| # taz.de -- Kinotipp der Woche: Kampf um Freiheit | |
| > Das diesjährige Human Rights Film Festival eröffnet mit der Dokumentation | |
| > “Ithaka“. Sie begleitet den Vater von Julian Assange. | |
| Bild: „Doch das Böse gibt es nicht – Sheytan vojud nadarad“, (Iran / Deu… | |
| John Shipton ist ein älterer Gentleman, der einen ziemlich berühmten Sohn | |
| hat: den [1][WikiLeaks-Gründer Julian Assange]. Der befindet sich gerade in | |
| Haft in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis. Die USA verlangen seine | |
| Auslieferung, sie wollen den Whistleblower wegen Geheimnisverrats anklagen, | |
| ihm droht eine Haftstrafe bis an sein Lebensende. Für welches Vergehen | |
| genau? Für das, mutmaßliche Kriegsverbrechen der USA in ihren Kriegen in | |
| Afghanistan und im Irak aufgedeckt und öffentlich gemacht zu haben. | |
| Ist Assange nun ein Verbrecher oder ein Heiliger? Für Shipton ist er vor | |
| allem der Sohn und den möchte er freibekommen und am liebsten zurück in | |
| dessen Heimat Australien holen. | |
| Um sein Ziel zu erreichen, das weiß er, braucht er öffentlichen Druck. Der | |
| Umgang mit Assange muss skandalisiert werden. Also reist er um die ganze | |
| Welt, um um Unterstützung zu werben. Unter anderem auch nach Berlin, wo vor | |
| allem Vertreter der Linkspartei sich mit ihm treffen wollen. Ein für die | |
| anderen Parteien beschämender Befund. | |
| Der Dokumentarfilm “Ithaka“ (2022) von Ben Lawrence erzählt von diesem | |
| Kampf um Freiheit und für Gerechtigkeit. Aber auch von einem alten Mann, | |
| der, wenngleich auch unfreiwillig, noch einmal eine neue Lebensbestimung | |
| gefunden hat. | |
| Der Film, der das diesjährige [2][Human Rights Film Festival Berlin] | |
| eröffnet, das in mehreren Kinos über die ganze Stadt verteilt vom 13. bis | |
| zum 23. Oktober statt findet, ist trotz des im Kern brisanten Themas kein | |
| Reißer. Eher so zurückhaltend und vorsichtig wie John Shipton. | |
| ## Aktivistisch und politisch | |
| Das gilt ähnlich für die meisten der Dokumentarfilme, die auf dem Festival | |
| zu sehen sind. Allen gemein ist, dass sie ein Anliegen haben, dass sie | |
| aktivistisch und politisch sind. Dieser Anspruch geht dann manchmal schon | |
| etwas auf Kosten von formalem Anspruch oder so etwas wie Spannung. | |
| Sich wie in “Ithaka“ dem Sohn über den Vater zu nähern, ist ja schon | |
| einigermaßen originell, aber so sehr dann auch nicht. Und am Ende bleibt | |
| Assange einfach die spannendere, weil kontroversere Figur als sein Vater. | |
| Auch “The Radical“ (2022) von Richard Finn Gregory ist eher ein | |
| konventionell gemachter Dokumentarfilm. Er lebt vor allem durch die Person, | |
| die im Mittelpunkt seiner Beobachtungen steht: Muhsin Hendricks, der erste | |
| offen schwule Imam der Welt. Der lebt in Südafrika und hat eine Gruppe für | |
| queere Moslems gegründet. Und das verschafft ihm in dem nicht besonders | |
| queerfreundlichen Land ziemlich viele Feinde. | |
| ## Themen, die weh tun | |
| In den Werken, die auf dem Human Rights Film Festival zu sehen sind, geht | |
| es neben dem Kampf gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit (“Ithaka“) | |
| und den gegen Homophobie (“The Radical“) noch um viele weitere Themen, die | |
| weh tun und die das Versagen von Autoritäten, Gesellschaften und | |
| gewissermaßen der ganzen Menschheit (Umweltschutz!) anprangern. | |
| “Children of the enemy“ (2021) von Gorki Glaser-Müller beispielsweise | |
| erzählt von einem Vater, dessen Tochter sich islamisiert und dem IS | |
| angeschlossenen hatte. Inzwischen ist er Großvater und hat fünf | |
| Enkelkinder. Die würde er gerne zu sich nach Schweden holen. Doch daran | |
| scheint die Politik kein Interesse zu haben. | |
| Der dringlichste Film, der in diesem Jahr auf dem Human Rights Film | |
| Festival gezeigt wird, ist dann aber gar kein Dokumentar-, sondern ein | |
| Spielfilm. Nämlich “Doch das Böse gibt es nicht“ (2020) des iranischen | |
| Regisseurs Mohammad Rasulof. Der wurde erst vor kurzem verhaftet, was | |
| Kritikern des iranischen Regimes sehr schnell passieren kann. | |
| Und angesichts der [3][aktuellen Ereignisse im Iran] ist sein Episodenfilm, | |
| der vor zwei Jahren den Goldenen Bären auf der Berlinale gewonnen hat, eine | |
| tiefgründige Auseinandersetzung mit der Todesstrafe, aktueller denn je. | |
| Denn die droht gerade sehr vielen mutigen Menschen im Iran. | |
| 8 Oct 2022 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Doku-ueber-Julian-Assange/!5877764 | |
| [2] https://www.humanrightsfilmfestivalberlin.de/de | |
| [3] /Proteste-im-Iran/!5882338 | |
| ## AUTOREN | |
| Andreas Hartmann | |
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