# taz.de -- Außenminister Wadephul im Nahen Osten: Er scheut keine offenen Wor… | |
> Bundesaußenminister Wadepuhl besucht das Westjordanland, hört von Hunger | |
> in Gaza und Siedlergewalt. Er stellt Forderungen an Israel. Ob das | |
> reicht? | |
Bild: Außenminister Wadephul (5.v.l.) und Suleiman Khouriyeh, Bürgermeister v… | |
Taybeh/Ramallah taz | In Taybeh, einem palästinensisch-christlichen Dorf | |
zehn Kilometer östlich von Ramallah, kommt ein alter Mann auf Außenminister | |
Johann Wadephul zu, er stützt sich beim Gehen auf einen Stock. „Bitte | |
helfen Sie unserem Dorf“, sagt er. „Deshalb bin ich hier“, antwortet der | |
deutsche Minister. Der zweite Tag seiner Reise in den Nahen Osten ist für | |
Wadephul ein Kontrastprogramm. | |
[1][Am Donnerstag hatte er mit seinem Amtskollegen Gideon Sa'ar gesprochen] | |
und sich mit Israels Minister- und Staatspräsidenten getroffen. Wadepuhl | |
war also mit Israels Sicht auf die katastrophale humanitäre Lage in Gaza | |
konfrontiert. Am Freitag ist er in Ostjerusalem und im Westjordanland | |
unterwegs. | |
Der CDU-Mann geht mit dem Bürgermeister und drei Geistlichen durch den | |
kleinen Ort, in dem 1.300 Menschen leben. Begleitet werden sie dabei von | |
einem Medientross und einigen Bürger*innen. Im Umland kann man hinter den | |
Olivenbäumen einige jüdische Siedlungen und Outposts sehen. An den Ruinen | |
einer alten Kirche halten die Männer an. „Die extremistischen Siedler | |
greifen uns fast jeden Tag an. Sie haben versucht, diesen heiligen Ort | |
anzuzünden“, sagt einer der Geistlichen jetzt zu Wadephul. | |
Dieser heilige Ort, das ist die im byzantinischen Stil erbaute | |
Georgskirche, die hier als Symbol des interreligiösen Dialogs gilt. Auf dem | |
Boden liegt schwarze Erde, verbranntes Gestrüpp und ein kleiner Metallturm, | |
der umgestürzt ist. | |
Auch Felder und Olivenhaine brannten, berichten Dorfbewohner. Erst vor | |
wenigen Tagen wurden zwei Autos angezündet, die verkohlten Karossen stehen | |
noch an der Straße. An der Hauswand daneben in roter Farbe anti-arabische | |
Parolen, darunter: „Wir kommen wieder.“ | |
## Wadepuhls zweiter Besuch innerhalb von drei Monaten | |
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat seinen Außenminister nach der | |
Sitzung des Sicherheitskabinetts nach Israel geschickt. Es ist Wadephuls | |
zweiter Besuch innerhalb von drei Monaten. Der Druck auf die | |
Bundesregierung, sich wegen der katastrophalen humanitären Situation in | |
Gaza Sanktionen gegen Israel anzuschließen, steigt. | |
Wadephul, der eigentlich schon mit der Familie in Italien in Urlaub war, | |
soll noch einmal die zentralen Forderungen der Bundesregierung vortragen | |
und die Bereitschaft zu Zugeständnissen ausloten, auch bei der | |
Palästinensischen Autonomiebehörde, vor allem aber bei der israelischen | |
Regierung. | |
Das übergeordnete Ziel dabei: eine deutliche Verbesserung der humanitären | |
Lage im Gazastreifen. Es geht aber auch um die Entmachtung der Hamas und | |
Deutschlands Position zu einer „verhandelten“ Zweistaatenlösung. Von seinen | |
Eindrücken von vor Ort soll Wadephul in Berlin dem Sicherheitskabinett an | |
diesem Wochenende berichten. | |
Der Außenminister betont immer wieder, dass Deutschland an der Seite | |
Israels stehe, benannte den Angriff der Hamas am 7. Oktober als Auslöser | |
des Krieges in Gaza und forderte die Freilassung der Geiseln. Aber auch mit | |
Israel geht der Minister nicht zimperlich um. In jedem seiner Statements | |
zählt er Forderungen an die israelische Regierung auf. | |
Den Bewohner*innen in Taybeh dürfte das gefallen. „Sie zerstören alles | |
um uns herum, wir können hier nicht in Frieden leben“, sagt jetzt der | |
Geistliche an der Kirche über die Siedler, die das Dorf angreifen. Dann | |
beten die Männer gemeinsam das „Vater unser“ – die Geistlichen laut, | |
Wadephul leise. Im ganzen Westjordanland haben die Übergriffe von Siedlern | |
gegen Palästinenser seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 deutlich | |
zugenommen. Dass ein christdemokratischer Außenminister ausgerechnet das | |
christliche Taybeh besucht, dürfte kein Zufall sein. | |
## „Solche Taten nehmen zu“ | |
Kurz bevor er das Dorf verlässt, stellt Wadephul sich vor die Mikrofone und | |
verurteilt die Gewalt von extremistischen jüdischen Siedlern scharf. In den | |
letzten beiden Tagen scheute er ohnehin keine offenen Worte. „Das sind | |
keine Einzelfälle. Solche Taten nehmen immer mehr zu“, sagt Wadephul. „Ich | |
möchte hier ganz klar sagen: Solche Taten sind Verbrechen. Sie sind Terror. | |
Und sie gehören endlich polizeilich verfolgt.“ Israel müsse Sicherheit und | |
Ordnung durchsetzen. | |
„Es muss die palästinensische Bevölkerung vor diesen Gewalttätern | |
schützen“, so Wadephul weiter. Die Bundesregierung verurteile „jede Form | |
der Siedlergewalt“ und setze sich auf europäischer Ebene für die | |
Sanktionierung gewalttätiger Siedler ein. Die Siedlungspolitik sei | |
„völkerrechtswidrig“, dies habe er am Vortag auch seinen israelischen | |
Gesprächspartnern vermittelt.Zu der Möglichkeit von Einreiseverboten für | |
rechtsextreme Minister, die Siedlergewalt schüren und die Annexion des | |
Westjordanlands propagieren, sagt Wadephul nichts. Die Niederlande haben | |
gerade solche Verbote gegen Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich verhängt. | |
Am Freitagmorgen bereits traf Wadephul Vertreter*innen der Vereinten | |
Nationen und internationaler Hilfsorganisationen, am Nachmittag in Ramallah | |
den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas. Nach | |
den Gesprächen gibt Wadephul jeweils ein kurzes, aber klares Statement ab. | |
Bei der UN fordert er, dass Israel sicherstelle, dass die UN Hilfsgüter | |
wieder sicher transportieren und verteilen kann. | |
## Fünf Millionen Euro für das World Food Program der UN | |
„Die humanitäre Katastrophe muss jetzt beendet werden“, sagt Wadephul. Mit | |
dem leitungsfähigen und etablierten Hilfesystem der UN könne das gelingen. | |
Auf Betreiben Israels hatte [2][die umstrittene Humanitarian Foundation | |
(GHF)] die bisher zuständigen UN-Organisationen als Hauptverteiler von | |
Hilfsgütern in Gaza abgelöst. Rund um GHF-Verteilzentren starben immer | |
wieder Zivilist*innen durch Schüsse. | |
Dann kündigt Wadephul an, dass die Bundesregierung das World Food Program | |
der UN mit zusätzlich fünf Millionen Euro unterstützen wird, damit | |
Bäckereien und Suppenküchen in Gaza wieder den Betrieb aufnehmen können. | |
Auch helfe die Bundesregierung den Maltesern dabei, in Gaza-City ein | |
dringend notwendiges Feldkrankenhaus zu errichten. | |
Nach dem Besuch bei Abbas betont Wadephul noch einmal, dass Deutschland zur | |
[3][Zweistaatenlösung] steht, auch wenn es Palästina aktuell noch nicht | |
völkerrechtlich als Staat anerkennen will. Dies zu tun, hatten zuletzt | |
zahlreiche Länder angekündigt, darunter auch Frankreich und Kanada. Auch | |
Großbritannien erwägt einen solchen Schritt. Die Zweistaatenlösung, so | |
Wadephul, dürfe nicht durch völkerrechtswidrige Siedlungen verbaut werden. | |
Auch forderte er, von Israel eingezogene Steuergelder, die den | |
Palästinensern rechtmäßig zustehen, an die Palästinenser-Behörde | |
weiterzugeben. | |
Die Frage ist nun, was Wadephul nach seiner Rückkehr dem | |
Sicherheitskabinett an diesem Samstag berichten – und empfehlen – wird. Wie | |
sich das auf die Entscheidungen der Bundesregierung auswirken wird. Bleibt | |
es bei Worten wie in den Monaten zuvor? Oder schließt sich Deutschland doch | |
einer der vielen Sanktionsmöglichkeiten an, um den Druck auf Israel zu | |
erhöhen, damit sich an der Lage in Gaza endlich etwas verändert? | |
2 Aug 2025 | |
## LINKS | |
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[2] /GHF-Essensabgabestellen-in-Gaza/!6098356 | |
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## AUTOREN | |
Sabine am Orde | |
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