# taz.de -- Die Gewinner des Atomausstiegs: Sitzblockade bis 2016 | |
> Am Vormittag beschließt der Bundestag den Atomausstieg. Die Energiewende | |
> hat überraschende Gewinner - und Verlierer. | |
Bild: So sehen Gewinner aus: Bauplatz-Besetzer des seinerzeit geplanten Atomkra… | |
Es ist vollbracht. Der Atomausstieg ist am heutigen Donnerstag besiegelt, | |
falls die FDP bei der nächsten Bundestagswahl nicht die absolute Mehrheit | |
erzielt. Ansonsten wird keine Partei ihn mehr rückgängig machen. | |
Schlechte Erinnerungen an den rot-grünen Kompromiss von 2002? Anders als | |
damals sitzen heute bedeutende Teile der deutsche Wirtschaft beim | |
Atomausstieg mit im Boot. Jetzt wird investiert. Energiewende, das wird ein | |
Riesengeschäft. | |
Es war ein lupenreiner Marsch durch die Institutionen, den der | |
Ökokapitalismus da hingelegt hat. Ein paar haben den Knall noch nicht | |
gehört und werden es wahrscheinlich auch nicht mehr. Den Titel "Größter | |
Loser" der Energiewende kann man getrost Jürgen Großmann verleihen. Es geht | |
dabei weniger um den RWE-Konzern, in dem er Chef ist. Der hat ähnlich wie | |
EnBW oder Eon zwar gewaltig an Börsenwert verloren. Kluge Unternehmer | |
allerdings würden die Zeichen der Zeit erkennen. Neues Spiel, neues Glück. | |
Dass denen auch nicht langweilig geworden ist die ganzen Jahre über: | |
Strommarkt schön untereinander aufgeteilt, ein güldenes Geschäftsmodell war | |
das, Konkurrenz fast Fehlanzeige. Doch statt die Ärmel hochzukrempeln und | |
Geschäftssinn zu entwickeln, irrlichtert Großmann derzeit durch die | |
Republik und faselt Horrorgeschichten von der Ökodiktatur. Dabei ist | |
schlichtweg sein Geschäftsmodell am Arsch. Manche Bürger erdreisten sich | |
sogar, ihren Strom einfach selbst zu erzeugen. | |
Und was machen eigentlich die Anti-AKW-Veteranen wie Jochen Stay jetzt? | |
Klar, man kann bis 2016 für einen Atomausstieg im Jahr 2015 sitzblockieren, | |
aber dann ist ja auch schon 2022. Dann bleibt nur noch die Emigration. Oder | |
Freiburg, das liegt gleich neben Fessenheim in Frankreich. Den | |
Schrottreaktor dort hätte wahrscheinlich sogar Helmut Kohl zwangsabschalten | |
lassen. Als neues Feindbild bieten sich später kolonialistische | |
Wüstensolarkraftwerke an. In Marokko. Auch gewinnen kann anstrengend sein. | |
## Dann Buße: Kretschmann wählen | |
Oder gewinnbringend. Gottes schönste Gabe ist bekanntlich der Schwabe. Erst | |
erfindet er den Geist des Kapitalismus, ohne den das Höllenfeuer des | |
fossilen Zeitalters bekanntlich nie über uns hereingebrochen wäre. Dann | |
Buße: Kretschmann wählen. Künftig ist der Schwabe großer Gewinner der | |
Energiewende: Häusle bauen, Solarzeug aufs Dach, Investition von der Steuer | |
absetzen, Förderung bekommen und Mieten kräftig erhöhen. Klammheimlich baut | |
bereits die halbe Industrie im Südwesten irgendwelche Teile für Windräder. | |
Für die Grünen im Süden wird Regieren also zum Selbstläufer, abgesehen von | |
einem gewissen Bahnhofsneubau. Statistisch gesehen werden sie nun immerhin | |
53 Jahre Baden-Württemberg regieren, bis dahin ist Daimler weltgrößter | |
Solarkocherhersteller. Einziges grünes Problem: Demnächst werden sie für | |
jedes ungeliebte Windrad zur Rechenschaft gezogen, während die letzten | |
coolen Fundis durch adrette Jungkarrieristen ersetzt werden, die im | |
Aufsichtsrat von Solarkonzern XY sitzen und keine Joints mehr drehen | |
können. Die Grünen brauchen dringend ein neues Feindbild, sonst geben sie | |
selbst bald ein gutes ab. | |
Bleiben noch Eisbären und Norbert Röttgen. Eisbären verlieren wie immer. | |
Während Deutschland voll öko wird, scheitern international sämtliche | |
Klimaverhandlungen. Die EU könnte vorlegen und ihre Klimaziele erhöhen, | |
interessiert die Bundesregierung aber nicht. Außer Umweltminister Norbert | |
Röttgen. Der hat in seiner Partei schon immer allen gesagt, dass Atomkraft | |
schlecht und die Energiewende ein gutes Geschäft ist. Mein Gott, man stelle | |
sich vor - ausgerechnet Norbert Röttgen als Gewinner der Energiewende. | |
30 Jun 2011 | |
## AUTOREN | |
Ingo Arzt | |
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