| # taz.de -- Prozess um ermordeten Rentner in Berlin: Zehn Jahre in der Tiefküh… | |
| > Als Heinz N. in seiner Wohnung gefunden wird, liegt er da schon zehn | |
| > Jahre – ermordet. Wie kann ein Mensch einfach so verschwinden? | |
| Bild: Berlin, Prenzlauer Berg, Hosemannstr. 18. Hier wohnte Heinz N., das Opfer | |
| Berlin taz | Er wurde Joschi genannt. Die Menschen im Viertel kannten ihn | |
| vom Sehen, manche hatten auch direkt mit ihm zu tun. Den Joschi konnte man | |
| anrufen, wenn es in der Wohnung etwas auszubessern gab, wenn ein paar | |
| Fliesen verlegt werden mussten, ein Klo verstopft war. Man sah ihn oft im | |
| Blaumann vor seinem Trödelladen oder im nahen Kiosk sitzen. Immer | |
| freundlich, immer für ein Schwätzchen zu haben. | |
| Auch der Rentner Heinz N. wird in Josef S. den netten, hilfsbereiten | |
| Nachbarn gesehen haben, der eine Zeit lang in der Wohnung gegenüber gewohnt | |
| hatte. Als Liesel noch lebte, die Frau von Heinz N., hat das Rentnerpaar | |
| Josef S. und seiner Lebensgefährtin ein Gartengrundstück draußen in | |
| Brandenburg überlassen – zu einem Freundschaftspreis. | |
| Für die kinderlosen N.s seien Josef S. und seine Lebensgefährtin wie | |
| Ersatzkinder gewesen, erinnert sich später ein Bekannter. Nach dem Tod | |
| seiner Frau lebte Heinz N. allein in seiner Wohnung. | |
| Irgendwann rund um Silvester 2006 soll Josef S., der nette Mann von | |
| gegenüber, Heinz N. mit einem Kopfschuss getötet haben. Zumindest spricht | |
| vieles dafür. Das Projektil trat über der rechten Augenbraue des Rentners | |
| ein und blieb im Schädel stecken. N. muss sofort tot gewesen sein. Wenig | |
| später wurde seine Leiche zerteilt, in vier rosafarbene Plastiktüten | |
| verpackt und in eine Tiefkühltruhe gelegt, die am 30. Dezember 2006 | |
| geliefert wurde. | |
| Die Leichenteile blieben dort zehn Jahre liegen, eingefroren in den Tüten, | |
| obendrauf ein paar Quarkbecher – „Früchtetraum“, „Vanilletraum“ – … | |
| Exquisa-Käse in Scheiben. | |
| Zehn Jahre, in denen Josef S. von der Rente des Toten gelebt haben soll, | |
| jeden Monat um die 2.000 Euro. | |
| ## Die Tatwaffe fehlt bis heute | |
| Seit Oktober 2017 wird Josef S. immer wieder dienstags und freitags um 9.15 | |
| Uhr in einen holzvertäfelten Saal des Berliner Landgerichts in Moabit | |
| geführt. Die 40. Große Strafkammer muss ein Urteil in diesem Fall sprechen. | |
| S. ist des Mordes angeklagt, heimtückisch ausgeführt, ihm wird außerdem | |
| Raub vorgeworfen, Urkundenfälschung und unerlaubter Waffenbesitz. Wobei | |
| unter den Waffen, die in seiner Wohnung gefunden wurden, nicht die Tatwaffe | |
| war. Die fehlt bis heute. Vor Gericht schweigt S. zu den Vorwürfen. | |
| Die Gegend, in der Heinz N. und Josef S. lebten, ist eine kleine, | |
| überschaubare Welt in Berlin – dort, wo der Prenzlauer Berg in den Bezirk | |
| Weißensee übergeht. Nicht der Prenzlauer Berg, in dem sich sorgfältig | |
| sanierte Gründerzeithäuser aneinanderreihen, oben drin junge Familien, | |
| unten Cafés, sondern ein Randgebiet des Viertels, wo die Häuser niedriger | |
| werden, blasse Dreigeschosser, Handwerksbetriebe in den Hinterhöfen. Kein | |
| angesagtes Wohnviertel, aber auch kein schlechtes. | |
| Dieses Viertel wird nun als Folie genommen, um die Anonymität der | |
| Großstädte zu beklagen, die Vereinsamung älterer Menschen. Berichte über | |
| das Verschwinden des Rentners N. fallen zusammen mit einer Debatte über | |
| Einsamkeit. | |
| Es kann doch im engmaschigen Netz unserer Städte, in einem Land, das jedem | |
| Neugeborenen innerhalb von drei Monaten eine Steuer-Identifikationsnummer | |
| zuweist, niemand einfach so verschwinden – und auch noch für so eine lange | |
| Zeit. Zehn Jahre. | |
| Andererseits kann man sich selbst mal fragen, wie lange es dauert, bis es | |
| einem auffällt, dass man eine Nachbarin länger nicht gesehen hat. Und wann | |
| man etwas unternehmen würde, wann man nach einem Menschen außerhalb des | |
| engeren Bekanntenkreises zu suchen beginnen würde. | |
| ## Es gab einen Nachbarn, der ihn vermisste | |
| Und es war in diesem Fall auch nicht so, dass es gar niemandem aufgefallen | |
| wäre, dass Herr N. irgendwann nicht mehr auf seinem Balkon im Hochparterre | |
| saß. Es gab einen Nachbarn, der ihn vermisste. Aber der ging dem | |
| Verschwinden mit einer Vehemenz nach, die auf seine Mitmenschen befremdlich | |
| wirkte, fast pathologisch. | |
| Dirk B. heißt dieser Nachbar, 55 Jahre alt, gelernter Bürokaufmann, | |
| Hundehalter, arbeitslos. Er bewohnt die Wohnung über N. Immer wieder hat er | |
| wegen des verschwundenen Nachbarn die Polizei angerufen. Irgendwann hat er, | |
| wie er während einer Pause auf dem Gerichtsflur erzählt, „fast täglich“ … | |
| Wohnungsbaugenossenschaft angeschrieben. Er ist sogar ins Rote Rathaus | |
| gegangen, den Sitz des Regierenden Bürgermeisters, weil er dachte, dort | |
| werde man bestimmt etwas unternehmen. | |
| Heinz N., Jahrgang 1926, lebte seit 1952 in der Hosemannstraße 18. Bis zur | |
| Rente war er Ingenieur in Oberschöneweide gewesen, zu DDR-Zeiten der | |
| wichtigste Berliner Industriestandort. Sonst ist wenig über ihn bekannt, | |
| manches erzählt seine Hausärztin vor Gericht. N. kam selten zu ihr, nur mal | |
| zum Impfen, das letzte Mal im November 2006. Ein großer, stattlicher Mann, | |
| „immer sehr beherrscht, er wusste genau, was er wollte“. | |
| ## Eine Topfblume kaufen? Unnötig | |
| Das Ehepaar habe ziemlich allein gelebt, hatte kaum Kontakt zu Nachbarn. | |
| Liesel N., so erzählt es die Ärztin, habe gesagt, ihr Mann „wünsche das | |
| nicht“. Finanziell ging es ihnen nicht schlecht, aber das Geld hielt Heinz | |
| N. zusammen. Selbst eine Topfblume durfte Liesel N. nicht kaufen; unnötig, | |
| fand ihr Mann. | |
| Im März 2006 stirbt Liesel N. an einem Tumor. Ein Dreivierteljahr später | |
| verschwindet Heinz N. | |
| Schon kurz nachdem Dirk B. den Nachbarn das letzte Mal gesehen hat, | |
| schreibt er Briefe an ihn. B. findet, es stinke aus N.s Wohnung – muffig, | |
| modrig. Nur riecht das außer B. niemand. Er beschwert sich bei der | |
| Hausverwaltung, ruft die Polizei an, droht mit einem Anwalt. Und wundert | |
| sich über das Verschwinden von N. „Der war weg“, sagt B. vor Gericht. | |
| So einer wie B. wird schnell abgestempelt als irgendwie irre, als jemand | |
| mit einer seltsamen Fixierung, als Unruhestifter. Aber vielleicht muss man | |
| so sein, um Dinge wahrzunehmen, die sonst niemand wahrnimmt. | |
| ## Endlich hört ihm jemand zu | |
| Dirk B. erzählt seine Geschichte schon am ersten Prozesstag vor dem | |
| Gerichtssaal. Er erzählt sie wieder und wieder, und als er, wie immer in | |
| einem Fluss redend, im Saal seine Zeugenaussage macht, erzählt er alles | |
| noch mal. Endlich hört ihm jemand zu. In all den Jahren zuvor war er ja | |
| immer wieder abgespeist worden. Der Herr N. sei doch erwachsen, der könne | |
| machen, was er wolle. | |
| B. könnte der Held in diesem Fall sein. Zwar hätte er den Mord nicht | |
| verhindert, aber hätte man früher auf ihn gehört, wäre die andere Straftat | |
| – das Leben eines anderen anzunehmen, um die Rentenversicherung zu | |
| betrügen – früher aufgedeckt worden. | |
| Aber B. taugt nicht richtig zum Helden. Eher ist er einer, den man lieber | |
| nicht zum Nachbarn hätte. Ein Polizist erzählt vor Gericht, B. sei „wie | |
| eine Art Hilfspolizist“ aufgetreten, habe mal jemanden aus dem Haus | |
| angezeigt, weil der eine Flasche im Kellerflur stehen ließ. | |
| Ein anderer Nachbar erzählt, B. suche mit jedem im Haus Streit. | |
| Wahrscheinlich habe er Heinz N. nur vermisst, weil ihm durch sein | |
| Verschwinden nun einer im Sechs-Parteien-Haus fehlte, mit dem er sich habe | |
| streiten können. | |
| ## Die Reserviertheit des Großstädters | |
| In all den Jahren bricht B. immer wieder die unausgesprochene Übereinkunft | |
| städtischen Lebens, die anderen in Ruhe zu lassen. Der Soziologe Georg | |
| Simmel hat Anfang des 20. Jahrhunderts im schnell wachsenden Berlin darüber | |
| nachgedacht, wie das Leben in der Großstadt die Menschen verändert. Und er | |
| hat gerade die Reserviertheit zum Grundprinzip des städtischen Miteinanders | |
| erklärt. | |
| Der Großstädter komme jeden Tag mit so vielen Menschen in Berührung, er | |
| würde sich „innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare | |
| seelische Verfassung geraten“, wenn er sich diesen Fremden mit derselben | |
| Intensität zuwenden würde, wie das in der Kleinstadt oder auf dem Dorf der | |
| Fall sein mag, schrieb Simmel. | |
| Man will doch oft einfach seine Tür hinter sich zumachen und nichts mehr | |
| hören. Das Leben in der Großstadt mag kalt und gefühllos erscheinen, aber | |
| anders ist es vielleicht nicht lebbar. Wer sich da nicht einordnet, fällt | |
| störend auf. Zumal wenn er etwas wahrnimmt, das niemand sonst wahrnimmt. | |
| ## Ein Geruch, den nur Dirk B. riecht | |
| Am Abend des 9. Januar 2017 führt einer von Dirk B.s Anrufen bei der | |
| Polizei schließlich zum ersten Mal zu mehr als Stirnrunzeln und genervtem | |
| Abwiegeln. Zwei Polizisten kommen. Für sie ist es zunächst nur eine | |
| Beschwerde wegen Geruchsbelästigung, aber was der Anrufer erzählt, finden | |
| sie merkwürdig. Den Mann, der dort wohne, habe er seit Jahren nicht | |
| gesehen, aber der Stromzähler im Keller zeige stetigen Verbrauch an. | |
| Außerdem habe er den Briefkasten des Nachbarn häufiger mit Papier | |
| vollgestopft, das sei am nächsten Tag immer weg gewesen. | |
| Als die Polizisten sehen, dass im Türschloss ein Nagel steckt und der Spalt | |
| zwischen Rahmen und Wohnungstür mit Silikonmasse verschmiert ist, finden | |
| sie auch das komisch. Dass Dirk B. die Tür selbst manipuliert hat, erfahren | |
| sie erst später. Er habe irgendetwas unternehmen wollen, um dem Geheimnis | |
| der Wohnung auf die Spur zu kommen, erzählt B. vor Gericht. | |
| Die Polizisten stellen eine Vermisstenanfrage. Die ergibt, dass niemand mit | |
| dem Namen und der Anschrift des Rentners gesucht wird. Trotzdem rufen sie | |
| die Feuerwehr. Die schickt zwei Männer, die das gekippte Badezimmerfenster | |
| der Hochparterrewohnung aufhebeln. | |
| Die Polizisten sehen sich in der Wohnung um, an der Innenseite der | |
| Küchenschranktür hängt ein Jahreskalender von 2007, alte Zeitungen liegen | |
| herum, die Toilettenschüssel ist ausgetrocknet. „Nicht wirklich was | |
| Verdächtiges. Es sah aus, als sei jemand weggegangen, ohne viel | |
| mitzunehmen“, erzählt einer der Polizisten. | |
| ## Blick in die Tiefkühltruhe: „Hier isser“ | |
| Die Männer wollen schon wieder gehen, als einer den anderen fragt, ob er | |
| schon in die Tiefkühltruhe geschaut habe, die in der Küche steht. Mache er | |
| routinemäßig bei älteren Leuten, um zu sehen, ob die genug Lebensmittel im | |
| Haus haben. Er stellt einen Kerzenleuchter beiseite, legt ein Deckchen weg | |
| und klappt den Deckel auf. Drinnen sieht er rosafarbene Plastikplane, | |
| obendrauf Früchtequarkbecher und Scheibenkäse. Die Plane schneidet er auf, | |
| nickt dem Kollegen zu und sagt: „Hier isser.“ In dem Sack: blutverschmierte | |
| Kleidung, eine Hand, ein männliches Geschlechtsteil. Darunter drei weitere | |
| Säcke. Heinz N., verpackt und eingefroren. | |
| Ob es in der Wohnung schlecht gerochen habe, will der Vorsitzende Richter | |
| wissen. Bis auf den Zeugen B. hat niemand einen unangenehmen Geruch | |
| wahrgenommen, die Polizisten nicht, die Feuerwehrleute nicht, der Mann von | |
| der Hausverwaltung auch nicht. | |
| Als B. die Polizisten in seine Wohnung führte, ein Stockwerk weiter oben, | |
| habe es dort vor allem nach Putzmittel gerochen, erzählt ein Polizist, | |
| aber B. habe selbst dort den Gestank vernommen. Ungelüftet, „nicht nach | |
| Verwesung“, sagt B., denn er wisse, wie das rieche. Als er noch in Rostock | |
| gelebt habe, habe er mal eine verweste Leiche im Haus entdeckt. | |
| Ein rätselhafter Mensch, dieser B. Er hat etwas gerochen, was niemand sonst | |
| roch. Er nahm es so stark wahr, dass er alles Mögliche dagegen unternahm. | |
| Es gibt die Kraft der Einbildung, aber so? | |
| ## Eine nächtliche Begegnung | |
| Vor dem Leichenfund hört B. nachts einmal Gerumpel aus der Wohnung des N. | |
| Da hat er N. schon lange nicht mehr gesehen, er denkt: „Da muss einer | |
| rumschleichen.“ B. klingelt an der Wohnungstür, ein Mann öffnet. Es ist | |
| Josef S. | |
| In diesem Moment stehen sich die zwei Personen gegenüber, zu denen das | |
| Mordopfer zuletzt Kontakt hatte. Der eine, der ihn gesucht hat, und | |
| derjenige, der ihn mutmaßlich umgebracht hat. | |
| Ob er das nicht auch rieche, hier stinke es doch „wie im | |
| Alfred-Brehm-Haus“, sagt Dirk B. zu dem Mann, wie im Raubtierhaus des | |
| Ostberliner Tierparks. Nein, antwortet der Mann, er rieche das gar nicht, | |
| er arbeite im Altersheim, habe sich an den Geruch älterer Menschen gewöhnt. | |
| S. führt B. durch die Wohnung. „Sehr düster“ findet es B. dort. Josef S. | |
| verspricht, regelmäßig zu lüften. | |
| Wo denn der N. sei, will B. wissen. Der könne sich nicht um die Wohnung | |
| kümmern, das mache er nun. Ganz ruhig und freundlich habe der S. das | |
| gesagt, erzählt Dirk B. vor Gericht. | |
| Andere im Haus hatten gehört, der Nachbar sei nach Dresden oder nach | |
| Westdeutschland gezogen. Er lebe in einem Pflegeheim, habe es mit den | |
| Knien. Einer wunderte sich: Warum gibt er dann die Wohnung nicht auf, wo | |
| doch so viele in Berlin eine suchen? Nur ist er der Frage nie nachgegangen. | |
| ## Ein Hohlraum hinter der untersten Kellerstufe | |
| Josef S. hört sich das alles in großer Ruhe auf der Anklagebank an. Er | |
| sitzt da, stets im dunklen Sakko über dunklem Hemd, der Kinnbart wird von | |
| Sitzungstag zu Sitzungstag voller. Einmal wird im Saal eine Leinwand | |
| aufgebaut, gezeigt werden Fotos vom Tatort. Manchmal blickt S. auf, schaut | |
| die Bilder an. Da ist der schmale Flur, ein einsamer Kleiderbügel an der | |
| Garderobe, Schirm und Hut. Im Badezimmer das Klo mit den seitlichen | |
| Armstützen, die Flasche 4711 auf der Ablage, in der Küche alte | |
| Anzeigenblätter auf dem Tisch, in einer Ecke die Tiefkühltruhe, der | |
| Staubsauger daneben. | |
| Dann folgen Bilder der Wohnung des Angeklagten in der Langhansstraße, die | |
| im selben Haus liegt wie sein Trödelladen, nur wenige Gehminuten von der | |
| Wohnung des Mordopfers entfernt. Die Werkstatt mit einer Hantelbank, das | |
| ungemachte Bett, der Hohlraum hinter der untersten Kellerstufe, darin | |
| verborgen eine Netto-Tüte mit dem Reisepass von Heinz N. und seiner | |
| AOK-Karte, gültig bis 2017. | |
| In dieser Tüte finden die Ermittler auch den Personalausweis einer Irma K., | |
| ihre Visa- und Krankenkassen-Karte. Von Irma K. fehlt seit dem Jahr 2000 | |
| jede Spur. Hat Josef S. auch mit ihrem Verschwinden zu tun? Als die | |
| Ermittler die Bankkonten von Heinz N. durchforsten, stellen sie fest, dass | |
| Irma K.s Rente von circa 900 Euro seit Jahren per Dauerauftrag auf das | |
| Konto von Heinz N. fließt, von dem sich Josef S. das Geld geholt haben | |
| soll. | |
| Er ließ sich auch die Post für die beiden an seine Wohnanschrift | |
| nachsenden. Zwei Briefkästen hat er extra dafür neben seinem angebracht. | |
| ## DNA-Spuren an den Säcken | |
| Im Fall Irma K. wird noch ermittelt, die Leiche fehlt. Im Mordfall Heinz N. | |
| erfahren die Ermittler nach dem Öffnen der Tiefkühltruhe schnell mehr. Nach | |
| der Entdeckung verschließt die Mordkommission die Wohnungstür wieder und | |
| wartet. Am Abend des darauffolgenden Tages betritt Josef S. die Wohnung. | |
| Als er wieder herauskommt, wird er festgenommen. Spuren seiner DNA finden | |
| sich an den Säcken, in denen die Leichenteile verpackt waren. | |
| Im Gerichtssaal blickt S. meistens nach unten, notiert etwas, blättert in | |
| Akten. Er sieht jetzt besser aus als zum Zeitpunkt seiner Festnahme. Fotos | |
| von damals zeigen einen etwas zerrupft wirkenden Mann in Holzfällerhemd und | |
| Bomberjacke. | |
| Wenn es so war, wie es der Staatsanwalt darstellt, dann musste Josef S. | |
| zehn Jahre lang einiges tun, um vorzutäuschen, dass Heinz N. noch lebte. | |
| Also überwies S. die Miete, fälschte die Steuererklärung, leerte den | |
| Briefkasten, nahm die Papiere heraus, die der Nachbar Dirk B. | |
| hineingestopft hatte. Und immer wieder musste S. zurück an den Tatort, | |
| immer wieder sah er die Kühltruhe. | |
| Freundlich, höflich, so beschreiben die Zeugen, die das Gericht geladen | |
| hat, Josef S. Das Ehepaar Lippmann zum Beispiel, das zu jedem Prozesstag | |
| aus Weißensee kommt. Sie kannten S., weil er häufig in ihrem Kiosk | |
| einkehrte. Bouletten hat er da gegessen, hausgemacht von Frau Lippmann, | |
| Herr Lippmann schenkte Kaffee aus. Wie ein Kasper sei S. aufgetreten, gut | |
| gelaunt, hilfsbereit. Als die Lippmanns eine Küche einbauten, hat er ihnen | |
| geholfen. | |
| ## Dass sich einer so verstellen kann | |
| Für sie war er „der Josef“, sagt Herr Lippmann. Jetzt wollen er und seine | |
| Frau verstehen, wer der Angeklagte offenbar noch war. Zu Prozessbeginn | |
| sagen sie, sie seien fassungslos, dass sich einer so verstellen könne. 15 | |
| Prozesstage später sagen sie, wirklich schlauer seien sie jetzt noch nicht | |
| geworden. | |
| Geboren wurde Josef S. 1961 im polnischen Mikulczyce. Noch vor der Wende | |
| kam er in die DDR, lebte im Spreewald, arbeitete Anfang der neunziger Jahre | |
| in Duisburg bei einer Baufirma. Ein Arbeitskollege von damals erzählt, wie | |
| begeistert der Chef von S. gewesen war. Ungelernt, aber so umsichtig, dass | |
| er den Betrieb hätte übernehmen können, der Chef wollte ihn sogar mit | |
| seiner Tochter zusammenbringen. | |
| S. aber zog es zurück nach Berlin. Er wohnte erst in der Naugarder Straße, | |
| war dort Nachbar von Irma K. Dann lebte er vorübergehend mit seiner | |
| Lebensgefährtin gegenüber von Heinz N. in der Hosemannstraße, zog | |
| schließlich in die Langhansstraße. | |
| Niemanden hat es deshalb gewundert, wenn S. immer mal wieder in der | |
| Hosemannstraße gesehen wurde und in Haus Nummer 18 ging. Manche der Zeugen | |
| haben mit ihm in einer Spielhalle oder im Spätkauf an Automaten gespielt, | |
| er habe da auch mal mehrere Geräte gleichzeitig bedient, habe einiges an | |
| Geld verzockt, aber die psychiatrische Gutachterin, die sich das alles | |
| anhört, gewinnt nicht den Eindruck einer pathologischen Spielsucht. Das ist | |
| wichtig für das Urteil, der Angeklagte gilt als voll schuldfähig. | |
| Von einer anderen Leidenschaft ist außerdem die Rede, einer kontemplativen: | |
| Mit Freunden ist Josef S. im Sommer gerne an brandenburgische Seen | |
| gefahren, zum Angeln. | |
| Josef S., der Spieler, der Handwerker, der Angler. | |
| Josef S., der Mörder? | |
| Ein Mann verschwindet, ist einfach weg. Aber nach außen sieht alles aus wie | |
| immer. Man hat ihn ja sowieso nur selten gesehen. Er wollte Privatheit, | |
| suchte keinen Kontakt, seine Entscheidung. Die Hausärztin sagt, Heinz N. | |
| sei nach dem Tod seiner Frau keineswegs ein gebrochener Mann gewesen. | |
| ## Lebensbescheinigung erst ab 95 | |
| Die Krankenkasse wundert sich nicht über einen alten Mann, von dem sie nie | |
| etwas hört, die Hausverwaltung bekommt stets die Miete, die | |
| Rentenversicherung überweist die monatliche Rente. | |
| Noch vor ein paar Jahren mussten Rentner sogenannte Lebensbescheinigungen | |
| beibringen, aber der Aufwand sei zu hoch gewesen, sagt ein Sprecher der | |
| Rentenversicherung. Nun werde erst ab dem 95. Lebensjahr nachgefragt. | |
| Claudia S., die langjährige Lebensgefährtin von Josef S., lief in den | |
| Jahren nach dem Tod von Heinz N. oft an dessen Wohnung vorbei. Als sie | |
| einmal eine Frage wegen des Gartengrundstücks hatte, das sie von dem alten | |
| Ehepaar übernommen hatte, schrieb sie ihm, bekam aber keine Antwort. Der | |
| Vorsitzende Richter fragt, warum sie nicht mal bei ihm geklingelt habe. Sie | |
| sagt, sie habe zu viel mit ihrem eigenen Leben zu tun gehabt. | |
| Das ist nichts, was man ihr vorwerfen könnte. Es ist das, was Georg Simmel | |
| die Reserviertheit des Großstädters nennt, „infolge derer wir jahrelange | |
| Hausnachbarn oft nicht einmal von Ansehen kennen“. Mit anderen Worten: Es | |
| ist normal in der Großstadt. | |
| Während des gesamten Prozesses äußert sich Josef S nicht. Nur der | |
| psychiatrischen Gutachterin hat er zu Beginn seiner U-Haft etwas gesagt: | |
| „Zehn Jahre Hölle sind genug.“ | |
| Und vieles deutet darauf hin, dass er diese Hölle, die er sich selbst | |
| geschaffen hatte, verlassen wollte. Die Wohnung von Heinz N. war zum 1. | |
| Februar 2017 gekündigt worden, mit der gefälschten Unterschrift des Toten. | |
| Im Wohnzimmer fanden die Ermittler zwei große Reisetaschen. Die | |
| Leichenpakete hätten hineingepasst. Dann rief Dirk B. die Polizei. | |
| 18 Feb 2018 | |
| ## AUTOREN | |
| Felix Zimmermann | |
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