| # taz.de -- Linke Systemkritik: Zwischen Weltuntergang und Kitsch | |
| > Was waren das für Zeiten, als Linke alles mies finden durften. Heute darf | |
| > Regierungkritik den Rechten keinen Vorschub leisten. | |
| Bild: AfD-Fraktion im Bundestag, Berlin, 28.11.2023: Den rechten keinen Vorschu… | |
| Lange habe ich mich über den Aufstieg der AfD mit einer Statistik | |
| hinweggetröstet: Gut 15 Prozent Stinkstiefel gab’s immer schon. So erklärte | |
| es mir ein Forscher vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einem wunderbaren | |
| Datenbergwerk am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, | |
| nachdem die AfD 2017 in den Bundestag gekommen war. Er sagte nicht | |
| Stinkstiefel, sondern „notorische Querulanten“ und meinte Leute, meist | |
| Männer, die man keinesfalls als Nachbarn haben wolle: Sie drohen mit | |
| Anzeige, wenn die Kinder auf dem Bürgersteig mit Kreide malen. Sie rammen | |
| das Fahrrad, das man flink an die Hauswand gelehnt hat, extra tief in den | |
| Schlamm am Straßenrand. | |
| Solche Stimmungs- und Zusammenhaltskiller hätten in der AfD nun eben ihre | |
| Partei gefunden, sagte der SOEP-Experte. Aber da sie schon immer da gewesen | |
| seien, laute die gute Nachricht: Sie würden das gesellschaftliche Klima in | |
| Deutschland nicht zusätzlich verpesten. Ich habe jetzt länger nichts von | |
| dem Wissenschaftler gehört. Aber ich muss ihn im neuen Jahr unbedingt | |
| fragen, was er aus den Erhebungen macht, die aktuell ein ganz anderes Bild | |
| ergeben. | |
| Zuletzt war es das Institut Allensbach, das für Deutschland die | |
| schlechteste Laune, die größten Sorgen, die geringsten Hoffnungen [1][seit | |
| 1952 maß] – und daraus den besonderen Umfragen-Erfolg der AfD herleitete. | |
| Wenn man der Allensbach-Analyse folgt, ist der Pessimismus stärker noch als | |
| etwa verfestigter Rechtsradikalismus das einigende Band von | |
| AfD-UnterstützerInnen. | |
| Natürlich war die Welt- und Nachrichtenlage dieses Jahr für wirklich wenige | |
| Leute geeignet, die Stimmung zu heben – darüber habe ich mich an diesem | |
| Platz bereits mehrfach beschwert und erspare Ihnen jetzt die Aufzählung der | |
| Notlagen mit 2023er Stempel. Aber die Untergangsängste, die von der AfD | |
| (und ab jetzt dann auch von der [2][Sahra-Wagenknecht-Partei]) genährt und | |
| genutzt werden, ähneln doch sehr einer Untergangslust, einer Freude am | |
| In-den-Abgrund-Reden, die keine Realität braucht, um sich selbst zu | |
| befeuern. | |
| ## Die glaubten doch nicht etwa, dass wir das glaubten? | |
| Die Frage ist nur, was man dem entgegensetzen möchte, ohne in den Ruf der | |
| Schönrederei zu geraten. Auch ich reagierte dieses Jahr leicht verstört, | |
| wenn Ampel-VertreterInnen die großartige Arbeitsatmosphäre in der Koalition | |
| priesen: Die glaubten doch nicht etwa, dass wir das glaubten? „Irgendwer | |
| muss doch auch mal sagen, dass es gut läuft“, quittierte im Sommer ein | |
| FDP-Staatssekretär eine entsprechende Nachfrage [3][bei einem Sommerfest]. | |
| Es ist nicht ganz leicht, die notwendige Kritik an Weltlage, Bundesrepublik | |
| und Ampelpolitik angemessen zu artikulieren, wenn man sich sowohl vom | |
| rechtsradikalen Untergangsgetröte (plus Wagenknecht) als auch vom | |
| Ampelkoalitionskitsch gern absetzen möchte. Im Nachhinein fällt mir auf, | |
| dass Linke ihr womöglich größtes Privileg, nämlich alles schadlos | |
| uneingeschränkt mies finden zu dürfen, womöglich nie ausreichend geschätzt | |
| haben. Was waren das für Zeiten, als man sich noch mit angedeutetem | |
| Adorno-Bezug und den Worten „Systemkritik muss nicht konstruktiv sein“ von | |
| irgendwelchen Langweilern abwenden konnte! | |
| Ein paar durchaus würdige Vertreter dieser Schule gibt es noch. In Hamburg | |
| moderierte ich mal eine Diskussion mit dem Grünen-Mitgründer (natürlich ist | |
| er lange schon ausgetreten) Thomas Ebermann. Ich setzte grad zur letzten | |
| Runde an, als er ins Publikum sagte: „Jetzt kommt die mit der letzten | |
| Frage, auf die man dann einen optimistischen Ausblick geben soll, damit wir | |
| uns den Rest des Abends alle besser fühlen können.“ Recht hatte er, aber | |
| ich hatte trotzdem keine bessere Frage parat. „Aber was machen wir denn | |
| jetzt?“ Ich glaube, er sagte so was Ähnliches wie „Weitermachen halt“. | |
| 29 Dec 2023 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-erfolge-wer-wenig-hoffnung-h… | |
| [2] /Buendnis-Sahra-Wagenknecht/!5976147 | |
| [3] https://www.politik-kommunikation.de/politikszene/galerie/das-progressive-z… | |
| ## AUTOREN | |
| Ulrike Winkelmann | |
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