| # taz.de -- Regisseurin über Satire „Holy Meat“: „Mich interessieren Fil… | |
| > Die Satire „Holy Meat“ ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Alison | |
| > Kuhn. Sie spricht über Kirche als System, die Provinz als Brennglas und | |
| > Humor als Türöffner. | |
| Bild: Passionsspiele mal anders in „Holy Meat“ | |
| Ein Passionsstück soll retten, was längst zerfällt: In „Holy Meat“ setzt | |
| ein dänischer Pfarrer auf das Theater, um eine schwäbische Pfarrei zu | |
| bewahren – und rührt dabei an Macht, Einsamkeit und verdrängte | |
| Körperlichkeit. Als ein gecancelter Berliner Theaterregisseur und eine | |
| junge Metzgerin auftauchen, kippt das Fromme ins Blasphemische. | |
| taz: Frau Kuhn, „Holy Meat“ erzählt von einer Metzgerin, die ein punkiges | |
| Theaterstück inszeniert und dabei die katholische Kirche aufmischt. Welche | |
| Entscheidung war Ihnen beim Schreiben dieser Figur wichtig? | |
| Alison Kuhn: Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. | |
| Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene | |
| Schattierungen haben darf – Mia ist wütend, aber sie hat auch eine | |
| Love-Story. Zudem treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, | |
| was filmisch noch immer selten ist. | |
| taz: Was sagt es über unser Kino und unsere Gesellschaft, dass wütende, | |
| handlungstreibende Frauenfiguren noch immer die Ausnahme sind? | |
| Kuhn: Das Kino ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Männliche Wut | |
| gilt oft als kämpferisch, weibliche wird schnell als hysterisch | |
| abgestempelt. Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt | |
| gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas | |
| entgegenzusetzen – zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon | |
| geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt. | |
| taz: Warum war das Fleisch filmisch so wichtig? | |
| Kuhn: Die Arbeit mit dem Fleisch steht für eine derbe Urkraft und ist | |
| zugleich ein biblisches Motiv. Für die Rolle musste die Schauspielerin Homa | |
| Faghiri lernen, ein Schwein zu köpfen; begleitet wurde sie dabei von einem | |
| Metzgermeister. Die Fleischszenen überhöhen das Körperliche als religiös | |
| aufgeladene, zugleich normalisierte Metapher. Bei aller Radikalität war uns | |
| dennoch eine grüne Produktion wichtig. | |
| taz: „Holy Meat“ spielt nicht in einer urbanen Theaterszene, sondern in | |
| einem schwäbischen Dorf. Die Nebenfiguren sind zurückgenommen, trocken, | |
| fast spröde und nicht hip. Ein Berliner Kunstbetrieb hätte eine ganz | |
| andere, glitzernde Erzählmöglichkeit verlangt. Was hat Ihnen das Dorf als | |
| erzählerischer Raum ermöglicht, was die Großstadt nicht erzählen kann? | |
| Kuhn: Mich interessiert das Stadt-Land-Gefälle in Deutschland. Ich bin | |
| selbst ein Dorfkind und zwischen Kühen aufgewachsen. Nach Jahren in Berlin | |
| hatte ich das Bedürfnis, in die Provinz zu gehen, auch, weil das Kino oft | |
| so tut, als sei das Stadtleben wichtiger.Das Dorf erlaubt mir, Themen zu | |
| zeigen, die in der Großstadt weniger präsent sind: Vereinzelung, | |
| Gemeindesterben, das Verschwinden von Infrastruktur und Kultur. Diese | |
| Leerstelle war für das Setting entscheidend. | |
| taz: Wie ist die Idee zu „Holy Meat“ entstanden? | |
| Kuhn: Das war ein langer Prozess. Zunächst entstand eine eher kommerzielle | |
| Komödie über ein absurdes Theaterprojekt auf dem Dorf, die ich nur als | |
| Autorin entwickelte. Erst als das SWR-Filmdebüt mich fragte, ob ich daraus | |
| mein Spielfilmdebüt als Regisseurin machen möchte, habe ich zugesagt – | |
| unter der Bedingung, den Stoff radikal zu verändern. So kamen Themen hinzu, | |
| die mich schon lange beschäftigen, etwa die katholische Kirche. Aus der | |
| Perspektive eines Theaterregisseurs entstand eine dreigeteilte | |
| Erzählstruktur, mit der ich mir den Stoff zu eigen machen konnte. | |
| taz: Das Thema Macht und Machtmissbrauch zieht sich seit Ihrem | |
| Dokumentarfilm „The Case You“ durch Ihr Oeuvre. Was lässt Sie an dem Thema | |
| nicht los? | |
| Kuhn: Macht und Machtmissbrauch sind Themen, die unsere gesamte | |
| Gesellschaft betreffen. Macht wirkt nicht nur institutionell, sondern auch | |
| subtil – etwa in Familien oder zwischen Einzelnen.In „The Case You“ habe | |
| ich mich mit Machtmissbrauch in der Filmbranche beschäftigt und verstanden, | |
| wie wichtig Community als Form der Ermächtigung ist. Daraus haben sich für | |
| mich viele weitere Stoffe ergeben – zuletzt auch in der Form der Komödie. | |
| taz: „Holy Meat“ bewegt sich zwischen Tragödie, Absurdität und schwarzem | |
| Humor. Was kann die Komödie leisten, was eine dokumentarische Form nicht | |
| kann? | |
| Kuhn: Humor erreicht Menschen leichter. Gerade ernste Themen lassen sich so | |
| einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. Auf Panels zu Machtmissbrauch | |
| sitzen oft Menschen, die das Thema ohnehin kennen. Mich interessieren aber | |
| vor allem jene, die es noch nicht tun. Komödie kann hier eine Tür öffnen. | |
| taz: Das Passionsstück erinnert in seiner Körperlichkeit an | |
| [1][Aktionskunst à la Hermann Nitsch] oder die Inszenierungen der | |
| [2][Theaterregisseurin Florentina Holzinger]. Was interessiert Sie an | |
| dieser Grenzüberschreitung im religiösen Kontext? | |
| Kuhn: Ich komme aus einem katholischen Dorf und habe eine Klosterschule | |
| besucht. Dort habe ich die Kirche in ihren verschiedenen Facetten | |
| kennengelernt – Gemeinschaft und soziales Engagement, aber auch | |
| Kindesmissbrauch. Während meiner Schulzeit wurden entsprechende Fälle | |
| bekannt. Im Drehbuchprozess habe ich intensiv recherchiert und mit | |
| Theologen sowie ehemaligen Priestern gesprochen. Diese Einblicke, etwa zur | |
| mentalen Gesundheit von Priestern, flossen in die Figur des Paters Oskar | |
| ein. | |
| taz: Im Film wird spürbar, wie existenziell das Urteil Einzelner für | |
| künstlerische Karrieren sein kann – ein Verriss kann über Fördergelder, | |
| Sichtbarkeit und Fortsetzung entscheiden. Gab es in Ihrer eigenen Laufbahn | |
| Momente, in denen das Urteil weniger Menschen richtungsweisend oder sogar | |
| karriereentscheidend war? | |
| Kuhn: Ich kann keinen einzelnen Moment nennen, der meine Laufbahn geprägt | |
| hätte. Aber in hierarchischen Systemen ist man immer vom Urteil weniger | |
| abhängig – ob im Theater, an Universitäten oder in Krankenhäusern. Im Film | |
| zeigt sich das an Roberto: Er wird nach einem Eklat vom Intendanten seines | |
| Berliner Theaters als Symbolhandlung rausgecancelt, obwohl es nicht seine | |
| Schuld ist. Diese Mechanismen finden sich überall, nur der Kontext ändert | |
| sich. | |
| taz: Verändert die Abhängigkeit von Fördergeldern für Sie Ihre | |
| künstlerische Risikobereitschaft? | |
| Kuhn: Nein. Ich suche immer das filmische Risiko. Ich denke nie: Mach es | |
| sicherer, dann bekommst du eher Geld. Gerade als Regisseurin muss ich | |
| hundertprozentig hinter dem stehen, was ich erzähle – und das sind meist | |
| Stoffe, die unbequem sind. Glücklicherweise habe ich fast immer die nötigen | |
| Förderungen bekommen, auch für unkonventionelle Projekte. Ich schreibe | |
| nichts um, um es „förderfähiger“ zu machen, ich schwäche nichts ab. Mich | |
| interessieren die Filme, die auch richtig in die Hose gehen könnten – nicht | |
| die, die eine sichere Bank sind. | |
| taz: Ist diese Freiheit, Risiken einzugehen, nicht auch ein Privileg, | |
| eines, das viele Filmschaffende im deutschen Fördersystem nicht haben? | |
| Kuhn: Absolut. Ich bin sehr dankbar, gerade in dieser unsicheren Zeit für | |
| die Branche kontinuierlich arbeiten und Projekte wählen zu können, die mich | |
| erfüllen. Gerade in politisch aufgeladenen Zeiten sind Filme wichtig – | |
| nicht nur als Eskapismus, sondern auch, weil sie gesellschaftliche Diskurse | |
| eröffnen. „Holy Meat“ bewegt sich genau an dieser Schnittstelle. | |
| 4 Jan 2026 | |
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| Wenke Bruchmüller | |
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