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# taz.de -- Ausstellung übers Mensch-Tier-Verhältnis: Äußerst flatterhafte …
> Tauben, Papageien und Ornithologen zwitschern und krächzen bei der
> Lübecker Gruppenausstellung „Vom Himmel gefallen“.
Bild: Zweideutig ist der Umgang mit den Tauben: Yalda Afsahs Videoarbeit wirkt …
Mit dem Kopf im Nacken blickt eine Gruppe Männer gebannt gen Himmel. Die
Kamera tastet ihre Gesichter vorsichtig ab, bevor sich der Bildausschnitt
weitet: Der Screen zeigt Himmelblau, eine einzelne Taube gleitet darüber
hinweg, dann ein ganzer Schwarm. Plötzlich ein Bruch. Die Vögel stürzen in
rasanten Salti zu Boden, beenden abrupt ihre Choreografie der Lüfte und
nehmen ihren normalen Flugweg wieder auf.
Die Videoarbeit der [1][Künstlerin Yalda Afsa]h steht wie ein Altar
inmitten einer Kirche. Sie ist Teil der [2][Gruppenausstellung „Vom Himmel
gefallen“]. Gezeigt wird die in der Kulturkirche St. Petri und der
Overbeckgesellschaft in Lübeck. Mit sinnlicher Bildsprache untersucht Afsah
die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Dabei entzweit sie gelegentlich die
Bild- und Tonebene voneinander und erzeugt damit ein poetisches Filmformat,
das sich zwischen Dokumentation und Fiktion bewegt.
Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Taubenzüchter aus dem Süden von Los
Angeles und sogenannte [3][„Roller Pigeons“] – Tauben. Im Interview
erzählen Männer von deren Zucht und wie die Tauben zu atemberaubenden
Flugfiguren dressiert werden. Dabei halten sie die Vögel fest in ihren
Händen, inspizieren sie mit Fürsorge und Kontrolle. Ihre Beziehung und
wechselseitige Abhängigkeit ist ambivalent. Auf der einen Seite verfügen
die Züchter über die Vögel. Auf der anderen Seite bestimmen die Vögel auch
das Leben der Züchter, weil ihre Pflege intensive Arbeit bedeutet. Es ist
ein liebevoller, zärtlicher Umgang, der um Fragen der Herrschaft des
Menschen über die Natur kreist.
## Zwitschernder Ornithologe
Über einem Seiteneingang der Kirche thronen neun weiße Schneeeulen auf
einer Metallstange. In unregelmäßigen Abständen bewegen sie Kopf oder
Flügel, geben Geräusche von sich und blicken über den Raum wie stille
Wächter*innen. Bei den Eulen handelt es sich nicht um lebendige Tiere,
sondern um ausrangierte Spielzeuge vom Modell „Hedwig“ aus der „Harry
Potter“-Reihe. Der Vogel wird in der Installation von Gerrit
Frohne-Brinkmann als Symbol für Konsum aufgegriffen und thematisiert.
Frohne-Brinkmann setzt sich oft mit feinem Humor [4][kritisch mit
Unterhaltungskultur und kommerzialisierten Erfahrungsräumen auseinander].
Durch Objekte wie Spielzeuge oder Fossilien hinterfragt er das Verhältnis
von Geschichte, Zeit und Gegenwart.
In der Overbeck-Gesellschaft, einem Bauhaus-Gebäude, vereint die
[5][Rauminstallation von Richard Frater] mit Klang, Licht und Stoff den
Innen- und Außenraum. Sie verwebt dabei analoges mit digitalem Zwitschern.
Im ersten Raum der Ausstellung sind über Lautsprecher die Laute eines
Ornithologen zu hören, der den Ruf des Kākā imitiert. Diese Nachahmung
dient als Lockruf und veranschaulicht, wie der Mensch direkten Einfluss auf
das Verhalten des Vogels nehmen kann. So wird exemplarisch die besondere
Beziehung zwischen Vogel und Mensch vorgestellt. Der Kākā, ein
neuseeländischer Papagei, war einst stark bedroht, konnte sich durch
Schutzmaßnahmen jedoch erholen und kehrt heute zunehmend auch in städtische
Lebensräume zurück. Im zweiten Raum ist die Aufnahme einer Kākā-Fütterung
in Aro Valley, einem Vorort von Wellington, zu hören.
Für die Ausstellung in Lübeck hat Frater grüne Folien auf die Fenster
zweier Räume anbringen lassen, sodass ein sanft grünes Licht die
Räumlichkeiten durchflutet, während durch die Fenster im Mitteltrakt
natürliches Licht einstrahlt: Sie dienen zudem als eine akustische Öffnung
zur Vogelwelt. Die Architektur selbst wurde mit zartem, seidenartigem Stoff
nachgebildet. Dadurch entstehen lange Gänge, die sich durch das Gebäude
ziehen. Fraters Klanglandschaft und Raumverschiebung lässt ahnen, wie
zerbrechlich die Mensch-Tier-Beziehungen sein mögen.
Die Ausstellung erzählt von Beziehungen, die weder klar hierarchisch noch
rein fürsorglich sind. Zwischen Mensch und Vogel entsteht ein komplexes
Geflecht aus Nähe, Kontrolle und gegenseitiger Prägung. Die Tiere sind
weder bloße Objekte der Dressur noch bloße Opfer. Sie bleiben eigenständig,
unberechenbar, manchmal sogar tröstend.
Gerade in der ehemaligen Kirche St. Petri wirken die Werke doppelt: Der
sakrale Raum, einst dem Blick nach oben gewidmet, wird hier zu einem Ort
der Umkehr. Der Himmel zeigt sich nicht als jenseitige Verheißung, sondern
als Projektionsfläche für menschliche Wünsche, Ängste und Machtansprüche.
29 Aug 2025
## LINKS
[1] /Die-Kunst-der-Woche-fuer-Berlin/!5931975
[2] https://st-petri-luebeck.de/events/65UB9dfZU5JUVWAQeUrUZb
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Roller_und_Purzler
[4] /Die-Skepsis-des-Sammlers/!5714380/
[5] /Wilde-Grossstadtvoegel-Richard-Fraters-ornithologische-Studien/!5495546/
## AUTOREN
Theresa Weise
## TAGS
Bildende Kunst
Menschen
Vögel
Tiere
Lübeck
Ausstellung
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deutsche Literatur
Indigene Kultur
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