# taz.de -- Gewalt im Westjordanland: Brutale Nachbarschaft | |
> Israelische Schlägertrupps greifen im Westjordanland immer wieder | |
> beduinische Siedlungen an – auch die von Mohammed. Besuch in einer | |
> Kampfzone. | |
Bild: Mohammed, 51 Jahre alt, Beduine im nördlichen Westjordantal | |
Mohammed* sitzt auf einem Bettlaken mit Blumenmuster, eine Zigarette | |
zwischen Mittel- und Zeigefinger, und blickt nachdenklich aus dem Fenster. | |
Um Mohammeds Kopf ist eine grünschwarze Kufija gewickelt, der graue Bart | |
wächst ihm über die Wangen. Eine Taube flattert durch das Fenster und | |
bleibt auf dem Schrank sitzen. Niemand scheint ihr viel Aufmerksamkeit zu | |
schenken. | |
Mohammed lebt in einer Behausung aus nackten Ziegelsteinen, Metallstangen | |
und Wellblech. Fensterscheiben gibt es nicht, hier, in einem abgelegenen | |
Ort im nördlichen Teil des Jordantals. In Khirbet Makhul lebten früher | |
einmal um die 50 Familien. Heute sind es lediglich noch vier. Um das Haus | |
gibt es nur Hügel aus Geröll, viel trockene Erde und ausgedörrtes Gras. | |
Ein Hahn kräht auf dem Boden von Mohammeds Zimmer, Fliegen setzen sich in | |
der Hitze auf die Haut. Ein Geruch von Käsemilch hängt in der Luft. Draußen | |
warten gut 350 Schafe darauf, gemolken zu werden. Sie meckern lauthals aus | |
dem offenen Stall. Mohammed hat große Hände, mit denen er sein ganzes Leben | |
lang Schafe gezüchtet hat. | |
## „Wo bleibt der Schutz für uns?“ | |
Doch jetzt hat Mohammed Angst, seine Tiere weiden zu lassen. Vor einer | |
Woche sind israelische Siedler gekommen, haben Steine geworfen auf | |
Mohammeds Hütte, die Tiere vertrieben und die Menschen verscheucht. | |
Mohammed fragt: „Wo bleibt das internationale Gesetz, wo bleibt der | |
internationale Schutz für uns?“ | |
Die Lage im Westjordanland hat sich nach dem 7. Oktober deutlich | |
verschärft. Während die Augen der Welt [1][auf Gaza], den Iran, Libanon, | |
[2][Syrien] gerichtet sind, schafft Israel Fakten auf dem Boden des | |
Westjordanlands. Auch die Gewalt nimmt zu. Kaum ein Tag vergeht ohne | |
Meldungen von einem Angriff auf palästinensische Dörfer und Schäfer*innen. | |
Gras für die Schafe gibt es ohnehin kaum noch. Das Wasser, das die Felder | |
rund um die nahegelegenen israelischen Siedlungen grün wachsen lässt, | |
fließt in Rohrleitungen, zu denen Mohammed keinen Zugang hat. Selbst dann, | |
wenn diese auf seinem Gelände verlaufen. Die Regenwasserzisterne in der | |
Nähe wurde von Siedlern übernommen, sagt er. Wasser muss er kaufen. | |
Überteuert noch dazu, bis zu siebenmal so teuer wie Leitungswasser. | |
Nach dem Massaker der Hamas an Israelis am 7. Oktober 2023 hat sich auch | |
die Lage für Mohammed im Westjordanland verschlechtert. Das israelische | |
Militär (IDF) habe ihm gesagt, dass er eine Baulizenz für seine Hütte | |
beantragen müsse. „Dafür eine Lizenz!“, sagt er, und schaut auf das | |
verbeulte Blechdach. Schon mehrmals musste Mohammed umziehen, seine alte | |
Hütte in Khirbet Makhul wurde 2013 von israelischen Bulldozern vor seinen | |
Augen eingeebnet. | |
Mohammeds Dorf liegt im Gebiet C. Im von Israel besetzten Westjordanland | |
bedeutet das, dass die israelische Regierung dort sowohl für zivile als | |
auch militärische Angelegenheiten zuständig ist. 2013 nannte die | |
israelische Verwaltung als Grund für den Abriss, die Bewohner*innen | |
hätten die Hütten ohne Erlaubnis errichtet. Jetzt droht sich die Geschichte | |
zu wiederholen. | |
Beduinische Gemeinschaften im Westjordanland gehören zu den am stärksten | |
benachteiligten Gruppen. Etwa 40.000 wohnten hier 2013, ihre aktuelle Zahl | |
ist unklar. Oft leben sie im Gebiet C, das gut 60 Prozent des | |
Westjordanlands abdeckt, unter prekären Umständen. Sie sind der Willkür der | |
israelischen Verwaltung ausgesetzt, die sie oft vertreibt aufgrund von | |
fehlenden Lizenzen – welche sie wiederum von den Behörden nicht bekommen. | |
Etwa 95 Prozent der palästinensischen Bauanträge im Gebiet C wurden in den | |
vergangenen Jahren abgelehnt. | |
Und nach dem 7. Oktober müssen Menschen wie Mohammed immer häufiger mit der | |
Gewalt von benachbarten, radikalen Siedlern klarkommen. NGOs werfen dem | |
Militär vor, nichts dagegen zu unternehmen oder gar die Siedler zu | |
beschützen. Die Schäfer*innen fühlen sich hilflos. | |
Das israelische Militär sagt dazu, teilweise seien israelische | |
Soldat*innen in dem Gebiet mit Gewalttaten durch Israelis konfrontiert. | |
Dann seien die Streitkräfte angehalten, diese zu stoppen und die | |
Verdächtigen festzunehmen. Geschehe das nicht, werde der Vorfall untersucht | |
und möglicherweise würden Strafen verhängt. Auch gehe die Verwaltung gegen | |
illegale Bauten vor, je nach Lage und politischen Anweisungen. Legale | |
Wasserquellen für die Bevölkerung würden aber nicht blockiert. | |
Mohammeds grüne Augen sind blutunterlaufen, die Gesichtshaut durch Sonne | |
und Staub ledrig. Der 51-Jährige spielt mit seiner Tochter, einem Mädchen | |
mit langen, welligen Haaren, er umarmt sie. Zehn Kinder hat er, alle hier | |
in dieser Gegend geboren. Sechs wohnen jetzt in einem Dorf, alleine mit | |
ihren älteren Geschwistern, um zur Schule gehen zu können. Nie sähen sie | |
die Kinder, sagt Mohammeds Frau, die auf einer Matratze sitzt, neben drei | |
leeren Koffern, eine rote Kufija als Kopftuch. Die israelischen Checkpoints | |
verhinderten das, verwandelten eine 20-Kilometer-Strecke in eine teilweise | |
fünfstündige Fahrt. | |
Selbst unsere [3][Journalistengruppe wird an einem der Checkpoints | |
abgewiesen]. Zu den Problemen, die Checkpoints den Beduin*innen | |
bereiten, schreibt die IDF, die Kontrollpunkte seien nach Terroranschlägen | |
errichtet worden. Dabei sei das Militär darum bemüht, einen normalen Alltag | |
zu ermöglichen. | |
Acht israelische Siedlungen und Außenposten umgeben die Beduinen-Ortschaft | |
mitten in den Wüstenhügeln. Die meisten dieser Außenposten bestehen | |
lediglich aus Baracken oder Zementhäusern rund um bestellte Felder und | |
Stallungen. Eine Kaserne liegt ebenfalls in der Nähe. Die Soldat*innen | |
würden jedoch nicht sie, die Hirt*innen, beschützen, sondern die | |
Siedler*innen, sagt Mohammeds Familie. | |
30 beduinische Gemeinschaften sind laut palästinensischen Behörden seit dem | |
7. Oktober vertrieben worden. Die Vereinten Nationen zählen mehr als 2.500 | |
Attacken mit Personen- oder Sachschaden seit dem 7. Oktober – eine | |
deutliche Eskalation. Allein 2025 mussten 417 Palästinenser*innen | |
ihre Häuser verlassen, 1.038 sind es seit 2024. | |
„Die Siedler wollen, dass wir wegziehen“, sagt Mohammed. Doch Mohammed | |
zieht nicht weg. Seit 2003 lebt er in dieser Gegend, davor an einem anderen | |
Ort, der ebenfalls durch das Militär abgerissen wurde. Er behauptet, | |
Dokumente bewiesen, dass dieses Grundstück in der Zeit vor der Gründung | |
Israels seiner Vorfahren gehörte. „Das ist mein Land. Ich habe keinen | |
anderen Ort, an den ich gehen könnte.“ | |
Einer der israelischen Nachbarn habe ihm vor ein paar Tagen erst ein Gewehr | |
auf die Brust gehalten, erzählt Mohammed. Viele Siedler*innen im | |
Westjordanland besitzen inzwischen Gewehre und Pistolen. Der rechtsextreme | |
Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir hat nach dem Angriff der Hamas am 7. | |
Oktober, bei dem fast 1.200 Israelis starben, mehr als 150.000 | |
Waffenscheine an Zivilist*innen im Land ausgegeben und Gewehre unter | |
Siedler*innen im Westjordanland verteilt. | |
Der Mann mit dem Gewehr sei von der benachbarten Ranch Nof Gilad gekommen, | |
die dem Farmer Uri Cohen gehört, sagt Mohammed. Cohen ist ein Siedler, der | |
nach Angaben von israelischen Aktivist*innen, die sich für die Beduinen | |
einsetzen, seit 2016 eine Farm auf diesen Hügeln betreibt. Anfangs nicht | |
viel mehr als ein Schuppen, hat sich Cohens Hof inzwischen zu einem | |
richtigen Bauernhof entwickelt. Wasser soll die Farm laut Medienberichten | |
von einer nahe gelegenen Siedlung bekommen. Ein Abrissbefehl der Regierung | |
blieb offenbar ohne Folgen. Mehrere Quellen werfen Cohen und den jungen | |
Männern auf seinem Gelände vor, immer wieder Beduin*innen zu | |
terrorisieren. | |
Nach Angaben der israelischen NGO Peace Now! hat Nof Gilad, selbst unter | |
israelischen Maßstäben illegal aufgebaut, zwischen 2022 und 2023 unter den | |
Farmen im Westjordanland am meisten Geld vom israelischen | |
Landwirtschaftsministerium bekommen: etwa 530.000 Schekel, umgerechnet rund | |
132.500 Euro. Weitere 65.000 Schekel sollen versprochen worden sein. Von | |
mehreren dieser illegalen Außenposten geht nach Angaben der NGO Gewalt aus. | |
Zwei bezuschusste Farmen sind von den USA und EU-Ländern sanktioniert | |
worden. Unter US-Präsident Donald Trump wurden die Sanktionen jüngst | |
allerdings rückgängig gemacht. | |
Das israelische Landwirtschaftsministerium antwortet auf Nachfrage, die | |
Finanzierung von Landwirtschaftsbetrieben im Westjordanland sei eine | |
finanzielle Unterstützung für die Erhaltung von Freiflächen, die durch das | |
Grasen von Weidetieren entstünden. Nof Gilads Hilfsgeld setze sich aus | |
Zuschüssen für die Herde im Westjordaland und eine Herde in den Golanhöhen | |
zusammen. | |
Neben der Straße zu Cohens Farm, auf einem abgelegenen, gewundenen Weg, | |
glänzt auf einem Metallschild eine israelische Flagge. Die israelische | |
Verwaltung hat das Gebiet jüngst zum Naturschutzreservat erklärt. Cohen | |
lehnt ein Interview mit der taz ab, streitet aber jede Beteiligung an den | |
Überfällen auf Mohammeds Familie und dessen Nachbarn ab. In Chatnachrichten | |
mit der taz betont Cohen, er lebe in „Frieden und Glückseligkeit“ auf | |
seiner Ranch. Wer das Gegenteil behaupte, lüge. Auch schickt er ein Video, | |
mutmaßlich vom Angriff der Hamas am 7. Oktober auf thailändische Arbeiter | |
in Israel, und sagt, so sehe wahrer Terrorismus aus. | |
Die Siedler*innen haben nach Angaben der NGO kilometerlange Zäune auf | |
dem Gebiet errichtet, die die palästinensischen Hirt*innen ihre | |
Weidegründe nehmen. Ein Video von Aktivist*innen zeigt ihn, schlecht | |
erkenntbar, aber mutmaßlich in Militärkleidung, wie er auf Schäfer*innen | |
einredet. | |
In einem Interview mit einem Youtuber sagte Cohen vor zwei Jahren, es gebe | |
Pläne, das Westjordanland zu erobern. Und zwar, indem sich Siedler*innen | |
in Kreisen an zentralen Punkten, etwa entlang von Hauptstraßen, ansiedeln | |
und die Kontrolle übernehmen: Farmen auf den Hügeln oder in firing zones, | |
Areale für militärisches Training, von Jericho bis Dschenin, die bereits | |
Anschluss an Strom und Wasser haben. | |
Cohen sieht in dem Video relativ jung aus, er ist groß, gut gebaut, | |
Dreitagebart. Ein Krieg finde gerade statt, sagt er auf einem Hügel, | |
während er ein Kleinkind im Arm hält. Ein Krieg, von dem viele nichts | |
wüssten. Doch sie, die israelischen Siedler, seien da. „Wir sind hier und | |
werden gewinnen. Die Frage ist nur, wie lange wir dafür brauchen. Und | |
welchen Preis wir dafür bezahlen werden.“ Er lacht. | |
[4][Etwa eine halbe Million Siedler*innen leben in mindestens 141 | |
Siedlungen und 270 Außenposten im Westjordanland.] Außenposten werden in | |
der Regel ohne vorherige Genehmigung errichtet. Teilweise entwickeln sich | |
aus einzelnen, geparkten Caravans mit der Zeit Bauernhöfe, die dann im | |
Nachinhein von der israelischen Regierung legalisiert werden. Siedlungen | |
sind hingegen in der Regel wie kleine Dörfer oder Kleinstädte organisiert. | |
Nach internationalem Recht sind beide illegal, so wie die israelische | |
Besatzung in dem Gebiet. Nach israelischem Recht hingegen sind die | |
Siedlungen rechtmäßig. Und es werden immer mehr. Israels rechtsreligiöse | |
Regierung hat Ende Mai den Bau von 22 neuen Siedlungen genehmigt. | |
Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass etwa ein Drittel der | |
Siedler*innen aus religiösen Gründen handelt. Sie sehen das | |
Westjordanland, Judäa und Samaria, wie sie es nennen, als das ihnen von | |
Gott versprochene Land an. Der rechtsextreme israelische Finanzminister | |
Bezalel Smotrich, selbst Siedler, hatte bereits im Mai 2023 angekündigt, | |
die Anzahl der Siedler*innen im Westjordanland zu verdoppeln. | |
Smotrichs Ziel ist es, die Entstehung eines palästinensischen Staates zu | |
verhindern. Und, wie in der New York Times geleakte Aufnahmen zeigten, eine | |
„stille“ Annexion der Westbank. Bereits vor einem Jahr hat die Regierung | |
mehrere rechtliche Befugnisse im Westjordanland dem Militär entzogen und | |
zivilen Beamt*innen unter Smotrich übergeben. Justizminister Yariv Levin | |
hat jüngst die Regierung aufgefordert, die Annexion voranzubringen. Letztes | |
Jahr hat Israel laut NGOs zehnmal so viel Land im Westjordanland | |
konfisziert wie im Durchschnitt der letzten Jahre. Die israelische | |
Regierung, konfrontiert mit diesen Zahlen, antwortete der taz auf diese | |
Vorwürfe bisher nicht. | |
Laut mehreren NGOs sind sowohl der Siedlungsausbau als auch die Erklärung | |
von Gebieten zu firing zones Teil derselben Strategie: Land für israelische | |
Siedler zu gewinnen und die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben. | |
Selbst die Angriffe radikaler Siedler aus den Außenposten sind keine | |
isolierten Einzelfälle, betont Elie Avidor von der israelischen NGO | |
Combatants for Peace. „Die Siedlerbewegung realisierte, dass Siedlungen | |
nicht genug sind, um Land zu erobern. So begannen sie mit den Außenposten.“ | |
Avidor und seine Mitstreiter*innen begleiten oft Hirten, wenn sie mit | |
ihren Tieren draußen sind, und dokumentieren eventuelle Angriffe. | |
Etwa sieben Kilometer weiter nördlich von Mohammeds Dorf trifft man am Ende | |
eines Pfads auf die Reste eines verwaisten Lagers. Zelte stehen leer, | |
Holzbretter liegen zerstreut mitten im Schotter, Staub wirbelt im Wind über | |
verlassene Plastikplanen und Paletten. Kotgeruch hängt in der Luft, Zikaden | |
zirpen in der Entfernung. Ein Hahn rennt einsam durch die Trümmer. Auf | |
einem hängenden Tuch ist ein Davidstern blau gesprüht worden. Am Yisrael | |
chai, das Volk Israel lebt, steht auf einer eingedrückten Holzplane. | |
## Mit hunderten Schafen in die Nacht | |
„Sie sind gestern Abend gegangen und die Siedler kamen und sprühten das“, | |
sagt Avidor. Die Aktivist*innen haben teilweise Kameras vor den Hütten | |
installiert, um die Gewalt dokumentieren zu können. eine palästinensische | |
Familie hat hier gelebt. Als sie die Drangsalierungen und Drohungen nicht | |
mehr ausgehalten haben, sind sie offenbar geflohen: mit hunderten Schafen | |
in der Nacht gen Westen losgewandert. In einem verlassenen Zelt ruht im | |
Staub auf dem Boden noch ein leerer Pizzakarton. | |
Entlang der Hauptstraße 578, die neben diesen Ortschaften verläuft, sieht | |
man Bushaltestellen. Die Namen der Orte sind lediglich auf Hebräisch | |
geschrieben. Es ist 31 Grad, die Sonne scheint gnadenlos, ein gepanzerter | |
D9-Bulldozer liegt wie vergessen neben einem Checkpoint. Immer wieder | |
stehen Schilder auf denen firing zone steht, neben israelischen Flaggen. | |
Plötzlich kommt uns ein Buggy entgegen. Drinnen zwei junge Männer, einer in | |
ärmellosem Shirt, einer mit langen Locken unter der gestrickten Kippa. Sie | |
rasen vorbei und grinsen breit. | |
Wenige Autominuten entfernt, ein Beduinenlager. Drei Familien leben hier, | |
zwei Dutzend Menschen, gerade sind fast ausschließlich Frauen, Kinder und | |
Ältere zu Hause. Sie kommen und gehen aus den Zelten. Sie sehen aufgeregt | |
aus, deuten auf umgekippte Stühle und Tische. „Das waren die Siedler“, | |
sagen sie. „Gerade eben!“ | |
Ein Mann zückt sein Smartphone und zeigt ein Video. Darauf zu sehen sind | |
die zwei jungen Männer aus dem Auto, die gerade noch in dem Buggy auf der | |
Landstraße unterwegs waren. Einer trägt ein Maschinengewehr auf dem Rücken, | |
es könnte ein M16 sein. Er greift zu einem großen Stück Holz, es sieht aus | |
wie ein Hackklotz, der der Familie gehört, und schleudert ihn weg. Die | |
Szene in dem Video wirkt bedrohlich. | |
Wenige Minuten entfernt eine weitere beduinische Ortschaft, erkennbar an | |
der Wasserzisterne und dem Traktor. Dort lebt gerade eine weitere Familie | |
in Zelten aus Plastikplanen und Hütten aus Zement. Auch dort sind gerade | |
nur Frauen, Kinder und Ältere. Sie sind alarmiert von den Geschehnissen in | |
der Nachbarschaft, nur die Kleinsten begreifen offenbar noch nicht, was | |
gerade passiert ist, und spielen jetzt wieder Fangen auf dem Hof, zwischen | |
den Hühnern. | |
Im Video sieht man ein Kind, barfuß, das den Siedlern seinen verwundeten | |
Fuß zeigt. Anscheinend hat es sich bei der Attacke verletzt. Er hat | |
Schotter auf die Angreifer geworfen, um die Familie zu schützen. Jetzt | |
steht er mit dem blutenden Fuß neben uns. | |
Die zwei israelischen Jungs in dem Buggy seien aus der benachbarten | |
Siedlung Rotem gekommen, sagen die Familien. Dort leben seit Beginn der | |
2000er Jahre einige hundert Menschen, sowohl orthodoxe als auch säkulare. | |
Sie gelten innerhalb der Siedlergemeinschaft als liberal und ökologisch | |
orientiert. Gern hätten wir die Bewohner*innen von Rotem mit den | |
Vorwürfen konfrontiert, doch das war nicht möglich. | |
Wenige Kilometer weiter muss Mohammed jetzt gehen. Die Tiere warten und | |
meckern. Davor sagt er: „Wir wollen nur in Frieden leben. Es gibt genug | |
Land hier für alle, Juden und Araber. Wir könnten alle friedlich | |
zusammenleben.“ Dann geht er Schafe melken. So wie er es sein ganzes Leben | |
lang getan hat. | |
Eine Woche nach dem Besuch in Khirbet Makhul hat die palästinensische | |
Nachrichtenagentur Wafa vermeldet, israelische Soldat*innen hätten dort | |
ein palästinensisches Kind festgenommen und mehrere Schafe seiner Familie | |
angefahren. Der IDF war der Vorfall nicht bekannt. | |
Und die Jungs aus der israelischen Siedlung Rotem? Sie werden zurückkommen. | |
Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. | |
*Name von der Redaktion geändert. | |
23 Jul 2025 | |
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