| # taz.de -- Sprache im Wandel: Anglizismen – Modern Talking – Dead End | |
| > Die deutsche Sprache verändert sich so schnell, dass nicht alle Schritt | |
| > halten. Die Entwicklung zu bremsen, wäre trotzdem keine sehr gute Lösung. | |
| Triggerwarnung: Der folgende Text enthält Begriffe aus dem amerikanischen | |
| Englisch! „Im Schlag-Verein treiben Fels- und Schlag-Kapellen | |
| Geh-Geh-Mädchen auf den Tanzboden, darunter Zehnalter, Zwanziger und | |
| Gruppenies mit grellem Mach-Auf. Sie trinken Milchschüttel und essen heiße | |
| Hunde.“ | |
| Nein, nicht mal stramm Deutschnationale hätten in den Sixties mit diesen | |
| Worten versucht, die Dancefloor Happenings der Rock-Bands im Beat Club von | |
| Radio Bremen zu beschreiben, die geschminkten Go-Go-Girls, die Groupies mit | |
| Hi Heels und Overknee Boots, die Slop-Hosen und Blue Suede Shoes, die | |
| Milkshakes, Hot Dogs und Hamburger („Hämmbörger“). Keine Sprachpolizei | |
| konnte verhindern, dass mit neuen Moden, Sounds und Verkehrsformen auch | |
| Wörter einwandern und sich breitmachen im Deutschen – unübersetzt. | |
| Nicht wenige (west)deutsche Linke hielten das für | |
| Yankee-Kulturimperialismus, skandierten „Ami go home“ oder gleich „USA �… | |
| – SS“. Weniger bornierte Linke hatten kapiert, welchen Beitrag Jazz, Rhythm | |
| & Blues, Soul & Hollywood zur Zivilisierung soldatischer Körperpanzer und | |
| Entnazifizierung der Gesellschaft leisteten, ohne darüber die | |
| [1][Verbrechen des US-Imperialismus] zu vergessen. In der Ablehnung | |
| angloamerikanischen Pops waren sich viele Deutsche einig – über den | |
| Eisernen Vorhang hinweg. | |
| Remember [2][Walter Ulbrichts identitätspolitischen Evergreen]: „Ist es | |
| denn wirklich so, liebe Genossen, dass wir jeden Dreck, der vom Westen | |
| kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des | |
| Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“ So | |
| begründet der Staatsratsvorsitzende der DDR 1965 in lupenreinem Sächsisch | |
| das Verbot westlicher Beatmusik. | |
| ## Unbehagen – links und rechtsaußen | |
| Ein Jahr später präsentiert der österreichische Matrosendarsteller Manfred | |
| Nidl unter dem angelsächselnden Namen [3][Freddy Quinn] mit „Wir“ ein | |
| ähnlich gelagertes identitätspolitisches Schlager-Pamphlet wider die | |
| kritiklose Übernahme westlicher Habits & Frisuren – hier spricht die | |
| schweigende Mehrheit: „Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir! | |
| Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR! Ihr lungert herum in Parks | |
| und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! | |
| WIR!“ | |
| Sechzig Jahre später haben wir vergessen, wie viele Begriffe, die wir | |
| routinemäßig benutzen, importiert wurden: Manager, Trainer, Fitness, | |
| Jogging, Party, Service, Drink, Soundcheck, you name it. Auch den | |
| Quantensprung zum Digitalk made in Silicon Valley haben wir easy | |
| hinbekommen. Mit Laptop und Tablet organisieren wir Chats und Meetings über | |
| Zoom und Whatsapp, ertragen Shitstorms und No Go’s auf Social Media. Nur | |
| harte Boomer demonstrieren kritische Distanz und reden immer noch von | |
| „unsozialen Medien“. Oder „asozialen“. | |
| Aber gibt es da nicht doch ein breites Unbehagen – an Angloamerikanismen, | |
| auch unter Linken? Und einen Hass auf Modern Talking, der von der rechten | |
| Mitte bis rechtsaußen raustrompetet wird, [4][Propagandarhetorik gegen | |
| anything woke], gegen alles, was man unter Linksgrünversifftantifa-Verdacht | |
| stellen kann? | |
| Ist das Aufkommen immer neuer Angloamerikanismen lesbar als Symptom einer | |
| gesellschaftlichen Polarisierung? Vergrößert das aus US-Colleges | |
| importierte New Denglisch die Kluft zwischen großstädtischen, | |
| (pop)kulturell geschulten, diskursfreudigen, jüngeren Szenen auf der einen | |
| Seite (tazleser:innen und -schreiber:innen inbegriffen). | |
| Auf der anderen Seite eher ländliche, kleinbürgerlich-spießige | |
| Traditionsmilieus, Leute, die sich überfordert und abgehängt fühlen, | |
| Zurückgebliebene, die nicht mehr mitkommen (wollen) mit Modern Life & | |
| Modern Talking. Wer profitiert politisch von dieser Entwicklung? Die (neue) | |
| Rechte, die vor dem „Bevölkerungsaustausch“ warnt, flankiert von einer | |
| „sprachlichen Entvolkung Deutschlands“? | |
| ## Fünf Thesen: | |
| 1. Angloamerikanismen adressieren Missstände, die von vielen nicht als | |
| solche empfunden werden: | |
| - Motherhood Penalty: Frauen verdienen nach Mutterschaft deutlich weniger. | |
| - [5][Gender Pay Gap:] weniger Lohn für Frauen oder gleich: FLINTA (noch so | |
| eine sprachmodische Zumutung: Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-binäre, Trans* | |
| und Agender Personen) | |
| - [6][Care Arbeit:] Was sogenannte Hausfrauen schon immer unbezahlt gemacht | |
| haben. Verschärfte Variante: Dirty Care. „Die französische Philosophin Elsa | |
| Dorlin nutzt den Begriff der dirty care. Bei ihr ist dirty care eine Form | |
| von Überlebensschutz, Selbstverteidigung. Ich interessiere mich für das | |
| Verhalten von anderen und tue ihnen proaktiv Gutes, damit mir keine Gewalt | |
| widerfährt.“ (Katrin Gottschalk und Tania Martini am [7][8. März 2022 in | |
| der taz]). Davon wollen meist männliche Konservative bis Reaktionäre nichts | |
| wissen. | |
| 2. Angloamerikanismen kritisieren Verhaltensweisen, die von vielen nicht | |
| als kritikwürdig empfunden werden. [8][Catcalling], Mansplaining, | |
| Manspreading, [9][Upskirting.] Wer nicht googeln will: Catcalling: sexuelle | |
| Belästigungen im öffentlichen Raum. Upskirting lässt sich ins | |
| Umstandsdeutsche übersetzen als „den Rock hoch fotografieren“ und soll, | |
| ginge es nach Feministinnen und Wokies, wie Catcalling künftig strafbar | |
| sein. Siehe auch Body- und [10][Fatshaming]. | |
| 3. Angloamerikanismen formulieren Ansprüche, von denen meist männliche | |
| Konservative bis Reaktionäre nichts wissen wollen: | |
| - Safe Space: diskriminierungsfreie Räume. | |
| - Bottom-up-Kommunikation: Informationen, Meinungen, Vorschläge fließen von | |
| den Mitarbeitenden an die Führungsebene, anders als die | |
| Top-Down-Kommunikation. | |
| - [11][Work Life Balance] meint das Gegenteil von: Arbeit ist das ganze | |
| Leben. | |
| 4. Mit Angloamerikanismen dringen Dinge in unser Leben ein, von denen meist | |
| männliche Konservative bis Reaktionäre nichts wissen wollen. | |
| - [12][Christopher Street Day]: beliebte Zielscheibe für junge | |
| Rechtsradikale mit Baseballschlägern. | |
| - Veggie Day: Grüne wollen Bratwurst verbieten. Hat nicht geklappt. | |
| - Orange Day: Aktionstag gegen geschlechtsspezifische Gewalt, der am 25. | |
| November überschattet wird vom Black Friday, von Black Week(s). Wann kommt | |
| der Black Autumn? | |
| 5. Organisationen mit woken Zielen tragen angloamerikanische Namen: Amnesty | |
| International, Campact, Equal Rights Beyond Borders, Fridays for Future, | |
| Foodwatch, Greenpeace. Sammelbegriff: NGOs. | |
| ## Kritik an überholten Normen | |
| Neudenglische Begriffe stehen also nicht nur für Veränderungen der Sprache, | |
| sondern für die Kritik an und den Bruch mit tradierten Normen. Die | |
| Standard-Replik auf Modern Talking zielt auf die Konservierung des | |
| Bestehenden: „Aber das haben wir schon immer so gemacht.“ Konservative und | |
| Rechte reagieren auf die kulturelle Invasion der Angloamerikanismen mit | |
| national(istisch) gefärbten Abwehraffekten und ostentativem Unverständnis. | |
| Denn sie wollen gar nicht wissen, was sie nicht wollen. | |
| Es reicht zu wissen, dass sie es nicht wollen. Sie wollen, was die AfD | |
| punktgenau in ihren Slogan gegossen hat: Deutschland, aber normal. Oder, | |
| mit dem [13][Sauerteiglover aus dem Sauerland] gesprochen, vor dem | |
| heimischen Schützenfest: „Ich freue mich darauf, mal wieder unter normalen | |
| Menschen zu sein.“ Hier spricht der Kanzler aus dem Bauch, selbstidentisch | |
| mit Common Sense – gesunder Menschenverstand, gesundes Volksempfinden. Für | |
| Fritz, 70, ist das Schützenfest im Sauerland sein Safe Space, wie der | |
| Jahrmarkt Gillamoos, denn: „Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist | |
| Deutschland.“ | |
| In Kreuzberg wird ja nicht nur viel Türkisch gesprochen. Geflüchtete können | |
| in der Regel besser Englisch als Deutsch, ob sie aus dem Sudan, Syrien oder | |
| der Ukraine kommen. Ganz zu schweigen von den bohemistischen Expats in | |
| Kreuzberger Bars, wo man auf Englisch bedient wird. Die Sprache ist also | |
| gleichermaßen Gegenstand wie Medium von Kulturkämpfen. | |
| Aber wohin soll sie führen, die unstoppable Angloamerikanisierung? Wird sie | |
| Gräben weiter vertiefen? Die Gaps zwischen Stadt und Land, Ost und West, | |
| oben und unten. Und zwischen diversen Gender? Es ist ja kein Zufall, dass | |
| so viele Newspeak-Vokabeln im Ringen um Geschlechter(un)gerechtigkeit zum | |
| Einsatz kommen. | |
| ## Denglisch ist das bessere Deutsch | |
| Und es ist kein Zufall, dass sie in der taz häufiger und | |
| selbstverständlicher benutzt werden als in der FAZ oder „Tagesschau“ – | |
| damit aber auch tendenziell mehr Leute ausschließen, die sie nicht mehr | |
| verstehen (und nicht googeln wollen). Im Vorgespräch zu diesem Text hat der | |
| [14][zuständige Redakteur] darauf hingewiesen, dass der exzessive Gebrauch | |
| von New Denglisch oft dem Distinktionsgewinn diene. | |
| Die Angloamerikanismen hätten etwas durchschaubar Elitäres und markierten | |
| auf pubertäre Art eine Gruppenzugehörigkeit. Da ist was dran. Viele | |
| Angloamerican Speaker dürften die Übersetzungsmühsal in diesem Text cringe | |
| finden, während andere taz-Lesende sich am Denglisch-Overkill stören | |
| werden. Ein junger hipper Mensch in Berlin, so der Redakteur, sei nicht | |
| mehr fähig, die hier zitierten New Words auf Deutsch zu benennen. Auch das | |
| stimmt, klar. Aber, äh, so what? Wäre Denglisch nicht das bessere Deutsch? | |
| Sollen Digital Natives darauf warten, dass der Duden „Mannerklärer“, | |
| „Mannbreitbeiner“ oder „Katzenrufen“ aufnimmt? Der Trouble mit den | |
| A-Wörtern verweist auf eine kognitive Zwickmühle. Nehmen wir die | |
| Zurückgebliebenen. Die sich abgehängt Fühlenden sind am alten Ort, auf dem | |
| Land zurückgeblieben, in alten Mindsets. Ja, in der DDR war Englisch nicht | |
| die erste Fremdsprache. | |
| Sie leiden unter einem Phänomen, für das die deutsche Sprache kein Wort | |
| kennt: Brain Drain, die Abwanderung der jungen Gebildeten. Die | |
| Leidtragenden des Brain Drain wollen nichts wissen von dem neumodischen | |
| Amerikazeug, und diejenigen, die ihnen das Brain-Drain-Syndrom erklären | |
| könnten, finden keine Worte, die die Zurückgeblieben bereit wären zu | |
| verstehen. Kein Brain Gain in Sicht, smells like Dead End Street. | |
| 31 Dec 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Vietnamkrieg/!t5014232 | |
| [2] https://www.youtube.com/watch?v=Q55mQpAGNMc | |
| [3] https://www.youtube.com/watch?v=pA6IPJB5_Vg | |
| [4] /Buch-ueber-Identitaetspolitik/!5995957 | |
| [5] /Gender-Pay-Gap/!t5011897 | |
| [6] /Care-Arbeit/!t5692935 | |
| [7] /Philosophin-ueber-Care-Arbeit/!5834052 | |
| [8] /Alltag-als-Frau/!6106080 | |
| [9] /Upskirting/!t5515352 | |
| [10] /Fatshaming-trifft-vor-allem-Frauen/!5668334 | |
| [11] /Work-Life-Balance/!6023187 | |
| [12] /Christopher-Street-Day/!t5034790 | |
| [13] /Friedrich-Merz/!t5546388 | |
| [14] https://meedia.de/news/beitrag/5499-gunnar-hinck-wird-fuer-ein-jahr-co-res… | |
| ## AUTOREN | |
| Klaus Walter | |
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