# taz.de -- Buch über Musik aus Diktaturen: Wie Musikfans die strikte staatlic… | |
> Ein Sammelband ruft Musik aus der Zeit der totalitären Systeme in Ost- | |
> und Westeuropa in Erinnerung. | |
Bild: Die tschechische Frauenpunkband Pavla im Jahr 1986: In den Diktaturen Ost… | |
Eine dünne Folie aus Röntgenfilm. Auf ihr zu sehen sind zwei Skeletthände, | |
die von einer spiralförmigen dünnen Rille überlagert werden. So sieht eine | |
der Schallplatten aus, auf denen von den 1940ern bis in die 1960er Jahre | |
verbotene Musik im Ostblock zirkulierte. In der Sowjetunion gab es nur eine | |
einzige staatliche Plattenfirma, Melodija. Da sie direkt dem totalitären | |
Regime unterstand, nutzten Musikfans den sogenannten Roentgenizdat, um | |
Musik zu vervielfältigen. Ähnlich wie Samisdat-Literatur, die in heimlich | |
erstellten Kopien illegal weiterverbreitet wurde. | |
Der britische Musiker und Autor Stephen Coates (The Real Tuesday Weld) | |
widmet sich in einem Kapitel des Sammelbands „Unearthing the Music. | |
Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000)“ diesem | |
ungewöhnlichen „Protestmedium“. Mit einer selbst gebauten Apparatur konnte | |
Musik wie auf einer Schallplatte in Röntgenbilder geschnitten werden. So | |
wurde die strikte staatliche Zensur umgangen und auf einer | |
Röntgenschallplatte jeweils drei bis vier Minuten verbotene Musik | |
aufgezeichnet und geteilt. Die Genres umfassten Jazz und Rock ’n’ Roll, | |
Musik von sowjetischen Emigranten wie dem als „König des russischen Tango“ | |
bekannten Pjotr Leschtschenko – dessen Geburtsort in der heutigen Ukraine | |
liegt – und buchstäblichen Liedern aus dem Untergrund – Gossensongs voller | |
Slang und Schimpfwörter, sogenannte „Blatnaja-Musik“. | |
Coates schreibt, seine intensive Beschäftigung mit dem Roentgenizdat habe | |
begonnen, als er beim Stöbern auf einem Flohmarkt in Sankt Petersburg ein | |
solch ungewöhnliches Album entdeckte. Das Medium wurde in den frühen 1960er | |
Jahren abgelöst vom „Magnetizdat“. In der Tauwetterperiode unter Nikita | |
Chruschtschow trat eine allgemeine Liberalisierung in der Kultursphäre ein, | |
Tonbandgeräte waren nun verfügbar und für alle erschwinglich. Per | |
Knopfdruck konnten verbotene Melodien kinderleicht kopiert werden, und das | |
in besserer Qualität als auf Roentgenfilm. So wurde der 1980 gestorbene | |
russische Singer-Songwriter Wladimir Wyssozki allein durch „Magnetizdat“ | |
berühmt, ohne je offiziell ein Album veröffentlicht zu haben. | |
Ende der 1980er Jahre zogen sowjetische Rockbands wie Aquarium und Kino | |
nach, wobei deren Alben im Studio aufgenommen und wesentlich | |
professioneller gestaltet waren. Diese interessanten mediengeschichtlichen | |
Entwicklungen sind dem gerade beim Leipziger Verlag Spector Books | |
erschienenen verdienstvollen Sammelband „Unearthing the Music“ zu | |
entnehmen, der aus einem gleichnamigen Projekt entstanden ist – einem | |
Online-Archiv für experimentelle Underground- und Protestmusik aus dem | |
unfreien Europa. | |
## Punk im Kommunismus | |
In dem über 600 Seiten dicken, von Rui Pedro Dâmaso (Barreiro), Alexander | |
Pehlemann (Leipzig) und Lucia Udvardyová (Prag) herausgegebenen Buch kommen | |
vor allem Menschen zu Wort, die selbst Teil des Undergrounds waren oder ihn | |
aus eigener Erfahrung kennen. Darunter sind Outsiderperspektiven wie | |
diejenige d[1][es britischen Musikjournalisten und The-Wire-Chefredakteurs | |
Chris Bohn (alias Biba Kopf)], der den Ostblock auf der Suche nach | |
Underground-Sounds bereiste, aber auch Insiderberichte. | |
So widmet sich die tschechische Kulturwissenschaftlerin und Musikerin Pavla | |
Jonssonová in ihrem Text Künstlerinnen [2][im Ostblock-Undergroun]d. Mit | |
ihrer 1980 in Prag gegründeten Band, die zunächst Plyn (Gas), dann Dybbuk | |
und schließlich Zuby nehty (Zähne und Nägel) hieß, war Jonssonová eine von | |
ihnen. In ihrem Kapitel „New Chicks on the Block: Punk in Communism“ | |
berichtet sie über weiblichen Punk in der Tschechoslowakei, den sie aus | |
eigener Erfahrung genau kennt, sowie im Dialog mit anderen | |
Musiker:innen über Punk-Musikerinnen in Estland, Russland und dem | |
wesentlich freieren Jugoslawien. Ihr Fazit lautet: In den 1980ern haben | |
junge Frauen nicht mehr nur Fans oder Groupies sein wollen. Nein, sie | |
hatten etwas zu sagen. | |
Zugleich wäre es falsch, schreibt Jonssonová, von den | |
Ostpunk-Protagonist:innen [3][feministische Statements zu erwarten, wo es | |
noch gar keinen solchen Diskurs gab.] Trotzdem hätten sie „ihren Teil zur | |
Geschichte beigetragen und den Kanon“ mit neuen Themen, vitaler Energie und | |
Humor bereichert. | |
## Die ukranische Sprache kam bei Punkkonzerten zurück | |
Der in Berlin lebende, aus Charkiw, Ukraine, stammende DJ und Autor Yuriy | |
Gurzhy schildert seine ersten Begegnungen mit Punk in den 80er Jahren. | |
Eindrücklich beschreibt er das „Rock Gegen Stalinismus“-Festival in seiner | |
Geburtsstadt Charkiw, das 1989 stattfand – zur Zeit der Perestroika, zwei | |
Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Dort gaben die sibirischen | |
Punks von Grazhdanskaya Oborona einen Überraschungsgig. „Die Bühne wurde | |
plötzlich von langhaarigen Verrückten übernommen, die in perfektem | |
Guerilla-Stil ein Set heftiger, lauter Rockmusik spielten, sieben Songs in | |
17 Minuten, und das Publikum schockiert und sprachlos zurückließen“, | |
schreibt Gurzhy. | |
Die Musiker von VV aus Kyjiw traten ebenfalls beim Festival auf. Laut dem | |
DJ handelt es sich dabei um die erste ukrainische Punkband überhaupt. „Die | |
coolen Auftritte von VV in den späten 1980ern waren immer eine Offenbarung. | |
Sie weckten mein Interesse an der ukrainischen Kultur und brachten mich | |
dazu, mehr über ähnliche Bands zu erfahren“, schreibt Gurzhy. Nach langer | |
Russifizierung und Unterjochung erst unter den Zaren und später in der | |
Sowjetunion kam die ukrainische Sprache und Kultur wieder in Mode, und zwar | |
in Punkform. | |
Neben Mittel- und Osteuropa steht auch die iberische Halbinsel während der | |
isolationistischen Diktaturen in Portugal und Spanien und auch Griechenland | |
zu Zeiten der Militärdiktatur im Fokus des Sammelbands. Der aus Portugal | |
stammende Mitherausgeber Dâmaso schreibt: „Was der Osten und der Südwesten | |
gemeinsam haben, ist das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, | |
hinterherzuhinken, entscheidende Momente verpasst zu haben, die die | |
westliche Kultur geprägt haben, am Rand zu stehen und den größten Teil | |
ihrer jüngeren Geschichte unter großen Entbehrungen verbracht zu haben.“ | |
Und später, „als alles vorbei war“, sei das Gefühl eingetreten, immer noch | |
nicht den Anforderungen zu entsprechen, immer noch exotisch zu sein und | |
zugleich erschüttert von einer turbokapitalistischen Normalisierung. Bei | |
den Beiträgen des Bandes handele es sich um Fußnoten, weil man nicht | |
vorgeben wolle, ein großes, allumfassendes Narrativ parat zu haben. | |
Flankiert werden alle Texte von Fotografien, Postern und | |
Albumcoverillustrationen, die das Geschilderte eindrucksvoll bebildern. Man | |
taucht ein in eine spannende, komplexe und in Teilen vergessene Welt des | |
musikalischen Widerstands gegen den Totalitarismus in der zweiten Hälfte | |
des 20. Jahrhunderts in West- und Osteuropa. [4][Die Geschichten von Mut, | |
Freiheitsgeist und Kreativität] der Protagonist:innen bieten eine | |
inspirierende wie – leider – zunehmend wieder aktuell erscheinende Lektüre. | |
31 Jul 2025 | |
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## AUTOREN | |
Yelizaveta Landenberger | |
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