| # taz.de -- Volkswirt über Italiens Wirtschaftskrise: "7 Prozent Zinsen sind t… | |
| > Italien muss sich frisches Geld besorgen. Das Land kann hohe Zinsen | |
| > finanzieren, sagt der Ökonom Schmieding. Dennoch könnte die Krise | |
| > eskalieren - es komme auf die EZB an. | |
| Bild: So schlecht geht es Italien nicht: Schlange vorm Mailänder Gucci-Store A… | |
| taz: Herr Schmieding, Italiens Premier Mario Monti war bei Kanzlerin | |
| Merkel, und er hatte eine klare Botschaft: Die Zinsen für Italien müssen | |
| sinken. Hat Monti recht? | |
| Holger Schmieding: Nein. Die heutigen Zinsen von bis zu 7 Prozent kann | |
| Italien eine Zeit lang tragen. | |
| Die Wirtschaft Italiens schrumpft. Wie soll das Land 7 Prozent Zinsen | |
| finanzieren? | |
| Italien steht beim Staatsdefizit besser da als die meisten Euroländer. Ohne | |
| Zinsen ist der Haushalt deutlich im Plus – weist also einen | |
| "Primärüberschuss" aus. Wenn Italien sich jetzt reformiert, werden die | |
| Risikoprämien wieder sinken. | |
| Wie soll das klappen? Die meisten Investoren fürchten eine Pleite Italiens. | |
| Deswegen kaufen sie keine italienischen Staatsanleihen mehr – was die | |
| Zinsen nach oben treibt. | |
| Ja, es gibt eine Art Käuferstreik. Es war ein Fehler, private Investoren an | |
| der Umschuldung Griechenlands zu beteiligen, ohne Italien vorher | |
| abzusichern. Dies war ein Signal für die Anleger, dass auch andere | |
| südeuropäische Länder pleitegehen können. Seither meiden sie Italien. | |
| Und wie wollen Sie diesen Käuferstreik beenden? | |
| Die Europäische Zentralbank (EZB) muss deutlich sagen, dass sie Italien | |
| nicht pleitegehen lässt, sofern sich das Land an alle Reformauflagen hält. | |
| Jenseits von 7,5 Prozent Zinsen muss Schluss sein. Dann könnten Investoren | |
| sicher sein, dass Italien nicht durch immer höhere Risikoaufschläge in die | |
| Pleite getrieben wird. | |
| Aber wäre das nicht ein Gratisgeschenk an die Banken? Sie würden hohe | |
| Zinsen in Italien kassieren – und könnten dank EZB gleichzeitig sicher | |
| sein, dass das Land nicht pleitegeht. | |
| Die Banken und andere Anleger müssten immer noch das Risiko tragen, dass | |
| Italien nicht ausreichend reformiert – und deswegen von Europa nicht mehr | |
| gestützt wird. Die Investoren würden nur davor geschützt, dass eine | |
| Massenpanik unter den Anlegern ausbricht und Italien dadurch in den Konkurs | |
| getrieben wird, obwohl es alle Reformauflagen erfüllt. | |
| Trotzdem: Wenn die EZB ein Zinsziel festsetzen soll – warum möchten Sie, | |
| dass die Grenze bei 7,5 Prozent liegt? Das Zinsziel könnten doch 4 sein. | |
| Dann wäre es für Italien einfacher, Schulden abzubauen. | |
| Risikoaufschläge haben eine Lenkungsfunktion. Sie bestrafen Länder, die | |
| keine solide Haushaltspolitik betreiben. | |
| Wo immer man die Zinsobergrenze ansetzt: Bisher ist die Bundesregierung | |
| sowieso dagegen, dass die EZB unbegrenzt Staatsanleihen aufkauft. | |
| Die EZB entscheidet, nicht die Bundesregierung. Aber sollte die Eurokrise | |
| weiter eskalieren, würde die Kanzlerin einen solchen EZB-Eingriff wohl | |
| unterstützen. Allerdings muss Italien "liefern", wie es auf Neudeutsch | |
| heißt – und glaubhaft reformieren. | |
| Und was ist mit der Bundesbank? Sie verhindert bisher, dass die EZB massiv | |
| eingreift. | |
| Bei der Bundesbank ist die Schmerzgrenze sicher am höchsten. Aber ich bin | |
| mir sicher, dass letztlich alle den Euro mit allen Mitteln retten wollen. | |
| Im EZB-Rat gilt die einfache Mehrheit. Könnten die anderen Euro-Notenbanken | |
| die Bundesbank nicht überstimmen? | |
| Das wäre gefährlich. Dann würde keine Ruhe auf den Finanzmärkten eintreten, | |
| sondern die Diskussion losbrechen, ob Deutschland den Euro verlässt. | |
| 12 Jan 2012 | |
| ## AUTOREN | |
| Ulrike Herrmann | |
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