| # taz.de -- Filmfestspiele von Cannes: Verbrechen und gerechte Strafe | |
| > Cannes 6: Bei den Filmfestspielen gibt es Einblicke in die Arbeitswelt | |
| > der Polizei. Auch eine satirische Abrechnung mit der Oberschicht ist zu | |
| > sehen. | |
| Bild: Yaya (Charlbi Dean Kriek) und Carl (Harris Dickinson) in „Triangle of S… | |
| In Polizeifilmen sind verdeckte Ermittler üblicherweise Personen, deren | |
| Vorzüge darin bestehen, möglichst unauffällig zu agieren. Manchmal fliegen | |
| sie auch auf. Der australische Regisseur Thomas M. Wright hingegen hat mit | |
| „The Stranger“ einen Thriller nach wahren Begebenheiten gedreht, in dem | |
| sich ein Ermittler an die Fersen eines unter Mordverdacht stehenden Mannes | |
| heftet und fast nicht mehr von seiner Seite weicht. Dass seine Mission am | |
| Ende Erfolg hat, ist dabei nicht das Entscheidende an dieser Geschichte. | |
| Vielmehr geht es in dem in Cannes in der Nebenreihe „Un certain regard“ | |
| vorgestellten Film darum, wie ermittelt wird und was dies mit dem | |
| Polizisten tut. Zu Beginn des Films ist ein schwarzer Fels inmitten dunkler | |
| Wolken zu sehen. Dieses Bild wird wiederkehren, es passt zum Gemütszustand | |
| von Mark (Joel Edgerton), dem Polizisten. | |
| Er soll einen unter Mordverdacht stehenden Mann namens Henry (Sean Harris) | |
| überführen. Das tut er auf ungewöhnliche Weise: Er gibt sich als | |
| Krimineller aus, für den Henry arbeiten soll. Der ist zunächst zögerlich, | |
| will nichts mit Gewalt zu tun haben, lässt sich nach und nach jedoch immer | |
| mehr „kriminellen“ Auftraggebern vorstellen, für die es etwas zu erledigen | |
| gibt. Allein schon die Zahl der beteiligten verdeckten Ermittler | |
| fasziniert. | |
| Der größte Reiz von „The Stranger“, der die Weite Australiens in | |
| bedrückender Weise ins Bild setzt, ist jedoch, wie er langsam eine | |
| Beziehung zwischen Mark und Henry entstehen lässt, zwei stillen Männern, | |
| die aus unterschiedlichen Gründen verschwiegen sind. Mark porträtiert er | |
| als einen von seiner Arbeit Traumatisierten, der sich liebevoll um seinen | |
| Sohn bemüht, sofern die Arbeit es gestattet, der aber auch vor ihm seine | |
| seelische Verfassung kaum verbergen kann. | |
| ## Sinnkrisen und Selbstzweifel bei der Polizei | |
| Henry bleibt dafür undurchsichtig als „Mann mit Vergangenheit“, dem sich | |
| Mark nah zu fühlen scheint. Obwohl er weiß, dass er ihn voraussichtlich für | |
| lange Zeit hinter Gitter bringen wird. | |
| Eine andere Seite der Polizeiarbeit zeigt der [1][französische Regisseur | |
| Dominik Moll] außer Konkurrenz in „La nuit du 12“, ebenfalls nach wahren | |
| Ereignissen, bei einer Polizeieinheit in Grenoble. Deren Mordkommission | |
| wird auf einen Fall angesetzt, in dem eine junge Frau in einer Kleinstadt | |
| nachts auf offener Straße mit Benzin übergossen und angezündet wurde. | |
| Der Kommissar Yohan (Bastien Bouillon) und sein Kollege Marceau (Bouli | |
| Lanners) beginnen vor Ort mit den Befragungen, finden lauter Verdächtige, | |
| doch alle Spuren führen ins Nichts. „La nuit du 12“ schildert mit viel Sinn | |
| für Komik die ermüdende Arbeit der Polizei und die Selbstzweifel der | |
| Beteiligten, die neben privaten Sorgen von Sinnkrisen heimgesucht werden. | |
| Im Gegensatz zu „The Stranger“ lässt die finanzielle Ausstattung der | |
| Polizei hier sehr zu wünschen übrig. | |
| Auf finanziell gut gepolsterte Personen hat es der [2][schwedische | |
| Regisseur Ruben Östlund] in seinem Wettbewerbsbeitrag „Triangle of Sadness“ | |
| abgesehen. Von der Modebranche und dem durch Models zum Ausdruck gebrachten | |
| Selbstverständnis (lächelnde Gesichter: Billigmarken für alle, griesgrämige | |
| Gesichter: Exklusivmarken, die auf ihre Kunden herabblicken) geht es über | |
| die rein im Schnappschuss existierende Welt von Influencern bis zu den | |
| entrückten Weltsichten der Superreichen auf einer Luxuskreuzfahrt. | |
| Östlund hat einen unnachgiebig genauen Blick für die Falschheit von | |
| Menschen untereinander, was für einige böse Pointen sorgt. Auch der | |
| maliziöse Genuss, mit dem er die Kreuzfahrtgesellschaft buchstäblich | |
| Schiffbruch erleiden lässt, hat ihren Reiz. | |
| Am Ende verkehren sich dann noch einmal die sozialen Rollen. Östlund | |
| erinnert so an die Schwankungen, denen ein sozialer Status unterworfen sein | |
| kann. Das ist bei aller kalt-präzisen Beobachtung mitunter mehr als krude, | |
| doch eine Einsicht bleibt: Wer Zugang zu den Ressourcen hat, hat im Zweifel | |
| die Macht. Auch auf einer einsamen Insel. | |
| 22 May 2022 | |
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| ## AUTOREN | |
| Tim Caspar Boehme | |
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