# taz.de -- Gesamtwerk von Ton Steine Scherben: Kleines Universum der Anarchie | |
> Zehn Jahre lang haben sich die Erben Rio Reisers um die Rechte an dessen | |
> Songs gestritten – nun ist das Gesamtwerk neu erschienen. | |
Bild: Schon etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch ein bisschen schräg: … | |
Persönliche Erinnerung Nummer eins: Der 1. Mai 1975 war ein sonniger | |
Frühlingstag in Westberlin. In Moabit hatte sich die radikale Linke | |
versammelt, um den „Kampftag der Arbeiterklasse“ zu feiern. Über | |
zehntausend Menschen waren gekommen, vor allem junge. Als Proletarier | |
verkleidete Kommunisten sangen die „Internationale“. | |
Wir – Spontis und Anarchisten – liefen hinter einem Lautsprecherwagen her, | |
aus dem ein Song von „Ton Steine Scherben“ hämmerte. „Reißen wir die Ma… | |
ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen. Du bist | |
nicht besser als der neben dir. Keiner hat das Recht, Menschen zu | |
regier’n.“ | |
Der Refrain: „In jeder Stadt und in jedem Land, heißt die Parole von | |
unserem Kampf, heißt die Parole von unserem Kampf, Keine Macht, für | |
niemand!“ Es war die Hymne der Anarchisten und Spontis. | |
Fast zehn Jahre haben sich die Erben des Sängers Rio Reiser und die Musiker | |
der Band um die Rechte an den Songs der Scherben gestritten. Vergangenes | |
Jahr haben sie sich endlich geeinigt, und seit ein paar Wochen ist das | |
„Gesamtwerk“ der Scherben wieder erhältlich: eine Box mit fünf Studioalben | |
und drei Livealben. Dazu Singles, Demotapes, Outtakes, andere Raritäten und | |
ausführliche Erläuterungen zu den Umständen der Aufnahmen. Wahlweise auf CD | |
oder Vinyl. Mit dem Gesamtwerk lässt sich die Frage untersuchen: Woraus | |
bezogen und beziehen die Scherben ihre Signifikanz? | |
„Am Anfang war das Wort“, Johannes 1. In der populären Musik gab es schon | |
immer Sänger und Bands, bei denen die Worte schwerer wiegen als die Töne, | |
Bob Dylan ist eines der bekanntesten Beispiele für diesen Primat des | |
Textes. | |
## Soundtrack zur Revolte | |
Den Scherben brachten ihre Texte das Etikett „Politrock“ ein. „Macht | |
kaputt, was euch kaputtmacht“ hieß ein programmatisches Lied auf ihrer | |
ersten Platte, die 1970 erschienen war. „Allein machen sie dich ein“ eine | |
andere Nummer | |
Die Scherben sangen auf Deutsch; und ihr Sänger Rio Reiser, mit | |
bürgerlichem Namen Ralph Möbius, schaffte etwas, was bis dahin unmöglich | |
schien. Er sang zu angloamerikanischer Rockmusik deutsche Texte, und es | |
klang nicht peinlich. | |
Es klang so natürlich und authentisch, wie gute Rockmusik klingen muss. Ein | |
leichter Berliner Akzent half, und die Texte waren in der Sprache gehalten, | |
die junge Arbeiter verstanden und selbst sprachen: „Nee, ich will nicht | |
werden, was mein Alter ist.“ Die Scherben-Songs waren der Soundtrack zur | |
Revolte der frühen 1970er Jahre, der Soundtrack zu Klassenkampf, langen | |
Haaren, Drogen, Hausbesetzungen, Demos – Dingen und Ereignissen, die | |
bereits Objekte der Historisierung sind. | |
Am Haus Tempelhofer Ufer Nr. 32, in Berlin-Kreuzberg am Ufer des | |
Landwehrkanals, hängt heute eine Gedenktafel: „Hier lebte und arbeitete von | |
1971 bis 1975 der Sänger, Textdichter und Komponist Rio Reiser, 9. 1. 1950 | |
bis 20. 8. 1996, mit der Band Ton Steine Scherben.“ Als die Scherben in dem | |
Gründerzeithaus lebten, gaben sich Freunde und Genossen, Trebegänger, Fans | |
aus Westdeutschland und bewaffnete Bullen-Kommandos die Klinke in die Hand | |
– bis die Band nach vier Jahren nach Fresenhagen in Nordfriesland | |
flüchtete, um dort in Ruhe zu leben und zu arbeiten. | |
Die Scherben transponierten die Sponti-Parole „Das Persönliche ist | |
politisch“ in die Sphäre der Musik. Die Lieder waren politisch, aber gingen | |
vom Individuum aus, von subjektiven Erfahrungen der Unterdrückung und | |
Frustration, aber auch vom Wunsch nach Gemeinschaft und Freiheit. | |
Gleichzeitig hatten sie ein existenzialistisches Moment, oder wie Rio | |
Reiser es einmal beschrieb: „Unser Prinzip: Erst einmal ins Dunkel und die | |
tiefsten Tiefen, dann hinauf ans Licht.“ | |
## Zehntausend Hausbesetzer | |
Persönliche Erinnerung Nummer zwei: Im Januar 1981 zogen mehr als | |
zehntausend Hausbesetzer und ihre Unterstützer durch die Straßen | |
Westberlins. Aus den Lautsprecherwagen krachten Punknummern wie „Keine | |
Atempause“ von Fehlfarben oder „Deutschland muss sterben, damit wir leben | |
können“ von Slime. Aber auch Scherben-Songs, besonders der | |
„Rauch-Haus-Song“: „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da, | |
und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas ...“ | |
Im Dezember 1971 hatten die Scherben im Auditorium Maximum der Westberliner | |
Technischen Universität gespielt, nach einem Teach-in zu den Vorfällen rund | |
um die Erschießung Georg von Rauchs durch einen Polizeibeamten in | |
Berlin-Schöneberg. Rauch hatte zu den „Haschrebellen“ gehört, dem „Blue… | |
dann war er in den Untergrund gegangen, mit Genossen wie Bommi Baumann, die | |
kurz darauf die „Bewegung 2. Juni“ gründeten. | |
Von der Technischen Universität marschierten mehr als fünfhundert junge | |
Leute zum leerstehenden Bethanien-Krankenhaus in Kreuzberg, besetzten dort | |
das ehemalige Schwesternheim und nannten es Rauch-Haus. Über die Türe | |
malten sie den Spruch von Georg Büchner: „Friede den Hütten! Krieg den | |
Palästen!“ Und nach zähem Kampf zwangen sie den Senat dazu, ihnen das | |
Gebäude zu überlassen. | |
Der Rauch-Haus-Song ist zur Hymne von Kreuzberg geworden. Und er ist | |
paradigmatisch dafür, warum Songs der Scherben auch im 21. Jahrhundert | |
Anziehungskraft auf junge Menschen haben. Sie erzählen eine Geschichte und | |
haben etwas, was den allermeisten Popsongs fehlt: eine Botschaft. | |
Die chronische Finanzmisere der Band konnte auch Claudia Roth, die spätere | |
Grünen-Vorsitzende, als Managerin der Band nicht beheben. Ton Steine | |
Scherben lösten sich 1985 auf, Rio nahm in der Folge Soloplatten auf. Mit | |
„König von Deutschland“ landete er sogar einen echten Hit. Er schrieb und | |
spielte weiterhin schöne Songs ein, aber die Intensität der besten | |
Scherben-Nummern hatten sie nicht mehr. Aufgerieben von Geldsorgen, Drogen | |
und langen Jahren als charismatischer Frontmann auf der Bühne, starb Rio | |
1996, im Alter von 46 Jahren. | |
## Ein Song wie ein Universum | |
Die Erben von Rio Reiser und die einstigen Mitglieder der Band, die als | |
„Scherben-Family“ und nun auch als Ton Steine Scherben wieder live | |
auftreten, haben sich die vergangenen zehn Jahre um Rechte und respektive | |
Tantiemen gestritten. Die Scherben-Tonträger waren derweil schon zu teuren | |
Raritäten geworden. | |
Die Musik der Scherben war konventionell, der Songstruktur verhaftet. | |
Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Strophe und so weiter. Von | |
elektrischen Gitarren dominierte Rockmusik, die in ihren Höhepunkten an | |
Velvet Underground erinnert, aber nichts Elektronisches, Experimentelles, | |
wie es zur gleichen Zeit die Krautrock-Gruppen entwickelten, Tangerine | |
Dream, Amon Düül II, Can oder Kraftwerk. | |
Persönliche Erinnerung Nummer drei: Im Februar 1984 in Fresenhagen, in dem | |
reetgedeckten Bauernhof der Scherben in Nordfriesland, spricht Rio Reiser | |
nach dem Frühstück am frühen Nachmittag bei einer Weißwein-Schorle über | |
Songs. „Ein guter Song“, sagt er, „ist wie ein kleines Universum.“ | |
Manche der Scherben-Songtexte sind zeitlos und universell. „Meine Name ist | |
Mensch“, zum Beispiel, von der ersten LP: „Ich habe viele Väter. Ich habe | |
viele Mütter, und ich habe viele Schwestern und ich habe viele Brüder. | |
Meine Väter sind schwarz, meine Mütter sind gelb und meine Brüder sind rot | |
und meine Schwestern sind hell ... Ich bin über zehntausend Jahre alt und | |
mein Name ist Mensch.“ Unter Kolleginnen und Kollegen genoss und genießt | |
Rio Reiser als Songwriter – meist unterstützte ihn dabei der Gitarrist | |
Lanrue – einen legendären Ruf; sein Einfluss erinnert an den Bob Dylans in | |
der angloamerikanischen Popmusik. Zu den deutschen Musikern, die | |
Scherben-Covers aufgenommen haben, zählen unter anderen: Marianne | |
Rosenberg, Die Ärzte, Beatsteaks, Clueso, Jan Delay, Fettes Brot, Rocko | |
Schamoni, Slime, die Toten Hosen, Wir sind Helden. | |
Die Scherben stechen in Deutschland aus der Geschichte der Rockmusik | |
hervor, ähnlich wie es Jimi Hendrix, die Beatles oder Bob Dylan in der | |
globalen Musikgeschichte tun. Das klingt übertrieben. Ist es aber nur ein | |
wenig. | |
Der Autor war taz-Mitgründer, von 1992 bis 1994 taz-Chefredakteur. Er | |
schreibt seit 1995 für den „Spiegel“. | |
28 Jan 2016 | |
## AUTOREN | |
Michael Sontheimer | |
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