| # taz.de -- Punk in den späten 1980ern: Pussy Galore zeigt dem Straight-Edge-P… | |
| > Der Liveclub Bootleg existierte nur kurze Zeit. Ende der 1980er machte er | |
| > Augsburg zu einem Hotspot des Schismas zwischen Puritanern und | |
| > Anarchisten. | |
| Bild: Die Plakate logen: Das Foto zeigt Das Damen aus New York am 12. 11.1988 i… | |
| Wir surfen mal wieder über die Felder, durch Wälder, Weiler und die Nacht. | |
| Musik auf Anschlag, der Co-Pilot entscheidet, welche Kassette läuft, | |
| Einsprüche von links und hinten sind zu berücksichtigen. Die Besatzung des | |
| Fahrzeugs hat sich wie immer kurzfristig zusammengefunden. Irgendwann ist | |
| die Letzte zugestiegen und hat gefragt: Wo fahren wir eigentlich hin? | |
| Die 1980er neigen sich dem Ende zu, und Destinationen gibt es viele. Manche | |
| werden seltener angesteuert. Manche regelmäßig aufgesucht, darunter das | |
| Bootleg. Von Dillingen bis nach Augsburg sind es 50 Kilometer durch leicht | |
| hügelige Landschaft über kurvige Landstraßen. Wenn Markus am Steuer seines | |
| roten Ford Fiestas sitzt, ist man in einer halben Stunde da. Er kennt jede | |
| Kurve und hat einen Fahrstil, den sportlich zu nennen ein Euphemismus wäre. | |
| Am 18. Juni 1988 sind wir auf dem Weg ins Bootleg, weil wir eine neue | |
| Lieblingsband haben. Die haben wir, weil Shorty mitgeschnitten hat, | |
| entweder den „Zündfunk“ oder die „Rock-Lok“, beides Sendungen des | |
| Bayerischen Rundfunks. [1][No Means No ist ein kanadisches Trio, das | |
| Hardcorepunk mit krassen Breaks, irren Rhythmuswechseln und funky | |
| Bassläufen spielt], die so halsbrecherisch und gekonnt sind wie der | |
| Fahrstil unseres Chauffeurs. | |
| ## Das Bootleg war zu früh für Augsburg | |
| Wir sind uns in diesem Sommer einig, dass No Means No die beste Band des | |
| bekannten Universums ist. Im Bootleg angekommen zeigt sich, dass die | |
| Augsburger, die sich gern für was Besseres halten als die Avantgarde vom | |
| Land, das allerdings noch nicht gemerkt haben. Der Laden ist halb leer, was | |
| dem Abend keinen Abbruch tut. Später, in der Küche einer Augsburger WG, | |
| tauschen wir uns mit unseren Helden aus. Als No Means No ein | |
| Dreivierteljahr später wieder im Bootleg gastieren, ist die Bude brechend | |
| voll. | |
| Weitere 36 Jahre später sitzen wir zu dritt im Auto. Wieder dauert es eine | |
| halbe Stunde von Dillingen nach Augsburg, diesmal dank der inzwischen die | |
| Landschaft zerfressenden Umgehungsstraßen. Das Ziel: Die alte Bootleg-Crowd | |
| trifft sich in einem Augsburger Atelier, um sich an den Liveclub zu | |
| erinnern. An den Wänden hängen die Poster der Bands, die Konzertprogramme | |
| und viele Fotos. Ah, Pussy Galore, da war ich auch, heißt es jetzt. Oh, die | |
| Lolitas, hatte ich ganz vergessen! | |
| Der DJ spielt die Musik von 1988, hinter ihm laufen Videos von Konzerten. | |
| Da steht Mo Tucker, ehemals Trommlerin von Velvet Underground, verschmitzt | |
| lächelnd im Duett mit Jad Fair auf der Bootleg-Bühne. Ja, da waren wir | |
| auch. Wie immer in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne, die bloß 40 | |
| Zentimeter hoch war. Die Decke war niedrig in der Kneipe, die dem Hasenbräu | |
| gehörte und zuvor einen G.-I.-Club beherbergt hatte. | |
| ## Wie vorher und nachher nichts mehr | |
| Die Bühne, die nun anlässlich der nur zwei Tage währenden | |
| Bootleg-Ausstellung zusammengezimmert wurde, ist genauso hoch wie die alte | |
| im Bootleg. Auf ihr sitzen zwei der ehemaligen Betreiber, Peter Bommas und | |
| Pulle, ihre weibliche Co-Betreiberin Angela kann an diesem Abend nicht | |
| dabei sein. Pulle sagt: „Das Bootleg war zu früh für Augsburg.“ Während | |
| Leute wie wir von weither in diese Beiz kamen, wo zwischen November 1987 | |
| und April 1989 über hundert Bands spielten (die oft zum ersten Mal in | |
| Europa tourten), waren die Augsburger dort in der Minderheit. | |
| Dabei hatte der Laden die Stadt für einen Moment zu einem Hotspot des | |
| musikalischen Undergrounds gemacht „wie vorher und nachher nichts mehr“, | |
| wie Hans-Peter Eckardt korrekt kommentiert, der die Ausstellung mit Thomas | |
| Patsch kuratiert hat. Allerdings lag das Bootleg in Augsburg-Oberhausen, | |
| einem Wohngebiet. Die Betreiber buchten Bands gern an noch freien Tagen in | |
| deren Tourkalendern, weswegen die Konzerte oft am Sonntag oder Montag | |
| stattfanden. Wegen Anwohnerprotesten musste das Bootleg schon nach | |
| anderthalb Jahren schließen. | |
| ## Bayerisches Bier, ein veganes Grundnahrungsmittel | |
| Das Lokal war 24 Meter lang und acht Meter breit, alle Wände schwarz | |
| gestrichen und mit Konzertplakaten gepflastert, ein paar Metallfässer | |
| dienten als Tische. Rechts die Bar, dahinter ein Durchgang zum | |
| Hinterzimmer, wo man sich bei einer Runde Kicker vom Pogen und Moshen | |
| erholen konnte. Von uns kann sich keiner mehr so recht erinnern an das | |
| Interieur. Die Musik, die Leute auf und vor der Bühne hatten wohl unsere | |
| ganze Aufmerksamkeit beansprucht. | |
| Darüber waren stets Rauchschwaden vom exzessiven Zigarettenkonsum gewabert | |
| – auch wenn einige der Bands bereits der neuen puritanischen Religion | |
| namens Straight Edge huldigten, die für Veganismus, gegen Drogenkonsum und | |
| teils gar gegen Sex agitierte: Ian MacKaye, Sänger der Hardcorecombo Fugazi | |
| aus Washington, D. C., hatte den Begriff Straight Edge geprägt. Er freute | |
| sich sehr über Gemüsesuppe aus der Dose, als Fugazi ihr erstes Konzert in | |
| Europa gaben, erinnert sich einer der Betreiber. Die veganen Bedürfnisse | |
| junger Amerikaner seien aber meist durch bayerisches Bier befriedigt | |
| worden. | |
| Im Rückblick betrachtet waren die späten 1980er ein goldenes Zeitalter. In | |
| jeder Kleinstadt gab es mindestens eine Band. [2][Punk hatte sich als Idee | |
| und Praxis kultureller Selbstorganisation überall durchgesetzt], auch wenn | |
| er sich im Zuge dessen in diverse Subgenres aufgesplittet hatte. Diesen | |
| Umstand bildete auch das Programm des Bootleg ab. Da gab es erstens mal | |
| sehr schnell, mal extra schleppend gespielte Formen von Hardcorepunk aus | |
| den USA, Deutschland oder Italien. Zweitens eine neue Generation, die | |
| räudigen Rock ’n’ Roll und Psychedelisches liebte. Und drittens viele | |
| Bands, die zwischen diesen Polen lagen. | |
| ## Fuck Ian MacKaye | |
| Pussy Galore spielten am 3. Februar 1988 im Bootleg. Sie gehörten | |
| unüberhörbar der zweiten Kategorie an. Die Snare-Drum von Schlagzeuger Bob | |
| Bert sah aus wie der ausgebaute Tank eines Kleinwagens, auf dem ein | |
| Stoßdämpfer angebracht wurde – und so klang sie auch. Angesichts der | |
| Kommerzialisierung der Teenagerrevolte und des hyperkorrekten, asketischen | |
| Spirits von weiten Teilen der amerikanischen Hardcorepunkszene suhlten sich | |
| Pussy Galore in der rohen, sinnlosen Energie von Punk, Blues und Rock ’n’ | |
| Roll. Ihr Name sagte alles, ihre frühen Songs hatten Titel wie „Teen Pussy | |
| Power“, „Cunt Tease“ – und „Fuck Ian MacKaye“. | |
| Pussy Galore und Fugazi verkörperten das Schisma, das noch heute Theorie | |
| und Praxis von Gegenkultur (und manchmal sogar ihrer individuellen | |
| Protagonistinnen selbst) durchschneidet: das Ringen | |
| individualanarchistischer, radikal emanzipatorischer Impulse mit dem | |
| Willen, die politisch korrekte Sicht auf die Dinge in progressive Politik | |
| zu gießen, die vom jeweiligen Politbüro autoritär durchgesetzt wird. | |
| Pussy Galore produzierten einen schlampig hingerotzten Sound, der sich | |
| bewusst sei, dass er nicht mehr bedeuten könne, was er mal bedeutet hatte – | |
| aber auch nichts Neues zu bedeuten finde, befand Tom Carson im September | |
| 1988 in der Village Voice: Pussy Galore parodierten die Idee der Subversion | |
| selbst. Das war eine kluge Einsicht, die auch vom Niedergang einer | |
| Poptheorie erzählte, die ihren Glauben an die Jugend als revolutionäres | |
| Subjekt partout nicht aufgeben wollte. | |
| ## Uns hatte man kein kulturelles Kapital mitgegeben | |
| Die Schlachten waren längst geschlagen und in den Geschichtsbüchern | |
| niedergeschrieben. Obwohl man in der Kleinstadt mit Löchern in den Jeans | |
| und gefärbten und über den Ohren rasierten Haaren noch für leisen Aufruhr | |
| sorgen konnte, hätten wir über die Vorstellung, wir seien heroische | |
| Vertreter einer wie auch immer gearteten Gegenkultur, nur gelacht. Das | |
| hatte auch mit Klassenverhältnissen zu tun. Die Antipoden Ian MacKaye von | |
| Fugazi und Jon Spencer von Pussy Galore kamen beide aus privilegierten | |
| Haushalten. | |
| Der eine ist Sohn eines Journalisten der Washington Post, der andere Sohn | |
| eines Professors. Die Besatzungen unseres roten Fiestas stammten fast | |
| ausnahmslos aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Die eine Hälfte ging aufs | |
| Gymnasium, die andere auf die Realschule. Uns hatte man kein kulturelles | |
| Kapital mitgegeben. Wir erfanden uns mittels dieser Musik selbst, gründeten | |
| eine eigene Band und rauschten durch die Nacht. | |
| Als der Rest der Welt ein paar Jahre später Grunge feierte, Punk also | |
| endgültig zu einer Sparte der Unterhaltungsindustrie geworden war, konnte | |
| die Bootleg-Community jedenfalls nur müde lächeln. Alles schon gesehen, | |
| alles schon gehört. | |
| 6 Jan 2026 | |
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| ## AUTOREN | |
| Ulrich Gutmair | |
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