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# taz.de -- Zu Hause bleiben: In den Urlaub sollen ruhig die anderen fahren
> Im Sommer fahren viele weg in den Urlaub, unsere Autorin nicht. Sie
> verspürt keinen Drang dazu woanders zu sein. Wo ist er nur hin?
Bild: Sommer in der Stadt – Ich habe keine Urlaubssehnsucht und kein Fernweh
Es ist Juli und die Leute fahren in den Urlaub. Ich sitze auf meinem Sessel
und denke darüber nach, warum ich nicht in den Urlaub fahre, seit Jahren
schon nicht mehr, seit die Kinder erwachsen sind.
Ich fahre schon manchmal weg, immer für ein paar Tage, meine Mutter
besuchen, mit Freundinnen in ihr Elternhaus, am Wochenende ins Häuschen
meines Freundes, aber ich fahre anscheinend nicht mehr richtig in den
Urlaub, es wundert mich selbst. Jedes Jahr, in dem ich nicht in den Urlaub
fahre, wundere ich mich mehr und denke, nächstes Jahr wieder, aber dann ist
nächstes Jahr und ich fahre wieder nicht in den Urlaub.
Im Grunde warte ich darauf, dass ich wieder in den Urlaub fahre, ich
beobachte mich selbst interessiert, aber anscheinend fahre ich nicht.
Wieder nicht.
Wenn ich darüber nachdenke, dann weiß ich schon nicht mehr, was das für
mich sein soll, Urlaub. Es kommt mir abstrakt vor, blödsinnig, ich weiß
nicht mehr, warum ich irgendwohin fahren soll.
Natürlich weiß ich, warum Leute das tun, und früher habe ich das ja auch
getan und durchaus etwas daran gefunden. Aber jetzt, wenn ich da in mich
gehe, finde ich das nicht wieder, diese Motivation, die Vorfreude, den
Drang und die Sehnsucht. Viele sagen, sie müssen mal raus. Und das ist
natürlich auch abstrakt, aber durchaus zu verstehen.
## Es war sehr schön
Ich habe dieses Rausmüssengefühl nicht. Ich sehne mich nicht danach,
woanders zu sein. Ich habe keine Urlaubssehnsucht und kein Fernweh. Endlich
Urlaub – Das denke ich einfach nicht. Aber warum nicht? Wo ist dieser Drang
hin? Früher wollte ich etwas mit den Kindern machen, zusammen Zeit
verbringen, gemeinsam wandern, etwas erkunden, Erlebnisse sammeln. Das hat
geklappt, das war sehr schön. Als die Kinder aus dem Haus waren, war der
Drang weg.
Die Entwicklungen in der Welt kommen mir so dramatisch vor, ich kann nicht
irgendwohin fahren und alles vergessen, aber ich weiß nicht, ob das der
Grund ist, oder ob ich mir da eine Erklärung suche. Jedem sei gegönnt, dass
er sich erholt, auf welche Weise das für ihn passt. Wir haben ja alle nur
das eine Leben zur Verfügung, um das zu tun, was uns Freude bereitet.
Aber das ist es eben, dass ich das nicht weiß, ob mir das Freude bereiten
würde. Es kommt mir gut vor, hier zu sein, wo ich gerade bin. Es kostet
mich keine Energie, es kostet niemanden Energie, und es ist ziemlich okay.
## Sommer in der Stadt
Hier, auf meinem Schreibsessel, in Hamburg, einer reichen Stadt in
Mitteleuropa, gemäßigtes Klima, heute kühler, manchmal Regen, angenehme
Temperaturen, der Wind bewegt die Gardine vor der offenen Fenstertür
(französischer Balkon), draußen die Stadt mit ihren Stadtgeräuschen,
albernes Lachen von Teenagern, S-Bahn-Geräusche, Gespräche von
Vorbeieilenden, die Krähen krächzen auf den Bäumen. Wenn ich Lust habe,
gehe ich runter und hole mir ein Stück Pizza, wenn ich Lust habe, gehe ich
an die Elbe und sehe die Schiffe vorbeifahren, wenn ich Lust habe, gehe ich
ins Kino oder verabrede mich mit einer Freundin, die gerade nicht im Urlaub
ist. Wir sitzen müde draußen rum und sind entspannt, im Sommer in der
Stadt.
Alle sind im Urlaub, außer uns – und all den anderen Millionen, die auch
hier sind, den Busfahrern und den Obdachlosen, der Kellnerin, die unsere
Drinks bringt.
Und während ich darüber nachdenke, ob ich nicht traurig bin, weil ich gar
nirgendwo hinfahre, kommt mir diese Traurigkeit einfach nicht unter. X
bleibt diesen Sommer auch hier, erzählt mein Sohn. Aha, denke ich.
29 Jul 2025
## AUTOREN
Katrin Seddig
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