| # taz.de -- Dürre in Jordanien: Durstige Zitronenbäume | |
| > Die Klimakrise bedroht das einst fruchtbare Land im Jordantal. Anderen | |
| > Regionen wird es in Zukunft ähnlich ergehen. Wie gehen die Menschen damit | |
| > um? | |
| Bild: Lebensader: Der König-Abdullah-Kanal ist der größte Bewässerungskanal… | |
| dem Jordantal/Zarqa taz | Dayba Gazawi steht inmitten von Zitronen-, | |
| Orangen- und Pampelmusenbäumen. „Die Bäume sind für mich wie meine Kinder�… | |
| sagt sie, Mutter von drei Söhnen, einer Tochter und Bäumen auf 30.000 | |
| Quadratmeter Land. „Ich ziehe sie auf und gebe ihnen zu trinken.“ Die Äste | |
| der Bäume tragen sattgrüne Blätter, sie spenden etwas Schatten gegen die | |
| pralle Mittagssonne, es sind rund 32 Grad und die Menschen in dem Dorf | |
| sagen, das sei ein vergleichsweise angenehmer Sommertag im Jordantal. | |
| „Ich habe mich an die Hitze gewöhnt; wenn es mir zu heiß wird, gehe ich an | |
| die Wassersprenkler“, sagt Gazawi. Dabya Gazawi, 49 Jahre alt, arbeitet | |
| seit 25 Jahren als Landwirtin auf ihrer eigenen Farm im nördlichen | |
| Jordantal in Jordanien. Jobs gibt es hier wenige, doch der Boden ist | |
| fruchtbar, daher sind die meisten Menschen Landwirt*innen. Auch Gazawi | |
| kommt aus einer Bauernfamilie. „Das Beste an der Landwirtschaft ist, dass | |
| man mit dem Baum umgeht, als wäre er ein Teil von einem selbst, sehr | |
| zärtlich. Wenn ich ihn gieße, zurückschneide, wenn ich die reife Ernte | |
| sehe, empfinde ich wirklich Freude, dass ich es geschafft habe.“ | |
| Von einem Wasserbecken aus führen schwarze Schläuche durch ihr Grundstück. | |
| Ein Motor treibt die Pumpe an, die das Wasser durch die Schläuche drückt. | |
| Darin sind viele Löcher, durch die das Wasser direkt um die Bäume fließt | |
| und Pfützen bildet. „Was mir als Landwirtin am meisten Angst macht, ist der | |
| Mangel an Wasser. Ich fürchte mich davor, dass das Wasser ausbleibt. Ich | |
| habe die Bewässerung auf Schläuche und Tröpfchenbewässerung umgestellt, was | |
| mich eine Menge Geld gekostet hat. Wir brauchen die neueste Technologie, um | |
| weiter anbauen zu können.“ | |
| Jordanien ist [1][eines der wasserärmsten Länder der Welt]. Der | |
| Grundwasserspiegel sinkt, weil die Regierung und Betreiber illegal gebauter | |
| Brunnen massiv Frischwasser aus den Bodenreservoirs abgepumpt haben. Daten | |
| der Weltbank zufolge gehen 50 Prozent des kommunalen Wassers verloren. | |
| Eine wachsende Bevölkerung und höhere Temperaturen führen zu Wasserstress. | |
| Das jordanische Wasserministerium geht davon aus, dass durch den | |
| menschengemachten Klimawandel die Süßwasserressourcen bis 2040 um 15 | |
| Prozent schrumpfen. Die historischen Klimatrends seit den 1960er Jahren | |
| zeigen, dass die jährlichen Höchsttemperaturen in Jordanien zwischen 0,3 | |
| und 1,8 Grad Celsius gestiegen sind. In Jordanien kriegt man einen Einblick | |
| in eine [2][Zukunft, die vielen Ländern durch die Klimakrise bevorsteht]. | |
| ## Kein Gemüse mehr | |
| Besonders betroffen ist das Jordantal, die fruchtbarste Gegend in | |
| Jordanien, die weite Teile des Landes mit Obst und Gemüse versorgt. Die | |
| Klimakrise führt zu Dürren, Wassermangel und extremen Wetterschwankungen. | |
| Weniger, dafür aber stärkere Regenfälle und hohe Temperaturen bedrohen den | |
| Anbau. Durch steigende Temperaturen verdunstet Wasser in größeren Mengen, | |
| was wiederum zu intensiveren Regenfällen führt, vor allem im Winter. Im | |
| Sommer folgt Dürre mit extremer Hitze. Wie gehen Landwirt*innen im | |
| Jordantal mit der Herausforderung um? | |
| Die Fahrt zu Dayba Gazawi führt von Amman aus über den Jordan Highway. Am | |
| Rand wachsen Büsche, Bäume und Kaktusfeigen. Der Weg verläuft parallel zum | |
| Fluss Jordan, der zwischen dem See Genezareth und dem Toten Meer die Grenze | |
| zwischen Israel und Jordanien markiert. Links ziehen die Berge an der | |
| Grenze zum Westjordanland vorbei. Sie sind kahl und ockerfarben. Der | |
| schmale Flusslauf des Jordans ist von der Straße aus nicht zu sehen. Dafür | |
| die Ackerlandschaft: Tomatenstauden wachsen unter halbrunden | |
| Metallgerüsten, schwarze Wasserschläuche schlängeln sich am Boden entlang, | |
| Maispflanzen reihen sich auf den Feldern. | |
| Ein blauer Hyundai transportiert Bananen; ein Ziegenhirt läuft mit seiner | |
| Herde auf dem sandigen Weg neben der Straße entlang. Am Straßenrand stapeln | |
| sich Wassermelonen, Trauben oder Aprikosen auf den Ladeflächen der Pick-ups | |
| zum Verkauf. | |
| In das Dorf von Gazawi, Scheich Hussein, führt eine Abzweigung zwischen | |
| Olivenbäumen entlang eines Kanals. „Wir bewässern die Felder seit langer | |
| Zeit mit Wasser aus dem Kanal“, erklärt die Landwirtin. Sie kauft das | |
| Wasser von der sogenannten Jordantal-Behörde. „Die Wasserbehörde stellt | |
| eine bestimmte Menge Wasser zur Verfügung, aber das reicht nicht aus. Was | |
| soll ich also tun? Ich gebe das ganze Wasser an die Bäume und lasse den | |
| Rest des Landes unbepflanzt.“ | |
| In den vergangenen zehn Jahren habe die Behörde den Anbau von bestimmtem | |
| Gemüse wie Muluchiya, einer spinatähnlichen Pflanze, verboten, weil sie zu | |
| viel Wasser braucht. „Früher habe ich Muluchiya, Okra und Bohnen angebaut.“ | |
| Weil die Pflanzen jeden Tag Wasser brauchen, musste die Landwirtin all ihr | |
| Gemüse aufgeben. „Wir haben nur die Zitrusfrüchte behalten.“ | |
| Für das Land zwischen den Bäumen hat sie eine Lösung gefunden: Zwergbäume, | |
| eine besonders kleine und schlanke Form von Obstbäumen. „Ich habe eine | |
| große Anzahl dieser Bäume gepflanzt, weil diese Art mehr Durst verträgt als | |
| ein normaler Baum. Sie brauchen nicht viel Platz und werden durch die Bäume | |
| mit bewässert. Sie sind jetzt vier Jahre alt, und der Vorteil ist, dass sie | |
| klein bleiben, aber einen hohen Ertrag haben“, erzählt Gazawi. „Letztes | |
| Jahr habe ich Rettich gepflanzt, aber es hat nicht geklappt. Aufgrund der | |
| extremen Wasserknappheit war der Boden steinhart. Als es regnete, dachte | |
| ich, die guten Zeiten seien gekommen. Aber es klappte nicht, weil der | |
| ganze Regen den Boden nicht nachhaltig befeuchtet hat.“ | |
| ## Jordanwasser für Israelische Städte | |
| Trotz heftiger Regenfälle im Winter wird das Regenwasser nicht großflächig | |
| gesammelt. Das ergab eine Anfrage bei der Jordantal-Behörde. Nach eigenen | |
| Angaben arbeitet die Behörde – mithilfe von Entwicklungsgeldern – daran, | |
| „die größtmögliche Menge an Regenwasser zu nutzen“. | |
| Das Wasser für die Farmen kommt aus sechs Stauseen für das nördliche | |
| Jordantal und drei Stauseen für den südlichen Teil. Das Wasser, mit dem | |
| Gazawi ihre Zitrusbäume gießt, stammt aus dem 110 Kilometer langen | |
| König-Abdullah-Kanal, der parallel zum Ostufer des Jordan verläuft. Im Mai | |
| verkündete der Landwirtschaftsminister Khaled Hneifat, dass in diesem Jahr | |
| 60 neue Regenwassergruben und Staudämme gebaut werden sollen. Die Stauseen | |
| des Königreichs hätten vergangenes Jahr 3 Millionen Kubikmeter Wasser | |
| gesammelt. | |
| An Staudämmen gibt es aber auch Kritik. Laut Welttalsperrenkommission | |
| bleiben global viele Projekte hinter den Erwartungen für die | |
| Wasserversorgung zurück, verursachten hohe Kosten und schädigten die | |
| Umwelt. | |
| Warum nehmen die Landwirt*innen nicht einfach Wasser aus dem Jordan? Im | |
| Jordantal betreiben Menschen seit über 10.000 Jahren Ackerbau, die | |
| fruchtbaren Böden wurden bereits im Alten Testament erwähnt. Der | |
| namensgebende Fluss Jordan wird im Christentum, Judentum und Islam | |
| gleichermaßen verehrt. Weil in seinem Wasser Jesus getauft wurde, pilgern | |
| bis heute zahlreiche Religiöse zu dem Fluss und lassen sich in ihm taufen. | |
| In der religiösen Symbolik steht der Jordan für einen Übergang ins | |
| Himmelreich, für geistige Wiedergeburt und Erlösung. Er ist eine Quelle | |
| heiligen Wassers – die in Wirklichkeit schrumpft und verschmutzt. Der | |
| Jordan ist fast ausgetrocknet und nur noch ein schmaler Flusslauf | |
| bräunlichen Wassers. Seine Wassermenge schrumpft seit den 1960er Jahren und | |
| beträgt weniger als zehn Prozent seines historischen Durchschnitts. | |
| Der Fluss hat politisch eine hohe Bedeutung. Jordanien und Israel machen | |
| sich seit Jahren Vorwürfe über geteilte Wasserresourcen, über den | |
| Wasserstand der Flüsse, über Stauseen und Entsalzungsprojekte. Israel pumpt | |
| jährlich 320 Millionen Kubikmeter des Jordanwassers ins Zentrum und den | |
| Süden Israels. Die Umleitung von Flusswasser sowohl durch Israel als auch | |
| durch Jordanien hat den Zufluss des Jordans ins Tote Meer erheblich | |
| verringert. | |
| Beide Seiten haben auch ein Interesse daran, die Ressource gerecht | |
| aufzuteilen. Wasser war ein wichtiger Bestandteil des Friedensvertrags von | |
| 1994. Das Abkommen sah vor, dass Israel jährlich 50 Millionen Kubikmeter | |
| Trinkwasser an Jordanien liefert. Auf dem UN-Klimagipfel im November 2022 | |
| vereinbarten die beiden Länder, dass Israel die Menge auf etwa 200 | |
| Millionen Kubikmeter Wasser erhöht. Das entspricht 20 Prozent des | |
| jährlichen Bedarfs in Jordanien und der Menge, die von den fünf größten | |
| Städten Israels zusammen verbraucht wird. Im Gegenzug wird Jordanien ein | |
| Solarkraftwerk bauen und 600 Megawatt nach Israel exportieren. | |
| ## Entsalzung als Lösung? | |
| „Als Landwirt entnehme ich dem Jordan kein Wasser“, sagt Walid Qeschawi mit | |
| Nachdruck. „Israel leitet seine [3][Abwässer in den Fluss]. Das hat direkte | |
| Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Produkte, die ich bewässern | |
| möchte. Nun, das Wasser im Jordan ist inzwischen nicht nur vergiftet, es | |
| ist tödlich.“ | |
| Queschawi sitzt in dunklen Jeans und blaukariertem Hemd an einem | |
| Schreibtisch in seinem Büro in Nord-Schuna, nicht weit vom See Genezareth. | |
| Vor ihm liegen Flyer von NGOs, die über Bewässerungsmethoden und | |
| nachhaltigen Anbau aufklären. 2019 hat Qeschawi die Vereinigung für | |
| nachhaltige Landwirtschaft im nördlichen Jordantal gegründet. Nach eigenen | |
| Angaben arbeiten sie mit rund 15.000 Landwirt*innen zusammen, die | |
| Zitrusfrüchte oder Gemüse anbauen. Insgesamt lebten in der Region 200.000 | |
| Menschen. | |
| Vor dem Haus der Vereinigung wachsen eine Dattelpalme und ein Olivenbaum, | |
| in dessen Schatten ein paar Setzlinge stehen. Der 56-Jährige kommt aus | |
| einer Familie von Landwirt*innen, er selbst baut Zitronen, Orangen, | |
| Clementinen und Mandarinen an. Der Verband arbeitet als Mittler zwischen | |
| Landwirt*innen und der Regierung. Sie sammeln Informationen über | |
| Bodentypen und helfen sich gegenseitig, die rentabelsten Pflanzen | |
| anzubauen. | |
| „Anstatt Wasser aus dem Jordan aufzubereiten, sollten wir das salzige | |
| Wasser in unserer Gegend entsalzen“, sagt Qeschawi. „Wir benötigen eine | |
| Entsalzungsanlage.“ | |
| „Entsalztes Wasser ist sehr teuer, und Landwirt*innen können sich das | |
| nicht leisten“, hält Omar Salameh, Pressesprecher der Jordantal-Behörde, | |
| dagegen. „Besonders, weil Gießwasser zurzeit stark von der Regierung | |
| subventioniert wird.“ | |
| Jordanien hat bisher keine Entsalzungsanlage. Der Nachbar Israel hat sechs | |
| solcher Anlagen, die Wasser aus dem Mittelmeer abschöpfen. Jordanien, | |
| Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde wollten auch einen Kanal | |
| bauen, um Wasser vom Roten Meer ins Tote Meer zu pumpen. Er sollte die | |
| Länder mit Trinkwasser versorgen und hochkonzentriertes Salzwasser, das | |
| Nebenprodukt der Entsalzung, dann ins Tote Meer leiten. 2021 verwarf | |
| Jordanien den Plan, weil Israel kein Interesse an dem Projekt habe. | |
| Stattdessen möchte Jordanien nun Wasser aus dem Roten Meer in Akaba | |
| entsalzen. Die Anlage soll bis 2030 stehen, doch es mangelt an | |
| Investor*innen. | |
| ## Skepsis gegen Klärwasser | |
| Nach taz-Recherchen ist Jordanien eines der größten Empfängerländer von | |
| deutschen Entwicklungsgeldern für Wasserprojekte. Mitte Juni sagte die | |
| Weltbank ein Darlehen von umgerechnet 180 Millionen Euro und einen Zuschuss | |
| von mehr als 45 Millionen Euro zu. Mit dem Geld soll die Klimaresilienz | |
| gestärkt werden, das heißt: Wassernetze werden saniert und das | |
| Dürre-Management verbessert. Die jordanische Regierung hat sich | |
| verpflichtet, weniger Grundwasser abzupumpen. | |
| Mithilfe von Entwicklungsgeldern wurden auch Kläranlagen gebaut, um | |
| Abwasser zu reinigen. Das behandelte Wasser wird in natürliche Bäche oder | |
| in Stauseen geleitet – und vermischt sich dort mit Frischwasser. Die | |
| Jordantal-Behörde schreibt, sie erarbeite derzeit „Leitlinien für eine | |
| umweltverträgliche und wirtschaftlich tragfähige Nutzung in der | |
| Landwirtschaft.“ | |
| Das braucht Überzeugungskraft. „Als Sohn dieser Gegend gehöre ich zu den | |
| schärfsten Gegnern von aufbereitetem Abwasser“, sagt Qeschawi. „Die Studien | |
| zu diesem Wasser sagen zwar, es sei für die Landwirtschaft geeignet, aber | |
| nur für eine begrenzte Zeit und auch nicht für andere Zwecke. Trotzdem ist | |
| der Landwirt allen bakteriellen Infektionen ausgesetzt, die in diesem | |
| Wasser noch enthalten sind.“ Die Landwirt*innen hätten nicht vor, das | |
| Wasser zu verwenden, selbst wenn sie „dazu gezwungen“ würden. | |
| Laut Salameh von der Jordantal-Behörde sind bereits 50 Prozent der | |
| Anbauflächen von aufbereitetem Wasser abhängig, das in Stauseen mit | |
| Süßwasser gemischt wird. Die Behörde habe den Plan, die Nutzung von | |
| aufbereitetem Wasser auszuweiten. Auch wenn sich bereits durch Kläranlagen | |
| gereinigtes Wasser mit Frischwasserquellen durchmischt, sind viele | |
| Landwirt*innen um ihren Ruf bemüht. „Ich spreche nicht nur von mir. | |
| Sondern meiner Erfahrung nach weigern sich mehr als 60 Prozent der | |
| Landwirt*innen, aufbereitetes Wasser zu nutzen.“ Und dann spricht Qeschawi | |
| plötzlich von Fischen, obwohl es um Wasserknappheit geht: „Wenn wir über | |
| Fischreichtum sprechen, ist aufbereitetes Wasser außerdem nicht für Fische | |
| geeignet, da die Fische darin sterben“, sagt er. | |
| ## Erfindergeist gegen Wassermangel | |
| Fische in einer von Wassermangel bedrohten Gegend? Das System nennt sich | |
| Hydroponik und ist ein Pflanzenanbau ohne Erde. Salat, Basilikum oder Kohl | |
| ernähren sich von Nährstoffen im Wasserbecken. Dabei wird nur so viel | |
| Wasser verbraucht, wie die Pflanze tatsächlich zum Wachsen benötigt. In der | |
| Hydroponik werden Fische in einem Aquarium gehalten. Der Kot der Fische | |
| bietet Nährstoffe für die Pflanzen, deshalb kann das Wasser auf die Beete | |
| gepumpt werden. Auch Landwirtin Gazawi spricht davon. „Ich habe es | |
| ausprobiert und ein paar Fische ins Wasserbecken getan, und es hat | |
| funktioniert.“ Wenn sie das Geld dafür hat, möchte sie in ihrem | |
| Wasserbecken Fische halten und mit dem Wasser dann die Bäume bewässern. | |
| Qeschawi erzählt, in der Vereinigung gäbe es ein Hydrokulturprojekt, das | |
| seit etwa vier Monaten läuft. „Hydroponische und intelligente | |
| Landwirtschaft sind aber teuer. Und es ist nicht klar, wer diese Kosten | |
| tragen wird.“ Internationale Organisationen würden einigen armen Familien | |
| bereits helfen, intelligente Familienlandwirtschaft zu betreiben. Es | |
| bräuchte aber Hilfe im großen Stil. „Bauen wir an, um unsere Familie zu | |
| ernähren, oder baue ich an, damit die Gesellschaft davon essen kann?“, | |
| fragt der Landwirt rhetorisch. | |
| Ali Hayajneh von der Haschemitischen Universität in Zarqa tüftelt an einer | |
| Idee, die Wasser spart und erschwinglich ist. Er kam darauf, als er seine | |
| Mutter für eine Woche zu sich einlud. Sie wollte nicht kommen – aus Angst, | |
| ihre Blumen könnten vertrocknen. „Das brachte mich auf die Idee, einen | |
| Sensor zu entwickeln, den meine Mutter in die Blumentöpfe stecken und an | |
| einen Wassertank mit Pumpe anschließen kann. Die Blumen wurden automatisch | |
| bewässert, und sie konnte mich besuchen. Das nennen wir intelligente | |
| Systeme.“ Hayajneh forscht nun gemeinsam mit einem Team zu Formen der | |
| Mikrobewässerung in den jordanischen Trockengebieten. Dabei greift er auf | |
| das Internet der Dinge und auf Drohnen zurück. Unterstützung kommt von der | |
| Universität Leeds und der Firma Mars Robotics. | |
| Mikrobewässerung bedeutet, dass jede Pflanze genau dort bewässert wird, wo | |
| sie wächst. Etwas Ähnliches machen die Landwirt*innen bereits, aber sie | |
| verwenden die Tröpfchenbewässerung. „Dabei bekommen sie keine Rückmeldung | |
| vom Boden, also überschwemmen sie den Baum mit Wasser.“ Hayajneh und sein | |
| Team haben zunächst einen Sensor entworfen, der neben den Pflanzen in die | |
| Erde gesteckt wird. „Das ist ein Bodenfeuchtigkeitssensor“, sagt Hayajneh | |
| und zeigt ein etwa handgroßes Elektronikteil an einem schwarzen | |
| Metallrechteck mit Spitze. „Er misst die Bodenfeuchtigkeit, die | |
| Bodentemperatur und die Luftfeuchtigkeit über dem Boden.“ Eine Drohne | |
| fungiert dann als Daten-Gateway, zur Übertragung der Daten. Ein von | |
| Hayajneh aufgenommenes Video zeigt die Drohne, wie sie autonom fliegt, ohne | |
| menschliche Steuerung. Ihre Flugroute wurde programmiert. In dem Video | |
| drehen sich die vier schlanken weißen Propeller der bauchigen, | |
| kreuzförmigen Drohne. | |
| Sie überfliegt die Felder mit den Bodensensoren. An denen wiederum ist ein | |
| Solarpaneel angebracht, das aus der roten Erde herausragt. Mittig unterhalb | |
| der Drohne ist ein Internet-of-Things-Receiver angebracht. „Die Drohne ist | |
| mit einer Art WLAN-Router ausgestattet. Wenn der Sensor unter dem von der | |
| Drohne getragenen WLAN liegt, können wir die Daten in die Cloud hochladen.“ | |
| Ein Sensor koste weniger als 6,50 Euro. „Deshalb können wir viele solcher | |
| Sensoren günstig auf dem Feld einsetzen.“ Die Bodensensoren könnten auch | |
| direkt ans WLAN angeschlossen werden. Da die Messung aber auf großen | |
| Feldern funktionieren soll, braucht es die Drohnen, um die Daten zu | |
| sammeln. Der Strom für die Messgeräte soll über Solarenergie aus den | |
| Bodenpaneelen kommen. | |
| Das Team um Hayajneh arbeitet auch an einem batterieloser Sensor. „Dieser | |
| Sensor wird als Rückstreusensor bezeichnet. Das bedeutet, dass das | |
| kabellose Umgebungssignal, das über Wi-Fi übertragen wird, Energie abgibt, | |
| um den Sensor selbst zu betreiben und die Daten zu sammeln.“ Der Sensor | |
| nutzt also die Energie, die er über eine Drohne bekommt. „Dieser Sensor ist | |
| deshalb kostengünstig und erfordert nur minimale Wartung, da er über einen | |
| langen Zeitraum ohne Batterien auskommt. Ich rechne mit mehr als vier | |
| Jahren ohne Batteriewechsel.“ | |
| Mit den gewonnenen Daten kann eine Software den besten Punkt zur | |
| Bewässerung ermitteln. „Die Software muss ein Mensch entwickeln, auf der | |
| Grundlage der Anforderungen der Landwirt*innen. Dann entscheiden wir, was | |
| der beste Algorithmus ist und wie der Zeitplan für die Bewässerung | |
| aussieht.“ | |
| Bei der Mikrobewässerung werden die Pflanzen dann bewässert, wenn sie das | |
| Wasser benötigen, und nicht mit einem überschwemmenden Bewässerungssystem, | |
| wie es in Jordanien üblich ist. „Wir rechnen damit, bis zu 50 Prozent des | |
| Wassers einsparen zu können, weil das meiste Wasser, mit dem wir die Bäume | |
| gießen, aufgrund des heißen Klimas verdunstet.“ | |
| Aber wie möchte Ali Hayajneh die Landwirt*innen von seiner technischen | |
| Idee überzeugen? „Ich bin kein Geschäftsmann, der versucht, Geld zu | |
| verdienen. Um jemanden von einem System zu überzeugen, muss man eine | |
| Erfolgsgeschichte zeigen. Was wir also tun, ist, dass wir das System auf | |
| unseren eigenen Feldern umsetzen und den Landwirt*innen die | |
| Erfolgsparameter zeigen.“ | |
| Zumindest die Zitrusfarmerin Dayba Gazawi ist Technologie und neuen Ideen | |
| nicht abgeneigt. „Ich möchte in Zukunft einen Bauernhof mit Kühen haben. | |
| Ich möchte dort in einem kleinen Haus leben, mit ein paar Hühnern und einem | |
| Teich, in dem ich Fische züchten kann. Ich habe auch die Idee, Bienen zu | |
| halten, um Zitrushonig herzustellen. Das ist mein Traum für die Zukunft. | |
| Inshallah.“ | |
| 20 Jul 2023 | |
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| Julia Neumann | |
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