| # taz.de -- Gerichtsurteil zum Palästina-Kongress: Polizeistaatsräson | |
| > Nun steht fest: Die Auflösung des Palästina-Kongresses in Berlin war | |
| > rechtswidrig. Aber wer trägt die Verantwortung dafür und entschuldigt | |
| > sich? | |
| Bild: Vor der Veranstaltungshalle des vorzeitig abgebrochenen Palästina-Kongre… | |
| Legal? Illegal? Scheißegal! Diese alte Anarchoparole scheinen sich heute | |
| auch manche Amtsträger zu eigen zu machen. Aber in den Händen der Macht | |
| läuft dieses Motto auf Willkür und Machtmissbrauch hinaus. Die Auflösung | |
| und das Verbot des Palästina-Kongresses, der im April 2024 in Berlin | |
| stattfinden sollte, [1][waren rechtswidrig], hat ein Gericht nun | |
| festgestellt. Gut so. Doch wer trägt die Verantwortung dafür, entschuldigt | |
| sich und zieht Konsequenzen? Das bleibt offen, auch wenn Berlins | |
| Polizeichef dafür seinen Kopf hinhält. Doch es ist sehr unwahrscheinlich, | |
| dass er auf eigene Faust handelte, als er seinen Beamten befahl, den | |
| Kongress ohne jeden triftigen Grund aufzulösen. | |
| Die Verantwortung dafür tragen Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner | |
| (CDU) oder Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD), wenn nicht | |
| Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Schließlich war sie für die | |
| Bundespolizei zuständig, die den Arzt Ghassan Abu-Sittah, der als Gast am | |
| Palästina-Kongress teilnehmen sollte, im April 2024 an der Einreise nach | |
| Deutschland hinderte. [2][Auch das war rechtswidrig], wie ein anderes | |
| Gericht erst vor drei Wochen in zweiter Instanz bestätigt hat. | |
| Die Verantwortlichen wussten, dass ihr Vorgehen rechtswidrig war. Sie haben | |
| sich trotzdem über Recht und Gesetz hinweggesetzt – wohl wissend, dass es | |
| viele Monate dauern würde, bis ein Gericht sie dafür rügen würde. Gerade | |
| bei Parteien, die sonst so gerne auf Law and Order pochen, ist diese | |
| Arroganz der Macht bemerkenswert. Aber sie hat System. Denn die | |
| rechtswidrige Auflösung des Palästina-Kongresses ist nur die Spitze des | |
| Eisbergs. | |
| ## Schikanen mit System | |
| Seit Monaten werden in Deutschland [3][Proteste behindert oder von der | |
| Polizei mit Gewalt aufgelöst], Veranstaltungen selbst an Universitäten | |
| verhindert und sogar Theaterstücke abgesagt, um im Sinne einer ominösen | |
| „Staatsräson“ unerwünschte Kritik an Israel zu unterbinden. Das hat einen | |
| Chilling Effect, es schüchtert ein. Und nirgends greift die Polizei gegen | |
| propalästinensische Proteste so hart durch wie in der Hauptstadt, wo sogar | |
| schon Bundestagsabgeordnete verprügelt wurden. Das erinnert an einen | |
| Polizeistaat, nicht an eine Demokratie. | |
| Diese Einschränkungen der Meinungs-, Wissenschafts- und | |
| Versammlungsfreiheit und die exzessive Polizeigewalt sind bedenklich; sie | |
| lassen sich auch nicht durch vermeintlich beste Absichten rechtfertigen. | |
| Zum Glück schieben die Gerichte manchen Exzessen einen Riegel vor. Aber das | |
| reicht nicht. Um den Rechtsstaat zu schützen, braucht es auch eine | |
| Opposition, die auf Rechtsstaatlichkeit pocht. Und es braucht Medien und | |
| Journalistinnen und Journalisten, die ihrer Aufgabe als vierte Gewalt | |
| nachkommen und der Regierung auf die Finger schauen, statt sich als | |
| Ersatzpolizei zu gerieren. Sonst sterben Rechtsstaat und Demokratie | |
| schleichend und scheibchenweise. | |
| 27 Nov 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
| Daniel Bax | |
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