# taz.de -- Vermüllung in Uganda: Der Preis des Mülls | |
> Ein Jahr nach der Mülllawine hat Shadia Nanyonjo weder ihr Zuhause zurück | |
> noch eine Entschädigung erhalten. Die Stadt lädt ihren Abfall in einem | |
> geschützten Gebiet ab. | |
Bild: Bagger im Einsatz am Müllberg von Kiteezi: Direkt neben Wohnhäusern suc… | |
Ihre Lippen zittern leicht, als Shadia Nanyonjo auf den Müllberg schaut, | |
der vor einem Jahr ihr Haus unter sich begrub. „Hier habe ich mit meinen | |
drei Kindern gelebt“, sagt sie leise und ringt um Fassung. | |
Die 29-jährige Uganderin steht an der Flanke eines der zahlreichen Hügel | |
von Ugandas Hauptstadt Kampala. Oberhalb von dort, wo sie steht, erhebt | |
sich ein gewaltiger Berg aus [1][Müll]. Fliegen schwirren umher. Es stinkt | |
nach Abfällen. Vor genau einem Jahr hatte sich ein Teil des Müllberges | |
gelöst und war wie eine Lawine den Abhang hinuntergedonnert. Mehr als 70 | |
Häuser wurden darunter begraben. 34 Tote wurden später geborgen, noch immer | |
werden mehr als 20 vermisst. Insgesamt wurden mehr als 220 Menschen | |
obdachlos. Viele Familien haben ihre Angehörigen oder Nachbarn, die sie | |
dort im Unrat vermuteten, nie wieder gefunden. | |
Die alleinerziehende Mutter Nanyonjo hatte riesiges Glück: „Ich war an | |
jenem Morgen früh aufgestanden, um den Haushalt zu machen, bevor ich meine | |
Kinder zum Kindergarten bringen wollte und ich selbst zur Arbeit musste,“ | |
berichtet sie und seufzt. Der Morgen des 9. August 2024, als die städtische | |
Müllhalde im Morgengrauen kollabierte, ist eine Erinnerung, die Shadia | |
Nanyonjo nur schwer erträgt. | |
Die Kinder waren gerade aufgewacht. „Zuerst hörte ich ein dumpfes Grollen, | |
dann hörte ich meine Nachbarn laut schreien“, erzählt sie. „Da habe ich | |
meine Kinder geschnappt und wir sind davongerannt.“ Dort, wo einst ihr | |
kleines Haus mit den zwei Zimmern stand, türmt sich heute der stinkende | |
Müll. Nanyonjo hat alles, was sie je besaß, verloren: Möbel, | |
Kleidungsstücke, Haushaltswaren. Übrig geblieben waren nur die | |
Schlafanzüge, die die Kinder am Leib trugen. „Am meisten weine ich um die | |
Fotos meiner verstorbenen Mutter“, sagt sie leise. „Und um meine Nachbarn, | |
die das Unglück nicht überlebt haben – wir waren eng befreundet.“ | |
## Nanyonjo musste nach der Mülllawine wegziehen | |
Während die junge Frau ihre Tränen wegwischt, blickt eine Nachbarin aus | |
einem Haus, das noch steht. [2][Die Mülllawine] hat es gerade so um wenige | |
Meter verfehlt. Die beiden Frauen grüßen sich. Bis vor einem Jahr haben sie | |
nur einen Steinwurf voneinander entfernt gelebt, ihre Kinder spielten jeden | |
Tag zusammen, berichten sie. | |
Nach dem Kollaps der Mülldeponie musste Nanyonjo wegziehen. Die 31-jährige | |
Zamhall Nansamba hingegen hatte Glück, ihrem Haus ist nichts passiert. | |
„Doch wir haben unsere ganze Rinderherde verloren“, sagt die junge Frau und | |
zeigt auf den Unrat, der wie eine Lawine direkt neben ihrem Haus zum | |
Stillstand gekommen war. Dort hatten auf einer Wiese einmal ein paar | |
Dutzend Kühe gegrast – das ganze Vermögen ihrer Familie, so Nansamba: „Me… | |
Mann hat diesen Verlust nicht gut überwunden“, sagt sie leise: „Er leidet | |
an einem Trauma und ist seitdem in der Psychiatrie.“ | |
Die rundliche Frau im langen blaugrünen Kleid und mit rosa Kopftuch trägt | |
ihren einjährigen Sohn Habib auf dem Arm. Die Tochter sei im Kindergarten, | |
berichtet sie. „Wir können bis heute nachts nicht gut schlafen“, erzählt | |
sie und blickt auf den Jungen: „Sobald wir nur ein Flugzeug am Himmel | |
hören, fangen die Kinder an zu weinen vor Angst.“ Sie selbst schlafe meist | |
tagsüber, weil sie nachts „Wache hält“, wie sie sagt. „Man weiß ja nie, | |
wann die nächste Lawine kommt.“ | |
Die Stadtverwaltung hatte nach dem Unglück im vorigen Jahr die Anwohner im | |
Umkreis angewiesen, umzuziehen, weil die Gefahr groß sei, dass die | |
Müllhalde noch weiter abrutsche. Doch die Menschen, die in diesem | |
Armenviertel am nördlichen Stadtrand von Kampala leben, haben kein Geld, um | |
sich anderswo anzusiedeln, so Nansamba: „Wir leben jetzt in stetiger | |
Angst.“ | |
Immerhin, Kampalas Stadtverwaltung (KCCA) hat direkt nach dem Unglück die | |
städtische Deponie im Stadtteil Kiteezi, wo seit über 27 Jahren der ganze | |
Unrat der Zwei-Millionen-Metropole unsortiert abgeladen wird, geschlossen, | |
so Daniel Nuweabine, Sprecher der Stadtverwaltung KCCA. Er erklärt: Um die | |
Halde zu befestigen, hat die Regierung Japans jetzt eine Million Dollar | |
zugesagt. Nun werden Maschinen und japanische Ingenieure eingeflogen. | |
## 500.000 Tonnen Müll sollen verdichtet werden | |
Sie sollen die rund 500.000 Tonnen Müll, die sich seit der Eröffnung der | |
Deponie 1998 zu einem gewaltigen Berg aufgetürmt haben, so verdichten, dass | |
weitere Unglücke verhindert werden. „Es geht konkret um Arbeiten in den | |
hochriskanten Teilen des Deponiegeländes, denn dort rechnen wir mit | |
erneuten Explosionen“, erklärt Nuweabine: „Da Methangas unter der Deponie | |
vorhanden ist, führt die Erhöhung des Drucks dazu, dass sich die Risse | |
weiter öffnen und einen weiteren Erdrutsch verursachen können.“ Die Japaner | |
würden dies nun professionell angehen. | |
Parallel dazu habe KCCA im März dieses Jahres 27 Kilometer westlich von | |
Kampala, nahe dem Ort Buyala, rund 90 Hektar Land erstanden, um dort eine | |
neue Deponie anzulegen, berichtet Nuwabine. Die Stadtverwaltung habe | |
hinsichtlich der Müllverarbeitung große Pläne, sagt er: „Wir planen ein | |
Kompostierungsprojekt, das Biogas erzeugt“, so Nuweabine. Und betont, dass | |
noch immer mehr als 80 Prozent der Haushaltsabfälle kompostierbarer Müll | |
sei, weil die Ugander nur selten verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen. | |
Was nicht kompostierbar sei, werde in Zukunft recycelt. | |
Bereits im vergangenen Jahr hielt die [3][deutsche] Außenhandelskammer zum | |
Thema Kreislaufwirtschaft und Müllverarbeitung eine Konferenz in Kampala | |
ab, deutsche Firmen wie Siemens waren anwesend, um sich die Pläne von | |
Ugandas Umweltministerium anzuhören, mehr Wertstoffe wie Plastik zu | |
recyclen – ein Prozess, der bislang in Afrika fast gar nicht stattfindet. | |
Die neuen Deponien sollen deswegen keine klassischen Müllhalden mehr | |
darstellen, sondern Wertstoffhöfe, wo der Unrat sortiert, getrennt und | |
möglichst weiterverarbeitet wird – ganz nach deutschem Vorbild, so die | |
Idee. | |
Doch die Umsetzung kostet Zeit. Denn bis dafür tatsächlich auch Investoren | |
beauftragt werden und Geld bereitgestellt wird, geht das Abladen von | |
unsortiertem Unrat auch in Buyala weiter. Dabei ist das neu erworbene Land | |
umstritten: „Nach unserem Kenntnisstand handelt es sich hierbei um ein | |
Waldschutzgebiet“, so Aldon Walukamba, Sprecher von Ugandas Forstbehörde, | |
die für den Erhalt von Ugandas Regenwäldern zuständig ist. Die neue | |
Mülldeponie liege eindeutig innerhalb eines Waldschutzgebietes, durch das | |
ein Fluss fließe, der in ein Sumpfgebiet nahe des gewaltigen Victoriasees | |
münde, das „einen wichtigen Beitrag zum Viktoriasee, seinen Ökosystemen und | |
der davon abhängigen Artenvielfalt leistet“, so Walukamba. | |
## Streit zwischen den Behörden | |
„Wir haben Ende Dezember erfahren, dass Kampalas Stadtverwaltung dort Müll | |
ablädt“, berichtet der Sprecher der Forstbehörde im Interview mit der taz. | |
Er klingt wütend. „Wir sind sofort dorthin gefahren und mussten | |
feststellen, dass Soldaten dort stationiert waren und uns nicht einmal | |
Zutritt auf das Gelände gewähren wollten“, berichtet er. | |
Seitdem streiten sich nun die Behörden. Mehrere Gerichtsverfahren wurden | |
von beiden Seiten angestrengt, einige sind noch nicht abgeschlossen. Die | |
Stadtverwaltung KCCA besteht im Interview mit der taz darauf, dass das | |
Grundstück bei Buyala, auf dem nun Müll abgeladen wird, zwei Privatpersonen | |
gehöre, von welchen KCCA das Land im März rechtmäßig erworben habe. Das | |
Landministerium habe zuvor durch erneute Vermessungen „eindeutig | |
festgestellt“, dass das umstrittene Gebiet nicht Teil des | |
Waldschutzreservats sei, so KCCA-Sprecher Nuwabine: „Wir haben die | |
Forstbehörde sogar zum Gerichtsprozess eingeladen, damit sie ihre Bedenken | |
vortragen können“, betont Nuwabine. „Doch sie sind nicht gekommen, also | |
wurde entschieden.“ | |
„Wir haben das Schreiben hinsichtlich des Gerichtsprozesses erst nach der | |
Entscheidung erhalten“, wettert hingegen Walukamba von der Forstbehörde. | |
„Die Stadtverwaltung hat sich mit Kriminellen zusammengetan, um das Land | |
illegal an sich zu reißen“, stellt er gegenüber der taz klar. Die | |
Forstbehörde warte nun ihrerseits darauf, dass das Verfahren vor Gericht | |
neu aufgerollt wird. Denn, so Walukamba: „Was hier vor sich geht, ist | |
eindeutig überhastet und illegal.“ | |
## Müll wird in Buyala abgeladen | |
Während sich die juristischen Prozesse lange hinziehen, werden in dem | |
Waldstück in Buyala Tatsachen geschaffen. Kampalas Müllabfuhr lädt dort | |
fast täglich über 2.000 Tonnen Unrat ab – unsortiert. | |
„Buyala ist zu weit weg, um dort zu arbeiten“, sagt Shadia Nanyonjo während | |
sie in Kiteezi auf den Müll blickt, der vor einem Jahr ihr Haus unter sich | |
begrub. Die alleinerziehende Mutter hat einst auf der Müllhalde gearbeitet, | |
berichtet sie. „Ich habe mit bloßen Händen Plastik sortiert und | |
Metallgegenstände wie Kupferkabel eingesammelt, um sie an Schrotthändler zu | |
verkaufen“, sagt sie. Damit habe sie täglich umgerechnet knapp drei Euro | |
verdient. „Das hat ausgereicht, um meinen Kindern eine warme Mahlzeit zu | |
kochen und sie in den Kindergarten zu schicken.“ | |
Heute hat sie kein Haus und keine Arbeit mehr und lebt mit ihren drei | |
Töchtern sowie ihrem behinderten kleinen Bruder in einer Einzimmerwohnung, | |
deren Miete sie sich kaum leisten kann. | |
Noch immer wartet sie auf Entschädigung von der Regierung. „Wir haben bis | |
heute nichts erhalten, obwohl es uns versprochen wurde“, so Nanyonjo. Dann | |
macht sie sich auf den Weg zu ihrer kleinen Wohnung einige Straßen | |
entfernt. Seit über einem Jahr hofft sie jeden Tag vergeblich, dass die | |
Entschädigungszahlung endlich auf ihrem Konto eintreffe, um sie aus dieser | |
Misere zu befreien, in der sie lebt. „Heute kann ich meinen Kindern nur | |
wässrigen Haferbrei vorsetzen“, seufzt sie. Zu mehr reiche das Geld nicht | |
aus. | |
Auf taz-Anfrage stellt Nuwabine von der Stadtverwaltung klar: „Wir planen, | |
die Entschädigungen nun im September auszubezahlen.“ Nanyonjo freut sich | |
zwar etwas, als sie dies hört. Dennoch seufzt sie tief: „Sie vertrösten uns | |
mittlerweile seit einem ganzen Jahr.“ | |
8 Aug 2025 | |
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## AUTOREN | |
Simone Schlindwein | |
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