| # taz.de -- Dankesrede zum Ovid-Preis 2025: Die Götter, die Stasi und das Prin… | |
| > Der Schriftsteller Marko Martin lernte durch Zeugen Jehovas in der DDR, | |
| > dass es eine bunte Welt gibt. Die taz dokumentiert seine Rede zum | |
| > Ovid-Preis. | |
| Bild: Lust und Leiden: das Gemälde „Göttermahl“ von H. van Balen | |
| Meine Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen, | |
| woher kam es wohl, dass der Junge von einst Gustav Schwabs „[1][Die | |
| schönsten Sagen des klassischen Altertums“] – wie vermutlich auch bei | |
| vielen von Ihnen eine Art Erstbegegnung mit Ovids Welt – zuerst mit | |
| Faszination und dann durchaus mit Schrecken las? Was für ein Gewimmel an | |
| Gestalten, Menschen und Göttern und Dazwischen-Wesen und wie | |
| undurchschaubar die abrupt wechselnden Verhältnisse zwischen ihnen! | |
| Das schlug und webte und lockte und schrie und klagte und gebar und starb | |
| und kopulierte (Letzteres freilich eher züchtig umschrieben in jenen | |
| jugendfreien Versionen), dass es eben nicht nur eine Lese-Freude war, | |
| sondern alsbald, von Geschichte zu Geschichte, auch diese Fragen | |
| provozierte: Und wo blieb das Mitleid, wo der Schutz der Schwächeren, wo | |
| die Möglichkeit, sich all diesen Verwandlungen/Metamorphosen zu entziehen, | |
| die da nach den arbiträren Launen der Götter und Göttinnen pausenlos | |
| verfügt wurden? | |
| Gut, man könnte sagen: Der junge Leser war eben noch nicht reif für die | |
| Akzeptanz jener Ambivalenz, die sich jedes Mal offenbarte, wenn der | |
| Göttervater kindisch wurde, die Göttin der Weisheit von kleinlicher | |
| Rachsucht getrieben war und selbst die mit Musik und Liebe assoziierten | |
| himmlischen Wesen zu Furien wurden. | |
| Allerdings – und ich hoffe, dabei der überklugen Überinterpretation zu | |
| entgehen, beim Blick zurück auf jenen damaligen Leser – war es nicht | |
| irgendeine Enttäuschung über die Taten und Untaten von Zeus, Pallas Athene | |
| oder Hermes, welche die stärkste Empfindung provozierte. Eher die bange, | |
| freilich noch kaum in Worte zu fassende Entdeckung, dass all dies ja nicht | |
| vor Willkür zu schützen vermochte: weder heilige Haine und Tempel noch | |
| bukolische Landschaften, Anstand, Witz und Beliebtheit ebenso so wenig wie | |
| Klugheit oder Ruhm. | |
| ## Tschilpende Vögelchen | |
| Da es doch keinerlei Zwischenschaltungen, Instanzen oder | |
| Einspruchsmöglichkeiten gab gegen die unvorhersehbaren Götterlaunen, die | |
| als Belohnung oder Strafe, als Verhängnis und nicht zu hinterfragendes | |
| Schicksal herabsausten auf die Sterblichen – im Grunde steinern auch dann, | |
| wenn sie fallweise einmal gnädig zurückgenommen wurden und es den Mächtigen | |
| gefiel, die Ohnmächtigen stattdessen in tschilpende Vögelchen zu | |
| verwandeln. | |
| Eine reichlich überzogene, sauertöpfische, ja fast schon paranoide | |
| Betrachtungsweise? Nicht für einen, der schon als kleiner Junge wusste, | |
| dass der Polizist, der örtliche „Abschnittsbevollmächtigte“, der doch auf | |
| der Straße immer so unverfälscht freundlich grüßte, nur ein paar Jahre | |
| zuvor den Vater abgeholt hatte. Mit Handschellen und zu verfrachten in ein | |
| unscheinbar-unauffälliges Auto, das dann vom geruhsamen Kleinstädtchen | |
| Limbach-Oberfrohna in die nahegelegene Bezirksstadt Karl-Marx-Stadt fuhr, | |
| in das U-Haft-Gebäude auf dem Kaßberg. | |
| Und das, obwohl man doch im Familienhaus an der sanft abschüssigen, | |
| kopfsteingepflasterten und mit alten Bäumen bestandenen Reinholdstraße, | |
| bewohnt von den Urgroß-, Großeltern und Eltern, alles dafür tat, dass der | |
| Junge behütet aufwuchs und auch so wenig wie möglich mitbekam von den | |
| unregelmäßigen Besuchen der sogenannten „zuständigen Organe“ alias | |
| [2][Stasi]. | |
| ## Natürlich Westradio | |
| Dazu gab es in der weiträumigen Polsterei-Werkstatt hinter dem Garten, in | |
| dem sein Vater und der Großvater samt einem „Geselle“ genannten Arbeiter | |
| einvernehmlich werkelten, geradezu verwunschene Nischen, in denen sich | |
| Versteck spielen ließ: der alte dämmrige „Zupfraum“ etwa mit der längst | |
| obsolet gewordenen gusseisernen Maschine zum Zerhäckseln von Füllmaterial | |
| oder die Hohlräume zwischen den Stoffballen und den Schaumgummimatten. | |
| Lag man dort in wohligem Schauer, waren die Töne in der Werkstatt, die | |
| Geräusche von Schere, Hammer und Kreissäge, die Gespräche der Erwachsenen | |
| ebenso gedämpft zu hören wie die Stimme des Nachrichtensprechers im Radio. | |
| Natürlich „Westradio“, entweder Bayern 3 oder Rias Berlin. Und die Stimme | |
| dort sprach von einem Entführten namens [3][Aldo Moro], dessen Spur sich | |
| verloren habe, dessen Verbleib unbekannt sei, dessen Leiche schließlich | |
| gefunden wurde in einer Straße in der schönen großen Stadt Rom. Und nicht | |
| einmal dort, im sonnigen Süden des vorerst unerreichbaren Westens, schien | |
| es Sicherheit zu geben und Schutz. | |
| Jene Stadt Rom, über die der Junge, aufwachsend in einer Familie von | |
| [4][Zeugen Jehovas], doch während des Bibelstudiums in der zweimal | |
| wöchentlich in wechselnden Wohnzimmern stattfindenden „Versammlung“ schon | |
| Folgendes erfahren hatte: [5][Der Apostel Paulus] hatte einst dort gewirkt, | |
| war von den Autoritäten festgesetzt worden, behielt als römischer Bürger | |
| jedoch gewisse Rechte. | |
| Die Illustrationen in der in den Osten hineingeschmuggelten | |
| Zeugen-Zeitschrift Wachturm zeigten einen attraktiven Bärtigen in weißer | |
| Toga, der trotz Handschellen keineswegs verzweifelt wirkte und in einem | |
| antiken Großbürgerhaus – im Säulen-Hintergrund Pinien und Hügel – einem | |
| Schreiber etwas diktierte, womöglich ja eine Verteidigungsschrift. | |
| Was ebenfalls in Erinnerung bleibt: diese Verwunderung der | |
| Versammlungsteilnehmer, vor allem des Vaters und der Älteren, die | |
| „Mitbrüder“ genannt wurden, nahezu ein jeder von ihnen mit Hafterfahrung | |
| wegen Kriegsdienstverweigerung, unter Honecker, unter Ulbricht. Römischer | |
| Bürger, verbriefte Rechte! | |
| Die Erinnerung aber macht jetzt einen winzigen Sprung innerhalb der | |
| Kleinstadt – von der Reinholdstraße in ein Haus nahe der Kreuzung Straße | |
| des Friedens/Pestalozzistraße, etwas oberhalb des damals berühmten, da noch | |
| privat betriebenen Café Dittrich mit seinen leckeren Brötchen, Hörnchen und | |
| Törtchen. Dort lebte ein inzwischen hochbetagter „Mitbruder“, von dem jeder | |
| wusste, dass er das KZ Buchenwald überlebt hatte. | |
| Dass er Anfang der fünfziger Jahre wegen der gleichen | |
| Gewissensentscheidung, den Armeedienst zu verweigern, erneut verhaftet | |
| worden war. Dass er dabei lediglich um die Gnade gebeten hatte, sich kurz | |
| umziehen zu dürfen – und dass er danach auf die Straße trat, in der alten, | |
| von ihm bis dahin aufbewahrten KZ-Häftlingskleidung, jene mit dem auf den | |
| gestreiften Drillich aufgenähten lila Winkel der Zeugen Jehovas. | |
| Und das Kind, der Junge von damals? Träumte sich ja bereits in jenen Jahren | |
| weg, weit weg. Und nicht etwa in die schöne „Neue Welt“, deren Nahen die | |
| Zeitschrift der Sekte, die sich selbst als „die Organisation“ bezeichnete, | |
| verkündete – und zwar seit ihrer Gründung 1879 durch einen überreizten | |
| amerikanischen Ex-Pastor. Zuvor aber sollte das Strafgericht von Harmagedon | |
| die sündige „alte Welt“ auslöschen. | |
| Wobei es dem Jungen und – vorerst noch eine vage Vermutung, die sich erst | |
| ein paar Jahre später bestätigen wird – vielleicht ja sogar dessen Eltern | |
| eigentlich doch vollauf genügen würde, dass es keine Häuser mehr gab, die | |
| Unschuldigen ihren Schutz verweigerten und jene Städte und Straßen | |
| verschwanden, in denen keinerlei wache Öffentlichkeit existierte, auf deren | |
| Beistand Verlass gewesen wäre. | |
| ## Klandestine Zeugen | |
| Wenn also der Junge während der Versammlungen in der kompakten, | |
| ledergebundenen Dünndruckausgabe der „Neue Welt-Bibelübersetzung“ | |
| blätterte, die zuerst in Wiesbaden und späterhin in Selters im Taunus | |
| gedruckt und ebenfalls klandestin in den Osten gebracht wurde, direkt | |
| hierher auf diesen sächsischen Wohnzimmertisch, dann erwies sich beim | |
| Blättern zweierlei als nahezu magisch. Da war nämlich die in bunten | |
| Atlasfarben gezeichnete Karte auf den letzten beiden Seiten, die Orte wie | |
| Jerusalem und Damaskus, Paphos und Antiochia zeigte, Rhodos, Kos und Samos, | |
| Thessaloniki und Athen, Syrakus und Rom. | |
| Und dazu, quasi als konkrete Bestätigung, dass solche Städte nicht nur in | |
| biblischer Zeit und während der Missionsreisen des Paulus existierten, eine | |
| Seite zurück. Dort, ebenfalls auf Dünndruckpapier, das beim Berühren mit | |
| den Fingerkuppen ein leise zirpendes Geräusch machte, die Adresslisten der | |
| gegenwärtigen Orte, an denen die Zeugen Jehovas ihre Zweigbüros | |
| unterhielten. | |
| Was für Namen das Kind da lesen konnte! Brookylyn Heights/New York, Via | |
| della Bufalotta/Rom, Pensacola Street/Honolulu, Kent Road/Kowloon-Hongkong, | |
| Yun Ho Street/Taipei, Sukhumvit Road/Bangkok, Avenida 5, Guatemala-Stadt, | |
| Nahalat Binyamin/Tel Aviv, Rue du Point-du-Jour/ Boulougne-Billancourt. | |
| Und, ja – so viel stand fest –, alles würde er versuchen, um eines Tages an | |
| genau diesen Orten zu sein, um dort, und zwar jenseits der Sekte, Häuser | |
| und Menschen zu entdecken und sich in andere Biografien einwickeln zu | |
| lassen. Wobei, so frühreif war der Knabe dann schließlich doch nicht, die | |
| erotische Komponente, die aus all dem folgen würde, damals noch kaum | |
| imaginiert war. | |
| Fest stand damals aber vorerst nur: Der Junge sehnte sich mitnichten | |
| danach, später einmal die weltweit verstreuten Zweigstellen der Zeugen | |
| Jehovas zu besuchen. Da er jedoch unter der religiösen Rigidität auch nicht | |
| wirklich litt, sondern diese eher ignorierte, wurden ihm die antiken | |
| Lektüre-Orte der Mythen und Sagen auch keineswegs zur erträumten | |
| Alternative, musste er sie, anders als viele vor ihm, die geradezu | |
| traumatisiert waren von protestantischer Strenge und katholischen | |
| Obskurantismus, auch nicht forciert idealisieren als Hort eines | |
| vermeintlich beständig heiteren polytheistischen Treibens und Hallodris. | |
| Da der dortige Götter-Kosmos zwar von Gestalten bevölkert war, die weniger | |
| moralisierend wirkten als der Bibel-Gott Jehova, doch in ihren | |
| unvorhersehbaren Launen fast noch mehr Schrecken verbreiteten. Deshalb: | |
| Orte ohne das Gefühl, irgendwelchen „denen da oben“ schutzlos ausgeliefert | |
| zu sein, dorthin müsste man gelangen … | |
| ## Von Limbach-Oberfrohna nach Rochlitz | |
| Just solche Orte aber existierten selbst im beschaulichen | |
| Limbach-Oberfrohna nicht, und noch weniger gab es sie dann im Jahr 1988 in | |
| der sächsischen Kreisstadt Rochlitz, in welcher der zum jungen Erwachsenen | |
| und ebenfalls Kriegsdiensttotalverweigerer gewordene Junge vor den | |
| sogenannten „zuständigen Organen“ zu erscheinen hatte. Da gab es Angst und | |
| Zwang, doch immerhin war die Entscheidung, den DDR-Armeedienst zu | |
| verweigern, seine ureigene – ohne jeden Druck vonseiten der Eltern, die | |
| sich inzwischen ebenfalls längst aus der „Organisation“ zurückgezogen | |
| hatten. | |
| Blieb die Frage nach dem Verhältnis von innerer Freiheit und äußerer | |
| Macht-Ammaßung. Gewiss, Erstere erwies sich als reichlich robuste Hilfe – | |
| die Genossen der Abteilung Inneres und der Staatssicherheit, die da in | |
| ihren grauen Präsent-40-Anzügen und mit ihren klobigen, uringelb gerahmten | |
| Brillen Schicksalsgötter spielten und abwechselnd mahnten, drohten und | |
| brüllten, sie blieben im Auge des „Vorgeladenen“ ja ganz und gar | |
| lächerliche Männlein. | |
| Und dennoch. Wenn in diesen überheizten und nach Zigarettenrauch riechenden | |
| Räumen die Drohung fiel, nicht jede Tür hier führe wieder hinaus auf die | |
| Straße, dann verwandelte sich danach, obwohl ja – anscheinend und für | |
| dieses Mal – „alles noch gut ausgegangen“ war, auch eine solche Straße u… | |
| erhielt eine veränderte Gestalt, ja Missgestalt; endgültig. | |
| Und Rom? Auch dort hatte ja selbst der Status als römischer Bürger Paulus | |
| nicht vor der Hinrichtung bewahrt; die gewährte „Gnade“ bestand allein | |
| daran, ihn nicht zu kreuzigen, sondern zu enthaupten. Und Ovid? Knapp sechs | |
| Jahrzehnte zuvor hatte ihn auf der Insel Elba die Entscheidung Kaiser | |
| Augustus' ereilt, dass er nicht in die Hauptstadt zurückkehren dürfe, | |
| sondern sich ins Zwangsexil ins abgelegene Tomi am Schwarzen Meer zu | |
| begeben habe. Immerhin: keine Exekution des aus bis heute ungeklärten | |
| Gründen plötzlich zur Unperson gewordenen Dichters. | |
| An anderen Orten zu jener Zeit wäre er gewiss sofort ums Leben gebracht | |
| worden. Wie auch zu anderen Zeiten in jenem Tomi, das, inzwischen unter dem | |
| Namen Constanta, im zwanzigsten Jahrhundert nachfolgend unter dem | |
| mörderischen Terror-Regiment der Antonescu-Faschisten, des | |
| Hardcore-Stalinisten Gheorghui-Dej sowie des nerohaft größenwahnsinnigen | |
| Conducator Ceaușescu stand. | |
| Und gewiss mehr als nur eine Fußnote, sondern, wie fragil und unruhig | |
| flackernd auch immer, Aufschein hellerer Möglichkeiten, dass sich Ovid | |
| später schriftlich beklagen konnte, dass seine Verbannung doch weder durch | |
| ein Gerichtsverfahren noch durch einen Senatsbeschluss eine rechtliche | |
| Grundlage erhalten hatte. | |
| Auf so eine Idee musste man erst einmal kommen, solch eine Idee musste erst | |
| einmal in die Welt gekommen sein. Eine Welt, aus der sie freilich immer | |
| wieder entschwindet – und zwar bis heute, denn natürlich werden sich die | |
| Opfer eines Putin und eines Xi auf keinerlei Verfassungsgesetzlichkeit | |
| berufen können, und selbst in den gegenwärtigen, den Trump'schen USA | |
| erfolgt auf derartige Ansinnen immer häufiger das höhnische So what der | |
| Macht. | |
| ## Via Michelangelo Caetani | |
| Der Junge von damals aber, um hiermit ein letztes Mal zu ihm | |
| zurückzukehren, hatte weder den Namen der römischen Straße vergessen, in | |
| welcher der Leichnam des ermordeten Aldo Moro schließlich aufgefunden wurde | |
| – Via Michelangelo Caetani –, noch jene, die Jahrtausende zuvor von | |
| anderen, die sich ebenfalls anheischig machten, Schicksal zu spielen, um | |
| ihre irdische Gestalt gebracht wurden. | |
| Dass einige von ihnen verwandelt wurden, um sie vor der Rache | |
| konkurrierender Götter zu schützen, unterlief dabei nicht etwa das Prinzip | |
| Willkür, sondern verstärkte es. Lycaon, von Jupiter in einen Wolf | |
| verwandelt, weil er dessen Göttlichkeit angezweifelt hatte. Minyastöchter | |
| zu Fledermäusen gemacht, da sie sich dem Bacchuskult verweigerten. | |
| Ocyroe als Strafe für ihre Prophezeiungen zu einer Stute transformiert, | |
| Callisto nach der Vergewaltigung durch Zeus von dessen Gattin Hera – die ja | |
| eigentlich als Göttin der Frauen fungierte – in eine Bärin verwandelt. | |
| Actaion, der die Göttin Diana/Artemis ungewollt beim Baden überraschte und | |
| sie nackt sah, von ebendieser zu einem Hirsch gemacht, den daraufhin seine | |
| eigenen Jagdhunde zerfleischen. Undsoweiterundsofort. | |
| Dass jedoch bereits das alte Griechenland nicht im Bann all dieser Mythen | |
| verharrt war, sondern Olymp, Hainen und Tempeln so etwas wie Polis und | |
| Agora entgegengestellt hatte, Sokrates' Insistieren auf der Notwendigkeit | |
| des Nachfragens, Rationalität und Skepsis, Institutionen und | |
| Machtbegrenzung, kurz: immens wichtige Grundelemente der Demokratie – so | |
| etwas konnte selbst das Geschichtslehrbuch in der DDR-Schule nicht gänzlich | |
| verschweigen. | |
| Und als ich dann – ein paar Jahre nach der Ausreise im Mai 1989 – in Paris | |
| ankam, öffnete mir André Glucksmann den Blick auf das Gegenwartsrelevante | |
| eines spätantiken Denkens, das lehrte, mit dem Schlimmsten immer zu | |
| rechnen. Nicht zufällig drehte sich dann bei unser letzten Begegnung im | |
| Sommer 2009 das Gespräch um jenes Buch, das Glucksmann noch vollenden | |
| konnte: Eine Gegenüberstellung des auf gedanklicher Klarheit und | |
| Flexibilität rekurrierenden Sokrates mit Martin Heidegger, dem wortreichen | |
| Rauner einer kruden „Eigentlichkeit“, dem völkischen Kult des Bodens und | |
| der „Wurzeln“. | |
| Bereits 1979 hatte mit "Le Testament de Dieu" Glucksmanns elf Jahre | |
| jüngerer Mitstreiter Bernard-Henri Lévy ein Buch geschrieben, das neben | |
| Athen auch Jerusalem in den Blick nahm als ersten Impulsgeber für den | |
| Menschheitskampf gegen Gewalt und Despotie. | |
| War der Gott, der sich von den Zehn Geboten quasi vertraglich fesseln ließ, | |
| der von Abraham vor der Zerstörung von Sodom und Gomorrha in eine Art | |
| Handel verstrickt wurde, der im letzten Moment der Opferung Isaaks Einhalt | |
| gebot, der von Hiob ob dessen grausamen Geschick just als der letztlich | |
| ungerechte Gott, der er war, anklagt wurde – konnte solch eine Götterfigur | |
| und die Gemeinschaft der an sie Glaubenden, fragte Bernard-Henri Lévy, | |
| nicht viel präziser in humane Pflicht genommen werden als der arbiträr | |
| handelnde und nur vermeintlich „heitere Götterolymp“ der Antike? | |
| War es deshalb nicht folgerichtig, und auch das wurde von ihm schon damals | |
| hellsichtig analysiert, dass sich eine Neue Rechte, hierbei in der | |
| Tradition der nazistischen Verächter eines sogenannten | |
| „Judäo-Christianismus“, ein militantes Neo-Heidentum auf die Fahnen | |
| geschrieben hatte, ein erneutes Gewusel von Herrschenden und Beherrschten, | |
| zusammengehalten von der Heiligsprechung eines „autochthon-authentischen | |
| Bodens“? | |
| Auch Franz Kafkas getreuer Freund Max Brod, einer der ganz frühen | |
| Mitglieder [6][unseres PEN-Zentrums], hatte über die fatale | |
| Anschlussfähigkeit eines solchen Heidentums für gegenwärtige | |
| Freiheitsfeindschaft geschrieben. „Alle hier und jetzt sich durchsetzenden | |
| Triebe und Kräfte werden heiliggesprochen: nur wird abwechselnd dem | |
| Machttrieb des Einzelnen oder dem kollektiven Machttrieb des Staates der | |
| Vorzug gegeben – einen prinzipiellen Unterschied begründet das nicht. | |
| Die Tugenden des Heidentums sind: kriegerischer Sinn, Aristokratismus, | |
| Gesundheit, Kraft, Wagemut, Überleben der Tüchtigsten, Herrenmoral. Seine | |
| Gemeinschaft ist auf Dienen und Gehorchen ausgerichtet, auf Heldentum und | |
| Gefolgschaft, auf 'Führerschaft' und 'Treue' der Untertanen.“ | |
| Brod beschrieb dies als „pantheistischen Dusel“, misstraute jedoch auch dem | |
| Erbsünde-Denken eines Christentums, das entweder alles Heil ins | |
| Außerweltliche verlagerte oder sich in pathetischer „Brüderlichkeit“ | |
| erging, die kaum je nach konkreten Machtstrukturen (und deren möglicher | |
| Einhegung) fragte. | |
| Sein Verständnis eines modernen Judentums und nicht zuletzt auch eines | |
| liberalen Zionismus war deshalb genau dieses: Wertschätzung der uns | |
| gegebenen Welt, Skrupel und Wehrhaftigkeit und statt dem Prinzip Schuld – | |
| oder lärmend selbsterklärter Schuldlosigkeit – der Versuch eines Lebens in | |
| Verantwortlichkeit und in einer Daseinsdankbarkeit, welche die Reflexion | |
| über ein „Danach“ ja keineswegs ausschließt. | |
| Max Brod hatte dies übrigens bereits 1921 veröffentlicht, mit gerade einmal | |
| 37 Jahren und lange vor jenem Märztag 1939, als er und und seine Frau Elsa | |
| zusammen mit Felix Weltsch den letzten freien Flüchtlingszug erreichten, | |
| ehe Wehrmacht und SS in ihre Heimatstadt Prag einfielen. | |
| ## Ben-Yehuda-Straße 9 | |
| Etwa sieben Jahrzehnte später entdeckte ich Max Brods zweibändiges | |
| "Heidentum, Christentum, Judentum. Ein Bekenntnisbuch", erschienen 1921 im | |
| [7][Kurt Wolff Verlag] München, ein wenig stockfleckig geworden, mit dem | |
| vertrauenserweckenden Geruch alten Papiers und dem fortdauernden Aroma der | |
| Freiheitsfreundschaft, in der legendären Buchhandlung Landsberger in Tel | |
| Aviv, Ben-Yehuda-Straße 9. Ganz in der Nähe, in einem noch heute fast | |
| idyllisch anmutenden Häuschen in der HaYarden-Straße 16, hatte Max Brod bis | |
| zu seinem Tod 1968 gelebt. Und seit nunmehr Jahrzehnten kein Strandgang, | |
| der mich nicht durch diese Straße führen würde in dieser längst zu einer | |
| Art Heimat gewordenen Stadt. | |
| Eine friedliche Wohnstatt, wie man sie auch dem exilierten Publius Ovidius | |
| Naso gewünscht hätte, dessen Tomi am Schwarzen Meer allerdings wohl nicht | |
| nur in [8][Christoph Ransmayrs genialem Roman "Die letzte Welt"] eine Art | |
| Nicht-Ort war am Rande des Imperiums, unwirtlich und bedroht von allerlei | |
| Formen der Barbarei. | |
| Viele Tel-Aviv-Sommer wohnte ich, ehe es zu einem teuren Boutique-Hotel | |
| samt üblichem sustainable-Blabla umgemodelt wurde, in einem wie | |
| verwunschenen Absteige-Hotel in der Nahalat Binyamin – und das | |
| ausgerechnet, so etwas lässt sich nur finden, nicht erfinden, vis-à-vis der | |
| örtlichen Zentrale der Zeugen Jehovas. | |
| Der Junge von einst, auf einem der maroden Balkonstühle balancierend, | |
| Duschhandtuch um die Hüften, da selbst nach Mitternacht die Temperatur kaum | |
| gesunken war, zerdrückt im Aschenbecher die Zigarette und grüßt mit vager | |
| Geste zum verdunkelten Haus gegenüber, und zwar keineswegs im Triumph, eher | |
| schon im ewigen Verwundertsein über das Verrinnen der Zeit und deren | |
| Mysterien. Die Absteige war ironischerweise nach dem eigenwilligen | |
| Theoretiker Max Nordau benannt, der Anfang des zwanzigsten Jahrhundert von | |
| der Metamorphose des sogenannten „Nervenjuden“ in einen „Muskeljuden“ | |
| träumte. | |
| Das natürlich gerade da bezirzende Synthesen möglich sind – auch davon | |
| erzählt dann die Hommage mit dem bewusst mediterran-barocken Hybrid-Titel | |
| "Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt". Also | |
| schließlich auf doppelte Weise angekommen – in der seit je her erträumten | |
| Stadt im Süden und, was jedoch eher bedenklich wäre, auch im Selbstzitat, | |
| in öffentlicher Rede vorgetragenem Bezug auf das bisherige Werk? | |
| ## Innere und äußere Bedrohungen | |
| Doch gab und gibt es ausgerechnet in Tel Aviv jene nicht-strangulierende | |
| Sicherheit, jenen Schutz vor Willkür, den der Junge von einst in | |
| nordöstlicher Nicht-Heimat ebenso vermisst hatte wie bei der Lektüre von | |
| Ovids "Metamorphosen"? In jener 1909 aus Sanddünen entstandenen Stadt am | |
| Mittelmeer, an deren Strand in den siebziger Jahren mordende PLO-Kommandos | |
| gelandet waren und in deren Straßen, Cafés und Kindergärten in den | |
| Neunzigern sogleich nach dem Osloer Friedensprozess die Hamas eine Blutspur | |
| gezogen hatte, eine Stadt, in der quasi jeder einen der am [9][7. Oktober | |
| 2023] im Süden des Landes Dahingeschlachteten oder Entführten kennt und in | |
| der bis zum heutigen Tag Drohnen der jemenitischen Huthi-Extremisten eine | |
| tödliche Bedrohung darstellen? | |
| Und, als wäre es nicht genug: Auch der inneren Gefahr, dem Versuch der in | |
| Teilen rechtsextremen Netanjahu-Regierung, Israel in eine illiberale | |
| Demokratie im Sinne Orbáns oder Trumps zu verwandeln, müssen die Tel | |
| Avivniks widerstehen – was sie im Übrigen auch tun, zu Hunderttausenden | |
| protestierend auf den Straßen der Stadt. Hatten, gehen wir ein letztes Mal | |
| so weit zurück, nicht bereits die biblischen Propheten von Jeremia und | |
| Jesaja bis Amos, Micha und Obadja just dieses Mindset verantwortlicher | |
| Erwachsener gehabt, also zuvorderst die vermeintlich „eigenen Leute“ | |
| kritisierend, die autoritären Priester und Könige, das Unrecht intro muros? | |
| Waren sie darin nicht auch den Schriftstellern im gegenwärtigen Israel | |
| ähnlich, den älteren und Jüngeren, dazu den Dissidenten | |
| mittelosteuropäischer Herkunft, denen ich rund um die Welt und | |
| glücklicherweise begegnen durfte, über die Jahre und Jahrzehnte hinweg? All | |
| diese klugen Alten und die gewitzten Jüngeren – und was für ein Privileg, | |
| was für eine fortgesetzt wunderbare Herausforderung, in Erzählungen und | |
| Essays ein bisschen ihr Chronist sein zu dürfen! | |
| ## Nach dem 7. Oktober | |
| So harmonisch könnte es schließlich enden – und wäre doch falsch. Nicht | |
| zuletzt hier in Frankfurt, wo, wie auch anderswo weltweit, an der | |
| Universität ein aktivistisch judenfeindlicher Mob grölend in | |
| „Antizionismus“ macht – und dabei vom humanen Grundgedanken jenes Zionism… | |
| ebenso wenig weiß wie von den mannigfaltigen Ursachen der Tragödie der | |
| Palästinenser, für welche man doch angeblich „pro“ ist, im Israel | |
| eliminierenden „from the river to the sea“. | |
| Als ich letztes Jahr aus meinem Buch über die Nachwirkungen des 7. Oktober | |
| las, fand das statt in einem Campusgebäude am Theodor-Adorno-Platz. Jedoch | |
| in einem Vorlesungssaal, der zuvor öffentlich nicht genannt worden war, zu | |
| dem keine Plakate hinführten, vor dem – ebenfalls um Nicht-Erkennbarkeit | |
| bemüht – zwei Leute vom Sicherheitspersonal der Jüdischen Gemeinde standen, | |
| um denen, die sich zuvor online angemeldet hatten, nach Prüfung ihrer | |
| Personalien Einlass zu gewähren. | |
| Wie sie da alle fast in den Raum hineinschlichen, um low profile bemüht … | |
| Realität im Deutschland unserer Zeit, ebenso wie – an anderen, ebenfalls | |
| zahlreichen Orten – die zusätzliche Angst, nicht nur von Islamisten und | |
| deren sich als links verstehenden Kollaborateuren angegriffen zu werden, | |
| sondern von Nazis und deren Anhang. Dazu die schändlichen Metamorphosen des | |
| Diskurses: abgewiegelt und relativiert und zu „Einzelfällen“ erklärt wird | |
| vor allem das, was das angebliche „eigene Lager“ betrifft. | |
| Und so kann es geschehen, dass an ebendieser ehrwürdigen Frankfurter | |
| Universität ein Forschungszentrum zum Islamismus einfach abgewickelt wird – | |
| und die Kritik daran infam denunziert als „Kulturkampf-Rhetorik“. | |
| Gegenwärtige Verwandlungen, von denen gleichfalls zu reden wäre: Wann zum | |
| Beispiel wird ein Islamkritiker zum geifernden Rassisten – und ein | |
| Anti-Rassist zum Relativierer oder gar Rechtfertiger des Islamismus? Wann | |
| wird offener Dialog von offenem Hass gekapert – oder derart bigott | |
| kanalisiert, dass von der souveränen Grundintention nichts mehr übrig | |
| bleibt? Wann verwandelt sich gebotene Wachsamkeit in frei vagabundierendes | |
| Ressentiment – und legitime Besorgnis um Zivilität in schranzenhafte | |
| Zensurversuche? | |
| All das liegt in unseren Händen. Oder anders gesagt: im Zusammenspiel von | |
| Herz und Hirn. Folgt man, jenseits dieser Metaphern, den plausiblen | |
| Erkenntnissen der Neurowissenschaftler, wird zwar deutlich, dass auch hier | |
| Prägungen, Prädispositionen und dergleichen eine immens wichtige Rolle | |
| spielen, die unserem Selbstbild als vollkommen autonome Wesen so einige | |
| Dellen verabreicht. | |
| Aber auch das ist gut so: Zeigt es doch noch im Hinweis auf unsere | |
| Limitiertheit Wege ins Offene – [10][ohne die Pranken von Göttern und, so | |
| gut als möglich, ohne die Fallstricke von Eindeutigkeits-Ideologien.] | |
| ## Philemon und Baucis | |
| Bleibt jetzt am Schluss nur noch an die ohnehin größte und schönste aller | |
| Verwandlungen zu erinnern: an die Liebe und wie sie uns im Zusammenspiel | |
| mit einem geliebten Menschen partiell zu einem anderen macht. Ob später | |
| daraus, wie bei Philemon und Baucis, zwei ineinander verschlungene Bäume | |
| daraus werden, können wir nicht wissen, und eigentlich betrifft es uns auch | |
| nicht. | |
| Ohnehin kann davon, in Annäherungen und auf dankbar-vorsichtige Weise, um | |
| ja auch nur nichts zu beschreien, nur in den Büchern erzählt werden. Jedoch | |
| nicht in einer Rede, die hiermit nun endlich zu ihrem Ende kommt. | |
| Ich danke einer meiner geistigen Heimat, dem PEN-Zentrum deutschsprachiger | |
| Autoren im Ausland, für die Zuerkennung des Ovid-Preises, der mir sehr viel | |
| bedeutet. Ich danke dem Maler Hans-Hendrik Grimmling, der mir zum Preis | |
| eines seiner unverwechselbaren – auf originäre Weise inspirierenden und | |
| verstörenden – Bilder als Geschenk überreicht hat. | |
| Ich danke Frau Dr. Sylvia Asmus und dem Team des Exilarchivs der Deutschen | |
| Nationalbibliothek für ihr Engagement und die liebevolle Organisation der | |
| Veranstaltung. Und ich danke meinem Kollegenfreund Michael Kleeberg für die | |
| berührende Laudatio. | |
| 23 Oct 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Klassische-Bildung-der-neue-Trend/!203272/ | |
| [2] /Spionage-Jugendroman/!6118467 | |
| [3] /Kommentar-Aufklaerung-Aldo-Moro-Mord/!5017568 | |
| [4] /Jehova-revisited/!576810/ | |
| [5] https://jungle.world/artikel/2005/17/die-rebellen-des-als-ob | |
| [6] https://exilpen.org/ | |
| [7] /taz-Talk-zur-Lesekrise-im-Buchmarkt/!vn6109807/ | |
| [8] /Neuerer-Held-des-aelteren-Erzaehlens/!1485501/ | |
| [9] /7-Oktober-Ueberlebender-im-Gespraech/!6115263 | |
| [10] /Versoehnung-in-Israel-und-Palaestina/!6117496 | |
| ## AUTOREN | |
| Marko Martin | |
| ## TAGS | |
| Zeugen Jehovas | |
| Preisverleihung | |
| Literatur | |
| DDR | |
| wochentaz | |
| DDR | |
| Sacharow-Preis | |
| Russische Literatur | |
| Lyrik | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Marko Martin über Europas Osten: „Unser Friedensbegriff ist verwässert“ | |
| Osteuropa kann uns viel lehren, sagt der Schriftsteller Marko Martin. Über | |
| echten Frieden und über Resilienz gegenüber totalitären Bedrohungen. | |
| Erinnerungskultur zur DDR im Wandel: „Die einseitige Erzählung war lange die… | |
| Wie Popkultur hilft, 1989 vielfältiger zu erzählen. Die Historikerin Anna | |
| Lux über Erinnerung, Utopieverluste und das eine Bild des Ostens. | |
| Sacharow-Preis: EU ehrt inhaftierte Journalisten aus Georgien und Belarus | |
| Das EU-Parlament hat den Sacharow-Menschenrechtspreis an die | |
| Journalist:innen Msia Amaghlobeli und Andrzej Poczobut vergeben. Beide | |
| sitzen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. | |
| Leipziger Buchpreis an Maria Stepanova: Die Stimme des anderen Russlands | |
| Nach Corona findet die Leipziger Buchmesse wieder statt. Die russische | |
| Schriftstellerin Maria Stepanova erhält den Buchpreis zur Europäischen | |
| Verständigung. | |
| Lyriker Nico Bleutge: Der Klang der Ränder | |
| Als wäre man selbst ein Kind, das die Welt entdeckt: Nico Bleutges | |
| Gedichtband „schlafbaum-variationen“ spannt einen Bogen von der Geburt bis | |
| zum Tod. |