| # taz.de -- Abschaffung des Kinderstartgelds: Söder verdirbt sich’s mit den … | |
| > Hunderttausende protestieren in Petitionen gegen Markus Söders | |
| > Sparpolitik. Doch der bayerische Ministerpräsident findet: Hauptsache, | |
| > keine Schulden. | |
| Bild: Kinder im Vordergrund, das größte Kleinkind steht im Hintergrund | |
| Markus Söder sieht gerade eine Protestwelle auf sich zukommen. Auf | |
| „mittelgroß“ taxiert sie der Neue Tag aus der Oberpfalz. Dass der | |
| bayerische Ministerpräsident sie vielleicht dennoch ernst nehmen sollte, | |
| ergibt sich aus dem Umstand, dass es nicht die üblichen Verdächtigen sind, | |
| die da protestieren, also irgendwelche Linken oder Norddeutschen, die kaum | |
| Gefahr laufen, Söders CSU zu wählen. | |
| Nein, viele junge Familien in Bayern sind es, die sich seit ein paar Tagen | |
| von Söder im Stich gelassen fühlen. Eine Gruppe, die Söder bislang als | |
| Wählerklientel durchaus im Visier hatte. Der Grund ist eine Entscheidung | |
| der Koalition aus CSU und Freien Wählern, die in der vergangenen Woche | |
| tatsächlich überraschend kam. | |
| Die Einführung des sogenannten Kinderstartgelds stand da im Landtag auf der | |
| Tagesordnung. Es wäre der Abschluss eines Gesetzgebungsverfahrens gewesen, | |
| das das CSU-geführte Familienministerium im Sommer auf den Weg gebracht | |
| hatte. Ab 2026, so der Plan, sollte jedes Kind in Bayern zum ersten | |
| Geburtstag 3.000 Euro erhalten. „Das gibt es so nur in Bayern. Wir sind | |
| Familienland“, hatte Söder noch im Juni auf „X“ geprahlt. Denn: „Kinder | |
| sind unsere Zukunft.“ Doch dann besiegelte die Regierungsmehrheit statt der | |
| Einführung des Kinderstartgelds kurzerhand das Ende der noch gar nicht | |
| eingeführten Leistung. | |
| Ein Blick zurück: Es war im Frühjahr 2018, als Söder seine erste | |
| Regierungserklärung hielt. Ein Feuerwerk an Investitionen war es, das der | |
| frisch gekürte Ministerpräsident damals zündete. Nicht nur für Söder’sche | |
| Herzensprojekte wie die Raumfahrt fanden sich hunderte Millionen, auch für | |
| die Familienpolitik. Eltern von ein- und zweijährigen Kindern sollten | |
| künftig 250 Euro pro Kind und Monat bekommen – zusätzlich zum Kinder- und | |
| gegebenenfalls Elterngeld. | |
| ## Wahlgeschenk mit begrenzter Laufzeit | |
| Das bayerische Familiengeld sollte unabhängig vom Einkommen gezahlt werden, | |
| auch unabhängig davon, ob das Kind eine Krippe besuchte oder nicht. Nicht | |
| der Staat solle entscheiden, ob ein Kind in die Kita gehe, sondern die | |
| Eltern. „Echte Wahlfreiheit für alle Eltern“, befand Söder und fügte auch | |
| damals schon hinzu: „Das gibt es nur in Bayern.“ | |
| Ein durchschaubares Wahlgeschenk, schimpfte die Opposition ihrerseits, | |
| schließlich war es nur noch ein halbes Jahr bis zu den Landtagswahlen, den | |
| ersten, die Söder als Ministerpräsident zu bestehen hatte. Söder verlor die | |
| absolute Mehrheit, aber rettete sich in eine Koalition mit den Freien | |
| Wählern. Und die Eltern bekamen das Familiengeld. Dazu kam – | |
| einkommensabhängig – noch ein Krippengeld von bis zu 2.400 Euro über einen | |
| Zeitraum von zwei Jahren. Eine Unterstützung, die junge Familien gern | |
| entgegennahmen. | |
| Als der Söder-Regierung die Spendierhosen dann doch zu eng wurden, begann | |
| man zurückzurudern. Vor einem Jahr kündigte Söder das Ende von Familien- | |
| und Krippengeld an. Damit Eltern aber auch künftig nicht leer ausgingen, | |
| sollte es besagtes Kinderstartgeld geben, das immerhin den Verlust des | |
| Familiengelds zur Hälfte ausglich. Und jetzt? Nichts davon. | |
| ## Es fehlen zigtausende Kita-Plätze | |
| In mehreren Petitionen wenden sich junge Familien nun an den | |
| Ministerpräsidenten. „Halten Sie Ihr Wort, Herr Söder“ heißt es im Titel | |
| der größten dieser Petitionen, die bis Donnerstagnachmittag schon über | |
| 135.000 Unterschriften gesammelt hatte. | |
| Oliver Bernt, ein 32 Jahre alter Oberfranke, der vor zwei Monaten zum | |
| dritten Mal Vater geworden ist, hat sie gestartet. Viele Familien, auch die | |
| seine, hätten Elternzeit und finanzielle Planung nach der Zahlung des | |
| Kinderstartgeldes ausgerichtet, argumentiert Bernt. Alle kämpften sie mit | |
| steigenden Lebenshaltungskosten, hohen Mieten und Kosten für Krippenplätze | |
| von bis zu 500 Euro pro Monat. | |
| „Herr Söder, ist Ihnen bewusst, in welche schwierige finanzielle Lage Sie | |
| Familien bringen, die ab dem 1. Januar 2026 mit der Auszahlung gerechnet | |
| haben und das Kinderstartgeld, so wie wir, fest einkalkuliert haben?“ Das | |
| Familien- beziehungsweise Kinderstartgeld sei kein Geschenk gewesen, | |
| sondern ein Versprechen für Familien, auf das diese sich verlassen hätten. | |
| „Wir fühlen uns betrogen – nicht nur um das Geld, sondern um unser | |
| Vertrauen.“ | |
| Die eingesparten Millionen sollen nun in den Erhalt von Kitas fließen, | |
| versprechen Söder und seine Familienministerin Ulrike Scharf, in Personal, | |
| Ausstattung und Betriebskosten. Eine schwere Entscheidung sei dies gewesen, | |
| aber letztlich sei diese Prioritätensetzung unvermeidbar gewesen. | |
| Wohlgemerkt, es geht lediglich um den Erhalt, nicht um den Ausbau von | |
| Kitas. Dieser solle allerdings mit Mitteln aus anderen Töpfen | |
| vorangetrieben werden. | |
| ## Beifall der Jungen Union | |
| In der Tat hat Bayern, was das Gesamtangebot an Krippenplätzen angeht, | |
| erheblichen Nachholbedarf. Laut Scharf wurden in der vergangenen | |
| Legislaturperiode zwar 83.000 Kita-Plätze geschaffen, doch zum Ende der | |
| Legislatur vor zwei Jahren kam eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zum | |
| Ergebnis, dass noch immer mehr als 70.000 Kita-Plätze fehlten. | |
| Aber während es sich Söder bei einem großen Teil der jungen Familien | |
| verscherzte, konnte er bei anderen jungen Leuten wieder Boden gutmachen. | |
| Denn anders als ein Teil der CDU-Spitze, die infolge der Rentendebatte | |
| derzeit einen schweren Stand bei der Jungen Union hat, wird der CSU-Chef | |
| dort immer noch gefeiert. Als er den konservativen Nachwuchs auf seinem | |
| „Deutschlandtag“ in Rust besuchte, zollte der ihm „Respekt“ für seine | |
| Haltung in der Rentenfrage und fügte hinzu: „So ein reines SPD-Basta von | |
| der Seite geht auch einfach nicht.“ | |
| Doch nicht nur in der Tonlage unterschied sich Söder von anderen Besuchern | |
| wie Kanzler Friedrich Merz. Bei der jungen Union insbesondere aus Bayern | |
| konnte er auch damit punkten, dass seine Regierung im gerade vorgelegten | |
| Doppelhaushalt für die Jahre 2026/27 auf neue Schulden verzichtet hat – | |
| wenn auch freilich auf Kosten von Projekten wie dem Kindergeld. Tatsächlich | |
| war zuvor zum ersten Mal seit vielen Jahren die Möglichkeit einer | |
| Schuldenaufnahme in Betracht gezogen worden. Manuel Knoll, neuer | |
| bayerischer JU-Chef, rechnet das dem Ministerpräsidenten hoch an. Prompt | |
| stellte die JU auch ihren Widerstand gegen die Mütterrente ein. | |
| Auch Söder spart natürlich nicht an Selbstlob. „Wir haben auch das | |
| Rückgrat, manchmal schwere Entscheidungen zu treffen“, sagte er am Dienstag | |
| nach einer Kabinettssitzung. Man habe eine Balance erreicht, die eine gute | |
| Ausgangslage für die Kommunalwahlen sei. Diese finden in Bayern am 8. März | |
| statt. | |
| Allgemein wird erwartet, dass die AfD dann ihre Präsenz in den | |
| Kommunalparlamenten noch einmal stark ausbauen wird. Dem glaubt Söder mit | |
| den jüngsten Entscheidungen vorgebaut zu haben. Radikale Kräfte könnten nun | |
| nicht behaupten, die Demokratie funktioniere nicht. „Nein, sie funktioniert | |
| sehr, sehr gut in Bayern. Wir sind in der Lage, Entscheidungen zu treffen.“ | |
| Ein ausgeglichener Haushalt sei „per se schon eine Einzigartigkeit in | |
| Deutschland“. Mit anderen Worten: Auch ohne besondere Förderung der | |
| Familien gibt es noch genug, was es nur in Bayern gibt. | |
| 21 Nov 2025 | |
| ## AUTOREN | |
| Dominik Baur | |
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