| # taz.de -- „Shooting Epidemic“ in den USA: Schüsse, Schuld und Sühne | |
| > In Philadelphia setzt ein Staatsanwalt auf Prävention statt auf Haft. | |
| > Doch die Zahl der Schießereien steigt drastisch. Sind seine Reformen | |
| > gescheitert? | |
| Wenn Larry Krasner auf seine erste Amtszeit als leitender Staatsanwalt von | |
| Philadelphia zurückblickt, klingt Stolz in seiner Stimme durch. „Wir haben | |
| die Zahl der Gefängnisjahre, die in Philadelphia als Strafe verhängt | |
| wurden, halbiert“, sagt er und lehnt sich in seinem Büro in einem blauen | |
| Ledersessel zurück. | |
| Mit diesem Vorhaben war er vor vier Jahren angetreten, als er District | |
| Attorney werden wollte, der oberste kommunale Staatsanwalt der | |
| 1,6-Millionen-Stadt im Nordosten der USA. Krasner versprach, unschuldig | |
| Verurteilte aus den Gefängnissen zu holen, bei Sexarbeit und kleineren | |
| Drogendelikten keine Anklage mehr anzustreben und die Zahl der vor Gericht | |
| geforderten Haftjahre stark zu reduzieren. Der Fokus müsse auf Prävention | |
| und Rehabilitation liegen, nicht auf Bestrafung. | |
| Der District Attorney wird direkt von der Bevölkerung gewählt. Larry | |
| Krasner kandidierte 2017 als Außenseiter, unterstützt von mehreren | |
| Graswurzelbewegungen, aber nicht vom Establishment der Demokratischen | |
| Partei, die in Philadelphia politisch dominiert. Zuvor hatte er drei | |
| Jahrzehnte als Anwalt gearbeitet, politische Aktivisten vertreten und die | |
| Polizei von Philadelphia 75-mal wegen der Verletzung von Bürgerrechten | |
| verklagt. | |
| Kaum im Amt, feuerte Krasner 30 Staatsanwälte, die seinen neuen Kurs nicht | |
| mittragen wollten. Er legte sich mit der Polizeigewerkschaft an und klagte | |
| in diesem Sommer drei Polizisten an, die mit Falschaussagen dafür gesorgt | |
| hatten, dass ein unschuldiger Mann 25 Jahre im Gefängnis saß. | |
| Durch Krasners Amtsantritt ist Philadelphia zu einem Kampfplatz geworden, | |
| auf dem darum gerungen wird, mit Justizreformen die Gesellschaft der USA zu | |
| verändern – Reformen, die vor allem darauf abzielen, das System der | |
| Masseninhaftierungen zu beenden: In den USA sitzen so viele Menschen im | |
| Gefängnis wie in keinem anderen Land der Welt, in absoluten Zahlen und auch | |
| pro Einwohner. | |
| Vor allem in den großen Städten wächst die Überzeugung, dass es so nicht | |
| weitergeht. Als ein Hebel für Veränderungen nutzen Reformbefürworter Wahlen | |
| der Staatsanwälte. Auch in Chicago, San Francisco und Brooklyn wurden in | |
| den vergangenen Jahren progressive Kandidaten zu District Attorneys | |
| gewählt. „Die Graswurzelbewegung für Justizreformen ist die wichtigste | |
| Bürgerrechtsbewegung unserer Zeit. Und ich bin nur einer ihrer vielen | |
| Techniker“, sagt Larry Krasner. | |
| Anfang November wurde er mit 69 Prozent der Stimmen für eine zweite | |
| Amtszeit gewählt. Doch seine Reformen werden überschattet von einer | |
| shooting epidemic, einer Epidemie der Schießereien: Wie in allen | |
| Großstädten der USA ist seit Beginn der Coronapandemie auch in Philadelphia | |
| die Zahl der Morde stark gestiegen. 499 Menschen wurden hier 2020 durch | |
| Mord oder Totschlag getötet, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr | |
| zählte man bis Mitte November bereits mehr als 470 Tote. Philadelphia steht | |
| vor dem blutigsten Jahr seiner jüngeren Geschichte. | |
| Woher kommt diese Explosion der Gewalt? Und was bedeutet sie für die | |
| Justizreformen und den Versuch, das System der Masseninhaftierungen zu | |
| überwinden? In der Stadt hört man sehr unterschiedliche Antworten auf diese | |
| Fragen. | |
| „Da schießen Kids aufeinander, die einen Streit aus den sozialen Medien auf | |
| die Straße tragen“, sagt Ikey Raw. Durch seine rechte Augenbraue verläuft | |
| eine Narbe, sein langer Bart ist grau, die schwarze Baseballkappe trägt er | |
| verkehrt herum. 44 Jahre ist er alt. | |
| Raw ist so etwas wie eine Ein-Mann-NGO, „Mann des Volkes“ nennt er sich. | |
| Auf Facebook und Instagram betreibt er die Seite [1][„Unsolved Murders in | |
| Philly“]: Familien, die Angehörige bei einem Verbrechen verloren haben, das | |
| nicht aufgeklärt wurde, können sich an ihn wenden. Er postet | |
| Fernsehausschnitte über die Fälle, trägt Informationen zusammen, erinnert | |
| mit Bildern der Toten an sie und nimmt Videos von sich auf, in denen er die | |
| Schießereien wütend und wortreich verdammt. | |
| Er habe seiner Community früher geschadet, jetzt wolle er ihr helfen, sagt | |
| Raw. „Ich habe gedealt. Auf mich wurde geschossen. Ich habe auf andere | |
| geschossen.“ Die Straße habe ihre eigenen Regeln, sagt er. Aber heute gebe | |
| es eine neue Art der Gewalt, befeuert durch den Austausch in den sozialen | |
| Medien. Aufgewachsen ist er mit einer Mutter, die cracksüchtig war. Der | |
| Vater hatte die Familie früh verlassen. „Meine Geschwister und ich wussten | |
| oft nicht, ob es am nächsten Tag was zu essen gibt.“ | |
| Mit elf rauchte Raw das erste Mal Marihuana, seine Cousins engagierten ihn | |
| für ihre Drogengeschäfte. Seine Schicht ging nach der Schule los, von drei | |
| Uhr nachmittags bis elf Uhr abends. „Ich stand an der Ecke und sollte | |
| warnen, wenn die Cops kämen. 500 Dollar pro Woche habe ich dafür gekriegt.“ | |
| 13 Jahre lang war er immer wieder im Gefängnis, mal raus, dann wieder rein. | |
| Seine letzte Haftstrafe endete 2012. Da war er verheiratet und hatte zwei | |
| kleine Kinder. „Als Familienvater aus dem Gefängnis zu Hause anzurufen, | |
| war etwas ganz anderes, als früher bei meiner Mutter oder Schwester | |
| anzurufen.“ Er entschied, dass mit „der Straße“ Schluss sein musste. | |
| Für das Gespräch hat er eine leere Tribüne am Rand eines Footballfelds im | |
| Norden Philadelphias vorgeschlagen. Die Gegend sei sicher, seine Kinder | |
| gingen in der Nähe zur Schule, sagt er. Die Gewalt ist in der Stadt | |
| ungleich verteilt, es gibt Viertel, in denen es seit Jahrzehnten keine | |
| Morde gab. Die Stadtverwaltung hat eine [2][Karte ins Netz] gestellt, auf | |
| der die Verteilung abgebildet ist. Gelbe Punkte für nicht tödliche | |
| Schießereien, rote für tödliche. Viele Punkte ballen sich in besonders | |
| armen Gegenden nördlich und westlich des Stadtzentrums. Philadelphia ist | |
| die ärmste Millionenmetropole der USA. Fast ein Viertel der Einwohner lebt | |
| unter der Armutsgrenze. | |
| Zu viele Waffen auf den Straßen und Teenager, die damit als harte Gangster | |
| in sozialen Netzwerken posen, ergeben eine tödliche Mischung, sagt Raw. | |
| Natürlich gebe es nach wie vor auch die Schießereien der Gangs, die um ihre | |
| Drogengeschäfte kämpften, „die gab es in Philly immer“. Die Drogen seien | |
| aber nicht entscheidend für den Anstieg der Mordrate. | |
| ## Die Rolle der sozialen Medien | |
| In sozialen Netzwerken würden Teenager sich bedrohen und beleidigen, in | |
| Rapvideos auf Youtube sich gegenseitig fertigmachen – und dieser Streit | |
| ende immer öfter tödlich. Auf seinem Handy hat Raw fünf Bilder gespeichert | |
| von Jungen unter 18, die vergangenes Jahr erschossen wurden. Alle hatten | |
| zuvor in sozialen Medien mit Waffen posiert, der jüngste von ihnen war elf. | |
| Ikey Raw schüttelt den Kopf. Er beschäftigt sich jeden Tag mit dieser neuen | |
| Gewalt, wirklich verstehen kann er sie nicht. | |
| Im Netz ruft er dazu auf, dass alle, die Hinweise zur Aufklärung eines | |
| Mordes geben können, sich damit an die Polizei wenden. Denn ein weiterer | |
| Grund für die sich immer weiterdrehende Gewaltspirale ist, dass die | |
| Mehrheit der tödlichen Schießereien nie aufgeklärt wird. „Oft weiß jemand | |
| in der Community, wer geschossen hat“, sagt Raw. „Die Leute reden nur nicht | |
| mit der Polizei.“ Es gilt: No snitching – kein Verpfeifen. „Doch man | |
| verpfeift niemanden, wenn man als Zeuge etwas sieht. Verpfeifen wäre es | |
| nur, wenn ich in einer Gang jemand an die Cops auslieferte.“ | |
| Aber die No-snitching-Regel habe sich in der schwarzen Community leider | |
| verselbstständigt. Anfang Oktober hat eine Mutter der Polizei ihren | |
| 15-jährigen Sohn übergeben, der auf jemanden geschossen hatte. Als Raw ein | |
| Nachrichtenvideo dazu postete, sammelten sich darunter entsetzte | |
| Kommentare: „Da schrieben Menschen, die sonst immer rufen, wir müssten auf | |
| unsere Kinder aufpassen: ‚Wie kann sie das tun? Sie hat ihr Kind dem System | |
| ausgeliefert, dem weißen Mann.‘ “ | |
| Raw schüttelt wieder den Kopf. Er ist immer noch fassungslos: „Da war eine | |
| Mutter, die Verantwortung übernommen hat. Wenn ihr Sohn auf der Straße | |
| bliebe, wäre er der Nächste, auf den geschossen würde.“ Viele Morde sind | |
| Vergeltungsaktionen. In einer [3][Studie aus Chicago] zeigten Kriminologen, | |
| dass eine Schießerei meist zwischen drei und 60 Folgetaten auslöst, | |
| manchmal sogar bis zu 500. | |
| In Philadelphia sind 85 Prozent der Toten schwarz, erschossen meist von | |
| anderen Schwarzen. „Wie können wir ‚Black lives matter!‘ rufen, wenn | |
| schwarze Leben für uns nicht zählen?“, fragt Raw. Die | |
| Black-Lives-Matter-Aktivisten hier interessierten sich nur für tote | |
| Schwarze, die von weißen Polizisten getötet worden seien, sagt er. „Zeig | |
| mir mal die großen Demos, wenn Schwarze Schwarze umbringen! Ich würde da | |
| gern dieselbe Energie sehen.“ | |
| Er konzentriere sich mit seiner Arbeit auf seine Community. Nur sie könne | |
| das Problem wirklich lösen. Das könnte nicht allein die Polizei, nicht der | |
| Bürgermeister – und auch nicht Staatsanwalt Larry Krasner mit seinen | |
| Justizreformen. | |
| Krasner arbeitet in einem Hochhaus mitten im Stadtzentrum, aus den Fenstern | |
| im 18. Stock blickt man auf das Rathaus hinunter. An einer Wand hat Krasner | |
| Bilder von Martin Luther King und Rosa Parks aufgehängt. Beide mit | |
| Verhaftungsnummer, es sind Polizeifotos aus den 1950er Jahren. King und | |
| Parks wurden damals nach friedlichen Protesten festgesetzt. Die Bilder | |
| erinnern an die schwarze Bürgerrechtsbewegung, den Kampf für gleiche Rechte | |
| und daran, dass Gesetze manchmal der Gerechtigkeit im Weg stehen. | |
| „Ich bin arm aufgewachsen, das hat mich sensibel dafür gemacht, wie arme | |
| Menschen und Minderheiten behandelt werden“, sagt Krasner. Auch wenn er, | |
| wie er in einem Podcast scherzte, heute aussehe wie der kleine Bruder von | |
| George W. Bush. Krasner trägt einen blauen Anzug mit Krawatte und eine | |
| Brille mit Schildpattgestell, 60 Jahre ist er alt. | |
| Er arbeitete lange als Pflichtverteidiger. Tag für Tag in Gerichtssälen | |
| stehen, Tag für Tag Menschen in Gefängnissen besuchen – da sei es unmöglich | |
| zu übersehen, dass „in den Zellen Klient für Klient für Klient pleite ist | |
| und braun oder schwarz“. Die Bestrafung der Armut und den Rassismus des | |
| Justizsystems könne niemand bestreiten, der hinschaue. | |
| 1987 begann Krasner seine Anwaltskarriere, etwa zur gleichen Zeit begannen | |
| die Masseninhaftierungen in den USA. Mit Beginn der 80er Jahre und dem | |
| „Krieg gegen die Drogen“ wurden immer mehr Gesetze mit langen | |
| Mindesthaftstrafen verabschiedet. Sie ließen Richtern praktisch keinen | |
| Spielraum mehr, mildernde Umstände zu berücksichtigen. Die wirkliche Macht | |
| lag nun bei den Staatsanwälten, die entscheiden konnten, welche Verbrechen | |
| sie anklagten und nach welchen Gesetzen sie welche Strafen forderten. | |
| Die Gefängnisse füllten sich, weil es für viel mehr Vergehen Haftstrafen | |
| gab und diese immer länger wurden. Pennsylvania hat diese Entwicklung voll | |
| mitgemacht. In den Gefängnissen des Bundesstaates mit seinen rund 13 | |
| Millionen Einwohnern verbüßen heute allein 5.200 Menschen eine lebenslange | |
| Haftstrafe ohne eine Bewährungsmöglichkeit. Von [4][„Tod durch | |
| Inhaftierung]“ sprechen Bürgerrechtsorganisationen. Zum Vergleich: In | |
| deutschen Gefängnissen saßen 2020 rund 2.400 zu „lebenslänglich“ | |
| Verurteilte, von denen aber die meisten nach spätestens 15 Jahren wieder | |
| freikommen. | |
| ## Die Ungerechtigkeit des Justizsystems | |
| Nach Jahrzehnten als Anwalt, erzählt Krasner, habe er zwar das Gefühl | |
| gehabt, in Einzelfällen Gutes bewirkt zu haben – aber an der | |
| Ungerechtigkeit des Systems insgesamt habe er nichts geändert. Er entschied | |
| sich zu versuchen, es von innen zu verändern. Seine Behörde klage bei Mord | |
| oder Vergewaltigung weiter hart an, auch wenn sie nicht immer die maximal | |
| mögliche Strafe fordere. Bei der Reduzierung der Haftstrafen gehe es ihm | |
| aber vor allem um kleinere Vergehen. „Welchen Nutzen hat es für die | |
| Gesellschaft, wenn ein Obdachloser, der zum dritten Mal Essen stiehlt, | |
| dafür ins Gefängnis geht?“ Das Geld dafür sei besser in Hilfsprogramme und | |
| Wohnungen investiert. | |
| Krasner hat [5][eine neue Abteilung aufgebaut, die alte Fälle aufarbeitet], | |
| bei denen es Indizien für Fehlurteile gibt. In 20 Fällen hat sie | |
| Freisprüche erwirkt – für Menschen, von denen manche bis zu 30 Jahre | |
| unschuldig im Gefängnis saßen. „Nenn mich verrückt“, sagt Krasner, „ab… | |
| ich bin überzeugt, dass nur Schuldige im Gefängnis sein sollten. | |
| Unschuldige nicht!“ | |
| Dass häufig Unschuldige verurteilt werden, oft Schwarze, liege an | |
| Polizeipräsidenten und Staatsanwälten, die mehr an ihrer politischen | |
| Karriere interessiert seien als an der Wahrheit. Wenn man den tatsächlich | |
| Schuldigen nicht kriege, werde schnell ein anderer präsentiert, nur um sich | |
| in der Öffentlichkeit als erfolgreicher Verbrechensbekämpfer feiern lassen | |
| zu können, sagt Krasner. Seine neue Abteilung soll Vorschläge machen, wie | |
| solche Fälle in Zukunft verhindert werden können. | |
| Fragt man den District Attorney nach den vielen Toten in seiner Stadt, | |
| spricht er erst mal über die Kriminalitätsrate, die insgesamt gefallen ist. | |
| Auch schwere Gewaltverbrechen wie Vergewaltigung und Raubüberfälle seien | |
| weniger geworden, nur Schießereien eben nicht. Dann verweist er auf die | |
| anderen Städte. Insgesamt sei die Mordrate in den US-Millionenstädten 2020 | |
| um 42 Prozent gestiegen, Philadelphia sei mit 40 Prozent Anstieg | |
| Durchschnitt. Auch sei die Zahl der Morde dort, wo es Justizreformen gebe, | |
| ebenso gestiegen wie dort, wo weiter der Ansatz tough on crime mit harten | |
| Strafen gelte. | |
| „Dennoch ist der Anstieg schrecklich – und er ist schrecklich hoch“, sagt | |
| Krasner. Dann spricht er über die Lockdowns während der Pandemie. „Es sind | |
| vor allem junge Menschen, die aufeinander schießen. Und was ist mit ihrem | |
| Leben passiert? Die Schulen wurden geschlossen, es gab keine | |
| Ferienfreizeiten mehr, keinen organisierten Sport, keine Fitnessstudios, | |
| keine öffentlichen Schwimmbäder.“ Die Struktur ihres Alltags sei komplett | |
| zerstört worden. Dazu komme ein allgemeines Gefühl der Angst: „Wir haben | |
| während der Pandemie einen enormen Anstieg der Schusswaffenkäufe gesehen – | |
| in einem Land, das sowieso schon mehr Waffen als Menschen hat.“ | |
| Betrachte man zudem den Einfluss der sozialen Medien, wo Bilder und Videos | |
| der Schießereien ständig zirkulierten und neue Gewalt triggerten, habe man | |
| einen Erklärungsansatz. „Die perfekte Antwort habe ich aber auch nicht“, | |
| sagt Krasner. | |
| Für seine Gegner ist die Sache hingegen klar. Es liege an den zu geringen | |
| Haftstrafen und den zu weichen Deals, die Krasner anbiete – sprich, es | |
| fehle die Abschreckung. Als Krasner im Mai dieses Jahres zu den Vorwahlen | |
| für seine zweite Amtszeit antrat, unterstützte die Polizeigewerkschaft FOP | |
| seinen Gegenkandidaten mit 25.000 Dollar Wahlkampfhilfe. Und parkte einen | |
| Eiswagen vor Krasners Behörde, der kostenlos Softeis verteilte, weil der | |
| District Attorney so soft on crime sei. Krasner konterte mit einem | |
| Unterstützerzitat von Ben Cohen, dem Co-Gründer der Eisfirma Ben & Jerry’s. | |
| Der lokale Fernsehsender [6][sprach vom „Eiscremekrieg von Philly“]. | |
| Dass sich ein leitender Staatsanwalt mit der mächtigen Polizeigewerkschaft | |
| anlegt, war neu. Aus politischen Gründen hatten sich Krasners Vorgänger mit | |
| der FOP stets gut gestellt. Das Amt des District Attorney gilt als | |
| möglicher Startpunkt einer politischen Karriere in Pennsylvania. Und um bei | |
| einer Wahl zum Gouverneur oder Senator auch in den ländlichen Gebieten des | |
| Bundesstaats mit ihrem hohen Anteil an Anhängern der Republikaner eine | |
| Chance zu haben, braucht man die Unterstützung der Polizeigewerkschaft. | |
| Krasner gewann die Vorwahlen trotz des Widerstands der Gewerkschaft mit | |
| einer Zweidrittelmehrheit. Die FOP repräsentiere auch nicht die heutige | |
| Polizei in Philadelphia, betont er. Diese sei mittlerweile viel diverser, | |
| während zwei Drittel der Gewerkschaftsmitglieder im Ruhestand seien, die | |
| allermeisten weiß und glühende Trump-Anhänger, hängen geblieben in einem | |
| Früher, als Polizisten sich noch alles hätten erlauben können. So ist der | |
| FOP-Vorsitzende von Philadelphia 2017 dadurch aufgefallen, dass er | |
| Black-Lives-Matter-Aktivisten als ein „Rudel tollwütiger Tiere“ | |
| bezeichnete. | |
| Sein Verhältnis zu der aktuellen Polizeipräsidentin von Philadelphia sei | |
| aber gut, versichert Krasner. „Wir sind uns in 80 Prozent der Dinge einig, | |
| in 20 Prozent nicht.“ Als Teil seiner Reformen ließ er auch eine Datenbank | |
| mit Informationen darüber anlegen, welchen Polizisten als Zeugen vor | |
| Gericht nicht zu trauen sei. Und er wies seine Mitarbeiter an, diese | |
| Informationen mit der Verteidigung zu teilen. | |
| Das Police Department und die Polizeigewerkschaft FOP wollten der taz zu | |
| den Justizreformen und den Schießereien kein Interview geben. Der | |
| Pressesprecher der Gewerkschaft sagt, seine Leute würden meist als die | |
| Bösen dargestellt, daran habe man kein Interesse. Dann will er doch nach | |
| einem Gesprächspartner suchen, um kurz darauf endgültig abzusagen – leider | |
| habe niemand Zeit. | |
| Anders Chris Rabb. In seinem Büro springt er erst mal auf und läuft zu dem | |
| Stadtplan an der Wand. Er fährt mit seinem Zeigefinger die Grenzen des hell | |
| markierten Bereichs entlang: Es ist der Wahlkreis 200 für das | |
| Abgeordnetenhaus von Pennsylvania, gelegen im Nordwesten von Philadelphia. | |
| Sein Wahlkreis. „Wir haben hier alles: von sehr armen Menschen über | |
| Arbeiter- und Mittelklasse bis zu extrem reichen“, sagt er. 77 Prozent der | |
| Wähler sind Afroamerikaner wie er, es gibt eine zivilgesellschaftlich sehr | |
| engagierte jüdische Community und viele lesbische Paare. | |
| Wie ganz Philadelphia ist auch Rabbs Wahlkreis fest in der Hand der | |
| Demokraten. 2016 schlug er die republikanische Konkurrentin mit 95 Prozent | |
| der Stimmen, 2020 stellten die Republikaner gar keinen Gegenkandidaten mehr | |
| auf. | |
| Sein Wahlkreis ist von den Schießereien nicht so hart betroffen wie der | |
| Nachbardistrikt Germantown. „Aber die Gewalt strahlt aus“, sagt er. In | |
| Pennsylvanias Abgeordnetenhaus in Harrisburg sitzt Rabb im Justizkomitee. | |
| Er unterstützt die Reformen von Larry Krasner. „ Tough on crime hat noch | |
| nie funktioniert. Sonst müssten die USA mit ihren riesigen Gefängnissen das | |
| sicherste Land der Welt sein – aber das sind wir offensichtlich nicht.“ | |
| Die Verbindung von Gewalt und Armut sei offensichtlich, wenn man sich die | |
| Orte der Schießereien anschaue. Und Armut gehe oft mit einer fehlenden | |
| Verbindung zur Gesellschaft einher. „Wenn man das Gefühl hat, nirgends | |
| dazuzugehören, sich selbst auch nicht als wertvolles menschliches Wesen | |
| sieht, weil man nie so behandelt wurde, dann sind einem auch andere Leben | |
| egal.“ | |
| Aber es komme noch etwas anderes hinzu: die Angst der Schwarzen vor der | |
| Polizei. Rabb wuchs in den 70er und 80er Jahren in einer | |
| Mittelklassefamilie in Chicago auf. Sein Vater war Arzt, seine Mutter | |
| arbeitete für den Bürgermeister. Und trotzdem: Wenn er als Teenager das | |
| Haus verlassen habe, habe er Angst gehabt, von der Polizei kontrolliert zu | |
| werden. „Ich habe heute als schwarzer Mann mit 51 Jahren immer noch Angst, | |
| von Cops angehalten zu werden. Ich habe nicht Angst vor einem bestimmten | |
| Officer, aber vor der Institution. Ein furchtbares Gefühl.“ Es gebe keine | |
| Sicherheit für die ganze Gesellschaft, solange ein Teil von ihr der Polizei | |
| nicht vertrauen könne. | |
| ## Die Interessen der Abgeordneten | |
| Rabb beschäftigt sich viel mit Möglichkeiten für Reformen. In beiden | |
| Kammern des Parlaments von Pennsylvania haben aber die Republikaner seit | |
| über 30 Jahren die Mehrheit. Und sie treiben Rabb bei seiner Arbeit im | |
| Justizkomitee zur Verzweiflung: „In den vergangenen Jahrzehnten hat | |
| Pennsylvania 1.500 Gesetze gegen neue Straftaten geschaffen. Die meisten | |
| sind so verfasst, dass sie arme Menschen bestrafen.“ | |
| Schwarze und braune Menschen aus Philadelphia sind die größte Gruppe in | |
| Pennsylvanias Gefängnissen. Viele sitzen ihre Strafen in Haftanstalten auf | |
| dem Land ab. Chris Rabb sagt, die Abgeordneten dieser ländlichen Wahlkreise | |
| verbänden mit der Masseninhaftierung konkrete Wirtschaftsinteressen. Für | |
| arme Gegenden sei das Gefängnis oft der einzige große Arbeitgeber, es gebe | |
| Familien, die dort in der dritten oder vierten Generation als Wärter | |
| arbeiteten. „Sie hängen an diesen Jobs, auch wenn es eine psychologisch | |
| sehr belastende Arbeit ist.“ Deshalb würden immer neue Gesetze geschaffen, | |
| um den Strom der Häftlinge aus Philadelphia nicht abreißen zu lassen. | |
| Rabbs Bilanz der vergangenen Jahre ist bitter. „Eine Mehrheit der | |
| Bevölkerung möchte weg von den Masseninhaftierungen, das zeigen Umfragen. | |
| Aber solange sie nicht wählen gehen und dieser Überzeugung entsprechend | |
| auch abstimmen, spielt das keine Rolle.“ Es habe an den Rändern positive | |
| Veränderungen gegeben. „Aber insgesamt gehen wir in Pennsylania weiter in | |
| die falsche Richtung. Andere Bundesstaaten kriegen das besser hin.“ | |
| Prävention ist das Wort, das man von Anhängern der Justizreformen immer | |
| wieder hört, wenn es um die Gewalt unter Jugendlichen in Philadelphia geht. | |
| Ein Projekt wird oft als gutes Beispiel genannt: Yeah Philly, ein | |
| Jugendzentrum in einem der ärmsten Viertel im Westen der Stadt. | |
| An diesem Donnerstagabend führt Kizzy, schwarzes Kopftuch, schwarze | |
| Leggings, weißer Hoodie, eine kleine Runde durch das Wohnhaus, wo Yeah | |
| Philly untergebracht ist. Im Keller bedruckt eine Gruppe Jungs an einer | |
| Maschine T-Shirts, im Erdgeschoss hängen ein paar Jugendliche vor einem | |
| Flatscreen, im ersten Stock zeigt Kizzy die Küche, auf der engen Treppe | |
| rennt ständig jemand rauf oder runter. | |
| Kizzy ist 20 Jahre alt, sie setzt sich an einen langen Holztisch mit ihrer | |
| Freundin Yanae, 17 Jahre alt. Ihre Nachnamen wollen sie nicht öffentlich | |
| machen. „Ich komme jeden Tag hierher“, sagt Kizzy. „Das ist ein zweites | |
| Zuhause für mich.“ In ihrem ersten gebe es zu viel Ärger. Yanae nickt. Eine | |
| Richterin schickte Kizzy zu Yeah Philly, als letzte Auflage vor dem | |
| Jugendgefängnis. „Ich habe eine Oma geschubst“, erzählt sie etwas | |
| zögerlich. Eigentlich habe sie mit einem blöden anderen Mädchen auf dessen | |
| Veranda gekämpft, die Großmutter sei dazwischengegangen, und, na ja, die | |
| sei dann gestürzt. Zuvor war sie wegen mehrerer Handgreiflichkeiten von | |
| ihrer Schule geflogen. Mittlerweile mache sie so was aber nicht mehr, | |
| versichert Kizzy. Nur an ihrer scharfen Zunge müsse sie noch arbeiten. | |
| Kendra Van de Water hat Yeah Philly 2019 zusammen mit ihrem Freund | |
| gegründet. Sie arbeitete damals für die Stadtverwaltung in | |
| Gewaltpräventionsprojekten für junge Leute. „Da gab es unzählige | |
| Treffen und Besprechungen, aber junge Leute wurden nie dazu eingeladen,“ | |
| erzählt Van de Water, 34, am Telefon, weil sie gerade nicht in der Stadt | |
| ist. „Den Jungen wurde nicht zugehört.“ Sie entschloss sich, es anders zu | |
| machen. | |
| Bei Yeah Philly wird ohne Druck gearbeitet. „Wir schmeißen niemanden raus, | |
| auch wenn er wieder Drogen nimmt oder mit Pistole von der Polizei | |
| aufgegriffen wird.“ Sie seien eines der wenigen Jugendprogramme, die Leute | |
| mit Anklagen oder Bewährungsstrafen wegen Schusswaffengebrauchs aufnehmen, | |
| sagt Van de Water. „Zu einem frühen Zeitpunkt kann man jungen Leuten noch | |
| am besten helfen, ihren Weg aus dem System der Gewalt zu finden.“ | |
| Wer zu Yeah Philly kommt, kriegt individuell abgestimmte Angebote, einen | |
| Tutor, Gespräche mit Therapeuten, Workshops, aber vor allem auch Hilfe bei | |
| den Basics: Van de Water und ihre Mitarbeiterinnen helfen den Jugendlichen, | |
| ihre Geburtsurkunden zu beantragen, ihre Sozialversicherungsnummern, | |
| Dokumente, die man für jede Bewerbung auf Jobs, für Wohnungen oder | |
| weiterführende Schulen braucht. „Viele haben ihr Viertel oder die Stadt | |
| noch nie verlassen“, erzählt sie. „Deshalb machen wir auch viele Ausflüge. | |
| Neulich waren wir in den Bergen zelten.“ | |
| Viele machten die Erfahrung, dass sich das erste Mal in ihrem Leben jemand | |
| um sie kümmere. „Manche nennen mich Mom“, sagt Van de Water. | |
| Yanae und Kizzy nicken, wenn man sie nach den vielen Schießereien fragt, | |
| klar kennen sie welche, auf die geschossen worden sei – und welche, die | |
| geschossen haben. „Das passiert hier ja jeden Tag“, sagt Yanae. Während der | |
| Lockdowns hätte keiner gewusst, was man den ganzen Tag machen sollte, | |
| erzählt Kizzy. „Dann war man zu Hause nur im Internet, hat dort gequatscht, | |
| auf dieser App Clubhouse. Dann hat einer 'Pussy’ zu einem anderen gesagt, | |
| und schon ging es los.“ | |
| Yanae hat im Dezember einen engen Freund verloren, er wurde beim Essenholen | |
| in einem Asia-Imbiss erschossen. „Es ist diese Mentalität der Jungs, die | |
| schießen. Da kann man nicht viel tun“, sagt sie. | |
| Kendra Van de Water glaubt, dass man doch viel tun kann. „Wir müssen die | |
| Bekämpfung der Schießereien als einen Teil der gesamtgesellschaftlichen | |
| Gesundheitsvorsorge sehen.“ Sie habe die Erfahrung gemacht, dass man in | |
| wenigen Monaten mit gewalttätigen Jugendlichen große Fortschritte mache, | |
| wenn man sie aus dem Netz von Armut, Frust und Gewalt befreien könne. Dafür | |
| müssten aber genug Mittel zur Verfügung gestellt werden. Am Ende sei das | |
| eine Frage des politischen Willens. | |
| Mit ihren Jugendlichen hatte sie im März dafür demonstriert, dass der | |
| Bürgermeister die Schießereien als stadtweiten Notstand einstuft. Das hätte | |
| mehr Gelder und eine bessere Koordination der verschiedenen | |
| Antigewaltprojekte bedeutet. | |
| Der Bürgermeister hat das abgelehnt. | |
| Diese Recherche wurde ermöglicht durch das Transatlantic Media Fellowship | |
| der Heinrich-Böll-Stiftung, Washington, DC. | |
| 21 Nov 2021 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.facebook.com/usolvedinphillywithikeyraw/ | |
| [2] https://controller.phila.gov/philadelphia-audits/mapping-gun-violence/#/2021 | |
| [3] https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/2594804 | |
| [4] https://ccrjustice.org/home/press-center/press-releases/people-serving-deat… | |
| [5] https://medium.com/philadelphia-justice/da-krasner-conviction-integrity-uni… | |
| [6] https://www.nbcphiladelphia.com/news/local/ben-jerrys-founder-backs-larry-k… | |
| ## AUTOREN | |
| Jan Pfaff | |
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