# taz.de -- Reise-Dokumentarfilm „Abenteuerland“: Professionalität statt Z… | |
> Im Film „Abenteuerland“ durchquert Christo Foerster Deutschland mit den | |
> Stand-Up-Paddleboard. Die Reise liefert tolle Bilder, bleibt aber | |
> ereignislos. | |
Bild: So stürmisch wird die Reise selten: Christo Foerster auf der Ostsee | |
Ein Paddelboot auf der Zugspitze? Das ist ähnlich absurd wie Schlittschuhe | |
auf dem Amazonas. Aber mit diesem Bild beginnt der Reisefilm | |
„Abenteuerland“: Das Paddelboot, genau genommen ein Stand-Up-Paddleboard, | |
ist noch unaufgeblasen in einem dicken Plastiksack, den Christo Foerster | |
stolz auf dem Gipfel des höchsten Bergs Deutschlands präsentiert und dann | |
den Abstieg herunterschleppt. | |
Aus seinem Rucksack ragen die beiden Paddel heraus. Rauf ist er bequem mit | |
der Seilbahn gefahren, aber runter will er sein Schwimmgefährt unbedingt | |
tragen, denn die Aufgabe (neudeutsch „challenge“), die er sich gestellt | |
hat, besteht darin, von der Zugspitze bis nach Sylt zu paddeln oder zu | |
laufen. | |
Wirklich nötig war es wohl nicht, den schweren Sack den Berg rauf- und | |
wieder runterzutransportieren, aber so beginnt der Film mit einem Gag, den | |
Regisseur Kai Hattermann dann mit vielen schönen Aufnahmen von den Paddeln | |
im Sack und dem sich abmühenden Wanderer bis zum letzten Tropfen Ironie | |
melkt. „Von nun an geht es nur noch bergab!“, sagt Foerster da in die | |
Kamera, aber da weiß er noch nichts von den Mühen der Ebenen: Von den 1.600 | |
km, die vor ihm liegen, wird er über 600 km laufen. Und dies bedeutet nicht | |
zünftig wandern, sondern das dann doch recht große [1][Paddleboard] auf | |
einem kleinen Wägelchen hinter sich herziehen. | |
Foester wird in 54 Tagen aus dem Eibsee in die Isar, dann auf der Donau, | |
dem Main-Donau-Kanal, der Saal, der Elbe und dann ein wenig auf der Ost- | |
und der Nordsee paddeln. Aber weil diese Wasserwege nicht miteinander | |
verbunden sind, muss er sich auch auf dem Land fortbewegen. Eine Bedingung | |
dabei ist, dass er jede Nacht draußen verbringt. So schläft er – manchmal | |
„wild“ wie im Münchner Englischen Garten – 53 Nächte in seiner Hängema… | |
und eine Nacht in einer Scheune „auf einem Stapel alter Kaffeesäcke“. | |
Die im Titel versprochenen Abenteuer erlebt Foerster auf seiner Reise | |
allerdings nicht. Eine schmerzhafte Blase an einer Ferse und ein | |
verdorbener Magen zählen da schon zu den aufregendsten Erlebnissen. Wenn | |
die Isar schnell strömt oder es auf der Nordsee windig ist, dann zieht | |
Foerster sein Board aus dem Wasser und sucht sich eine alternative Route. | |
Das ist vernünftig, aber für den Film wenig ergiebig. | |
Interessante Menschen trifft Foerster auf seiner Deutschlandtour auch kaum. | |
Dabei sind solche Zufallsbekanntschaften ja das Salz in der Suppe eines | |
guten Reisefilms. Zwar wurde der Film in den Zeiten von Corona gedreht, | |
aber dass Foerster außer einem Almwirt beim Abstieg von der Zugspitze mit | |
keinen ihm fremden Menschen spricht, ist dann doch ein wenig enttäuschend. | |
Dafür „besuchen“ ihn auf der Tour seine Familie und ein Freund, mit dem er | |
zwei Tage lang zusammen auf der Elbe paddelt. | |
Wichtig sind dem Regisseur und dem Protagonisten stattdessen dessen | |
Befindlichkeiten. So hört man im Film oft Foersters inneren Monolog, in dem | |
er mal davon erzählt, wie existenziell die Erfahrung dieser Reise für ihn | |
ist, dann aber wieder den Reiseführer gibt und Informationen darüber | |
vorliest, wie lang die Flüsse sind und wann die Kanäle gebaut wurden. | |
Seit dem Überraschungserfolg der Reisedokumentation „Weit. Die Geschichte | |
von einem Weg um die Welt“ von Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier im | |
Jahr 2017 hat sich in Deutschland ein Subgenre mit [2][Reisefilmen] | |
entwickelt, die aus der streng subjektiven Perspektive der Reisenden | |
erzählt werden. Entscheidend ist dabei, wie authentisch diese | |
audiovisuellen Reisetagebücher wirken. Deshalb sind die meisten von ihnen | |
ohne ein professionelles Filmteam, manchmal sogar nur mit Handykameras | |
aufgenommen worden. | |
Christo Foerster hat dagegen den Film zusammen mit dem Filmemacher Kai | |
Hattermann gemacht. Denn [3][Foerster ist ein Medienprofi]: Er betreibt | |
einen Podcast zum Thema „Mikroabenteuer“, veröffentlicht Bücher mit Titeln | |
wie „Dein bestes Ich“ oder „Neo Nature“. | |
Und Kai Hattermann hat sich kräftig aus der Trickkiste des Natur- und | |
Reisefilms bedient. Neben ihm haben vier weitere Kameramänner (kein Gendern | |
nötig) an dem Film gearbeitet. Es gibt viele schöne Drohnenaufnahmen, die | |
so beliebten Zeitraffer, in denen die Wolken über den Himmel und die | |
Schiffe über das Wasser rasen, Unterwassersequenzen und animierte | |
Landkarten mit dem Verlauf der Reise. Dazu eine stimmungsvolle, nicht zu | |
aufdringliche Filmmusik von Tom Linden. | |
„Abenteuerland“ ist auf einem hohen professionellen Niveau produziert: Der | |
Film sieht gut aus. Aber genau dies ist das Problem, denn in diesem Kontext | |
wirkt auch Christo Foerster eher professionell und nicht wie der | |
leidenschaftliche Reisende auf einem „Mikroabenteuer“ (seine | |
Wortschöpfung), den er im Film darstellt. | |
Wenn er dann schließlich in Sylt am Strand landet, aus dem Wasser steigt | |
und seine Familie umarmt, dann wirkt dieses Schlussbild zu arrangiert, um | |
wirklich zu berühren. Bei „Abenteuerland“ wurde mehr inszeniert als | |
dokumentiert. | |
26 Jun 2023 | |
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## AUTOREN | |
Wilfried Hippen | |
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