# taz.de -- Bodo Ramelow über Bundestagswahlkampf: „Die Welt ist halt nicht … | |
> Mit einem Friedensplakat sei es nicht getan, sagt der linke | |
> Ex-Ministerpräsident Thüringens. Trotzdem will er raus aus der | |
> Waffenlogik – und rein in den Bundestag. | |
Bild: Die Mission Silberlocke geht an den Start: Bodo Ramelow während einer Pr… | |
taz: Herr Ramelow, wo ist eigentlich die rote Marx-Statue abgeblieben, die | |
mit Ihnen aus der Thüringer Staatskanzlei ausgezogen ist? | |
Bodo Ramelow: Gut, dass ich diese Legende hier aufklären kann. Mit mir aus | |
der Staatskanzlei ist nur mein blaues Schaf gegen Rassismus und mein roter | |
Gartenzwerg mit dem Stinkefinger ausgezogen. Das Foto mit der Marx-Statue | |
unterm Arm war die Idee eines Kollegen von Ihnen. Tatsächlich stand der | |
Marx aber nie in der Staatskanzlei, sondern dort, wo er immer noch steht: | |
auf dem Flur der Thüringer Linksfraktion. Da steht er auch weiterhin gut. | |
taz: Zehn Jahre waren Sie der erste und einzige Ministerpräsident, den die | |
Linkspartei je gestellt hat. Mit 68 Jahren, im besten Rentenalter, | |
kandidieren Sie jetzt noch mal für den Bundestag. Warum reicht es Ihnen | |
nicht, Ihre Memoiren zu schreiben und Ihr Bundesverdienstkreuz zu polieren? | |
Ramelow: Diese zehn Jahre waren für mich eine großartige Zeit, auch wenn es | |
eine harte Zeit war. Ich bin aus der Staatskanzlei ohne Groll ausgezogen. | |
Das Bundesverdienstkreuz verstehe ich als eine Würdigung meiner Arbeit, | |
weswegen ich es auch mit einem gewissen Stolz trage. Wir haben zehn Jahre | |
ein Regierungsprojekt vital gehalten, das uns kein Mensch zugetraut hat. | |
Doch jetzt fängt ein neues Kapitel an. Auch mit 68 Jahren fühle ich mich | |
dafür noch jung genug. | |
taz: Sie meinen die „[1][Mission Silberlocke]“ von Ihnen, Gregor Gysi und | |
Dietmar Bartsch. | |
Ramelow: Ja, genau. Das war ja zunächst nur eine verrückte Idee von Gregor | |
Gysi, die in einer spaßigen Runde entstanden ist. Aber sie hat eine | |
Eigendynamik entwickelt, die mir gut gefällt. Das Ziel von uns drei älteren | |
Herren ist es, dabei mitzuhelfen, der Linken wieder eine öffentliche | |
Wahrnehmung zu verschaffen, die die Partei aufgrund ihrer allzu langen | |
Selbstzerfleischung verloren hat. Wenn ich mir alleine die vielen | |
zustimmenden Zuschriften inklusive mitgeschickter Silberlocken anschaue, | |
scheint das nicht ganz wirkungslos zu sein. | |
taz: Und Sie glauben, das reicht, um die Linke wieder in den Bundestag zu | |
bringen? | |
Ramelow: Was ich momentan erlebe, stimmt mich jedenfalls ziemlich | |
optimistisch. [2][In der Linken bewegt sich was!] Wir hatten in Thüringen | |
jetzt zum allerersten Mal seit 30 Jahren mehr Mitglieder am Jahresende als | |
am Jahresanfang. Das heißt, wir wachsen. Ich bin hier im Wahlkampf mit | |
jungen Leuten unterwegs, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Das macht mir | |
Spaß und motiviert mich. Dass es [3][Heidi Reichinnek], die jetzt gemeinsam | |
mit Jan van Aken Spitzenkandidatin unserer Partei ist, tatsächlich | |
geschafft hat, mich auf Tiktok zu bringen, hätte ich mir auch nie | |
vorstellen können. Aber ich lerne von ihr und habe nun eine junge | |
Mitarbeiterin, mit der ich jeden Tag etwas für Social Media produziere. Wer | |
hätte das gedacht? Ich nicht. | |
taz: Sie klingen ja geradezu euphorisch. | |
Ramelow: Zumindest ist ein Punkt für mich, dass ich sage: Ja, wenn ich | |
meinen Beitrag leisten kann, dass die Partei im Bundestag bleibt, dann will | |
ich diese Kraftanstrengung machen. Zumal ich bei den neuen | |
Parteivorsitzenden Jan van Aken und Ines Schwerdtner ein gutes Gefühl habe. | |
Sie sagen: Da gehen wir anders ran als bisher. Da haben sie mich an ihrer | |
Seite. In einer Zeit, in der Mieten und Krankenkassenbeiträge erhöht | |
werden, die Preise explodieren und viele Menschen nicht wissen, wie sie | |
über die Runden kommen sollen, braucht es wieder eine starke Kraft, die | |
sich im Bundestag glaubhaft und mutig für soziale Gerechtigkeit und für die | |
Menschen hier in unserem Land einsetzt! | |
taz: Eine der wenigen Identifikationspunkte innerhalb der Linkspartei war | |
die Selbstdefinition als Friedenspartei. Mit dem russischen Überfall auf | |
die Ukraine ist die „Friedensfrage“ jedoch zu einem Sprengsatz geworden, | |
der auch nach dem Weggang von [4][Wagenknecht und Co.] nicht entschärft | |
ist. Macht Ihnen das keine Sorgen? | |
Ramelow: Ich halte viel von der Selbstdefinition als Friedenspartei. Aber | |
was das konkret bedeutet, ist schon lange ein Streitpunkt bei uns. Da geht | |
es um eine ganz alte Lebenslüge, nämlich um den Glauben, mit einer | |
Friedenstaube auf dem Plakat schon auf der sicheren Seite zu sein. Ich | |
erinnere mich noch gut an den [5][Münsteraner PDS-Parteitag] im Jahr 2000, | |
also vor einem Vierteljahrhundert, als Gregor Gysi vergeblich dafür | |
plädiert hatte, UN-mandatierten Blauhelmeinsätzen nicht weiter | |
grundsätzlich die Zustimmung zu verweigern. Der Ukraine-Krieg hat den alten | |
Konflikt in einer neuen Dimension ausbrechen lassen. Für mich muss eine | |
linke Partei immer auch auf der Seite des Völkerrechts stehen. Deswegen war | |
und ist für mich auch klar, dass sich ein überfallener Staat verteidigen | |
können muss. Und dann hatten wir da auf einmal die Putinfraktion, die | |
gesagt hat: Ist uns alles egal, Hauptsache billiges Erdgas. Aber die ist ja | |
zum Glück inzwischen weg. | |
taz: Ihre Partei spricht sich allerdings weiterhin gegen Waffenlieferungen | |
aus. Als Sie noch Ministerpräsident waren, haben Sie sich hingegen nicht | |
nur für eine humanitäre, sondern auch die militärische Unterstützung der | |
Ukraine ausgesprochen. Als Bundestagskandidat der Linken dürfen Sie das | |
jetzt nicht mehr, oder? | |
Ramelow: Das verbietet mir niemand. Das ist eben das Besondere an einer | |
lebendigen pluralen Partei, dass man im Rahmen eines Korridors auch | |
abweichende Meinungen vertreten darf und die Mehrheit das auch aushalten | |
kann. Wenn ich als Ministerpräsident oder Bundesratspräsident zur Frage von | |
Waffenlieferungen an die Ukraine geredet habe, dann habe ich immer darauf | |
geachtet, darauf hinzuweisen, dass ich hier eine Minderheitsmeinung in | |
meiner Partei vertrete. Das werde ich auch weiterhin so halten. | |
taz: Fürchten Sie nicht, dass Sie das Stimmen gerade im Osten kosten kann? | |
Ramelow: Bei denen, die Sahra Wagenknecht auf den Leim gehen, die zynisch | |
von Friedensverhandlungen spricht, aber Kapitulationsverhandlungen meint, | |
kann das durchaus sein. Das ändert aber nichts an meiner klaren Haltung in | |
dieser Frage. Wir müssen uns ehrlich machen. Wolodymyr Selenskyj hat | |
kürzlich das erste Mal über Szenarien geredet, wie eine Friedensordnung | |
nach dem Ende des Ukraine-Kriegs aussehen könnte. Wie auch immer sie | |
konkret aussehen wird, dürfte eine solche Friedensordnung letztlich nur | |
funktionieren können, wenn sich auch europäische Staaten bereitfinden, sie | |
durch eine Blauhelmtruppe abzusichern. Da sage ich meiner Partei: Dann | |
werden wir uns nicht davor drücken können, dass die Bundeswehr dabei sein | |
muss. Die Welt ist halt nicht so einfach. | |
taz: Auf größere Begeisterung dürften Sie damit trotzdem nicht stoßen. | |
Ramelow: Mag sein, ändert jedoch nichts an der notwendigen Diskussion. Die | |
generelle Frage aber ist: Wie komme ich eigentlich in einen europäischen | |
und weltweiten Prozess, der am Ende dazu führt, dass es weniger Waffen | |
gibt? Im Moment sind wir nur noch in der Aufrüstungsspirale. Und da bin ich | |
wieder ganz bei meiner Partei, weil diese Logik, auf alles nur noch mit | |
mehr Waffen zu antworten, nicht zu mehr Frieden führt, sondern die | |
Kriegsgefahr erhöht. | |
taz: Im Thüringer Landtagswahlkampf haben Sie sich auch als Sänger versucht | |
und zusammen [6][mit der Erfurter Glitzerpunkpopband Donata den alten | |
Trio-Hit „Da Da Da“ gecovert.] Werden Sie im Bundestagswahlkampf noch etwas | |
nachlegen? | |
Ramelow: Wir arbeiten im Moment intensiv daran. Mehr verrate ich noch | |
nicht, es soll ja noch einen Überraschungseffekt geben. Aber am 22. Januar | |
werden wir in Erfurt unser erstes Konzert geben. | |
taz: Das ist also der Grund dafür, dass Leadsängerin Donata Vogtschmidt | |
direkt hinter Ihnen auf Platz 2 der Thüringer Linken-Landesliste | |
kandidiert? | |
Ramelow: Ein älterer, etwas erfahrener Herr und eine junge, sehr engagierte | |
und sehr aktive Frau – das passt doch gut als Doppelspitze. Ich habe Donata | |
vor einigen Jahren auf dem CSD in Altenburg kennengelernt. Das war eine | |
Veranstaltung, auf der es nicht viel zu lachen gab, denn die Angriffe von | |
rechts waren massiv. Dort gab es sogar Morddrohungen. Und dann habe ich die | |
Fröhlichkeit erlebt, die Donata mit ihrer Musik ausstrahlt – gegen alle | |
Widerstände! Was mir damals übrigens ebenso Kraft und Mut gegeben hat, war | |
der örtliche CDU-Oberbürgermeister André Neumann, der demonstrativ eine | |
Regenbogenfahne vors Rathaus gehängt hat, anstatt vor den Rechten in die | |
Knie zu gehen. Das rechne ich ihm hoch an. | |
taz: Ist der Kampf gegen rechts im Osten überhaupt noch zu gewinnen? Die | |
gesellschaftliche Stimmung wirkt jedenfalls vielerorts äußerst bedrohlich. | |
Ramelow: Nach der Landtagswahl gab es ein paar freie Tage, wo ich mit dem | |
Fahrrad im Osthüringer Raum unterwegs war. In Ebersdorf bin ich an der Bank | |
gegen Rassismus vorbeigekommen, die die dortige Kirchengemeinde aufgestellt | |
hat. In der Nacht war die zersägt worden, ohne dass es jemand mitbekommen | |
haben will. Aber der Pfarrer hat die Bank wieder zusammengenagelt und einen | |
Gottesdienst vor ihr abgehalten. Ein paar Dörfer weiter haben Anwohner aus | |
Solidarität drei Plastikstühle in Regenbogenfarben aufgestellt. Da habe ich | |
den Fehler gemacht, mich drauf zu setzen: Die Stühle waren frisch | |
gestrichen. So sah meine Hose dann auch aus. | |
In diesem Dorf hat jeder Zweite die AfD gewählt. Aber die anderen haben das | |
eben nicht. Und diesen Menschen müssen wir beistehen und sie ermutigen. | |
Sonst verlieren wir die Auseinandersetzung um unsere Demokratie – und das | |
dürfen wir nicht. Meine Frau ist Italienerin und sie fragt mich immer | |
wieder: Wann gehen wir? Das ist bei uns eine reale Frage. Aber ich gebe ihr | |
immer die gleiche Antwort: Wir gehen nicht, weil wir dieses Land nicht | |
preisgeben dürfen. Deswegen werden wir nicht aufgeben. Da bin ich sehr | |
leidenschaftlich. | |
18 Jan 2025 | |
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[5] /!1238980/ | |
[6] https://www.youtube.com/watch?v=EAzZ7ObcaNA | |
## AUTOREN | |
Pascal Beucker | |
David Muschenich | |
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