# taz.de -- Neue Initiative in Hamburg: Fragwürdiger Kampf gegen radikale Inha… | |
> Ein Verein von Ehrenamtlern will mit KI rechtsextreme Netze entlarven – | |
> später auch linksextreme Netze. Der Datenschutzbeauftragte will das | |
> prüfen. | |
Bild: Hier ist die Idee für eine KI gegen rechts entstanden: eine der großen … | |
Hamburg taz | Der Hamburger Verein „KI für Demokratie“ will rechten | |
Netzwerken das Handwerk legen – mit Aufklärung. Man habe eine künstliche | |
Intelligenz (KI) programmiert, die täglich Zehntausende Internet-Postings | |
scannt und auf rechtsextreme Inhalte prüft, erklärte Gründer Jörg Forthmann | |
Anfang der Woche im Hamburger Abendblatt. Er bat in dem Artikel um Spenden. | |
Und mittelfristig, so kündigte er in dem Bericht an, solle die KI erweitert | |
werden, um „auch Linksextremisten im Netz identifizieren zu können“. | |
Auf die Idee sei er im Januar 2024 gekommen, als die | |
[1][Correctiv-Recherchen über ein rechtes Geheimtreffen in Potsdam] zu | |
großen Demonstrationen führten, sagt Forthmann im Gespräch mit der taz. „Da | |
wollten viele was tun“, sagt der Wirtschaftsingenieur, der hauptberuflich | |
geschäftsführende Gesellschafter der PR-Agentur „Faktenkontor“ ist. | |
Es gebe leider zwischen den US-Social-Media-Konzernen und der extremen | |
Rechten in Deutschland ein unheiliges Zusammenspiel. Rechte Posts werden | |
sehr schnell verbreitet und in den Timelines hochgespielt. „Da ist es | |
wichtig, die Taktgeber im Netzwerk zu identifizieren“, sagt er – und das | |
könne seine KI. | |
Mit dem [2][früheren CDU-Abgeordneten Roland Heintze] gründete Forthmann | |
zunächst die Initiative „[3][KI gegen rechts]“. Man wolle die eigenen | |
Fähigkeiten im „Medienmonitoring und KI-basierten Analysen“ nutzen, um die | |
zunehmende Rechtskommunikation in sozialen Netzwerken transparent zu | |
machen, die handelnden Akteure und ihre Vernetzung zu identifizieren und um | |
aufzuzeigen, „wie Kommunikation gezielt zur Radikalisierung genutzt wird“, | |
heißt es auf der entsprechenden Website. | |
## Suche nach Spendern für Datenkauf | |
Privatpersonen und Unternehmen könnten „KI gegen rechts“ unterstützen, ge… | |
wolle man sie für ein „Supporter-Paket im Wert von 10.000 Euro gewinnen“. | |
Vor einigen Monaten wurde nun aus der Initiative der Verein „[4][KI für | |
Demokratie]“. „Man gewinnt Unternehmen eher als Unterstützer, wenn man | |
‚für‘ etwas ist“, erklärt Forthmann den neuen Namen. Mittlerweile | |
unterstützten das Projekt 100 Führungskräfte als ehrenamtliche Helfer, auch | |
aus der Uni Hamburg und der Nordakademie. | |
Doch man benötige Geld, etwa 5.000 Euro im Monat, um die Rechnerkapazität | |
und den Datenkauf zu bezahlen. Diese beziehe man von einem | |
Pressemonitoring-Unternehmen, das Social-Media-Daten anbietet. | |
Diese Daten werden anhand einer Liste von rund 500 Signalwörtern überprüft | |
wie etwa „Gewalttäter“, „Great Reset“ oder „Asylmissbrauch“ oder a… | |
„Hitlers Geburtstag“ und bestimmter Emojis. Man durchleuchte im ersten und | |
zweiten Schritt auf Hassrede und rechtsextreme Äußerungen, dann schaue man | |
im dritten Schritt, wer dort mit wem agiert. Man sei sich der hohen | |
Verantwortung eines korrekten Umgangs bewusst, sagt Forthmann. „Wir haben | |
dort auch Beifang, etwa von Menschen, die selbst nur recherchieren.“ | |
Öffentlich sind die Analysen nicht, um eine Klagewelle von Rechten zu | |
vermeiden, wie Forthmann sagt. Menschen könnten sich zu Unrecht | |
abgestempelt sehen und eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts | |
konstruieren. „Die Klage würde natürlich abgewiesen, aber wir hätten hohe | |
Anwaltskosten.“ Die Anforderungen an den Datenschutz werden aber | |
„vollständig erfüllt“, sagt Forthmann. „Wir sammeln nur öffentliche Po… | |
und haben einen Datenschutzbeauftragten.“ | |
Die Analysen stelle der Verein einzelnen Medien, öffentlichen Institutionen | |
wie der Medienanstalt und [5][NGOs] zur Verfügung. Auch erwäge man, | |
Hasskriminalität an Ermittlungsbehörden zu melden. Zudem reagiere der | |
Verein auch auf Anfragen. | |
Als vor einigen Wochen plötzlich über einen Syrer, der quasi ein Held ist, | |
weil er an Hamburgs Hauptbahnhof half, eine [6][psychisch kranke | |
Messerstecherin] zu stoppen, im Netz viele negative Kommentare kursierten, | |
habe eine Redaktion angefragt, ob der Verein helfen könne, das | |
aufzuarbeiten. Und mit der Uni Hamburg betreibe man ein Forschungsprojekt, | |
dass Schulen aktuelle Beispiele von Desinformation für den Unterricht | |
verschafft. | |
Martin Semmann ist Leiter des „Hub of Computing and Data Science“ (HCDS) | |
der Uni Hamburg und bestätigt die Kooperation: „Wir beteiligen uns an der | |
Initiative auf wissenschaftlicher Basis“, sagt er. | |
## Ein neutrales Werkzeug | |
Die Zusammenarbeit verlaufe Hand in Hand, beide Seiten hätten eine | |
gemeinsame Plattform, auf der das Projekt umgesetzt wird. KI-Modelle | |
funktionieren über große Datenmengen, erklärt Semmann. „Derzeit beobachten | |
wir eine Zunahme rechter Narrative im Netz – da findet man leicht viele | |
Beispiele.“ Das Tool selbst sei neutral und könne ebenso eingesetzt werden, | |
um Inhalte zu religiösem Extremismus oder Linksextremismus zu analysieren. | |
Doch das im [7][Hamburger Abendblatt] angekündigte nächste Vorhaben scheint | |
zumindest etwas heikel. Ordnet der Verfassungsschutz das Etikett | |
„Linksextremismus“ doch auch [8][Gruppen] zu, die selbst gegen rechts | |
kämpfen. Auf die Frage, welche Linksradikalen der Verein in den Blick | |
nehmen möchte und wo Linksextremismus für ihn beginne, sagt Forthmann: | |
„Sie fragen zu früh. Soweit sind wir noch nicht.“ | |
Man habe mit dem Rechtsextremismus angefangen, „denn das ist in meinen | |
Augen die größere Gefahr für die Demokratie“. Wenn es so weit sei, werde | |
man sich in Kooperation mit der Wissenschaft dem nähern. Auf der Homepage | |
schreibt der Verein, es sei von Personen über Unis bis hin zu Unternehmen | |
jeder willkommen, der „zum Kampf gegen die Verbreitung radikaler Inhalte | |
betragen möchte“. | |
## Zugriff staatlicher Stellen problematisch | |
Auf der Liste der 500 Wörter finden sich auch Begriffe wie „Bürgerrechte“ | |
oder „Weltfriedenstag“. Die Frage ist, was als radikaler Inhalt verfolgt | |
wird und ob so eine KI-Durchleuchtung nicht auch einschüchtert? Forthmann | |
sagt: „Unser Anliegen ist nicht zu verurteilen. Unser Anliegen ist | |
Transparenz.“ | |
Doch der Hamburgische Datenschutzbeauftragte [9][Thomas Fuchs] hat zu dem | |
Projekt „KI für Demokratie“ zumindest Fragen. „Grundsätzlich muss auch … | |
hier Beobachtete das Recht und die Möglichkeit haben, der Weitergabe seiner | |
Daten zu widersprechen“, sagt er zur taz. „Ob das bei ‚KI für Demokratie… | |
der Fall ist, haben wir noch nicht geprüft.“ | |
Man befinde sich hier in einem Graubereich. „Es ist nicht so, dass ich, nur | |
weil ich etwas öffentlich stelle, zwingend damit rechnen muss, dass jemand | |
anderes diese Äußerung für eigene Zwecke verwendet.“ Der Zugriff | |
staatlicher Stellen wie etwa der Medienanstalt auf ehrenamtlich erhobene | |
Daten gestalte sich „rechtlich als problematisch“, warnt Fuchs. Hier | |
drohten bei fehlender Sorgfalt eines KI-Einsatzes Grundrechtsverletzungen | |
und eine „Überschreitung staatlicher Eingriffsgrenzen“. | |
1 Aug 2025 | |
## LINKS | |
[1] /Enthuellungen-ueber-AfD-Geheimtreffen/!5982734 | |
[2] /Kaum-Frauen-in-der-Hamburger-CDU/!5472031 | |
[3] https://www.ki-gegen-rechts.de/ | |
[4] https://ki-fuer-demokratie.de/ | |
[5] /Kuerzungen-bei-NGOs/!6099495 | |
[6] /Psychologe-ueber-Hamburger-Messerangriff/!6090880 | |
[7] https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article409613658/wie-ein-hamburge… | |
[8] /Manche-von-uns-waren-sehr-entsetzt/!5585758/ | |
[9] /Hamburgs-neuer-Datenschutzbericht/!6076395 | |
## AUTOREN | |
Kaija Kutter | |
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