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# taz.de -- Debütfilm über Teenager von Willy Hans: Die Sonne sticht in helle…
> In seinem Debütfilm „Der Fleck“ inszeniert Willy Hans jugendliche
> Trägheit in weichem Licht, mit assoziativer Magie.
Bild: Langeweile am See. Nichts passiert in Willy Hans „Der Fleck“ – und …
Wenn eine Gruppe von Jugendlichen an einem sonnigen Sommertag friedlich an
einem Flussufer zusammensitzt, trinkend, rauchend, lachend, dann hat das im
Kino meist schreckliche Folgen. Sie werden beispielsweise zu Opfern
übernatürlicher Kräfte in „Blair Witch Project“-Manier oder Ähnlichem.
Oder sie dienen als exemplarische Studie für das, was man gerade für die
dominierende Plage der Jugend hält: Bullying, Drogensucht, sexuelle Gewalt,
Neonazis und dergleichen. In Willy Hans’ Film „Der Fleck“ aber ist das
Schlimmste, was passiert – dass sie sich langweilen. Und es ist unglaublich
fesselnd, dem zuzusehen.
Willy Hans hat in Hamburg an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) Film
studiert; Wim Wenders und Angela Schanelec gehören zu seinen Lehrenden. Man
meint es seinem Film unmittelbar anzumerken. „Der Fleck“ hat sowohl etwas
von [1][Wenders’ besonderem Gespür für die Träg]heit, mit der die Zeit
dahinfließt, als auch von Schanelecs strengem Blick auf Details der Rahmung
und Umgebung.
Man assoziiert vor allem Schanelecs Kino oft mit einer etwas trockenen
Intellektualität, weil es fordernd ist und einiges voraussetzt. So konnte
man ihrem letztem Film, „[2][Music“, der 2023 im Wettbewerb der Berlinale
lief], sicher desto mehr abgewinnen, desto besser man in den Ödipus-Mythos
eingearbeitet war. Aber man vergisst darüber, wie sinnlich, geradezu
haptisch ihre Filme auch sind.
## Große Sinnlichkeit
Diese Sinnlichkeit vermag auch Willy Hans in „Der Fleck“, seinem ersten
abendfüllenden Spielfilm, herzustellen. Gleich in der ersten Szene, in der
man in starrer Einstellung eine Umkleidekabine sieht, in der sich ein paar
17-jährige Jungs für den Sportunterricht fertig machen, meint man die
speziell dicke Luft darin förmlich riechen zu können. Später am Fluss, wo
für besagte Gruppe der Nachmittag vergeht, kann man die Lufttemperatur des
Sommertags geradezu auf der eigenen Haut spüren.
Der Handlungsfaden von „Der Fleck“ ist verblüffend einfach und verblüffend
ereignislos: Der 17-jährige Simon (Leo Konrad Kuhn), der in der ersten
Szene in die Umkleidekabine zurückkehrte, um seine Wasserflasche zu holen,
schwänzt in offenbar spontaner Eingebung den Sportunterricht und fährt
stattdessen nach Hause, wo ihn niemand erwartet, nicht einmal die Katze.
Er hat nichts weiter zu tun, streunt ein wenig in der wie verlassenen
Villengegend herum und trifft den Nachbarjungen Enes (Shadi Eck), der ihn
einlädt mitzukommen an den Fluss. Simon steigt in dessen Auto. Am Fluss
beobachtet er ein wenig in Außenseiterposition die divers zusammengesetzte
Gruppe aus Mädchen und Jungs. Man neckt sich, quatscht, liegt herum, nichts
passiert, aber das im besten Sinn.
Irgendwann trifft ihn ein Ball auf die Nase, er kommt mit Marie (Alva
Schäfer) ins Gespräch und sie gehen zusammen zur nahen Autobahn, wo es
einen Imbiss gibt, bei dem sie Pommes verzehren. Statt direkt zu den
anderen zurückzukehren, streifen sie durch den Wald; es scheint ein
Gewitter aufzuziehen. Es wird Abend. Sie gehen auf eine Party. That’s it.
Faszinierend an „Der Fleck“ ist allein schon, wie fesselnd diese
Ereignislosigkeit inszeniert ist. Der Film besteht aus Detailbeobachtungen:
Da rollt eine halbvolle Wasserflasche auf der Gepäckablage eines Autos
herum. Die Steine am Fluss werden in ihren Graustufen betrachtet, das
Fließen des Wassers in seiner ganzen Vielgestaltigkeit. Nicht weniger
spezifisch ist die Beobachtung der Jugendlichen.
Das Paar, das unter einem großen Handtuch tuschelt, wie um ein bisschen
Intimität in der Öffentlichkeit für sich zu reklamieren. Ein Junge bedrängt
einen anderen, ihm eine Zigarette zu geben, obwohl der ihm entgegenhält, er
solle mal seine eigenen kaufen. Der Blick auf all das ist dabei kein
allwissender. Mit Subtilität bringt Willy Hans Subjektivität in die
Kameraperspektive.
Die meiste Zeit folgt sie Simon an diesem Sommertag; aber immer wieder
nimmt sie direkt dessen Blickwinkel ein. Andere schauen direkt in die
Kamera – und nehmen Simon wahr, mit einem Nicken, einem Zulächeln, manchmal
auch mit einem gewissen Befremden. Das alles setzt sich zu einem Stream of
Consciousness zusammen, in präziser Montage und begleitet von einer
Tonspur, die hochatmosphärische, naturalistische Geräusche mit wenigen,
ausgesuchten Klassik-Einlagen kombiniert.
Das Ergebnis ist ein Film, der [3][äußerlich ereignislos sein mag],
gleichzeitig jedoch eine Fülle von Erzählungen durch Suggestion anbietet.
Die von der Jugend, in der noch alles unbestimmt ist und nach Bedeutung und
dem richtigen Anschluss sucht. Die von Simon, dem Außenseiter, der die
Mädchen in seiner Umgebung zunächst als unnahbar erlebt, dann mit Marie
aber eine Annäherung erfährt, die gleich schon diverse Phasen von Anziehung
und Abstoßung durchläuft. Oder auch einfach die vom Sommernachmittag,
dessen Stunden sich dehnen, in herrlicher, schönster, sinnlicher
Tatenlosigkeit.
13 Jul 2025
## LINKS
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## AUTOREN
Barbara Schweizerhof
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