren. [5][Tatsächlich gab es deutlich mehr Menschen, die | |
| kollaboriert haben], weil sie dachten, dass durch den Nationalsozialismus | |
| ein wirtschaftlicher Aufschwung kommen würde. Viele dieser | |
| Kollaborateur*innen wurden nie verurteilt. Wir waren nicht so | |
| heldenhaft, wie wir immer denken. In den Niederlanden wurden 100.000 | |
| Jüd*innen in die Vernichtungslager deportiert. | |
| taz: Warum haben Sie sich dazu entschieden, diese Geschichte zu | |
| fiktionalisieren? | |
| Wieringa: Ich wollte eine Geschichte darüber schreiben, wie das vergangene | |
| Jahrhundert die Erde revolutioniert hat. Wir werden so alt und gesund wie | |
| nie zuvor, gleichzeitig vernichten wir die Welt und machen sie für unsere | |
| Kinder und Enkel unbewohnbar. Ich wollte auch erzählen, warum der | |
| Nationalsozialismus so attraktiv für einen jungen Mann wie Pieter Schelte | |
| war – in meinem Roman heißt er Wilhelm. Warum er so gerne dazugehören | |
| wollte. Die Literatur ist ein ausgezeichnetes Medium dafür: Ich kann in die | |
| Köpfe hineinblicken. Und die Rolle vom Feuer in alldem fand ich wunderbar. | |
| taz: Das Feuer steht bei Ihnen sinnbildlich für den Kapitalismus, oder? | |
| Wieringa: Ja. Das Feuer brennt überall. Wir produzieren keinen Bitcoin, | |
| kein Auto, kein Brot ohne Feuer. Für alles gibt es einen | |
| Verbrennungsprozess. [6][Das Mantra von Trump ist „Drill, baby, drill!“] – | |
| es geht ihm um Gas und Öl. Als Bolsonaro an die Macht kam, sah man den | |
| Amazonaswald brennen wie nie zuvor. Und auch Putin verdient sein Geld mit | |
| Öl und Gas. Kapitalismus, Autokratie und fossile Brennstoffe sind sehr eng | |
| miteinander verknüpft. Es gibt keinen Tyrannen mit Wind- und Sonnenenergie. | |
| Wenn wir die 1,5 Grad nicht überschreiten wollen, müssen wir die Feuer der | |
| Welt löschen. | |
| taz: Hat Kunst diese Verantwortung? | |
| Wieringa: Nein. Der Künstler ist frei. Das ist das Wunderbare an Kunst. | |
| Dass ich Kunst, die sich nicht engagiert, nicht interessant finde, ist | |
| etwas anderes. | |
| 13 Nov 2025 | |
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| [6] /UN-Klimakonferenz-in-Belem/!6128231 | |
| ## AUTOREN | |
| Amanda Böhm | |
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