# taz.de -- Die Wahrheit: Wie man mit Trafikanten umgeht | |
> Der Kiosk ist eine der größten Erfindungen der Menschheit. Allerdings | |
> können die Betreiber heutzutage einfach nicht mehr rechnen. | |
Ich bin genervt von meinem Kiosk. Der Verkäufer hält sein Handy | |
linkshändig, während er mit seiner Rechten nach einer Cola light für mich | |
fischt, stellt die Cola ab, hält das Handy jetzt rechts, tippt den Preis | |
mit links, wechselt die Handy-Hand, sammelt meine Münzen ein, wechselt noch | |
mal die Handy-Hand und starrt dann auf sein Display, sodass für einen | |
Abschiedsgruß kein Blick mehr bleibt. Ich mache so was nicht mehr mit! | |
Ich kaufe für mein Leben gern am Kiosk. Es gibt Bier und Schnaps, | |
Lutschbonbons und Gurken, Ravioli gegen mitternächtlichen Hunger und | |
Erdnüsse und Salzstangen. Der Kioskler ist außerdem Seelsorger! Gewesen! | |
Heute hat er Handy. | |
Wenn man Trost braucht, am frühen Abend oder nachts, dann haben die Kirchen | |
nämlich zu. Und dort gibt es auch nur Oblaten, aber niemals Erdnüsse. Der | |
Wein wird in nicht zumutbaren Kleinstportionen ausgeschenkt. Am Kiosk | |
dagegen trifft man immer irgendwen, der reden will, und wenn man keinen | |
trifft, muss der Kioskler eben zuhören. | |
Vielleicht weil mir die Menschen im Kiosk so wichtig sind, ist eines meiner | |
Lieblingsbücher „Der Trafikant“, von Robert Seethaler. Trafikant ist ein | |
Wiener Wort für den Mann im Kiosk. | |
Es gibt nur noch ganz wenige Kioske wie den am Kröbke in Hannover, wo ich | |
neulich war. Die wirklich guten Kioske werden von älteren Damen betrieben. | |
(Dort gibt es auch Filterkaffee aus großen Druckkannen.) | |
Diese Frauen können etwas, was jeder Kioskler können muss, aber kaum noch | |
einer kann. Sie können rechnen. Und sie kennen die Preise. Seit sieben | |
Jahren wohne ich in Dortmund in meiner Straße. Seit sieben Jahren kaufe ich | |
in den Kiosken rundum abwechselnd meine Zeitungen. Und ich bin in diesen | |
Läden nicht der einzige Kunde, der immer wieder dieselben Zeitungen kauft. | |
Aber jeden Tag schauen alle Kioskler erneut nach dem Preis dieses Produkts, | |
das sie doch täglich mehrfach verkaufen: Nach dem Preis von taz, FAZ, | |
Süddeutscher, Welt und was auch immer! Oder sie suchen jeden Tag aufs Neue | |
nach dem Code, um ihn zu scannen. Aber Gottseidank sind Scanner selten in | |
Kiosken. Nur den Bild-Preis kennen alle sofort! | |
Was sind das für Menschen, die sich nicht mal von einem auf den anderen Tag | |
merken können, wie teuer die Zeitung ist? Mindestens von Montag bis | |
Donnerstag ist der Preis gleich. | |
Aber das ist nicht alles. Ein Liter Cola light kostet ein Euro fünfzig. Mit | |
Pfand. Aber kaum kaufe ich zwei, nehmen sie im Kiosk einen Taschenrechner. | |
Ich mache das alles nicht mehr mit! Ich sage jetzt immer: „Ich kaufe die | |
Zeitung nur, wenn Sie den Preis dafür aus dem Kopf wissen.“ Wissen die ihn | |
nicht, lege ich die Zeitung zurück und gehe zum nächsten Kiosk. An manchen | |
Tagen muss ich im Netz lesen, weil der Preis an keinem Kiosk bekannt war. | |
Aber ich bin konsequent. Was bleibt mir übrig, wenn ich die Welt verändern | |
will! Deshalb kaufe ich die beiden Colas auch nur noch da, wo mir der Preis | |
im Kopf ausgerechnet wird. Sonst gehen die zurück. | |
16 Feb 2017 | |
## AUTOREN | |
Bernd Gieseking | |
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