| # taz.de -- Kollegahs Deutschland-Song: Ein feuchter Traum der Neuen Rechten | |
| > Deutschrap ist antifaschistisch. Der Rapper Kollegah will das jetzt wohl | |
| > ändern. Er veröffentlicht einen Song, der die AfD zum Jubeln bringt. | |
| Bild: Rapper Kollegah, mit bürgerlichem Namen Felix Martin Andreas Matthias Bl… | |
| Neonazis suchen seit Jahren nach popkulturellem Anschluss, aber niemand hat | |
| Lust auf sie. Bärtige Rechtsrocker oder der aufgepumpte Nazi-Rapper Chris | |
| Ares? Das will sich nicht mal der Identitäre Martin Sellner anhören. Bei | |
| ihm im Auto lief, wie die Zeit vor einigen Jahren einmal beobachtete, | |
| stattdessen Rin. Junge Neonazis hören, wie Tagesspiegel-Journalist Julius | |
| Geiler letztens [1][öffentlich machte], sogar den linken Rappern von PA69 | |
| zu. „Digga, fick die AfD“, rappen die auf ihrer Antifa-Partyhymne „Komple… | |
| Blau“. Die Grenzen sind klar abgesteckt. Gut für den Antifaschismus, | |
| schlecht für die neurechten Agitatoren. Dachte man. | |
| Doch dann veröffentlichte Kollegah, immerhin einer der bekanntesten Rapper | |
| Deutschlands, letzte Woche unter seinem bürgerlichen Namen Felix Blume | |
| einen neuen Song. „Deutschland“ heißt er und machte sowohl Julian Reichelts | |
| Nius-Leute als auch Maximilian Krah von der AfD ganz wuschig. „Die Wende | |
| kommt nicht aus den subventionierten Theatern, den Universitäten oder dem | |
| Staatsfunk, sondern aus Rap, Internet und von der Straße. Kollegah setzt | |
| die Trend!“ (sic), [2][schreibt Krah zum Song auf X]. Was ist da los? | |
| Kollegah, der Querfrontler, ist los! Der selbst ernannte Boss der Bosse, | |
| der sich gern mit römischen Kaisern vergleicht und schon immer mit | |
| Allmachtsfantasien spielte. Der sich in seinem Coaching-Programm Alpha | |
| Mentoring zum Guru stilisierte und Verschwörungserzählungen verbreitete. | |
| Der Männer für überlegen hält. Der gleichzeitig immer irgendwie helfen | |
| wollte, der nach Palästina flog, um das Kollegah Education Center | |
| aufzubauen, von dem danach nie wieder etwas zu hören war. 2018 hieß es auf | |
| einem Track von Kollegah und einem anderen Rapper noch, die „Drecks-AfD“ | |
| sei der „größte Feind“. Mit „Deutschland“ schreibt er der Partei nun … | |
| Hymne und bietet den lang ersehnten Link der Neuen Rechten zur | |
| Mainstreampopkultur. | |
| ## Tenor: Deutschland ist am Ende | |
| Denn der Song klingt wie der Facebook-Post eines patriotischen Wutbürgers. | |
| [3][Im Video dazu sieht man Found Footage, das den Niedergang Deutschlands | |
| illustrieren soll]: Obdachlose, Männer mit Messern, Gewaltorgien im | |
| U-Bahnhof, Blaulicht. Es impliziert ein klares Bild, wer in Kollegahs Augen | |
| schuld ist: Politiker und „kriminelle Ausländer“. Dazwischen sieht man | |
| Kollegah auf einem Berg, ein Adler fliegt. Er rappt: „Wär ich Kanzler, | |
| würd' ich für Deutschland kämpfen bis aufs Blut.“ | |
| Der Tenor des Songs: Deutschland ist am Ende. Die Armen werden ärmer, die | |
| Steuern sind zu hoch, überall Messerstecher und Räuber. Neben den | |
| Spielplätzen warten Pädophile auf die Kinder – während Politiker Champagner | |
| trinken. Der Song inklusive Video ist konstruierter Populismus; er könnte | |
| eins zu eins Teil eines AfD- oder sogar eines Die-Heimat-Wahlkampfs sein. | |
| Zitate könnten ihre Plakate zieren: „Politiker am Lügen und das Volk ist am | |
| Schlafen / andere führen Kriege und wir sollen das bezahlen.“ Widersprüche | |
| scheint es für Kollegah nicht mehr zu geben. Eine intellektuelle | |
| Nullnummer. Gerade das macht den Song gefährlich. | |
| Denn obwohl die besten Tage von Kollegahs Karriere schon lange gezählt | |
| sind, hat er die Jugend vieler Menschen geprägt. Das Schaffen seiner | |
| Vergangenheit ist ein Bestandteil deutscher Popkultur. Die Neue Rechte kann | |
| sich nun auf ihn beziehen. | |
| ## Heinrich Heines Gedicht „Nachtgedanken“ muss herhalten | |
| Dass Kollegah in der Hook zu seinem Song [4][genauso wie vor einer Weile | |
| schon AfD-Mann Tino Chrupalla] Heines Gedicht „Nachtgedanken“ aus dem | |
| Kontext reißt, Zeilen ausspart und so zu einem vermeintlichen Text für | |
| Patrioten macht, ist da nur folgerichtig. „Denk’ ich an Deutschland in der | |
| Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht / Ich kann nicht mehr die Augen | |
| schließen / Und meine heißen Tränen fließen“, singt Kollegah mit klagender | |
| Stimme, und weiter: „Es ist ein kerngesundes Land / Mit seinen Eichen, | |
| seinen Linden werde ich es immer wiederfinden.“ | |
| Dass Heine als Jude im Deutschen Bund große Nachteile erfuhr und das | |
| Gedicht, in dem er vor allem von seiner Mutter erzählt, im Pariser Exil | |
| verfasste, wird ignoriert. Das steht sinnbildlich für den Song: Kollegah | |
| macht – genauso wie die AfD und die Neue Rechte – passend, was für ihre | |
| Argumentation passend gemacht werden muss. Was bleibt, ist ein Stück | |
| schlecht produzierte Musik mit Haus-Maus-Reimen. Der pure Populismus. Und | |
| die Klarheit darüber, bei wem Kollegah Anschluss sucht. | |
| 17 Dec 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://x.com/glr_berlin/status/1996528462576890267 | |
| [2] https://x.com/KrahMax/status/2000137528968618392 | |
| [3] https://youtu.be/VoRK3ANNWjA?si=Vd5RiH5m0fTjTH0R&t=2759 | |
| [4] https://www.youtube.com/watch?v=l7Np4XV2rig | |
| ## AUTOREN | |
| Johann Voigt | |
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