| # taz.de -- Nach Massenprotesten in Chile: Piñera rudert zurück | |
| > Nach den Großdemonstrationen entlässt Chiles Präsident Piñera sein | |
| > Kabinett. Die Ausgangssperre ist aufgehoben, der Ausnahmezustand könnte | |
| > folgen. | |
| Bild: Demo vor Chiles Botschaft in Mexiko-Stadt: Präsident Piñera ist zur Has… | |
| Santiago afp | Unter dem Druck von [1][beispiellosen] Massenprotesten hat | |
| Chiles Staatschef Sebastián Piñera seine gesamte Regierung entlassen. Er | |
| habe alle Minister zum Rücktritt aufgefordert, sagte Piñera am Samstag. Die | |
| Ausgangssperre in der Hauptstadt Santiago de Chile wurde nach einer Woche | |
| wieder aufgehoben. Am Freitag waren in Chile mehr als eine Million Menschen | |
| gegen den konservativen Präsidenten auf die Straße gegangen. | |
| „Wir sind in einer neuen Wirklichkeit“, sagte Piñera in einer Ansprache im | |
| Präsidentenpalast La Moneda in Santiago de Chile. „Chile ist nun anders als | |
| das Chile, das wir vor einer Woche hatten.“ Er wolle „eine neue Regierung | |
| bilden, um damit die neuen Herausforderungen bewältigen zu können“. | |
| Am Freitag hatte es in der Hauptstadt Santiago und mehreren anderen Städten | |
| Massenproteste mit mehr als einer Million Teilnehmern gegeben. Es war war | |
| eine der größten Demonstrationen, die es je in Chile gegeben hatte. Piñera | |
| erklärte im Online-Dienst Twitter, er habe die Botschaft der Massenproteste | |
| verstanden. | |
| Die Proteste waren eine Woche zuvor durch gestiegene U-Bahn-Preise | |
| ausgelöst worden. Piñeras Regierung nahm die Preiserhöhung zwar rasch | |
| zurück und kündigte Sozialreformen an, unter anderem eine Erhöhung der | |
| Mindestrente und des Mindestlohns. Ein Ende der Demonstrationen konnte der | |
| Milliardär damit aber nicht erreichen. Innerhalb kurzer Zeit weiteten sie | |
| sich zu Massenprotesten gegen die wirtschaftlichen und sozialen Probleme im | |
| Land insgesamt aus. | |
| ## Kabinett schon zweimal umgebildet | |
| Die Proteste, bei denen es auch zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei, | |
| zu Ausschreitungen und Plünderungen mit 19 Toten und mehr als 580 | |
| Verletzten kam, richten sich gegen die wirtschaftliche Benachteiligung | |
| weiter Bevölkerungskreise und das ultraliberale Wirtschaftsmodell, das in | |
| der Diktatur unter General Augusto Pinochet (1973-1990) entwickelt und seit | |
| der Rückkehr Chiles zur Demokratie kaum infrage gestellt wurde. | |
| Die Demonstranten, die am Freitag durch die Hauptstadt zogen, forderten | |
| Piñeras Rücktritt und grundlegende Wirtschaftsreformen. Sie schwenkten | |
| chilenische Flaggen und sangen Widerstandslieder aus Zeiten der | |
| Pinochet-Diktatur. Als die Demonstranten am Präsidentenpalast vorbeizogen, | |
| riefen sie Parolen gegen Piñera und das Militär. | |
| Piñera, der Chile schon von 2010 bis 2014 regiert hatte und seit März 2018 | |
| wieder im Amt ist, steht wegen der abflauenden Konjunktur und Kritik an | |
| seinem Führungsstil schon länger unter Druck. Er hat schon zweimal sein | |
| Kabinett umgebildet. Besonders umstritten war der bisherige Innenminister, | |
| Piñeras Cousin Andrés Chadwick. | |
| Am Samstag stellte Piñera in Aussicht, den in Santiago und weiteren | |
| Regionen Chiles geltenden [2][Ausnahmezustand] am Sonntag aufzuheben – wenn | |
| die Umstände dies erlaubten. Damit solle „jene Normalisierung unterstützt | |
| werden, welche die Chilenen so sehr wünschen und verdienen“, sagte Piñera. | |
| Das Militär teilte mit, dass die nächtliche Ausgangssperre in Santiago de | |
| Chile bereits am Samstagabend aufgehoben worden sei. | |
| Am Samstag gab es in Santiago de Chile und in anderen Städten nur | |
| vereinzelt Demonstrationen. Es blieb weitgehend friedlich. Nur vor dem | |
| Präsidentenpalast in der Hauptstadt setzte die Polizei Wasserwerfer gegen | |
| rund hundert Demonstranten ein. Auch die Militärpräsenz war sichtbar | |
| reduziert. | |
| Fünf von sieben U-Bahn-Linien in der Hauptstadt waren wieder in Betrieb, | |
| auch fast alle Busse fuhren wieder. Geschäfte hatten wieder geöffnet. | |
| Tausend freiwillige Helfer waren im Einsatz, um nach den Protesten die | |
| Straßen zu säubern und Protestgraffiti wie „Chile ist aufgewacht“ oder | |
| „Piñera, tritt zurück“ von Wänden abzuschrubben. | |
| 27 Oct 2019 | |
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