| # taz.de -- Wiederaufbau der Garnisonkirche: Das Kreuz mit der Kirche | |
| > Die Garnisonkirche beherbergte einst Preußens Könige. Dort fand der | |
| > Festakt zur Gründung des NS-Staats statt. Jetzt soll Frieden einziehen. | |
| > Wirklich? | |
| Bild: Die einstige Garnisonskirche: ein Symbol des Militarismus | |
| Potsdam taz | An der Breiten Straße in Potsdam klafft eine Baugrube. | |
| Arbeiter flechten mit mächtigen Zangen an einem Stahlgerüst. Ist es mit | |
| Beton umhüllt, wird ein Turm emporsteigen und den Himmel über Potsdam | |
| beherrschen, wie er ihn schon einmal beherrscht hat. Das höchstes Bauwerk | |
| der Stadt, der Turm der Garnisonkirche, wird sich nach fünfzig Jahren aus | |
| dem Staub erheben und in seinem Äußeren so original wiederhergestellt, dass | |
| sich ihr Erbauer, der Soldatenkönig Friedrich-Wilhelm I., die Augen reiben | |
| würde, käme er noch einmal nach Potsdam. Oder sein Sohn, der Alte Fritz. | |
| Oder Adolf Hitler. | |
| An einem Juniabend steht Gerhard Bauz hinter der Grube und begreift die | |
| Menschen um sich herum nicht mehr. Sie kommen aus der „Nagelkreuzkapelle“. | |
| Eher einem Baucontainer ähnlich als einem Kirchlein, ist sie das | |
| provisorische Heim der künftigen Garnisonkirchengemeinde. Die Kapelle | |
| bietet einen Vorgeschmack dessen, was der barocke Wiedergänger einmal alles | |
| sein soll: Gottesdienstraum, Erinnerungsstätte, Treffpunkt, Versöhnungsort. | |
| Das Nagelkreuz, ein pazifistisches Zeichen aus dem kriegszerstörten | |
| englischen Coventry, ist ihr Namensgeber. | |
| „Wie kann man bloß diese Kirche wieder aufbauen?“, fragte Bauz. Er ist ein | |
| freundlicher, geradezu unverdächtiger Mann – Oberlippenbart, Leinenanzug, | |
| rosafarbenes Hemd –, Personalberater und Supervisor, die meiste Zeit im | |
| Dienste der evangelischen Kirche. Im Ehrenamt ist der 68-Jährige Mitglied | |
| der Martin-Niemöller-Stiftung, eine der hartnäckigsten Gegnerinnen des | |
| Wiederaufbaus der Kirche. Und mit dieser Mission ist Bauz hier so etwas wie | |
| der Gottseibeiuns. | |
| Wie ein Fremdkörper steht Bauz im Strom der Menschen, die sich aus der | |
| Nagelkreuzkapelle verlieren. Bauz mustert die Gesichter, viele ältere | |
| Menschen, kirchlich geprägt, kurzum: Bildungsbürgertum. Menschen wie er. | |
| Menschen, die es nicht erwarten können, den Turm wachsen zu sehen. Für sie | |
| ist es die architektonische Krone im Bemühen um die Nachbildung der | |
| historischen Mitte der alten preußischen Residenz. Für Bauz ist es ein | |
| Skandal. | |
| ## „Üb immer Treu und Redlichkeit“ | |
| Keine Kirche hat eine so unselige Geschichte wie die Potsdamer | |
| Garnisonkirche mit ihrem früher einmal fast 90 Meter hohen Turm. In seiner | |
| Spitze mahnte das Glockenspiel „Üb immer Treu und Redlichkeit!“ und auf dem | |
| Grunde des Turm ruhten die Sarkophage vom Soldatenkönig und seinem Sohn | |
| Friedrich Zwo wie preußische Reliquien. Am Turmschaft klebten stilisierte | |
| Waffenbündel, Brustpanzer, Helme, und im Innern hingen erbeutete | |
| Kriegsfahnen im Dutzend. Zwischen Exerzierplätzen, Kasernen und | |
| Pferdeställen war der Bau die Ruhmeshalle der preußischen Armee. | |
| Kein Wunder, dass nach dem Untergang des Hohenzollern-Reiches Kompanien vom | |
| „Stahlhelm“ und vom Kyffhäuserbund, Monarchisten, Militaristen, | |
| Demokratieverächter in die Garnisonkirche pilgerten, um Gott anzurufen, das | |
| „Irrenhaus“ von Weimar zu beenden. Und als die Gebete erhört waren, fand | |
| hier der Staatsakt statt. Am 21. März 1933 reichte der 85 Jahre alte | |
| Reichspräsident Paul von Hindenburg dem 43-jährigen Hitler die Hand. | |
| Der Generalfeldmarschall übergab den Staffelstab an den Reichskanzler. Der | |
| Reichsrundfunk übertrug die Weihestunde bis in das letzte deutsche Gehöft, | |
| Reichswehrsoldaten versammelten sich zu Feldgottesdiensten, Kinder hatten | |
| schulfrei. Denn das Übel von Weimar war vorüber, die erste deutsche | |
| Republik zerstört. Das neue, das Dritte Reich war geboren. | |
| Und jetzt wird sein Geburtshaus wieder errichtet – mit dem Segen der | |
| evangelischen Kirche, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und | |
| mit einer Beihilfe von 12 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt. Eine „alte | |
| Wunde“ solle in Potsdam geheilt werden, heißt es zur Begründung. Mit der | |
| Garnisonkirche „wird ein national bedeutsames Bauwerk wiederhergestellt, | |
| das in einem barbarischen Akt vom SED-Regime zerstört wurde“. | |
| ## Eine „alte Wunde“ soll geschlossen werden | |
| Zerstört wurde der Bau aber schon durch britische Bomber am 14. April 1945. | |
| Die SED sprengte im Juni 1968 nur noch die Mauern und den Turmstumpf weg, | |
| um die Brache mit einem Rechenzentrum zu bebauen. Den Riegel schmückten die | |
| Genossen mit einem umlaufenden Mosaik mit allerlei Raketen, Planeten und | |
| Forschern, sein Titel: „Der Mensch bezwingt den Kosmos“. | |
| Bauz wirkt merkwürdig gelassen, nur die Oberlippe zittert leicht und verrät | |
| die Anspannung. Um ein Haar wäre er eben aus der Nagelkreuzkapelle | |
| hinausgeflogen. Er hatte es gegen die ausdrückliche Bitte der Pfarrerin | |
| gewagt, in der Veranstaltung, die eben zu Ende ging, das Wort zu ergreifen. | |
| Man möge heute, wo man an die Sprengung der Kirchenruine vor 50 Jahren | |
| gedenkt, zuhören, aber nicht diskutieren. Wer das nicht akzeptiere, wäre | |
| fehl am Platz. Danach erzählten Zeitzeugen. Es schien wie eine | |
| Gedächtnisfeier für einen alten Gefährten. Bis Bauz aufstand. Der kam zwar | |
| nicht zu Wort, hatte aber die Andacht gesprengt. | |
| „Ich wollte doch nur Erfahrungen danebenstellen.“ Bauz lächelt. Welche | |
| Erfahrungen? „Die Ruine der Weißfrauenkirche in Frankfurt am Main stand | |
| 1952 einer Straße im Wege und wurde abgerissen.“ Kirchen wurden nach dem | |
| Krieg auch anderswo beseitigt. Stadtplaner ließen im Westen Kirchenruinen | |
| abreißen – für Bürobauten, für Magistralen. Doch das will keiner hören. … | |
| Wahrheit werde hier, fast dreißig Jahre nach dem Ende der DDR, das | |
| „Feindbild SED“ gepflegt und Geschichte verdreht: Und plötzlich ist | |
| SED-Chef Walter Ulbricht der Barbar, nicht Hitler. | |
| „Die werden Mühe haben, die Kirche zu bauen“, prophezeit Bauz. Bisher | |
| reiche das Geld, der größte Posten sind die 12 Millionen Bundesmittel, nur | |
| für einen unvollkommen Turm, ein Torso ohne barocken Zierrat und ohne | |
| Spitze. Für den kompletten Turm braucht es noch einmal gut 10 Millionen | |
| Euro, und um die Kirche samt Schiff zu vollenden, wären etwa 100 Millionen | |
| Euro nötig. „Keine kirchlichen und keine öffentlichen Gelder für diesen | |
| Bau“, fasst Bauz die Ziele der Niemöller-Stiftung zusammen. Dann sagt er: | |
| „Eigentlich hätte ich vorhin Hesse zitieren müssen: Wohlan denn, Herz, nimm | |
| Abschied und gesunde.“ | |
| ## Die Potsdamer sind skeptisch | |
| Es ist nicht so, dass ganz Potsdam unter Herzweh leidet. 2014 haben sich in | |
| einem Bürgerbegehren binnen weniger Wochen mehr als 16.000 Bürgerinnen und | |
| Bürger gegen die Kirche ausgesprochen. Das Votum blieb allerdings | |
| folgenlos. Durch taktische Züge im Stadtrat wurde das Bürgerbegehren, das | |
| hätte folgen sollen, ausgebremst. Zuvor hatte die brandenburgische | |
| Landeshauptstadt der Bauherrin, der kirchlichen Stiftung Garnisonkirche, | |
| das Grundstück geschenkt und im Kuratorium der Stiftung einen Sitz | |
| erhalten, so wie das Land auch. Die Mehrheit stellt allerdings das | |
| Establishment der evangelischen Kirche, dazu gesellen sich die | |
| brandenburgischen Provinzfürsten Manfred Stolpe, Jörg Schönbohm und | |
| Matthias Platzeck. | |
| Der Motor aber ist Wolfgang Huber. Der ehemaligen Ratsvorsitzenden der | |
| Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist auf vielen gesellschaftlichen | |
| Baustellen im Land unterwegs, der Garnisonkirche aber dürfte seine | |
| besondere Leidenschaft gelten. Huber, damals Bischof von Berlin, | |
| Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, hat sich in das Projekt | |
| eingeklinkt, als das Vorhaben in eine bizarre Richtung abzudriften drohte. | |
| Denn nicht eine Potsdamer Kirchengemeinde oder protestantische Autoritäten | |
| waren von der Vision beseelt, die bekannteste deutsche Militärkirche | |
| auferstehen zu lassen, sondern ein Oberstleutnant der Bundeswehr. Max Klaar | |
| war in den achtziger Jahren Kommandeur eines Fallschirmjägerbataillons in | |
| Iserlohn und propagierte – vorsichtig formuliert – ein sehr konservatives | |
| Geschichts- und Werteverständnis. So räsonierte er öffentlich über die | |
| deutsche Kriegsschuld beim Überfall auf Polen und sprach sich 1989 für die | |
| Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 aus. | |
| Was liegt da näher, als den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu erträumen? | |
| Klaar gründete einen Verein, sammelte Geld, ließ zunächst das Glockenspiel | |
| rekonstruieren und übergab es seinen Fallschirmjägern. Nach der deutschen | |
| Einheit schenkte Klaar das Instrument der Stadt Potsdam und versicherte, | |
| den Wiederaufbau der Kirche nun nach Kräften zu fördern. Der | |
| Oberbürgermeister nahm das Wort mit Wohlwollen entgegen. Wenn er 20 | |
| Millionen Mark beisammen habe, so hieß es aus dem Rathaus, könnte Klaar mit | |
| dem Bau beginnen. | |
| Als der Oberstleutnant über 6 Millionen Euro gesammelt hatte, wurde es | |
| ernst – und Klaar formulierte seine Pläne für die neue Garnisonkirche: | |
| Keine Segnung von Schwulen, kein Kirchenasyl, keine feministische | |
| Theologie. Das war der Moment, als sich Wolfgang Huber einschaltete. 2008 | |
| wurde die kirchliche Stiftung Garnisonkirche gegründet. Klaar stieg mitsamt | |
| seinen Spendenmillionen aus. | |
| ## Ein Glockenspiel mit harten Tönen | |
| Wer die Ohren spitzt, kann von der Nagelkreuzkapelle etwas vom Glockenspiel | |
| erhaschen. 200 Meter hinter der Baustelle erhebt sich das Gerüst mit den 40 | |
| Glocken und hämmert den Passanten sein „Üb immer Treu und Redlichkeit“ ei… | |
| eigentlich eine fröhliche Melodie aus Mozarts „Zauberflöte“. Die preußis… | |
| Umdeutung dieser Arie hätte nicht umfassender sein können. Jetzt wird die | |
| gesamte Kirche umgedeutet. Ein Ohrenschmaus ist das Glockenspiel allerdings | |
| nicht. Die Töne klingen hart, regelrecht kalt, als würde jemand mit einem | |
| Hammer auf einen Panzer schlagen. Irgendwie hat sich die Gesinnung von Max | |
| Klaar eingebrannt. | |
| „Ich stehe für eine Theologie und eine Arbeit, die das Gegenprogramm zu Max | |
| Klaar ist“, sagt Cornelia Radeke-Engst. Die Pfarrerin der | |
| Nagelkreuzgemeinde hat nichts Militärisches an sich. In der sächsischen | |
| Oberlausitz geboren, kann sie auch kaum als Preußin gelten. Dem Turm werde | |
| ein neuer Geist innewohnen, versichert sie. Und so wird nicht nur das alte | |
| Lied von Unterordnung und Pflichterfüllung über Potsdam erklingen, sondern | |
| ebenso ein pazifistisches Gebet. „Gibt Frieden, Herr, gib Frieden“ wird das | |
| Repertoire des Glockenspiels am neuen Turm ergänzen, erzählt Radeke-Engst. | |
| Und auch zu ebener Erde werde es eine andere Intention geben. „‚Richte | |
| unsere Füße auf den Weg des Friedens‘, wird in fünf Sprachen am Sockel | |
| stehen“, sagt Radeke-Engst. Das Wort aus dem Lukasevangelium wird den Turm | |
| in mächtigen Lettern umlaufen. | |
| Auch wenn der Turm wegen der Finanzlücke zunächst unvollendet bleibt, soll | |
| er doch voll funktionsfähig sein – mit Café, Aussichtsplattform und einer | |
| Bildungsstätte für „Friedens- und Versöhnungsarbeit“. Die Erinnerung an … | |
| „Tag von Potsdam“ wird genauso thematisiert wie der Widerstand des | |
| Infanterieregiments 9. Einige ihrer Offiziere, alle Gemeindeglieder der | |
| Garnisonkirche, waren führend an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 | |
| beteiligt. | |
| Es wird Angebote an Gruppen geben, an Schulklassen, Kirchengemeinden, mit | |
| Gottesdiensten, Seminaren, gar von einer „Schule des Gewissens“ ist die | |
| Rede. Unter dem Dreiklang „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, | |
| Versöhnung leben“ wirft die evangelische Kirche Argument über Argument in | |
| die Diskussion, um ein Kunststück zu vollbringen, das heikel ist: Einen | |
| alten Turm so originalgetreu wieder entstehen zu lassen, dass alten und | |
| neuen Preußen das Herz in der Brust bebt, und der doch nichts mit dem | |
| reaktionären Geist zu tun haben darf. Cornelia Radeke-Engst formuliert es | |
| so: „Sobald du den alten Turm aufbaust mit der Zier, dann zieht der alte | |
| Geist wieder in die Kirche ein, wie die Kritiker sagen – so kann man als | |
| Christ nicht denken.“ | |
| ## Der Protest formiert sich | |
| „Warum muss man die ehemalige Garnisonkirche wieder errichten, um, wie | |
| behauptet wird, die Ideologie und Wirkungsgeschichte, die sie | |
| repräsentiert, zu widerlegen?“, lautet die Gegenfrage. Kritiker haben sie | |
| an Frank-Walter Steinmeier gerichtet. Sie fürchten, dass rechtsextreme, | |
| nationalistische und geschichtsrevisionistische Kräfte „den Wiederaufbau | |
| der Garnisonkirche als Bestätigung ihrer politischen Ansichten in Anspruch | |
| nehmen und propagieren“. | |
| 91 Unterschriften trägt der entsprechende Brief an den Bundespräsidenten, | |
| der im Juni 2017 die Schirmherrschaft über den Wiederaufbau übernommen hat. | |
| Unterzeichnet von Mitgliedern der Initiative „Christen brauchen keine | |
| Garnisonkirche“, von ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern wie Ruth Misselwitz und | |
| Friedrich Schorlemmer, von Künstlern und Publizisten, etwa Klaus Staeck, | |
| Uwe-Karsten Heye und natürlich Gerhard Bauz von der | |
| Martin-Niemöller-Stiftung. Der Mann hat nach jenem Abend, an dem er von | |
| Cornelia Radeke-Engst ermahnt wurde, Hausverbot in der Nagelkreuzkapelle | |
| erhalten. | |
| Steinmeier hat sich zu dem Schreiben nicht öffentlich geäußert, aktiv wurde | |
| das Bundespräsidialamt trotzdem. Am 12. Oktober 2018 trat in der | |
| Nagelkreuzkapelle unter Vorsitz des Historikers Paul Nolte erstmals eine | |
| „Wissenschaftlicher Beirat“ zusammen, der den Wiederaufbau mit „kritischem | |
| Blick“ verfolgen und mit „Sachverstand“ unterstützen soll. Nolte, Profes… | |
| für Neuere Geschichte in Berlin, verspricht, dass man sich als Erstes um | |
| die Online-Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche kümmern wolle. | |
| Als gäbe es keinen „Tag von Potsdam“, keine Festpredigt, keine | |
| protestantisch-nationale Erhebung, thematisiert die virtuelle Exposition | |
| nur die Geschichte der Kirche von 1945 bis zu ihrer Sprengung 1968. Ihr | |
| Tenor: Die evangelische Kirche war Opfer, sei es als Einrichtung, sei es | |
| als Bauwerk. Doch wesentliche Personen bleiben dabei unterbelichtet. | |
| Etwa Winfried Wendland. Der Kirchenbaurat gilt als Retter der | |
| Garnisonkirche, weil er nach Kriegsende den Turmstumpf sichern und im | |
| Innern eine Kapelle einrichteten ließ. Zuvor jedoch hatte Wendland zu | |
| Nazi-Zeiten eine glänzende Karriere hingelegt, als „Reichsreferent für | |
| bildende Kunst der deutschen Christen“, Referent für Kunst im preußischen | |
| Kultusministerium und Autor von Aufsätzen über die „nationalsozialistische | |
| Kulturpolitik“. Wendland träumte nach dem siegreichen Krieg von bedeutenden | |
| Kirchenbauten mitsamt Kriegerehrung. | |
| ## Blinde Flecke in der Kirchengeschichte | |
| Es kam anders. Das nötige Geld für die Turmkapelle besorgte sich Wendland | |
| bei seinem Freund Oskar Söhngen, Oberkonsistorialrat in Berlin. Vor 1945 | |
| tat sich Söhngen als Musikdezernent bei der „Entjudung“ der deutschen | |
| Kirchenmusik hervor. Söhngens Vorgesetzter war der Berliner Bischof Otto | |
| Dibelius. Dibelius, der sich seines Antisemitismus rühmte, brachte das | |
| Kunststück fertig, nicht nur am „Tag von Potsdam“ die Festpredigt zu | |
| halten, sondern auch bei der Eröffnung des ersten Deutschen Bundestags | |
| 1949, da war er schon CDU-Mitglied – eine protestantische Karriere. Anders | |
| als etwa Martin Niemöller, den Namensgeber der Stiftung, in dessen Vorstand | |
| Gerhard Bauz sitzt. Niemöller, im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant, nach | |
| 1933 „Schutzhäftling“ Hitlers in Sachsenhausen und Dachau, hat sich nach | |
| 1945 vehement für die atomare Abrüstung eingesetzt. So sehr, dass er in der | |
| EKD bald als „Kommunistenfreund“ galt und an den Rand gedrängt wurde. Der | |
| Wissenschaftliche Beirat wird gut zu tun haben, auch bei der Bewertung der | |
| Rolle der Kirche am „Tag von Potsdam“. | |
| Egal, mit wem man sich aus der Stiftung Garnisonkirche unterhält – ein | |
| Hinweis fehlt nie: Was sind 45 Minuten Staatsakt bei einer Kirche, die mehr | |
| als 200 Jahre existiert hat? Ein Vogelschiss, würde der Potsdamer Alexander | |
| Gauland wohl antworten. Der AfD-Mann sei einmal kurz in der | |
| Nagelkreuzkapelle gesichtet worden, heißt es, sei aber bald verschwunden. | |
| Das muss kein Zeichen von Desinteresse sein. Die AfD arbeitet gerade an der | |
| „erinnerungspolitischen Wende“. Ihr Initiator Björn Höcke hat die | |
| Rekonstruktionen von Schlössern und Kirchen fest im Blick, für ihn Zeichen | |
| des Selbstbehauptungswillens eines gebeutelten Volkes. Nur eines fehlt | |
| noch. „Es geht darum, den neu entstandenen Fassaden einen neuen, würdigen | |
| Geist einzuhauchen“, sagte Höcke bei seiner Dresdner Rede im Januar 2017. | |
| Auf den neuen, friedfertigen Geist sind sie in der Garnisonkirche besonders | |
| stolz. Doch Geist ist etwas Flüchtiges. Nur Mauern sind stabil. | |
| 1 Nov 2018 | |
| ## AUTOREN | |
| Thomas Gerlach | |
| ## TAGS | |
| Evangelische Kirche | |
| Potsdam | |
| Geschichte | |
| Garnisonkirche | |
| Garnisonkirche | |
| Erinnerungskultur | |
| Garnisonkirche | |
| Asyl | |
| Garnisonkirche | |
| Kirche | |
| Architektur | |
| Kolonialgeschichte | |
| Schwerpunkt Nationalsozialismus | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Rechenzentrum in Potsdam: Für den Erhalt der DDR-Architektur | |
| Weniger DDR, mehr Preußen: Gegen diese Umwandlung Potsdams richtet sich die | |
| aktuelle Debatte um den Abriss des Rechenzentrums. | |
| Umstrittene Potsdamer Garnisonkirche: Mehrausgaben und Mehrbedarf | |
| Die Kirche werde größtenteils aus Steuergeldern finanziert, sagt das | |
| „Rechercheteam Lernort Garnisonkirche“. Doch das Geld reiche nicht. | |
| Streit um Garnisonkirche: Potsdam hat einen an der Glocke | |
| Der Streit über die Potsdamer Garnisonkirche ist wieder aufgeflammt. | |
| Oberbürgermeister Mike Schubert hat ihr Glockenspiel abgeschaltet. | |
| Dokumentartheater zur Selbstfindung: Graffito und Kontrollverlust | |
| Die Schauspielerin Paula Knüpling wurde wegen eines Graffitos festgenommen | |
| und hat dieses Erlebnis an der Schaubude zu einem Stück verarbeitet. | |
| „Seehofer wegbassen“-Demo in Berlin: Druck auf Geflüchtete und Helfer stei… | |
| Ein Bündnis von über 60 Organisationen ruft am Samstag zu einer „Seehofer | |
| wegbassen“-Demo auf, um sich gegen zunehmende Kriminalisierung zu wehren. | |
| Kommentar Garnisonkirche Potsdam: Von wegen Versöhnung | |
| Die rekonstruierte Garnisonkirche in Potsdam soll ein Versöhnungszentrum | |
| werden. Doch das Gebäude war auch immer ein Magnet für Rechte. | |
| Nazi-Glocken und NS-Kirchenbauten: „Oh du fröhliche“? | |
| Mehr als tausend Kirchen wurden in der Nazizeit errichtet und umgestaltet. | |
| Die Symbole sind geblieben. Wie umgehen mit dem Erbe? | |
| Stephan Trüby über Architekturpolitik: „Die Vergangenheit neu erfinden“ | |
| Mit städtebaulichen Rekonstruktionen platziert die Rechte ihre Ideologie in | |
| der Mitte der Gesellschaft. Der Architekturprofessor über rechte Räume und | |
| Ästhetik. | |
| Kommentar Humboldt Forum in Berlin: Weg mit den kolonialen Souvenirs | |
| Koloniale Beute soll das wiedererrichtete Berliner Schloss füllen. Man | |
| sollte sie Stück für Stück wieder zurückgeben – bis die ganze Betonattrap… | |
| leer ist. | |
| Der Glücksburger Adel und die Nazis: Kaffee mit dem Gestapo-Chef | |
| Prinzessin Helena von Glücksburg empfing Nazi-Granden, und Prinz Friedrich | |
| Ferdinand unterstützte nach 1945 Ex-SS-Leute. Eine Aufarbeitung fehlt bis | |
| heute |