| # taz.de -- Volksentscheide in Hamburg: Souverän geht anders | |
| > Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hadert mit dem Neutralitätsgebot | |
| > bei Volksentscheiden. Das ist ein Angriff auf die direkte Demokratie. | |
| Bild: Will das Neutralitätsgebot für den Senat bei Volksabstimmungen abschaff… | |
| Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) inszeniert sich meist als | |
| hanseatisch nüchterner Mann. Emotionale Ausbrüche gehören eigentlich nicht | |
| zu seinem Repertoire. Aber die Niederlage beim „Zukunftsentscheid“ – jenem | |
| erfolgreichen Volksentscheid zur Verschärfung der Hamburger Klimaziele – | |
| scheint tiefer zu sitzen, als es sein übliches Pokerface vermuten lässt. | |
| „Bis zum Volksentscheid durfte ich als Bürgermeister nicht klipp und klar | |
| sagen: ‚Ich bin gegen diesen Volksentscheid‘“, beklagte sich Tschentscher | |
| am Donnerstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Aber die | |
| Bürger:innen erwarteten, dass er und sein Senat in grundlegenden Fragen | |
| eindeutig Stellung beziehen. „Deshalb ist das Neutralitätsgebot des Senats | |
| ein problematischer Punkt, der geändert werden muss“, so Tschentscher. | |
| Dass der Erste Bürgermeister das gesetzlich verankerte Neutralitätsgebot | |
| bei Volksentscheiden attackiert, ist bemerkenswert. Es ist ein Versuch, die | |
| Spielregeln [1][nachträglich zu ändern, weil das Ergebnis nicht zum | |
| Regierungsstil passt.] | |
| Dabei klingt Tschentschers Argument erst mal plausibel, fast schon | |
| bürgernah: Die Menschen wollten schließlich wissen, was ihr Bürgermeister | |
| denkt. Ein „Maulkorb“ für die Regierung sei undemokratisch. | |
| ## Politische Sachlichkeit ist dehnbar | |
| Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Forderung als Angriff auf | |
| das Wesen der direkten Demokratie. | |
| Denn das Neutralitätsgebot, das sich aus der Rechtsprechung des | |
| Verfassungsgerichts zum Schulreform-Entscheid 2010 ableitet, ist keine | |
| Schikane. Es ist ein Schutzmechanismus, der verhindern soll, dass der Senat | |
| mit der Maschinerie der staatlichen Öffentlichkeitsarbeit, finanziert aus | |
| Steuergeldern, eine zivilgesellschaftliche Initiative plattwalzt. | |
| Das Gericht stellte damals klar, dass der Senat im Vorfeld von | |
| Volksentscheiden keine einseitige Kampagne mit öffentlichen Mitteln führen | |
| darf. Die damalige schwarz-grüne Regierung hatte massiv mit Steuergeldern | |
| für die Einführung der Primarschule geworben. Das Gericht sah darin eine | |
| Verletzung der Chancengleichheit zwischen Regierung und Bürgerinitiative. | |
| Dass der Bürgermeister nun das „Sachlichkeitsgebot“ behalten, die | |
| „Neutralität“ aber opfern will, ist ein rhetorischer Trick: Politische | |
| Sachlichkeit ist dehnbar; die staatliche Neutralität hingegen stellt | |
| sicher, dass der Volksentscheid ein Instrument der Bürger:innen bleibt | |
| und nicht zum Bestätigungsorgan der Regierung mutiert. | |
| Besonders dünnhäutig reagiert Tschentscher auf die Finanzierung der | |
| Klima-Initiative: Es sei bemerkenswert gewesen, „mit welchem Aufwand die | |
| Initiative PR betrieben hat“. Man wisse aber nicht genau, wie das bezahlt | |
| wurde. „Die Kampagne der Initiative hat das Stadtbild geradezu dominiert. | |
| Es war wie Wahlkampf einer einzelnen Partei ohne Konkurrenz.“ | |
| Aber dass Tschentscher die Herkunft der Mittel – etwa von Campact oder | |
| internationalen Stiftungen – thematisiert, wirkt wie ein Ablenkungsmanöver. | |
| Natürlich ist Transparenz bei der Finanzierung politischer Kampagnen | |
| essenziell. Aber die Empörung des Bürgermeisters wirkt unglaubwürdig. | |
| Wenn die SPD im Wahlkampf Millionen investiert, fragt sie auch nicht nach | |
| der Herkunft jeder Spende, solange sie legal ist. Einer Bürgerinitiative | |
| vorzuwerfen, [2][sie habe die Kampagne „professionell wie eine Partei“ | |
| aufgezogen, ist eigentlich ein Kompliment für die Hamburger | |
| Zivilgesellschaft.] Und dass der Senat sich von ein paar zehntausend Euro | |
| aus den Niederlanden und einer Berliner Stiftung an die Wand gedrückt | |
| fühlt, zeugt eher von der eigenen kommunikativen Schwäche als von einer | |
| illegitimen Übermacht der „Gegenseite“. | |
| Hinter Tschentschers Vorstoß steckt die tiefere Sorge vor dem | |
| Kontrollverlust in einer Stadt, die politisch grüner und ungeduldiger | |
| denkt, als es der rot-grüne Senat unter SPD-Führung wahrhaben will. Der | |
| Zukunftsentscheid hat gezeigt, dass die Hamburger:innen der Regierung | |
| beim Klimaschutz Beine machen wollen, auch gegen den – offiziell neutral | |
| verpackten – Widerstand des Bürgermeisters. | |
| Statt an den juristischen Stellschrauben der Direktdemokratie zu drehen, um | |
| künftig mit voller Staatsmacht dagegenhalten zu können, sollte der Senat | |
| [3][die Botschaft des Votums akzeptieren.] | |
| Souveränität heißt nicht, die Regeln zu ändern, wenn man verloren hat. | |
| Souverän ist es, anzuerkennen, dass beim Volksentscheid das Volk das letzte | |
| Wort hat – und nicht der Erste Bürgermeister. | |
| 11 Jan 2026 | |
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| ## AUTOREN | |
| Robert Matthies | |
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