# taz.de -- Forscher über Willkommensklassen: „Unterschiedlich gut gerüstet… | |
> Wie schnell junge Geflüchtete Deutsch lernen, hängt auch stark vom | |
> jeweiligen Bundesland ab, sagt Bildungsforscher Oliver Winkler. | |
Bild: Zwei aus der Ukraine geflüchtete Schüler beim Deutschunterricht im Gymn… | |
taz: Herr Winkler, die meisten Bundesländer lassen junge Geflüchtete nicht | |
sofort mit in den normalen Unterricht, sondern stecken sie zunächst in | |
sogenannte Willkommens- oder Vorbereitungsklassen. Dort sollen sie Deutsch | |
lernen. Sie haben nun herausgefunden: So gut lernen Jugendliche dort gar | |
nicht Deutsch. Woran liegt das? | |
Oliver Winkler: Wir haben die Daten von gut 1.000 geflüchteten Jugendlichen | |
untersucht und dabei drei Faktoren gefunden, die mit geringeren | |
Deutschkenntnissen zusammenhängen. Dazu gehören lange Wartezeiten bei der | |
Einschulung. In vielen Bundesländern beginnt die Einschulung erst dann, | |
wenn die Familie einer Kommune zugewiesen ist. Das kann bis zu einem halben | |
Jahr oder noch länger dauern. Je länger die Wartezeit, desto mehr | |
Bildungszeit geht verloren und desto schwerer tun sich die Kinder, das | |
Lernen wiederaufzunehmen. Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Kinder ja | |
bereits Monate, wenn nicht Jahre, auf der Flucht sind. | |
taz: Und die anderen Faktoren? | |
Winkler: Auch ein ungeklärter Asylstatus führt zu schlechteren Leistungen: | |
Wer nicht weiß, ob er bleiben darf, investiert offenbar weniger in seine | |
Deutschkompetenzen. Und drittens haben junge Geflüchtete auch Jahre später | |
noch schlechtere Deutschkenntnisse, wenn sie zunächst eine | |
Willkommensklasse besucht haben. Den Vorbereitungsklassen gelingt es | |
offenbar nicht ausreichend, Anfangsunterschiede beim Sprachniveau | |
auszugleichen. | |
taz: Was schließen Sie daraus? | |
Winkler: Geflüchtete sind den Rahmenbedingungen für Integration, die sie | |
vor Ort vorfinden, ziemlich ausgeliefert. Gerade weil die Familien ja nicht | |
so einfach den Wohnort und das Bundesland wechseln können, um in einem | |
anderen Bildungssystem vielleicht bessere Bedingungen vorzufinden. Wir | |
können also sagen, dass die Bundesländer für die unterschiedlichen | |
Deutschkenntnisse mitverantwortlich sind. | |
taz: [1][Ihre Studie] stützt sich auf Daten aus Sachsen, Bayern, | |
Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz und damit auf unterschiedliche | |
politische Ansätze: In Sachsen werden Schüler:innen ohne | |
Deutschkenntnisse immer separat beschult, in Rheinland-Pfalz nie, in NRW | |
und Bayern gibt es einen Mix aus verschiedenen Modellen. Brauchen wir | |
künftig überall mehr Rheinland-Pfalz? | |
Winkler: So weit würde ich noch nicht gehen. Unsere Studie zeigt zwar, dass | |
die Beschulung ohne Vorbereitungsklassen mit besseren deutschen | |
Sprachkenntnissen zusammenhängt – die Studie ist aber nicht kausal. Wir | |
haben keine Vorher-nachher-Messung machen können, solche Daten gibt es | |
bisher nicht. Überhaupt ist immer noch wenig erforscht, wie gut der | |
Unterricht in den Willkommensklassen tatsächlich ist. Deswegen wäre ich – | |
ohne weitere Forschungsergebnisse – vorsichtig mit Rückschlüssen. | |
taz: Sie würden den Ländern nicht empfehlen, geflüchtete Kinder und | |
Jugendliche schneller in den Regelunterricht zu nehmen? | |
Winkler: Das schon. Wenn Kinder über zwei Jahre separat beschult werden, | |
wie es teils immer wieder vorkommt, ist das eine große Erschwernis für die | |
Integration und auch für den Spracherwerb. In diese Richtung gehen auch die | |
Empfehlungen des Wissenschaftsrats und der Ständigen Wissenschaftlichen | |
Kommission der Kultusministerkonferenz: In der Grundschule sollten | |
Willkommensklassen vermieden werden, an weiterführenden Schulen sollte der | |
Übergang in den Regelunterricht möglichst zügig erfolgen, also definitiv | |
nicht erst nach zwei Jahren. Das würden auch wir dringend empfehlen. | |
taz: Bildungsforscher:innen haben schon bald nach der Einrichtung von | |
Tausenden Willkommensklassen in den Jahren 2015 und 2016 [2][Kritik an | |
diesem Modell] geäußert: zu wenig Begegnung mit anderen Kindern, zu hohe | |
Fluktuation in der Klasse, fehlende Curricula und Standards bei den | |
Lehrkräften. Inwieweit spiegeln Ihre Ergebnisse auch diese Umstände wider? | |
Winkler: Wir gehen davon aus, dass die Punkte, die Sie ansprechen, genau | |
diejenigen sind, die dazu führen, dass Willkommensklassen ein Nachteil für | |
den Deutscherwerb sein können. Es fehlen einheitliche Lehrpläne, es gibt | |
keine verpflichtenden oder vergleichbaren Qualifikationen für die | |
DaZ-Lehrkräfte, teilweise sind auch die Bedingungen für den Übergang in die | |
Regelklassen nicht eindeutig. Die Liste der fragwürdigen Punkte, die | |
Kolleginnen und Kollegen bisher zusammengetragen haben, ist lang. | |
taz: Manche Länder legen geflüchteten Schüler:innen zusätzliche Steine | |
in den Weg. In Bayern gibt es die Willkommensklassen nur an Mittel- und | |
Realschulen, nicht aber am Gymnasium. | |
Winkler: Warum manche Länder die Gymnasien hier außen vor lassen, | |
erschließt sich mir nicht, denn Unterricht in den Willkommensklassen ist | |
schulformunabhängig. Für Sachsen ist mir bekannt, dass vor ein paar Jahren | |
auch einige Gymnasien Willkommensklassen eingerichtet haben – das machen | |
sonst nur die Oberschulen. Zumal diese Aufteilung konkrete Folgen für die | |
Geflüchteten hat: Wir haben 2022 in einer gemeinsamen Studie mit dem | |
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg herausgefunden, dass das | |
Risiko in Bayern oder Sachsen deutlich höher ist, auf einer der niedrigeren | |
Schulformen zu verbleiben. In den Ländern, die Willkommensklassen an allen | |
Schulformen erlauben, schaffen mehr Geflüchtete den Übergang auf das | |
Gymnasium. | |
taz: Eine zentrale Rolle für den Spracherwerb spielt auch der Kitabesuch. | |
Haben Sie diesen Faktor in Ihrer Analyse mit berücksichtigt? | |
Winkler: Das haben wir uns nicht angeschaut, weil die untersuchte Gruppe zu | |
alt war, um in Deutschland in die Kita gegangen zu sein. Generell ist aber | |
eindeutig, dass die Lernzuwächse beim Spracherwerb in einem frühen Alter | |
besonders hoch sind. Für Kinder mit Migrationsgeschichte beispielsweise ist | |
das in Deutschland auch gut dokumentiert. Ich würde also davon ausgehen, | |
dass ein Kitabesuch in Deutschland auch für Geflüchtete ein positiver | |
Faktor wäre. | |
taz: Sofern sie einen Kitaplatz erhalten … Studien zeigen, dass Kinder mit | |
Fluchterfahrung [3][beim Zugang zu früher Bildung besonders benachteiligt] | |
sind. Können Schulen die Abstände zu privilegierten Kindern überhaupt | |
wieder aufholen? | |
Winkler: Ich kann mich erinnern, dass die Bildungsforschung schon 2015 | |
angemahnt hat: Die zunehmende Heterogenität von Kindern und Jugendlichen | |
wird in den nächsten zehn Jahren eine der größten Herausforderungen für das | |
Bildungssystem sein. Das hat sich aus meiner Sicht bewahrheitet. Die | |
Professionalisierung von Lehrkräften ist hierfür entscheidend. Und Sie | |
haben recht, es geht dabei nicht allein um die Schulen, sondern auch um den | |
wichtigen Zugang zu früher Bildung. Das bleibt auch heute eine große | |
Herausforderung für unsere Sozial- und Bildungspolitik. | |
taz: Die Jugendlichen, deren Daten Sie analysiert haben, sind heute Mitte | |
20. Wissen Sie, was weiter aus ihnen geworden ist? | |
Winkler: Das konnten wir leider nicht untersuchen. Meine Vermutung wäre | |
aber, dass sie unterschiedlich gut gerüstet sind für den Arbeitsmarkt. Man | |
darf nicht vergessen, dass viele junge Geflüchtete gar nicht die | |
Möglichkeit erhalten, eine Schule zu besuchen. Wer beispielsweise erst mit | |
16 oder 17 Jahren nach Deutschland kommt, kann vielleicht noch ein Jahr in | |
der Schule Deutsch lernen. Danach ist man auf Sprachkurse angewiesen. Je | |
nach Alter sind die Integrationsbedingungen in Deutschland sehr | |
verschieden. | |
taz: Wie wichtig sind gute Deutschkenntnisse für eine erfolgreiche | |
Ausbildung? | |
Winkler: Sehr! Wir sehen das jedes Jahr beim Übergang in die | |
Berufsausbildung: Junge Geflüchtete, die einen Schulabschluss erworben | |
haben und gut Deutsch können, haben deutlich bessere Chancen auf einen | |
Ausbildungsplatz. Sie konkurrieren auf dem Ausbildungsmarkt nicht nur mit | |
anderen Geflüchteten, sondern vor allem auch mit Jugendlichen, die das | |
ganze Schulsystem in Deutschland durchlaufen haben und dadurch besser | |
aufgestellt sind. | |
Was interessant ist: Geflüchtete, auch jene mit sehr guten | |
Schulabschlüssen, suchen sich für die Ausbildung nicht den Wunschberuf, | |
sondern sehr oft Mangelberufe aus – vermutlich, weil sie sich erhoffen, | |
eine Ausbildungsduldung zu erhalten. Das zeigt sehr deutlich die Not, in | |
der sich junge Geflüchtete teilweise befinden. | |
19 Aug 2025 | |
## LINKS | |
[1] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00016993251351531 | |
[2] /Ukrainische-Jugendliche-in-Deutschland/!5896827 | |
[3] /Bremen-als-Vorreiter/!6099489 | |
## AUTOREN | |
Ralf Pauli | |
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