# taz.de -- Ausstellung über Demokultur: Lübeck war viel auf den Beinen | |
> Für Hunde, für die Uni und für „Marzipan statt Nazi-Wahn“ gab's an der | |
> Trave Demos: Das Willy-Brandt-Haus erzählt, wie sie Stadtgeschichte | |
> schrieben. | |
Bild: Stadtgeschichte: Nicht nur 1999 stellten sich Lübecks Bürger*innen NPD-… | |
Im März 1954 hielt vor einer Baracke im Süden Lübecks ein Lastwagen. | |
Polizist*innen stellten sich vor die Eingänge, dann drangen sieben von | |
ihnen in die Wohnungen ein, holten die Hunde der Mieter*innen heraus und | |
töteten sie noch auf dem Lastwagen. Dahinter stand ein Auftrag des | |
Ordnungsamtes, weil in der Nähe eine [1][tollwütige] Katze gefunden worden | |
war. | |
Die Bewohner*innen, Geflüchtete aus der nahen DDR, waren traumatisiert – | |
und die Stadtbevölkerung wütend. Laut NDR gingen 10.000 Menschen [2][kurz | |
danach auf die Straße] und prangerten per Schweigemarsch den „gnadenlosen | |
Hundemord“ an. | |
Mehr als 1.000 brachten Hunde mit, die nach einem damaligen Bericht in den | |
Lübecker Nachrichten Trauerflor trugen. Der „Hundemord von Blankensee“ ist | |
eine Episode Lübecker Geschichte, von der heute nur noch wenige etwas | |
wissen. | |
Die Ausstellung „[3][Get up, stand up]! – Lübeck demonstriert. 1950 bis | |
2025“ erinnert nun im Lübecker Willy-Brandt-Haus mit Fotos, | |
Zeitungsartikeln und Hintergrundtexten nicht nur an diesen lokalen Skandal: | |
20 große Tafeln erzählen die Geschichte der Stadt anhand ihrer Proteste – | |
und nebenbei die Geschichte Deutschlands. | |
## Die Zonenrandlage politisierte die Stadt | |
So waren die Märsche zum ersten Mai in den 1950ern ein Großereignis. | |
Lübecker*innen gingen auch gegen die Bild-Zeitung auf die Straße, gegen | |
Atomwaffen, Atomtransporte, Giftmüll und Brokdorf, gegen die | |
Notstandsgesetze und gegen Hochhäuser. 1990/91 forderten Hunderte Bauern | |
mit ihren Treckern niedrigere Lebensmittelpreise. | |
In manchen Kundgebungen kommt Lübeck als einzige Großstadt an der | |
innerdeutschen Grenze in den hellen Spot der Weltgeschichte. 1984 besetzten | |
Aktivist*innen eine Brückenbaustelle, um den Einbau von | |
Panzersperrschächten im Kalten Krieg zu verhindern. Die sollten bei einem | |
möglichen Einmarsch sowjetische Truppen abhalten. Heute stehen die Gullis, | |
die es nur auf Lübecks Brücken gibt, unter Denkmalschutz. | |
Nach der Maueröffnung fuhren dann durch Lübecks östlichsten Stadtteil | |
zweieinhalb Mal mehr Autos als vor der Wende. Bewohner*innen | |
demonstrierten deshalb für eine zweite Straße. Die wurde aber erst 25 Jahre | |
später fertig. Am 1. Juli 2002 feierten 3.000 Menschen bei Lübecks erstem | |
Christopher Street Day. Ab 2018 rief „Fridays for Future“ regelmäßig zu | |
Klima-Demos auf. 2020/21 gab es jeden Montag Menschenketten und | |
Schweigemärsche gegen die Corona-Maßnahmen. | |
Anfang 2024 protestierten mehrere Tausend unter dem Motto „Marzipan statt | |
Nazi-Wahn“ gegen die AfD, erneut ging Lübeck im vergangenen Februar gegen | |
rechts und für eine strikte Abgrenzung der CDU von der AfD auf die Straße. | |
Bei einer Mahnwache auf dem Rathausmarkt während der Bürgerschaftssitzung | |
skandierten einige Hundert von ihnen: „Ganz Lübeck hasst die CDU“. Das | |
löste Debatten aus: Die Partei hatte gemeinsam mit den Grünen und der FDP | |
gerade die Mehrheit im Rathaus errungen. | |
Rechte Gewalt hat eine Narbe in der Stadtgeschichte hinterlassen: Im März | |
1994 brannte nach einem rechten Anschlag hier [4][zum ersten Mal seit dem | |
Ende des NS-Regimes] eine Synagoge. Kaum zwei Jahre später starben bei | |
einem von Neonazis gelegten Feuer in einer | |
Asylbewerber*innenunterkunft in der [5][Hafenstraße] zehn Menschen. | |
Nach beiden Ereignissen gab es [6][Mahnwachen.] Die inzwischen restaurierte | |
Synagoge ist heute ein von hohen Palisaden und Polizei geschütztes | |
Bollwerk. | |
Die Ausstellung hat viel, für manche Besucher*innen zu viel Text. | |
Transparente, Filmdokumente oder eine interaktive Station hätten gut | |
gepasst. Vielleicht fehlte der Platz dafür, sie hat nur einen nicht allzu | |
großen Raum im [7][Willy-Brandt-Haus]. | |
Kuratiert hat sie die selbstständige Kulturwissenschaftlerin und Fotografin | |
Karin Meyer-Rebenbusch mit Hilfe des Vereins „Zukunftskontor“ und mit dem | |
Geld zweier Stiftungen. Die Lübecker Nachrichten halfen mit Bildern und | |
Artikeln aus ihrem Archiv. „Ich habe versucht, sehr verschiedene Anlässe zu | |
zeigen, wofür oder wogegen demonstriert wurde“, sagt die Kuratorin. Nicht | |
immer teile sie die Anliegen der Demonstrierenden: „Andere Positionen und | |
Meinungen auszuhalten, gehört zu einer Demokratie.“ | |
Für die Leiterin des Willy-Brandt-Hauses, Bettina Greiner, sind Demos gegen | |
rechts besonders wichtig. Die Ausstellung stelle auch Fragen, sagt sie: | |
„Wofür sind Demos gut? Können sie etwas bewirken?“ | |
Das beste Beispiel dafür, dass sie das können, seien die Proteste gegen die | |
Schließung großer Teile der Lübecker Uni 2010. Noch heute hängt in manchen | |
Altstadtfenstern der gelbe Schriftzug: „Lübeck kämpft für seine Uni“. Bis | |
zu 14.000 Menschen demonstrierten damals. Am Ende gab es Geld vom Bund und | |
das Land [8][nahm die Schließungspläne zurück]. | |
15 Aug 2025 | |
## LINKS | |
[1] /VORSICHT/!1741536&s=Tollwut&SuchRahmen=Print/ | |
[2] https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:87aa0a182d9a9252/ | |
[3] https://www.google.com/search?q=get+up+stand+up+&client=firefox-b-e&… | |
[4] /Die-Mordbrenner-kehren-zurueck/!1570044&s=Brandanschlag+L%C3%BCbeck+sy… | |
[5] /Immer-noch-steht-Safwan-Eid-vor-Gericht-Er-soll-als-Brandstifter-den-Tod-v… | |
[6] /Recherche-Theater-in-Luebeck/!6002712 | |
[7] /Willy-Brandt-als-Journalist/!5977598 | |
[8] /Unerwarteter-Geldsegen/!5139385 | |
## AUTOREN | |
Friederike Grabitz | |
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