| # taz.de -- Ärztliche Versorgung auf dem Land: Der Mann, der Sachsen verarztet | |
| > Seit Jahrzehnten kümmert sich Gottfried Hanzl um seine Patient:innen | |
| > in Oderwitz. Der 74-Jährige will und kann nicht aufhören. Ein Ortsbesuch. | |
| Oderwitz taz | [1][Gottfried Hanzl] will gerade zur Tür raus, da ruft die | |
| Frau des Patienten ihm hinterher: „Doktor? Können Sie mich noch mal am | |
| Nacken knacken?“ Hanzl dreht sich um, nickt und sagt „Nu!“. „Nu!“ ist | |
| Sächsisch für „Ja!“ und Hanzl, Landarzt in Oderwitz in der Oberlausitz, | |
| sagt „Nu!“ sehr oft. Während er den Nacken der Frau knackt, fragt der | |
| eigentliche Patient, Herr Baum*, vom Sofa herüber: „Haben Sie Hoffnung, was | |
| mich angeht?“ „Nu!“, sagt Hanzl, diesmal mit besonderem Nachdruck. | |
| Herr Baum ist an diesem Donnerstagmittag Anfang Juni Hanzls vierter | |
| Hausbesuch. Die beiden kennen sich seit fünfzig Jahren, das erste Mal | |
| trafen sie aufeinander, als Herr Baum im Heizkraftwerk in den Bunker | |
| gefallen war. „Da hab ich mir einiges zugezogen“, erzählt der 86-Jährige, | |
| während Hanzl ein paar Minuten zuvor seinen Blutdruck misst. Heute hat er | |
| es mit Schmerzen zu tun, die das Alter mit sich bringen. Hanzl klebt ihm | |
| deswegen ein schmerzlinderndes Pflaster auf den Oberarm, das wirkt über | |
| mehrere Tage, am Magen vorbei. | |
| „Haben Sie denn jetzt gegessen?“, fragt Hanzl. Essen ist schwierig, Laufen | |
| noch schwieriger, berichtet der Patient. „Einmal die Zunge zeigen.“ Hanzl | |
| verordnet eine Infusionsserie, morgen komme Schwester Renate vorbei, oder | |
| „die Evi“. „Die kontrollieren dann auch, ob Sie Nebenwirkungen vom Pflast… | |
| haben, ob Sie plötzlich bunte Bäume sehen oder ganz hippiemäßig werden.“ | |
| Hanzl kniet am Couchtisch, tippt parallel ein paar Dinge in seinen Laptop. | |
| Am Montag will er selber noch mal wiederkommen. | |
| „Der Hanzl kennt unsere gesamte Krankheitsgeschichte, von der ganzen | |
| Familie“, sagt Herr Baum. Es sei „ganz wichtig, gaaaaanz wichtig“, dass d… | |
| Arzt bei ihnen zu Hause vorbeikomme, er und seine Frau seien ja nicht mehr | |
| mobil und die Kinder woanders. Eigentlich möchte er schon seit einer Weile | |
| zum Augenarzt, „aber das mach ich jetzt halt nicht.“ Termine gäbe es | |
| frühestens in einem halben Jahr und er komme da ja auch gar nicht hin. | |
| Zumindest würden die Schmerzen jetzt weniger, sagt Hanzl und geht nun | |
| wirklich Richtung Haustür. „Herr Doktor, wir bedanken uns recht herzlich!“, | |
| ruft Frau Baum. „Doktor! Danke!“, sagt ihr Mann. „Nu!“, antwortet Gottf… | |
| Hanzl. | |
| Zurück im Wagen legt Hanzl den Rückwärtsgang ein, im Radio singt | |
| Schlagersängerin Trude Herr leise „Frau von Format“. Keine Stunde waren der | |
| Arzt und Schwester Jona unterwegs, sie haben Verbände gewechselt, | |
| Atemgeräusche abgehört, Blut abgenommen, Rezepte ausgestellt und | |
| Folgetermine vereinbart. Rein ins Haus, Patient:in begutachten, zurück | |
| ins Auto, Blick aufs Klemmbrett, weiter. Ausnahmslos alle Haustüren waren | |
| nur angelehnt heute, die Bewohner:innen sind Menschen im hohen Alter, | |
| denen schon ein paar Schritte durch den eigenen Flur Mühe bereiten. Den Weg | |
| in die Praxis auf sich nehmen, dort auf unbestimmte Zeit im Wartezimmer | |
| rumsitzen – undenkbar. Dass es Dr. Hanzl gibt, ist für sie ein großes | |
| Glück. | |
| Bundesweit herrscht auf dem Land [2][Ärztemangel]. In Sachsen sind fast 400 | |
| Stellen momentan unbesetzt – vor zehn Jahren waren es nur knapp 200. Ein | |
| Drittel der Menschen im Freistaat sind medizinisch unterversorgt. Fragt man | |
| die Leute in der Region um Oderwitz, was sich in ihrem Alltag zum Negativen | |
| entwickelt, dann hört man immer wieder: Niemand da, der den so vertrauten | |
| und sich nun im Ruhestand befindenden Hausarzt ersetzen möchte. Weite Wege, | |
| lange Wartezeiten. Und von Spezialpraxen will man gar nicht erst anfangen: | |
| 40 Kilometer nach Bautzen zum HNO fahren? Das kommt vor. | |
| [3][Laut einer Umfrage] aus dem Herbst vergangenen Jahres halten die | |
| Menschen in Sachsen die medizinische Grundversorgung für eines der | |
| drängendsten politischen Themen. In der Region Löbau-Zittau, wo sich Hanzls | |
| Praxis befindet, fehlen ganz konkret gerade mehr als ein Dutzend Hausärzte, | |
| etwas weniger als die Hälfte der noch Praktizierenden sind über 60. Hanzl, | |
| 74 Jahre alt, ist der wahrscheinlich älteste von ihnen. Ob er demnächst mal | |
| in Rente gehen wolle, ist eine der wenigen Fragen, die Hanzl nicht mit | |
| „Nu!“ beantwortet, sondern mit einem lang gezogenen „Nööööö!“. Das… | |
| nicht aufhören will, trifft sich gut mit der Tatsache, dass er gar nicht | |
| aufhören kann. Auch er findet niemanden, der die Praxis übernehmen will. | |
| Aber alles halb so wild, er trete ja längst kürzer, mache nur noch 30 | |
| Stunden in der Woche und freitags um 15 Uhr Feierabend. | |
| Dass das womöglich nicht ganz stimmt, verrät Schwester Jonas Blick auf dem | |
| Beifahrersitz, und auch Hanzl gibt zu: „Es gibt Menschen, die behaupten, | |
| ich mache mehr. Aber offiziell ist das so, wie ich gesagt habe.“ Während er | |
| erzählt, klingelt sein Handy. Der Mann einer Patientin fragt nach einem | |
| kurzfristigen Termin. „Übermorgen, am Samstag, um halb zehn soll sie | |
| kommen“, sagt Hanzl. Da sei Spezialsprechstunde, für alle, die zu weit weg | |
| wohnen oder viel arbeiten müssen. | |
| Der Landarzt kümmert sich darum, dass für seine 2.800 Patient:innen | |
| versorgungstechnisch alles recht komfortabel bleibt – und das seit mehr als | |
| 30 Jahren. Ende der Achtziger errichtete er sein Ambulatorium quasi | |
| eigenhändig, fungierte als Bauleiter, Materialbeschaffer und Logistikchef. | |
| Die Gemeinde und einige Betriebe in Oderwitz finanzierten den Umbau der | |
| damals leer stehenden Baracke an der Scheringer Straße. Heute ist das | |
| Ambulatorium 200 Quadratmeter groß und beheimatet noch eine Logopädie und | |
| einen Mobilen Pflegedienst. Ungefähr ein Dutzend Ärzt:innen hat er in den | |
| vergangenen Jahrzehnten dort ausgebildet, täglich werden über die Schwelle | |
| seiner Praxis Neugeborene im Kinderwagen und Greise im Rollstuhl geschoben, | |
| alle dazwischen betreut Hanzl auch – oder sucht sie gleich in ihren eigenen | |
| Wohnzimmern auf. | |
| Für den groß gewachsenen, jünger als Mitte 70 wirkenden Hanzl sind | |
| Hausbesuche einer der Grundpfeiler seiner Arbeit. Während kaum noch | |
| Ärzt:innen Kapazitäten dafür haben, beobachtet Hanzl, dass der Bedarf | |
| eigentlich größer wird. Immer mehr Alten fehlt es an Angehörigen in | |
| direkter Umgebung, deren Kinder gründen ihre eigenen Familien in den großen | |
| Städten. Keiner da, der die betagten Eltern in die Praxis begleitet. Hanzl | |
| teilt seine Hausbesuche auf in chronisch und akut. Es gibt Patient:innen, | |
| die besucht er alle zwei, vier oder sechs Wochen. „Da macht man sich ’nen | |
| Schlachtplan.“ | |
| Akut sind heute ein Herr, der über Schwindel klagt und eine Frau, die | |
| gerade eine Hüft-OP hinter sich hat. All seine auszubildenden Ärzt:innen | |
| bekommen die Hausbesuche „in die Wiege gelegt“, den meisten mache der | |
| kleine Roadtrip durch die Umgebung Freude. Nicht zuletzt wohl auch wegen | |
| der Dankbarkeit, die einem da als Arzt entgegenschlage. Denn die | |
| Hausbesuchten rund um Oderwitz sind sich ihres Privilegs bewusst. All | |
| seinen auszubildenden Ärzt:innen lege er nahe, sich irgendwo in der | |
| Region eine Anstellung zu suchen. Gottfried Hanzl, jahrelanger | |
| Hausärzte-Sprecher und gewählter Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung | |
| Sachsens in der Region, sorge dann auch dafür, dass sie eine Stelle | |
| bekommen. Aber niederlassen will sich eben kaum jemand auf dem Land. | |
| Die Politik, findet er, habe genug getan, um gegenzusteuern. So werden seit | |
| dem Wintersemester 2022/23 6,5 Prozent der Medizinstudienplätze in Sachsen | |
| an angehende Hausärzt:innen vergeben, die auf dem Land praktizieren | |
| wollen. Dazu gibt es das [4][Sächsische Hausarztstipendium] vom | |
| Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, das sich an | |
| Medizinstudent:innen im ersten Semester richtet. Wenn sich die Studis | |
| bereit erklären, ihre jährlichen Hospitationen in sächsischen | |
| Hausarztpraxen zu absolvieren und im Anschluss sechs Jahre auf dem Land | |
| praktizieren, bekommen sie für die Dauer ihres Studiums monatlich 1.000 | |
| Euro. | |
| Wer in unterversorgten Gebieten eine Praxis neueröffnet oder übernimmt, | |
| kann außerdem bis zu 100.000 Euro Förderung beantragen. Weitere geplante | |
| Maßnahmen, die sich in den Wahlprogrammen der Parteien vor der | |
| [5][Landtagswahl am 1. September] wiederfinden: die Einrichtung von | |
| „Niederlassungsfahrschulen“, in denen Hausärzt:innen dabei geholfen | |
| wird, eine eigene Praxis zu gründen, Stärkung kommunaler | |
| Gesundheitszentren, leichterer Zugang zum Studium sowie mehr Telemedizin. | |
| Aber Hanzl, der vier Mal im Semester als Dozent für Allgemeinmedizin an der | |
| TU Dresden arbeitet, beobachtet eben auch, dass die jungen Leute glauben, | |
| „das schönste Leben ist in der Großstadt.“ Weil man da jeden Abend in die | |
| Oper könne. Und die Jungen generell ja so viel Wert legten auf ihre | |
| Freizeitgestaltung. „Die wollen alle eine Work-Life-Crisis …?“ „Balance… | |
| Balance!“, sagt er und lacht. Er sitzt jetzt im Pausenraum, das Knie an die | |
| Brust rangezogen. Kurz verschnaufen, bevor es gleich im Behandlungszimmer | |
| weitergeht. An der Pinnwand hinter ihm hängt der Essensplan für diese | |
| Woche: heute Möhreneintopf, morgen Seelachsfilet. In einer Vitrine am | |
| Kopfende des Raumes stehen mehrere dicke Bände „Praxischronik“, daneben | |
| aufeinandergestapelte Pralinenpackungen von glücklichen Patient:innen. | |
| „Die jungen Leute wollen 9 bis 15 Uhr, aber die werden schnell merken, dass | |
| es mehr Zeit braucht für eine innere Festigkeit.“ Was er damit meint? Um | |
| das mentale Gleichgewicht zu halten, müssten Erfolgserlebnisse her, sagt | |
| er. „Drei, vier Menschen geholfen zu haben, nach einem Misserfolg. | |
| Medizinisch, oder weil man ihnen einen Arbeitsplatz besorgt hat oder die | |
| Erwerbsunfähigkeitsrente ermöglicht oder ein wichtiges Attest ausgestellt | |
| hat. Das sind Kleinigkeiten, aber die braucht es.“ | |
| Hanzl hat viele Weisheiten solcher Art. Er meint sie alle gut, ihm ist | |
| wichtig, dass der Nachwuchs einen realistischen Blick auf den Beruf | |
| bekommt. Einmal ging das nach hinten los, da riet er einer seiner | |
| Studentinnen das mit der Chirurgie besser sein zu lassen, „in dieser | |
| Männerwelt, die machen dich kaputt“, habe er gesagt. Die Studentin ging zum | |
| Gleichstellungsbeauftragten, Hanzl kam noch mal davon. Umstimmen, doch | |
| Hausärztin zu werden, konnte er sie jedenfalls nicht. | |
| In letzter Zeit beobachte er allerdings eine Art Kehrtwende, die ihn | |
| optimistisch macht. Da seien ein paar junge Kollegen und Kolleginnen „in | |
| der Pipeline“, die mit der ländlichen Region liebäugelten. Denn die | |
| Medizinstudent:innen sehnten sich nach einer anspruchsvollen | |
| Tätigkeit und Landarzt werden sei da genau das Richtige. „Weil man nämlich | |
| immer mitdenken muss, dass die Fachärzte nicht um die Ecke sind.“ Anders | |
| als in der Stadt könne man die Patienten hier nicht einfach eine Straße | |
| weiter zum Orthopäden schicken, man sei da als Hausarzt selbst gefragt. Und | |
| wenn dann doch kein Weg an der Überweisung vorbeiführe, dann müsse die | |
| präzise sein – „ich kann da nicht ‚krummer Finger‘ draufschreiben.“ … | |
| Fachärzt:innen in der Region seien so überlastet, und gute Beziehungen | |
| zu ihnen essentiell. | |
| Zu einem von diesen Fachärzten hat Hanzl eine ganz besondere Verbindung. Er | |
| ist Dermatologe, heißt Ivo Hohlfeld und hatte einen Einfall, der bei Hanzl | |
| sehr gut ankam. Denn rund um Oderwitz fehlen natürlich auch Hautärzte, alle | |
| vier Praxen, die es einmal gab, stehen leer. Für genau diese | |
| unterversorgten Regionen entwickelte Hohlfeld, damals tätig an der | |
| Uniklinik Leipzig, vor ein paar Jahren das [6][„dermatologische | |
| Telekonsil“.] | |
| Die Idee: Hausärzt:innen werden ausgestattet mit besonderer Lupe, iPad | |
| und einem darin eingespeicherten ausführlichen Fragebogen zu den Symptomen | |
| des Patienten. Praxismitarbeiter:innen schicken die hochaufgelösten | |
| Bilder der Hautauffälligkeiten zu Hohlfeld und seinen Kolleg:innen, die | |
| melden sich innerhalb weniger Tage zurück, geben Diagnose und | |
| Therapieempfehlung ab. Wenn nötig schickt Hanzl im Anschluss eine Probe in | |
| die nächste Hautklinik nach Görlitz, „und Sie werden nicht glauben, zwei, | |
| drei Mal im Monat ist da ein Hautkrebs dabei“, sagt Hanzl. | |
| 80 Prozent der Patient:innen, die sich mit Hautangelegenheiten an ihn | |
| wenden, könne er so selbst versorgen, 20 Prozent müssten zum Spezialisten. | |
| Für diese 20 Prozent gibt es einen Katalog mit acht Hautärzt:innen in | |
| Bautzen, Hoyerswerda oder Görlitz, bei denen die Patient:innen sofort | |
| einen Termin bekämen. Win-win, findet Hanzl, denn die Hautärzt:innen in | |
| der Region müssten sich nur mit echten Fällen befassen und für seine | |
| Schwestern, die in das gesamte Prozedere fest eingebunden sind – von der | |
| Übermittlung der Daten bis zur Nachsorge der OP-Wunde – wäre das Ganze „e… | |
| schöner Anreiz, mal was anderes zu machen“. | |
| Insbesondere in Zeiten, in denen immer mehr Menschen an Hautkrebs | |
| erkranken. Erst kürzlich teilte das Statistische Bundesamt mit, dass 2022 | |
| 4.400 Menschen an den Folgen eines Melanoms starben – 63 Prozent mehr als | |
| im Jahr 2002. Über die Hälfte der 2022 Verstorbenen waren 80 Jahre alt oder | |
| älter. Dass die verstärkte UV-Strahlung durch den Klimawandel diese | |
| Entwicklung noch begünstigt, ist lange bekannt. Die Kassenärztliche | |
| Vereinigung Sachsens versucht nun in Löbau-Zittau mit einer von ihr | |
| geführten Praxis gegenzusteuern. Dermatolog:innen, die sich nicht | |
| niederlassen wollen, weil ihnen eine Praxisgründung zu risikoreich ist, | |
| könnten dort als normale Angestellte arbeiten. Konkret umgesetzt ist das | |
| Ganze aber noch nicht. | |
| ## Hautkrebs mit iPad und Lupe erkennen | |
| Bis dahin also Lupe und iPad: „Zu sagen, dass die Telederma den Hautarzt | |
| ersetzt, wäre absolut überheblich“, sagt Hanzl. „Aber es ist ein Versuch, | |
| die Patienten heimatnah in der Region in der Versorgung zu belassen“, | |
| ergänzt Ivo Hohlfeld ein paar Tage später am Telefon. Versorgung sei das | |
| Stichwort – denn Online-Hautchecks, wie es sie schon eine ganze Weile von | |
| verschiedenen Anbietern im Netz gibt, beinhalten zwar eine | |
| Therapieempfehlung, aber der Patient stehe dann „weiterhin im Nirvana“. | |
| Zwar hat er eine Idee, um was für eine Erkrankung es sich handeln könnte – | |
| „aber er findet eben keinen, der ihn behandelt.“ | |
| Über Hanzl sagt Hohlfeld, der Mann sei „eine Ikone“. „Wenn wir in jeder | |
| Region einen so engagierten Arzt hätten, sähe unsere medizinische | |
| Versorgung besser aus in Deutschland.“ Denn Hanzl war nicht nur sofort | |
| elektrisiert von Hohlfelds Idee – er setzte sich auch lange dafür ein, dass | |
| das „dermatologische Telekonsil“ Kassenleistung wird und die Ärzt:innen | |
| nicht selber für die Technikkosten aufkommen müssen. Ein Jahr dauerte es, | |
| bis sich die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen mit den Kassen einigte, | |
| Anfang des Jahres gab es in Hanzls Praxis dann einen kleinen Festakt. | |
| Die sächsische Sozialministerin Petra Köpping (SPD) kam vorbei, verteilte | |
| Glückwünsche und betonte, dass Projekte wie dieses keine Ersatzlösung, | |
| sondern die Zukunft seien. Mittlerweile machen 31 Hausärzt:innen in der | |
| Region mit. Deutschlandweit ist das Projekt bisher einmalig. Hanzl | |
| inspiriert das alles zu mehr, am liebsten würde er gleich noch eine | |
| „Tele-Rheuma“ implementieren. Denn Rheumatolog:innen gibt es noch viel | |
| weniger als Hautärzt:innen. Auch hier würde eine Vorauswahl Sinn machen, | |
| findet er. In Hanzls Büro hängt ein selbstgemaltes Bild mit der Aufschrift | |
| „Lass dir nicht einfach erzählen, deine Pläne wären zu groß.“ Für den | |
| Landarzt, der unter anderem vor ein paar Jahren in der Region die erste | |
| Tagespflege für Demenzkranke gründete, scheint das keine Floskel zu sein. | |
| 2021 wurde er dafür von der Sächsischen Landesärztekammer mit einer | |
| Ehrenmedaille ausgezeichnet. Der Laudator lobte seine „gelebte ärztliche | |
| Kollegialität, Verlässlichkeit, Geradlinigkeit und Abneigung von | |
| Populismus“. Letzteres trainiert er vor allem auf den Hausbesuchen, wenn | |
| die Leute ihm wieder mal erzählen wollen, wie furchtbar alles ist. Hanzl | |
| beobachte schon seit einer Weile, dass die Unzufriedenheit wachse, „dieses | |
| tägliche Verarbeiten der Nachrichten“ über alle möglichen, auch unseriösen | |
| Kanäle, „dass da vieles für bare Münze gehalten wird“, sagt er. Der Krieg | |
| in Europa, die Inflation. Seine Patient:innen machten sich neuerdings | |
| ständig Sorgen, das sei früher anders gewesen. | |
| Hanzl ist CDU-Mitglied, engagierte sich lange im Oderwitzer Gemeinderat. Er | |
| ist es gewohnt, dass seine Patient:innen mit ihm über Politik sprechen | |
| wollen, „und das lasse ich auch auf jeden Fall zu, wenn das notwendig ist.“ | |
| Aber immer häufiger würde er den Leuten heute sagen: Schauen Sie sich doch | |
| mal um, Sie haben ein schönes Häusl, da ist alles in Ordnung, machen Sie | |
| sich abends ein Bier auf und gehen Sie mal rüber zum Nachbarn und reden mit | |
| dem.“ Er betone dann: „Leute, seid doch froh, dass ihr hier wohnt.“ Es ge… | |
| ausreichend Bahnanbindung, Kaufhallen, Schulen und Apotheken. „Was wir | |
| alles haben, sag ich. Und dann sagen sie auch schon mal: Stimmt, da haben | |
| Sie recht, Doktor.“ | |
| Die Menschen, die [7][im Nachbarort Zittau] zu den rechtsextremen | |
| Montagsdemos gingen, seien alles furchtbare Besserwisser ohne Lösungen, die | |
| am Tage keine Verantwortung hätten, sagt Hanzl. Immerhin sei in Oderwitz | |
| noch alles halbwegs im Lot, die Freien Sachsen im Gemeinderat schon immer | |
| chancenlos, und die AfD habe im Ort eh noch nie was auf die Kette gekriegt. | |
| Bei der Kommunalwahl ein paar Tage später verlor sie ihren einzigen Sitz. | |
| Doch auch wenn generell der Glaube sinke, an die Politik, die Verwaltung, | |
| an das, was die Zukunft mit sich bringe – das Vertrauen in den Hausarzt, | |
| das ist hier riesengroß, sagt Abraham Bucek, Mitarbeiter von Doktor Hanzl. | |
| „Wenn die Leute vom Dach fallen, dann rufen die zuerst bei uns an.“ Kein | |
| Problem, im Zweifel sei jemand aus der Praxis gerade eh in der | |
| Nachbarschaft unterwegs. | |
| *Name geändert | |
| 18 Jul 2024 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.praxis-dr-hanzl.de/ | |
| [2] https://www.kbv.de/html/themen_1076.php | |
| [3] https://www.lvz.de/mitteldeutschland/wahlumfrage-sachsen-sehen-lehrer-und-a… | |
| [4] https://www.gesunde.sachsen.de/nachwuchsprogramme-fuer-medizinstudierende-5… | |
| [5] /Schwerpunkt-Landtagswahl-Sachsen-2024/!t5993922 | |
| [6] https://www.kvsachsen.de/medienservice/medieninformationen/kv-sachsen-start… | |
| [7] /Rechte-Jugend-in-Ostdeutschland/!6015187 | |
| ## AUTOREN | |
| Leonie Gubela | |
| ## TAGS | |
| Schwerpunkt Landtagswahl Sachsen 2024 | |
| Ärztemangel | |
| Studiengang Medizin | |
| Fachkräftemangel | |
| Arzt | |
| Lesestück Recherche und Reportage | |
| GNS | |
| Wahlen in Ostdeutschland 2024 | |
| Ärztemangel | |
| Wahlen in Ostdeutschland 2024 | |
| Wahlen in Ostdeutschland 2024 | |
| Wahlen in Ostdeutschland 2024 | |
| Wahlen in Ostdeutschland 2024 | |
| Lesestück Recherche und Reportage | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Ärztemangel in Berlin: Nachwuchs verzweifelt gesucht | |
| Praxen sind in der Hauptstadt höchst ungleich verteilt – vor allem im Osten | |
| herrscht Ärztemangel. Bezirke suchen nach Wegen, junge Mediziner zu locken. | |
| Schlesisches Museum in Görlitz: Schlesisch harmonisch | |
| Das Museum am östlichsten Zipfel Deutschlands widmet sich dem kulturellen | |
| Erbe Schlesiens – aber nicht revanchistisch, sondern verbindend. | |
| Sachsens Ministerpräsident im Wahlkampf: Er will mit Feuer löschen | |
| Michael Kretschmer möchte gegen die AfD gewinnen. Unermüdlich zieht er vor | |
| der Landtagswahl von Biertisch zu Biertisch – auf einem sehr schmalen Grat. | |
| Rechtsextreme Netzwerke in Sachsen: Wo AfD-Politiker einen SS-Mann ehren | |
| Jenseits des Rampenlichts verbünden sich AfD-Politiker mit Neonazis, | |
| Hooligans und Völkischen. Eine taz-Recherche in der Oberlausitz. | |
| Rechte Jugend in Ostdeutschland: An der Grenze | |
| Nirgendwo erhielt die AfD so viele Stimmen wie im Landkreis Görlitz. Viele | |
| junge Menschen wählten hier rechts. Wie geht es denen, die sich | |
| dagegenstemmen? | |
| Medizinische Versorgung auf dem Land: Da hilft kein Arzt | |
| Vielen ländlichen Regionen Deutschlands fehlen Hausärzt:innen. Mit | |
| Stipendien und Landarztquote versuchen die Bundesländer, die Versorgung zu | |
| sichern. |