| # taz.de -- Infrastruktur-Zukunftsgesetz: Neues Tempo für Deutschland | |
| > Die Merz-Regierung will Bauvorhaben beschleunigen. Nur klappt das? | |
| > Umweltschützer zweifeln daran – und machen einen Vorschlag. | |
| Bild: Das geht in Zukunft zackiger voran: ewiges Projekt, die A20, hier der Bau… | |
| Bei der ICE-Trasse Berlin-München hat es 26 Jahre gedauert. An der A 20 | |
| wird seit 1992 gebaut. Bauprojekte ziehen sich in Deutschland. [1][Nun | |
| sollen zahlreiche Infrastrukturvorhaben] das Prädikat „im überragenden | |
| öffentlichen Interesse“ erhalten, damit die Bagger schneller rollen können. | |
| Das hat das Bundeskabinett am Mittwoch mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz | |
| beschlossen. | |
| CDU-Kanzler Friedrich Merz spricht von einem „Qualitätssprung“. Lässt sich | |
| dagegen etwas sagen? Eine Menge. Das machten am Mittwoch Umweltschützer | |
| klar. Es beginnt mit einer formalen Kritik. | |
| Denn: Die Verbände bekamen statt der üblichen 14 Tage nur wenige Stunden | |
| Zeit, sich zu dem vom Bundesministerium für Verkehr entworfenen Gesetz | |
| offiziell zu äußern. Am vergangenen Freitag um 15.31 Uhr ging es bei ihnen | |
| per Mail ein – Rückmeldefrist Montag, 10.00 Uhr. Das sei „schlechte | |
| Gesetzgebungspraxis“ schreiben der BUND, Nabu und andere zusammen mit ihrem | |
| Dachverband Deutscher Naturschutzring, DNR, in ihrer Stellungnahme. | |
| Die ist auch deshalb interessant, weil mit ihr infrage steht, ob sich die | |
| Planungen wirklich beschleunigen lassen, wenn der Naturschutz, genauer: das | |
| bisherige Instrumentarium dafür, abgebaut wird. Die Kritik im Einzelnen: | |
| ## Verstoß gegen Grundgesetz? | |
| Punkt 1: [2][Neue Autobahnen, vierspurige Bundesstraßen, Lkw-Abstellplätze] | |
| – mehr Infrastrukturprojekte als bisher sollen künftig „im überragenden | |
| öffentlichen Interesse“ liegen. Umwelt-, Naturschutz- und andere Bedenken | |
| müssen dann im Grunde immer zurückstehen. Das überragende öffentliche | |
| Interesse kann nur in Ausnahmefällen ausgestochen werden. | |
| Welche das sind, werden am Ende Gerichte entscheiden. Der | |
| „überragendes-öffentliches Interesse“-Kniff, monieren die Umweltverbände, | |
| entbehre einer „sachlichen Rechtfertigung“ und könne gegen das | |
| Willkürverbot gemäß Grundgesetz (Art. 3 Abs. 1, 20 Abs. 3) verstoßen. | |
| Klagen? Denkbar. | |
| Punkt 2: Werden Straßen gebaut oder Schienen verlegt, können Laichgewässer | |
| von Amphibien, Brutplätze von Vögeln zerstört werden. Die Träger der | |
| Infrastrukturvorhaben müssen für ihre Eingriffe in die Natur eine | |
| Kompensation schaffen. Einfachste Maßnahmen: Sie pflanzen Bäume oder | |
| verwandeln eine Industriebrache in ein Biotop. | |
| Künftig sollen Geldzahlungen reichen. Die gibt es zwar auch heute schon – | |
| die Euros gehen dann an Land oder Landkreis –, ist aber nicht die Regel. | |
| Die seit 1976 im Bundesnaturschutzgesetz verankerte Eingriffsregelung | |
| dürfte, so fürchten die Umweltverbände, „ihre praktische Wirksamkeit | |
| verlieren“. | |
| Punkt 3: Die bisherige Eingriffsregelung hat ihre Haken. Die | |
| Kompensationsflächen sind schon mal klein oder werden nicht gut gepflegt. | |
| Die Koalition will nun bis Ende Februar ein Naturflächenbedarfsgesetz | |
| vorlegen, mit dem dann Flächen für den Ausgleich von Baumaßnahmen | |
| reserviert werden sollen. | |
| ## Deutschland nur unzureichend im Naturschutz | |
| Im besten Fall entstünde ein Verbund ökologisch aufgewerteter Flächen. | |
| Kümmern soll sich das Bundesumweltministerium – mit dem Geld, das die | |
| Bauträger für ihre Eingriffe zahlen. Ob alle Länder einfach so zustimmen, | |
| ist fraglich. Die Umweltverbände sorgt allerdings anderes. | |
| Sie erklären: Deutschland müsse schon heute nach EU-Regeln beispielsweise | |
| sogenannte Natura-2000-Schutzgebiete sichern und ökologisch verbessern, | |
| mache das aber „völlig unzureichend“. Sie fürchten, dass die bisherige | |
| Eingriffsregelung geändert wird, ohne eine wirksame neue Regelung zu haben, | |
| so als gehe es auch ohne Natur, obwohl sie Luft reinigt, Böden säubert, | |
| Wasser filtert, Kohlendioxid bunkert. | |
| Letzter Punkt: Die Umweltverbände warnen vor „erheblicher Planungs- und | |
| Rechtsunsicherheit“. Bisher sollen mit Umweltverträglichkeitsprüfungen | |
| Gefahren großer Bauvorhaben für Tiere und Pflanzen aufgespürt werden, auch | |
| für den Menschen etwa durch Lärm oder weniger Erholung. Das Ziel: die | |
| verträglichsten Standorte oder Trassenführungen finden. Diese Prüfungen | |
| sollen künftig aber anders gemacht werden können als bisher oder ganz | |
| wegfallen. Was das heißt, bleibt aber unklar, für Vollzugsbehörden ist das | |
| schwierig. | |
| Wie geht es besser? Es brauche eher eine Reform der Verwaltung als einen | |
| „[3][Frontalangriff auf Natur und Umweltschutz]“, meint Florian Schöne, der | |
| den DNR leitet. Zum Beispiel fehle in den Planungs- und | |
| Genehmigungsbehörden Personal, sagt BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen. | |
| Auch könnten flexible Genehmigungsteams helfen, die bei Engpässen | |
| eingesetzt werden. Nabu-Präsident Jörg Andreas Krüger will nun unter | |
| anderem mit Abgeordneten im Bundestag reden. Dort wird das Gesetz Anfang | |
| des Jahres erstmals beraten. | |
| 17 Dec 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
| Hanna Gersmann | |
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