| # taz.de -- Rundlingsmuseum im Wendland: Leinenproduktion für die Sklaverei | |
| > Das Rundlingsmuseum Wendland, ein Freilichtmuseum im Landkreis | |
| > Lüchow-Dannenberg, zeigt die Verstrickung der Leinenproduktion in den | |
| > Kolonialismus. | |
| Bild: Erzählen die regionale Geschichte der Leinenproduktion neu: die Kuratori… | |
| Wer das Wendland ganz im Osten von Niedersachsen bereist, könnte denken: | |
| beschaulich, dieser Flecken Erde: Wald, Wiesen, Dörfchen – idyllisch. Aber | |
| auch das Wendland ist nicht ohne Schattenseiten. | |
| Nicht nur, dass es hier noch immer ein Atommüll-Zwischenlager gibt – | |
| immerhin ist die Planung für eine Hochradioaktiv-Endlagerstätte im | |
| Salzstock Gorleben inzwischen Geschichte, nicht zuletzt durch | |
| [1][Jahrzehnte örtlicher Anti-AKW-Bewegung]. Seit Jüngstem wissen wir auch: | |
| Die Region war tief in die Düsternisse der Kolonialzeit verstrickt, als | |
| Profiteur. | |
| Denn hier wurde protoindustriell Leinen produziert. Und Leinen diente als | |
| Zahlungs- und Verpackungsmittel für Kolonialwaren, war (Tausch-)Ware im | |
| Kolonialhandel. So entstand regionaler Wohlstand, groß genug, um bis heute | |
| sichtbar zu sein, etwa durch Häuser mit aufwendigen Ziergiebeln. Aber der | |
| Hintergrund dieses Wohlstandes war Menschenverachtung. | |
| Das Rundlingsmuseum Wendland, ein regionales Freilichtmuseum in Lübeln, | |
| einem Bilderbuch-Runddorf im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem Besuchende | |
| auf den ersten Blick keine Konfliktthemen erwarten, erhellt diese | |
| Zusammenhänge. | |
| ## Globaler Blick im Regionalmuseum | |
| Seine bisher lokal- und technikgeschichtlich geprägte Dauerausstellung zur | |
| Geschichte der Leinenproduktion im 18. und 19. Jahrhundert ist reformiert | |
| und neu erzählt, erweitert um die Präsentation „Verflochten. Wendländisches | |
| Leinen und Kolonialismus“ – eine Globalsicht, die nicht zuletzt die Themen | |
| Transkulturalismus und Rassismus berührt, kolonialistische Gewalt. | |
| Hintergrund ist das Forschungsprojekt „Wendländisches Leinen und | |
| [2][koloniales Erbe. Spurensuche] einer transkulturellen Verflechtung im | |
| 18. und 19. Jahrhundert“, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Fakultät | |
| Kulturwissenschaften der Lüneburger Leuphana-Universität, zwischen Herbst | |
| 2023 und Sommer 2025. 100.000 Euro steuerte das niedersächsische | |
| Ministerium für Wissenschaft und Kultur bei. | |
| „Wir zeigen komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge auf, die in der | |
| Forschung bisher vernachlässigt waren“, sagt Ruth Stamm der taz, | |
| Kulturwissenschaftlerin an der Leuphana-Universität, wissenschaftliche | |
| Mitarbeiterin des Projekts, Kuratorin der Präsentation. „Wir zeigen, dass | |
| das Wendland Teil des weltweiten Kolonialsystems war, lange bevor es | |
| deutsche Kolonien gab.“ | |
| Bisher sei die Neuausrichtung, im Kern erlebbar als Dauerausstellung im | |
| Flachs- und Leinenhaus des Museums, in der Region „sehr positiv“ | |
| aufgenommen worden, sagt Sarah Kreiseler der taz, die das Museum leitet. | |
| Sie hatte die wissenschaftliche Projektleitung, ist ebenfalls Kuratorin der | |
| neuen Schau. „Wir sind viel Aufgeschlossenheit begegnet, viel | |
| Interessiertheit“, so Stamm, „auch bei sehr alteingesessenen Personen, die | |
| selbst mit dem Material Leinen gearbeitet haben.“ | |
| Klar sei gewesen, „dass zum Output des Forschungsprojekts eine Ausstellung | |
| gehören sollte, auch eine Begleitbroschüre“, sagt sie. „Wir setzen dabei | |
| kein großes Diskurswissen voraus, sondern erklären viele grundsätzliche | |
| Begriffe in einem Glossar“, ergänzt Stamm. | |
| Die Broschüre enthält nicht nur Historisches, vom Spinnstubenfoto bis zu | |
| Fotos und Zitaten versklavter Menschen wie Booker T. Washington und Harriet | |
| Jacobs. Sie stellt auch Fragen zur Gegenwart: „Werden Textilien heute unter | |
| neokolonialen Bedingungen hergestellt? Welche Rolle spielt moderne | |
| Versklavung in der Modeindustrie?“ | |
| Die Motivation für die Neuausrichtung, den neuen „frischen Blick“, | |
| beschreibt Kreiseler so: „Als ich 2022 hier im Museum anfing, bin ich in | |
| einem Flyer auf eine kurze Bemerkung gestoßen: Leinen habe als Bekleidung | |
| [3][versklavter Menschen] gedient. Das ließ mich aufhorchen, das war | |
| natürlich eine interessante Spur, das wollte ich weiter erforschen.“ Aber | |
| für die Leinenproduktion des Wendlands ließ sich das nicht verifizieren. | |
| ## Von Flachs und Fesseln | |
| Auf den ersten Blick ist Kreiselers Freilichtmuseum ein Ort, an dem die | |
| Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Backhaus, Ziehbrunnen, Wagenremise, | |
| Schmiede, Stellmacherei, Töpferei, Obstscheune, Kräuterrondell, | |
| Bauerngarten. Aber das täuscht. Das Flachs- und [4][Leinenhaus wurde für | |
| die neue Ausstellung komplett ausgeräumt]. Und das neue, sehr | |
| zeitgenössische Ausstellungsdesign signalisiert: Hier hat sich etwas getan, | |
| etwas Grundsätzliches. | |
| Die Begleitbroschüre mündet in künstlerische und literarischen | |
| Perspektiven. Eine davon ist Bisrat Negassis Gedicht „Von Flachs und | |
| Fesseln – Das Leinen spricht“. In ihm heißt es: „Ich bin das Echo der Ze… | |
| / die zwischen Ackerfurche und Kolonialhafen wucherte. / Ich rieche noch | |
| nach Schweiß, nach Erde, nach Afrika, nach Europa – / nach all den Orten, | |
| an denen man mich verlangte, / aber nie wirklich fragte. / Ich war Kleid | |
| auf nackter Haut, / zu grob für Herren, gerade recht für jene, die man | |
| zählte, verkaufte, verschiffte.“ | |
| 17 Oct 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Wendland-Wo-sich-der-Widerstand-dreht/!6095540 | |
| [2] /Deutsche-Kolonialgeschichte/!6106013 | |
| [3] /Buch-ueber-4000-Jahre-Schwarze-Geschichte/!6116090 | |
| [4] https://rundlingsmuseum.de/projekte/ | |
| ## AUTOREN | |
| Harff-Peter Schönherr | |
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