# taz.de -- Überschuldung in Deutschland: Keine Zahlen zur Zahlungsnot | |
> Bis zu sieben Millionen Menschen sind in Deutschland überschuldet. Die | |
> Organisation Finanzwende Recherche will gegensteuern – mit besseren | |
> Daten. | |
Bild: Zu wenig in der Einkaufstüte – und kaum Daten über Verschuldete | |
Berlin taz | Millionen von Menschen in Deutschland sind überschuldet und | |
haben deshalb immense Probleme, und nicht nur wirtschaftliche. Doch wie | |
viele Bürger:innen genau betroffen sind, weiß der Staat nicht – und kann | |
deshalb nicht angemessen gegensteuern. In der neuen Publikation „Private | |
Schulden, staatliche Misere“ zeigt die Organisation Finanzwende Recherche, | |
wie sich die Politik eine bessere Datengrundlage verschaffen könnte. | |
„Bislang fehlt der politische Wille, wirklich hinzusehen“, sagt Michael | |
Möller, Autor der Studie, die der taz vorliegt. Finanzwende Recherche ist | |
eine Tochter des Vereins Finanzwende, der von dem ehemaligen grünen | |
Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick gegründet wurde und der sich für eine | |
Reform der Finanzmärkte einsetzt. Genaues Hinschauen ist allerdings | |
wichtig, um ein Problem lösen zu können und zu wollen. | |
Durch die Existenz etwa von anerkannten Arbeitslosenzahlen werde das | |
Problem der Erwerbslosigkeit angemessen betrachtet, sagt Möller. Die | |
Regierung werde auch an der Senkung dieser Zahl gemessen. Doch bei | |
Menschen, die Rechnungen nicht mehr begleichen können und hohe Schulden | |
haben, sei das anders. „Es gibt keine amtliche Zahl, die Auskunft über die | |
Überschuldungslage in Deutschland gibt“, erklärt Möller, der Referent für | |
Geldanlage und Kredit bei Finanzwende Recherche ist. | |
[1][Viele Menschen kommen unverschuldet in Zahlungsnot,] etwa durch | |
Krankheit, Arbeitslosigkeit, Verlust des Partners oder zu geringe Einkommen | |
– und nicht in erster Linie durch schlechtes Haushalten. Die Folgen sind | |
gravierend, nicht nur finanziell. Vielen Betroffenen droht soziale | |
Isolation, zum Beispiel weil sie sich gemeinschaftliche Aktivitäten nicht | |
mehr leisten können. „Überschuldung ist ein gesellschaftliches Problem“, | |
betont er. Deshalb seien auch gesellschaftliche Lösungen erforderlich. | |
## 7 Millionen Überschuldete | |
Schätzungen des Bonitätsprüfers Creditrefom zufolge sind 5,5 Millionen | |
Menschen überschuldet. Aber möglicherweise gibt es sehr viel mehr Menschen, | |
die ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Manche Expert:innen gehen von | |
mehr 7 Millionen aus. „Die Frage ist, wie man zählt“, sagt Möller. Damit | |
politische Entscheider:innen das Problem der Überschuldung besser | |
einschätzen können, plädiert er dafür, vorerst statt einer Zahl fünf | |
Indikatoren zu betrachten. | |
Das sind die von der [2][Auskunftei Schufa] erfassten Personen mit | |
Zahlungsproblemen sowie die Zahl der Energiesperren und -androhungen, der | |
Insolvenzverfahren von Verbraucher:innen, der Konten mit Pfändungsschutz | |
und der Personen in einer Schuldenberatung. | |
Möller fordert, dass diese Indikatoren mehrfach jährlich gemeinsam | |
veröffentlicht werden – als Frühwarnsystem. So könne die politische | |
Diskussion über Überschuldung und vor allem die Maßnahmen dagegen auf ein | |
besseres Fundament gestellt werden. Finanzwende Recherche selbst macht dazu | |
in der Studie keine Vorschläge. | |
Bei einem der Indikatoren ist die Datenlage allerdings noch nicht gut: den | |
Personen in einer Schuldenberatung. Es gibt in Deutschland 1.380 staatlich | |
anerkannte oder geförderte Beratungsstellen für Menschen in Zahlungsnot. | |
Aber nicht alle Stellen melden, wie viele Personen sie beraten. | |
Auch welche Angebote es wo gibt, wird ebenso wenig vollständig erhoben wie | |
die Zahl der Personen, die gerne ein Beratung hätte, aber aus | |
Kapazitätsgründen keine bekommen. „Stand heute sind weder der | |
Beratungsbedarf noch das Beratungsangebot in Form von personeller und | |
finanzieller Ausstattung der Beratungsstellen bekannt“, heißt es in der | |
Studie. | |
## Pandemie und Inflation | |
Finanzwende Recherche schlägt vor, dass Beratungsstellen melden müssen, wie | |
sie personell und finanziell ausgestattet sind, wie ihre Angebote | |
angenommen werden und wie groß die Nachfrage darüber hinaus ist. „Zur | |
Erfüllung solcher Pflichten müssen sie natürlich über genügend Ressourcen | |
verfügen“, sagt Möller. Das gilt auch für die generelle Arbeit der | |
Beratungsstellen. | |
Denn der Bedarf ist offenbar höher als die Inanspruchnahme, auch weil die | |
Zahl der überschuldeten Menschen durch die Pandemie und Inflation | |
vermutlich deutlich zugenommen hat. „Schätzungsweise weniger als 10 Prozent | |
aller Menschen mit Zahlungsnot sind überhaupt in einer Beratung“, sagt | |
Möller. | |
26 Mar 2024 | |
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## AUTOREN | |
Anja Krüger | |
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